CharlesDreyfus 22.09.2011, 14:23 Uhr 3 6

"ich hatte mich nicht mehr."

„Deine Geschichte“ steht es gelb zwischen Hauptbahnhof und Dammtor, passender ironischer Gruß, denke ich.

„Ach, das war mitten in meinem Studium in Bremen, das muß so 1990 gewesen sein. Da lag ich im Krankenhaus und ganz am Ende kam ein Arzt rein und sagte, ‚Sie wissen ja, Frau Hoffelner, Sie haben Multiple Sklerose, da wissen Sie ja was das ist, das ist zwar noch nicht so ganz sicher, aber sehr wahrscheinlich’. Und wissen Sie, da half der Spruch nicht mehr, der immer geholfen hat, der war ‚Vera, wenn alles weg ist, hast du immer noch dich’, der half nicht mehr. Ich konnte da auch meine Hände nicht benutzen, bei diesem ersten Schub, die funktionierten nicht, furchtbar war das. Da konnte ich doch nicht sagen, ich hatte mich. Ich hatte mich nicht mehr.“

„Und dann?“

„Und da habe ich mir gesagt, euch werde ich zeigen, daß ich’s nicht habe! [Pause] Und das hat auch geklappt. Das hat sehr gut geklappt! [Pause] Am Anfang wenigstens.“

 

Bad Zwesten, 2009. „Sie hat halt nicht einbezahlt, sie kriegt die Monate nicht voll.“ „Aber sie war doch bei dieser komischen Werbeagentur, die werden sie jawohl sozialversichert haben, so heftig wird’s da auch nicht zugehen!“ „Ja, aber das nützt ihr nichts. Sie muß drei Jahre in den letzten fünf Jahren Rentenversicherungsbeiträge gezahlt haben um Anspruch auf eine Erwerbsminderungsrente haben zu können, sie ist vor zweieinhalb Jahren da ausgeschieden und hat als selbstständige Designerin oder was sie da macht nie etwas einbezahlt.“ „Ja, da sind die Selbstständigen doch selbst schuld, sie unterlaufen den Sozialstaat!“ Meinte mein Kollege. Und ich wieder zu unserer Sozialarbeiterin: „Was heißt das denn nun?“ „Wenn sie noch irgendeine Chance haben soll, jemals eine Erwerbsminderungsrente kriegen zu können, müsst ihr sie arbeitsfähig entlassen und sie muß es irgendwie schaffen, diese drei Jahre Beiträge an die Rentenversicherung zu zahlen.“ Schon länger hatte die Oberärztin einen Punkt auf ihrer Kaffeetasse fixiert und geschwiegen. Ihre Gesichtszüge wirkten noch starrer als sonst. „Die kann nicht mehr!“ rief die Psychotherapeutin, „was soll die denn bitte machen?“ „Und wenn wir sie unter drei Stunden leistungsunfähig entließen, was hieße das?“ fragte ich. „Grundsicherung und natürlich kein Zuverdienst und kein Anspruch auf Erwerbsminderungsrente.“ „Wer hat sich das bloß ausgedacht!?“ „Es war nicht immer so. Aber wir hatten da ja so ein paar Regierungen.“ Unsere Sozialarbeiterin grinst sarkastisch. Schweigende Teamsitzung. „Was sagt die Ergotherapeutin?“ fragte die Oberärztin beinahe unhörbar. „Keine Ahnung…“ „Ist PC abgeklärt?“ „Ich glaube nicht, dachte die ist eh AU…“ „Dann machen wir das noch und wenn das ok ist, drei bis unter sechs Stunden für leichte Tätigkeiten.“

 

