Abba 02.05.2010, 16:04 Uhr 62 48

Ich habe mein Leben gelebt, verstehen Sie?

Es ist wieder einen von diesen Tagen im Krankenhaus, die ich nie vergessen werde. Ich bin Studentin im Praxissemester.

Ich bin Studentin im Praxissemester und hatte keinen blassen Schimmer, auf was ich mich da eigentlich einlasse, als ich die Stelle annahm. Mein Aufgaben? Sie gehen weit über die Klischeeaufgaben einer Praktikantin hinaus. Ich hätte nichts dagegen gehabt, erst einmal ein paar Tage zur Eingewöhnung Kaffee zu trinken, zu kopieren, Akten zu vernichten oder Papierbestände aufzufüllen.

Es ging gleich los: In der ersten Woche treffe ich auf Frauen, die von ihren Männer verprügelt werden und zu uns ins Krankenhaus flüchten. Ich treffe junge Frauen, die nicht einmal 30 Jahre alt sind und die sehr wahrscheinlich bald an ihrem Brustkrebs sterben werden. Wenn sie nicht schon tot sind. Ich lerne alte Herren kennen, die weinen, weil sie ihre geliebte Frau nach 60 Jahren Ehe in ein Pflegeheim geben müssen. Ich treffe auf Unfallopfer, die in der Reha noch einmal gehen lernen müssen, treffe auf frisch gebackene Eltern, deren Kind schwerst behindert zur Welt gekommen ist und ich treffe Kinder, die Leukämie haben.

An diesem einen, besagten Tag, werde ich von einer Stationsschwester angerufen, ich möge doch bitte auf Station kommen, möglichst bald, denn da wäre ein Patient, der heute noch entlassen werde. Das ist nichts neues, oft begegnen mir Fälle, in denen spontan gehandelt werden muss und keine Zeit für Zwischenmenschliches bleibt. Ich frage noch nach, um was es sich denn genau handelt, aber da hat sie schon aufgelegt. Da ich Name und Station des Patienten erhalten habe, werfe ich einen Blick in die Patientenakte. Aha, ein älterer Mann, Mitte 60, Lungenkrebs. Anfang der Woche operiert, heute Entlassung. Gut, denke ich, da geht es in erster Linie darum, eine Rehamaßnahme einzuleiten, in der sich der Patient erholen kann und lernen wird, mit seiner Krankheit zu leben.
Natürlich wir der Patient noch weitere Fragen haben, die ich ihm gerne beantworte.

Ich klopfe am Patientenzimmer und werde freundlich herein gebeten. Auf dem Bett sitzt ein Mann, der durchaus als Mitte 50 durchgehen würde. Auf den ersten Blick wirkt er sehr gepflegt, das kommt in einem Krankenhaus nicht sehr häufig vor. Er hat eine gesunde Bräune, gewaschenes und gekämmtes Haar, ist frisch rasiert und sitzt in gebügeltem Hemd mit passendem Pullunder neben seiner gepackten Reisetasche und wartet auf seine Entlassung. "Guten Morgen!" begrüßt er mich mit dem freundlichsten Lächeln der Welt. Ihn würde ich sofort als Opa adoptieren. "Gut, dass Sie so schnell kommen konnten. Nach unserem Gespräch darf ich nach Hause gehen."

Ich fühle mich sofort wohl in seiner Gegenwart, auch das kommt nicht jeden Tag vor. Motiviert, das Gespräch als lockere Plauderei zu führen, frage ich nach, wieso er denn zu uns ins Krankenhaus gekommen sei. Daraufhin erzählt er mir bereitwillig, dass er seit ein paar Wochen wisse, dass er an Lungenkrebs erkrankt sei. Dass seine Frau damit gar nicht zurecht komme, weil er noch nie krank gewesen sei. Und überhaupt sei seine Tochter sehr davon betroffen und würde sich unnötig viele Sorgen um ihn machen. Plötzlich steht er auf, geht zu der Schublade seines Nachttischs und nimmt ein paar Zettel heraus. "Die hätte ich fast vergessen, schauen Sie mal!" und er zeigt mir bunt gemalte Kinderbilder seines 5-jährigen, einzigen Enkels. "Das hier ist der Opa im Krankenhaus, erkennen Sie's?"

Ich freue mich immer, wenn mir Menschen solche persönlichen Dinge zeigen oder erzählen. Das Vertrauen in mich ehrt mich jedes mal aufs Neue. Ich möchte gerade fortfahren Fragen über Stadium und Prognose seiner Krankheit zu stellen, da schaut er mich mit seinen freundlichen Augen an und sagt: "Sie sind auch noch so jung. Was müssen Sie sich eigentlich mit solchen Themen auseinandersetzen?" Ich verstehe nicht ganz, was er meint, ich bin doch freiwillig hier und meine Arbeit macht mir Spaß. Daraufhin berichtet er mir, dass die Operation anfang der Woche sehr kurz verlaufen war, dass man ihn aufgeschnitten habe, und gleich wieder zugenäht habe, weil sein Körper komplett voller Krebszellen sei. Man könne gar nichts mehr machen. Er habe maximal noch 6 Wochen zu leben, und die möchte er mit seiner Frau, seiner Tochter und natürlich seinem Enkelsohn verbringen. Es müsse noch so viel geregelt werden, auch das Finanzielle, so dass es seine Frau nach seinem Tod leichter habe. "Und wer weiß", fragt er mich, "ob ich morgen nicht schon ans Bett gefesselt bin?"

Ich bin erschüttert, und frage ihn, ob ich denn noch irgendetwas für ihn tun kann oder ob er bei irgendetwas Hilfe braucht. "Ach, wenn Sie mir ein Prospekt von so einem Hospiz geben würden, das wäre sehr nett. Da kenn ich mich einfach gar nicht aus." Er lächelt mich an und bedankt sich für das nette Gespräch. "Sie sind eine sehr nette Person, und lassen Sie es sich gesagt sein, Sie machen Ihre Arbeit sehr gut. Machen Sie sich keine Sorgen um mich, ich kann jetzt gehen und mich verabschieden. Ich habe mein Leben gelebt, verstehen Sie?"

Ich bin immer noch völlig perplex von dieser Gelassenheit und dieser positiven Einstellung in Anbetracht des bevorstehenden Endes. Ich stehe auf, gebe ihm die