Der 15.06.2011 ist ein Mittwoch, ein schwülwarmer Tag, der sich nicht zum Gewitter durchringen mag. Die einzige Reise meines dreiwöchigen Urlaubs wird nur einen Tag dauern. Das lange eintönige Land zwischen Hannover und Hamburg umnebelt mich, wieso bin ich überhaupt unterwegs, was soll der Tag bringen. Warum hatte ich dieser Frau vor zwei Wochen eine Mail geschrieben? Ich weiß selber nicht recht. Büsche sausen vorbei, vereinzelte Gehöfte. Wie eh zeigt das Display des ICE stolz die Geschwindigkeit an, 160, 195… Wußte nicht mal, was ich mitnehmen sollte, so wurde es ein Diktiergerät und ein Klemmbrett mit Papier. Ohne den gewohnten Rahmen eines Krankhauses treibt dieser Zug meine Selbstzweifel vor sich her und je näher wir Hamburg kommen, je komischer wird mir. „Deine Geschichte“ steht es gelb zwischen Hauptbahnhof und Dammtor, passender ironischer Gruß, denke ich. Meine Geschichte und ich fantasiere kurv vor mich hin, Frau Hoffelner würde am Ende über mich eine Geschichte schreiben, „Der Arzt, der etwas über mich aufschreiben wollte.“ Der Dammtorbahnhof ist relativ leer, der Bussteig voller, der Bus schließlich grenzenlos voll, so geht es die Grindelallee lang, rasch verliere ich die Orientierung, obwohl ich so oft in Hamburg war. Als ich schließlich zehn Minuten später aussteige, erkenne ich die Ecke doch irgendwie wieder, oder glaube es. Glaube mich an einen irgendwie menschenleeren Sonntagnachmittag zu erinnern, hier lang geschlendert zu sein.

„Eine Weile habe ich mich von einer Agentur buchen lassen für einzelne Projekte. Aber wissen Sie, mittlerweile lasse ich das, weil ich  mich da nur noch lächerlich mache. Die Jungen prahlen ja damit: ‚Gestern hab ich schon wieder ne Nachtschicht eingelegt.’ Früher war ich immer die komische Tante, aber das war erlaubt in meiner Branche, auch die seltsamen Klamotten. Aber jetzt, man sieht’s einfach, man sieht’s doch, ich mit meinem Stock, ach, es ist einfach lächerlich, nicht mehr cool. Einmal kam ich abends nach hause und der Aufzug ging nicht. Dachte ich, ach egal, nimmste die Treppe und dann bin ich hoch und [Pause] also fünfter Stock, irgendwann, wissen Sie, ich konnte einfach nicht mehr. Und dann hatte ich, ich hatte [Pause, verdeckt das Gesicht] so ne Motorradjacke, so ne verdammt schwere Motorradjacke an, und dann [weint] kam ich einfach nicht mehr weiter, ich saß in meiner Jacke da und kam nicht in meine Wohnung.“

Über dem ReWe hatte sie mir am Telefon gesagt. So betrete ich einen schlichten Bau aus den Neunzigern. Der Aufzug ist auch heute kaputt. Das Treppenhaus wirkt kalt, immer dunkeler, je höher ich komme, schließlich bin ich von der Helligkeit der Dachwohnung dann fast erschrocken. Wie gut erinnere ich mich an diese zierliche, zerbrechliche Frau, dieses seltsam junge, mädchenhafte; diese wohlkontrollierte Mimik, der souveräne Umgang, all das in einem Körper, dessen Wackeligkeit wie ein zweites Wesen neben dieser Persönlichkeit zu stehen scheint. Wie ein ungebetener Gast. Doch der Gast war ja ich. Daß diese Wohnung so genau meiner Fantasie von der Wohnung dieser Frau entspricht, verblüfft mich. Wenige funktionale Möbel, Helligkeit und Weiß überall, puristisch würde man wohl in einem Werbeflyer schreiben. Ein überdimensioniertes Autoplakat auf das Regal gelehnt „für einen Kunden, ich habe eigentlich nichts an der Wand“ Der eine Raum scheint alles zu sein, Büro, Bett, Küche. Zangsläufig fällt mein Blick auf das einzig farbige - auf ein seltsames violettes Möbelstück am Fußende des Bettes, eine Art Sessel ohne Lehne. Wir sitzen uns gegenüber an einem abgewetzten, alten Tisch mitten im Raum und ich schaue aus dem Fenster, man kann weit über die Hausdächer schauen, weiche ihrem Blick aus, in dem auch die Frage steht, ‚was wollen Sie eigentlich von mir.’ Und trotzdem reden wir unentwegt, nicht etwa, weil ich eloquent bin, sondern weil ich eine gekonnte und einfühlsame Gesprächspartnerin habe. So reden wir über Wohnungen und Einrichtungen und ich von meinem überbordenden Hausstand, der in letzter Zeit etwas ungeplant erheblich angewachsen ist. Wie sehr ich auf mich zurückgeworfen bin, kein Aufnahmezettel, keine Zeitvorgabe, wie lächerlich komme ich mir jenseits der Klinik vor. Und wie klar ist die Rolle Patient umrissen und wie wenig hat diese Person mirgegenüber damit zu tun, an der ich vorbei schaue, um die Buchtitel im Regal hinter hier zu entziffern, suche, Auster, Houellebecq, ‚wie ich’ denke ich.

„Ihre Homepage“, stammele ich, „hat mir gut gefallen. Fand ich total witzig, mit diesem Schmuck im Staubsaugerbeutel, daß man das so versehentlich mal aufsaugt und dann stundenlang für das Ding im Beutel kramen muß.“ „Ja, und vor allem wie die hier ankamen, mit Sicherheitsdienst und so, die kosteten teilweise 5000 Euro, die Dinger, da dachte ich, sowas legen wir mal gleich in den Schmutz. War leider nur für’ ne Zeitung, da gibt’s kein Geld, aber es ist natürlich Werbung für einen selbst. Eigentlich müsste ich die Seite mal aktualisieren.“ „Man ist ja schon erstaunt, wenn man die Auszeichnungen auf Ihrer Homepage sieht…“ „Ach, naja, das muß man so machen…“ „Bemerken die Kunden das?“ „Ich denke. Ich habe sogar mal `nen  Löwen von Cannes gekriegt, das war auch so’ ne Aktion.“ „Wieso?“ „Ach, das war wieder für diese Bild-dir-deine-Meinung-Serie, aber im Grunde war es ne Fakewerbung.“ „Wieso Fake?“ „Naja, keine richtige Werbung, sondern halt eine extra für den Wettbewerb, die halt nur dafür einmal irgendwo in irgendeiner Zeitung erscheint, weil man sonst nicht teilnehmen darf. Mein Kollege damals war ganz scharf auf die Aktion, der hat den CD überredet, daß wir das überhaupt machen durften, und hat noch selber die Teilnahmegebühr aus eigener Tasche bezahlt.“ „Und was war Inhalt dieser Fakewerbung?“ „Naja, Slogan war ‚die schnellste Zeitung der Welt’ und die Szene war ein von Terroristen entführter Typ – Beamter oder Politiker oder was – der eine Bild-Zeitung in der Hand hält auf deren Titelfoto wiederum er mit der Bild zu sehen ist auf der wieder diese Szene als Titelfoto prangt und so fort – die schnellste Zeitung der Welt eben [lacht]. Das war auch so lustig, wie wir das gemacht haben, da in der Agentur im Treppenhaus vor der Betonwand, wie die Amateure! Nur die Kalaschnikow, die musste ja echt aussehen, das war ein Theater, da musste einer dabeibleiben, daß wir da keinen Blödsinn mit machen und das Treppenhaus wurde abgesperrt…und am Ende haben wir den silbernen Löwen dafür gekriegt und der Creativdirector, der die ganze Sache nicht machen wollte, durfte nach Cannes fahren und das Ding abholen – ja so läuft das!“

Achim (Geschäftsführer Kreativ, Stuttgart) „Meine Aufgabe ist, Tore möglich zu machen, indem ich einfach die besten Spieler auf den Platz stelle. […] Die Tore bei uns in der Branche sind die Awards.“

Thomas (Creativdirector Art, Wien) „Awards sind die Währung eines Kreativen, Awards sind dann natürlich auch die Währung von Jung von Matt […] Wir haben alle die gleiche Denke.“

„Also daß die bei dem Gespräch  nicht noch gesagt haben, ‚wir wollen das Beste für dich’, war wirklich alles. Danach war ich ganz verwirrt. Aber es gab Anzeichen, so im nachhinein konnte ich das so sehen. So ein halbes Jahr vorher gab es schon ein Gespräch, mit dem Tenor ‚ja, schaffst du das denn noch hier, mit diesen Anforderungen, du mit deiner MS’, aber ich hab das nicht so kritisch gesehen, ich war mir sicher, es natürlich zu schaffen. Und dann sagten sie bei der Kündigung noch, ‚so richtig gilt die nicht, du kannst dich ja noch bewähren im nächsten viertel Jahr’ und ich dachte nur, so ein quatsch, ich hatte so viel Urlaub angesammelt und so viel gearbeitet in den Monaten zuvor, daß ich eh nur noch zwei Wochen zu arbeiten gehabt hätte. Aber da griff auch so ein komischer Mechanismus bei mir, da dachte ich, ‚ihr werdet sehen, ich kann auch ohne euch’ und außerdem musste ich mich ja schon mal bewähren, am Anfang, da war ich ja mal wegen einem Schub lange krank, da hatten sie gesagt ‚wir sind fair zu dir, wir kündigen dich nicht zu sofort, obwohl du Probezeit hast, sondern erst zum Ende der Probezeit, da kannst du dir was neues suchen.’ Und ich habe mich dann so ins Zeug gelegt, daß sie mich am Ende doch behalten haben. Irgendwie hab ich mich innerlich auch gefreut, daß die nicht gerallt hatten, daß ich nur noch zwei Wochen bleibe, das gab reichlich durcheinander, wer meine Kunden betreut, die ich teilweise seit Jahren hatte. Also, ich muß sagen, ich könnte nicht wo arbeiten, wo ich weiß, die wollen mich hier nicht.“ „Aber Sie hätten doch die Kündigung ablehnen können, oder?“ „Jaja, ich hatte schon einen GdB von fünfzig samt Schwerbehindertenausweis und deswegen war ich ohne weiteres nicht betriebsbedingt kündbar, zumal meine Betriebszugehörigkeit länger war als die anderer, die nicht gehen mussten, es war vollkommen klar, daß ich wegen der MS gehen musste, also mir war’s jedenfalls klar. Und dasselbe, also, daß ich die Kündigung hätte ablehnen können, haben die von der Agentur für Arbeit dann ja auch gesagt und wollten erst nichts zahlen. Aber das kam für mich nicht in Frage. Wissen Sie, die Branche war damals in einer Krise, plötzlich sprangen viele wichtige Kunden ab und zu der Agentur, wo ich war, will doch jeder, das ist für die Kreativen die Agentur überhaupt. Der Druck war ernorm, es gab Zeiten, da wurde über Monate eine Siebentagewoche gefahren. Und, naja, plötzlich musste entlassen werden, einmal zu einem Datum vielleicht dreißig Leute von vielleicht 100 Kreativen. Und das ging dann teilweise so, die passt mit ihrem Äußeren nicht zu uns, die muß gehen oder die kommt immer zu den Parties nicht – auch so was, diese riesen Feiern für zigtausend, da bin ich auch nie hingegangen – das geht nicht. Es ist einfach so – es passt nicht, sie dürfen nicht krank sein, irgendeinen äußeren Makel haben in der Werbung. Ich stolpere ab und zu und das ist schon zuviel.“ „Aber gerade Ihr früherer Arbeitgeber legt doch Wert auf ihr Engagement für Umwelt oder Soziales oder solche Dinge, oder nicht?“ „Doch, klar. Und ich sage Ihnen, wie das läuft! Wir wurden ja dazu angehalten, nebenher Kreativideen zu entwickeln, Projektunabhängig, unendgeldlich natürlich, ‚gerne im sozialen Bereich’ hieß es. Und wenn da jemand ne coole Idee abgeliefert hat, meinetwegen im Umweltbereich, dann wurde halt mal bei Greenpeace angerufen, ‚wir hätten da ne Idee, würden das gerne für euch machen, und das ist für euch kostenlos.’“ „Das heißt, im Grunde hat die Agentur den Namen einer gemeinützigen, sozialen Organisation für sich genutzt, um sich selbst in Szene zu setzen?“ „So kann man das sehen!“ „Und nehmen wir einmal an, eine Patientenselbsthilfegruppe, beispielsweise die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, bäte diese Agentur, einen Spot über die Integration MS-Kranker zu machen, täten die das?“ „Aber ja, sofort, wahrscheinlich sogar kostenlos… ich denke, es hat gar keinen Zweck, sich mit denen anzulegen, die sind klug genug, um da wieder Vorteile für sich rauszuziehen und sei es nur, weil sie im Gespräch sind. Da geht man mal in eine Talkschau und so weiter.“ „Also im Grunde wie bei dieser Bild-dir-deine-Meinung Geschichte mit den Helden?“ „Ja, da hat man’s doch gesehen!“ „Wie geht es Ihnen, wenn wir über diese Dinge sprechen, mich macht es wütend, Sie sind so gelassen…“ , frage ich. „Naja, ich hatte damals bei der Kündigung keinen Zweifel, auch ohne die Agentur zu Recht zu kommen. Es war ja auch schön, Projekte selbst komplett durchzuführen und selbst entscheiden zu können, was mache ich und was nicht. Meine Selbstständigkeit funktionierte zunächst sehr gut und machte mir viel Spaß, nein, es macht mir bis heute Spaß. Außerdem hatte ich plötzlich viel mehr Zeit. Und andererseits denke ich, wenn man jemanden so viel Platz in einem gibt und man sich immer weiter ärgert, dann wird er immer wichtiger für einen und das will ich gerade nicht. Als ich eine Ausstellung gemacht habe, die schließlich sehr erfolgreich war, dachte ich nur, hoffentlich kommt keiner von der Agentur, die sollten einfach nicht mehr vorkommen in meinem Leben.“ „Ich habe den Eindruck, daß Sie Ihre Arbeit exorbitant gut gemacht haben und…“ „[unterbricht] aber da sind doch alle exorbitant gut!“ „Aber eine kreative Leistung ist doch auch eine persönliche, eigene Leistung, die eigentlich doch kein anderer, auch ebenso guter, vollbringen kann…“ „Ja, stimmt.“ „Also haben Sie doch der Agentur etwas ganz eigenes und wertvolles gegeben – und werden dann gekündigt… Denken Sie, es wäre für die existenzbedrohend, man hätte Ihnen - symbolisch gesprochen - rechts und links unter die Schulter gegriffen und gesagt ‚was auch passiert, wir ziehen dich mit durch, du hast uns schließlich auch immer Topleistungen abgeliefert’“ „[lacht] Nö, die hätten nur eine ihrer bescheuerten Parties weniger feiern müssen – aber welcher Arbeitgeber macht das schon?“

Fabian (Creativdirector Text) „Gerade dieser ganze Nachwuchs ist unser Lebenselixier auch, deswegen behandeln wir die auch entsprechend, weil wir auch wissen, was wir an denen haben, also die werden jetzt nicht ausgebeutet und verbrannt und dann schmeißen wir die nach’m Jahr weg oder sowas – ähm – sondern – ähm – also die sind der Puls von dem ganzen Laden hier. […] Wenn du hier als Junior anfängst, dann weißt du, innerhalb von zwei Jahren wirst du eine Reihe von Preisen gewonnen haben und dann steigt natürlich dein Marktwert.“

Ariane (Assistentin, Zürich) „Man könnte eigentlich mehr oder weniger das ganze Leben hier verbringen.“

Dian (Artdirector, Wien) „Auch so’ne Art Sucht, die man befriedigen muß, um immer bessere, immer ungesehenere Sachen zu machen.“

„Eigentlich fällt mir erst in letzter Zeit auf, wie wenig ich immer über das nachgedacht habe, was ich bei der Arbeit tue. Heute bemerke ich bei mir selber manchmal, wie schnell ich analysiere, was will der Kunde und schon gar nicht mehr in Erwägung ziehe, mit ihm darüber zu diskutieren, wie ich es für richtig hielte… - - Also wenn ich Kinder hätte, ich wollte nicht, daß die in die Werbung gehen. Aber ich wollte ja auch nicht hin, aber eigentlich gibt es im Kreativbereich keine Alternative.“ „So, wie sie es mir beschreiben, habe ich das Gefühl, die Kreativen stehen zumeist gar nicht hinter dem Werben, es ist, wie eine Art Prostitution, ich kann gut verstehen, daß sie dann ihren ‚eigenen’ kreativen Anteil wenigstens besonders gut machen wollen, um ihr Tun auch vor sich rechtferitgen zu können und sich wenigstens damit zu identifizieren…“ „Prostitution scheint mir ein gutes Wort…“ „Retrospektiv, waren die fünf Jahre bei der Agentur oder die fünf Jahre danach die besseren?“ „Na, die Jahre danach natürlich, völlig klar! Ich war viel freier…“ „Und die nächsten fünf Jahre, was wünschen Sie sich?“ „Also – hm – ich habe ja auch meinen Neurologen gewechselt, also mit dem alten, mit dem konnte ich überhaupt nicht reden, aber mit dem neuen… ich habe ihm gesagt, ich will, daß er mir irgendetwas gibt, damit ich die nächsten fünf Jahre noch gut leben kann, danach ist mir egal, irgendwas. So sind wir dann auf dieses Mitoxantron gekommen. Jaja, ich weiß, es ist umstritten. Aber immerhin habe ich so erfahren, daß ich ein gutes Herz habe [lacht]. [Pause, überlegt] Ich glaube, ich will noch einmal eine richtig gute, freie Arbeit machen. Und einen Rahmen, in dem ich keine Angst haben muß, daß es nicht reicht… Aber wenn man mit Leuten redet, vor allem diesen Psycho-Leuten, sagen die alle, ich soll HartzIV beantragen, aber ich will das nicht. Ich verliere etwas dabei, ich bin dann die, die es nicht geschafft hat…“

Die ganzen letzten zwei Stunden dieses verlängerten Nachmittags habe ich die Frage nach der weiteren, ferneren Zukunft im Kopf, wäge verschiedene Formulierungen ab, denke an einen Satz aus einem Neurologielehrbuch ‚der weitere Verlauf der MS ist zu keinem Zeitpunkt der Erkrankung vorhersehbar’. Ich stelle die Frage nicht. Höre nur zu. „Einen bestimmten Zustand werde ich nicht zulassen. Das weiß ich ganz sicher.“ Und das auf den Tisch fixierte, starre Gesicht lässt keine Rückfrage oder Einschränkung dieses Gedankens zu. „Jetzt gibt es eine Mieterhöhung. Ich arbeite ja überhaupt nur noch für die Miete und die Krankenkasse. Also wenn ich aus der Wohnung raus muß, dann gehe ich weg aus Hamburg. Wo soll ich denn hingehen.“ Lange Pause. „Wenn ich die Nummer meines Vaters schon sehe am Telefon… Er fragt dann, wie geht es Dir, und ich sage ‚gut’ dann höre ich schon…also diese Rückfrage, ‚wirklich’ so wie ‚kann es dir überhaupt gutgehen’, also [Pause] also dann ist der Tag schon gelaufen. Ich weiß, er würde mich unterstützen, jederzeit, wenn ich ihn bitten würde. Aber niemals werde ich ihn bitten. Bei uns früher zuhause war meine Mutter immer sehr knapp, sie hatte kein eigenes Konto, war angewiesen auf die Zuteilungen meines Vaters, also wenn da mal Kleidung gekauft wurde, das war schon was ganz besonderes. Ich wollte nur weg von dort und bin noch mit 17 zuhause ausgezogen. Der hat mich nicht mal zurückzuholen versucht, der hat gedacht, ich komme sowieso nach zwei Wochen angekrochen, hab ja kein Geld. Da hat er sich geirrt. Ich bin nie wieder zurückgekehrt und habe ihn nie um etwas gebeten und immer mein eigenes Geld verdient, um mir meine Sachen zu kaufen – oder zu nähen. Und jetzt überlege ich, ob ich das mache, mit diesem Globalbudget vom Versorgungsamt, aber ich muß mich jedes Mal schon überwinden da anzurufen, als Bittsteller abgefertigt zu werden und soll ich mich dann freuen und denen um den Hals fallen, wenn ich n Behindertenausweis kriege, rufen ‚danke, ich bin behindert, super!’. Eigentlich möchte ich es alleine schaffen, aber [Pause – nachdenken] es ist eben so, ich schaffe es nicht mehr, ein paar Stunden ja, nach Tagesform, manchmal drei, manchmal sechs, manchmal gar nicht.“

Schnell, viel zu schnell ist die Zeit vergangen und gerne bliebe ich noch. Einem Hilfesuchenden das Gefühl zu vermitteln, gerne zu bleiben, gehört irgendwie ganz und gar nicht zum Repertoir eines Krankenhausarztes. Kurz denke ich wieder über die Abwegigkeit des Miteinanders im Krankenhaus im Vergleich zum Alltag nach. „Meinem Neurologen würde ich das niemals erzählen.“ Woher nimmt jemand Gewissheit, dessen Körper ihn verunsichert, was festigt Souveränität wenn man dauernd an Grenzen stößt? Wahrscheinlich sind das die Fragen, weswegen ich gekommen bin. Die im Medizinbetrieb verbreitete Vorstellung, daß die Leugnung der Defizite einen Mangel an Krankheitsverarbeitung anzeigt, erscheint demjenigen immer unglaublicher, der eine irgendwie wirkliche Beziehung zu den Menschen sucht, die für defizitär gehalten werden. Vielmehr ahne ich, daß genau diese „Leugnung“ der Weg ist, man selbst zu bleiben, ja, daß man als Gesprächspartner diese Leugnung sogar mitvollziehen muß, denn eigentlich ist „defizitär“ hier beinahe synonym mit „beziehungslos“. Existiert ein Defizit am Ende nur in den Augen derjenigen, die mit dieser Wahrnehmung ihr eigenes privilegiertes Dasein rechtfertigen wollen? Und wird das Wort „kreativ“ nicht eigentlich synonym mit „makellos“ verwand in einer Zeit, in der Werbung nicht von Werbe- sondern von Kreativagenturen gemacht wird…

Eigentlich habe ich nichts verstanden, denke ich beim Einsteigen in den abermals übervollen Bus. Wäre mein Gang schwankend und unsicher, machte man Platz für mich, oder hielte man mich „nur“ für betrunken und schaute angewidert zur Seite? Hielte der Mann, der mir im Bus entgegen kommt - seinen eingekofferten Kontrabass vor sich her schiebend und niemanden vor sich sehend – inne? Glaubt er, alle Menschen seien so behände wie er, oder zumindest die Mehrheit? Die Phrase von der Diktatur der Mehrheit geistert später im Zug durch meinen Kopf, aber meine Einfälle dazu erscheinen irgendwie abgenutzt und alt.

Wird die Welt desjenigen also klein, der einen Alltag leben möchte, in dem er subjektiv seine sogenannten Defizite nicht mehr spüren muß? Oder wird sie nur anders…

„Wir wollen ja unter uns bleiben. Aber ihr laßt uns  nicht. Euch ist nicht zu entkommen. Ihr mischt euch ungefragt und ungebeten unter uns. Fahr mal als Behinderter mit der U-Bahn oder dem Bus oder geh mal ins Kino. Überall drängelt ihr euch, ihr Unbehinderten, in den öffentlichen Raum. Selbst bei Karstadt an der Kasse kann’s einem passieren, daß man, obwohl man unter sich bleiben will, auf einmal eine Unbehinderte als Kassiererin vor sich stehen hat. Ganz zu schweigen vom Amt. Wo man sich in Ruhe von Angesicht zu Angesicht beraten und beraten lassen will. Nein, sogar beim Anruf im Versorgungsamt, also behindertenausgeschriebene Zone, meldet sich so manch eine unbehinderte Stimme - und die ist nicht vom Band – die einem das unter sich sein versaut.“

Eine Alternative zu leben, die die bizarrer werdenden Umstände verwehren, das ist die zunehmend notwendige Aufgabe.

Anmerkungen:

Der Name ist geändert.

AU meint „arbeitsunfähig“, mit „drei bis unter sechs Stunden“ ist eine rehamedizinsiche Stellungnahme dahingehend gemeint, daß der/die betreffende Teilerwerbsgemindert ist. In der Realität der Rehabilitation ist dies die Zwischenlösung bei Patienten, die bislang keine hinreichenden Rentenversicherungsbeiträge gezahlt haben (gefordert sind drei Jahre der letzten fünf Jahre). Hier können Defizite realistisch attestiert werden ohne, daß die Erwerbsfähigkeit als aufgehoben bescheinigt wird. Eine aufgehobenen Erwerbsfähigkeit  (genannt „unter drei Stunden“) zieht nämlich nach sich, daß der/die betreffende nach dieser Feststellung keine Möglichkeit mehr hat, einen Anspruch auf eine Erwerbsminderungs/-unfähigkeitsrente durch Zahlung von Rentenversicherungsbeiträgen zu erwerben, während ein teilerwerbsgeminderter Patient dies sehr wohl noch kann. Das ist so kompliziert und zäh, wie es klingt und leider folgenschwer. In den Bereichen der Selbstständigkeit ist es heute eher die Regel, daß keine Rentenvesicherungsbeiträge gezahlt werden (können) und somit kein Anspruch auf Erwerbsminderungs/-unfähigkeitsrente besteht. Die vielgepriesene und millionenschwer beworbene private Berufsunfähigkeitsversicherung bekommt natürlich jemand nicht, der schon vor seinem Eintritt ins Berufleben erkrankt und das ist bei der Multiplen Sklerose eigentlich der Normalfall.

Ein GdB, also ein „Grad der Behinderung“ von „50“ bescheinigt eine deutliche Beeinträchtigung des Betreffenden im alltäglichen Leben, man spricht auch von „schwerbehindert“. Daraus folgt versorgungsrechtlich eine Ausstattung des Betreffenden mit Hilfen, die ihn Nichtbehinderten im Alltag gleichstellen sollten. So die Theorie, die mit dem Wort „Inklusion“ überschrieben wird. Beispielsweise darf so jemand nicht einfach betriebsbedingt gekündigt werden, es muß erst das Einverständnis des Integrationsfachdienstes (einer Abteilung der Agentur für Arbeit) und des evt. vorhandenen Behindertenbeauftragten des Betriebsrates eingeholt werden.

Mitoxantron ist ein intravenös verabreichtes Zytostatikum, welches bei der progredienten Verlaufsform der Multiplen Sklerose gegeben wird, die gehäuft nach einem längeren Krankheitsverlauf auftritt. Seine Wirksamkeit ist nicht klar belegbar, es gibt indessen kein Medikament, dessen Wirksamkeit bei dieser Verlaufsform erwiesen ist. Alle zugelassenen und mehr oder minder erwiesenermaßen wirksamen Medikamente zur Behandlung der Multiplen Sklerose beeinflussen die sogenannte Schubrate, der schubförmige Verlauf kennzeichnet die ersten Jahre des Krankheitsverlaufs. Diese Medikamente werden umfangreich beworben und man muß leider sagen, daß Wirksamkeitsstudien für Medikamente heute eine Teildisziplin der Werbebranche sind. Mitoxantron ist mit Nebenwirkungen behaftet, eine wesentliche davon ist eine sogenannte Kardiomyopathie, die rasch die Funktionstätigkeit des Herzens beeinträchtigt, weswegen die Herzfunktion während der Behandlung engmaschig kontrolliert wird.

 

Die kursiv geschriebenen Textpassagen sind den Kurzfilmen der Rubrik „Jobs“ bzw. den Texten der Rubrik „Facts“ der Homepage der Kreativagentur Jung von Matt Aktiengesellschaft entnommen (www.jvm.com), Namen und Berufsbezeichnung der Zitierten entsprechen den dort öffentlich genannten.

 

Credo „Ein Geschenk sein, wie das Trojanische Pferd“

Leitsätze […] „Wir bleiben unzufrieden.“

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Kommentare

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    schnief

    30.04.2012, 10:57 von zehnmomente
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    Bin müde, hab eckige Augen und runde Finger, habs gelesen. Mag ich. Feine Studie, schön beobachtet.

    21.12.2011, 22:20 von Sasali
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    der letzte teil gefällt mir gut. huhu inklusion... ein thema schwer, rau und so gut zu handhaben wie ein 4m langes stück kantholz....

    22.09.2011, 18:22 von sternenkind
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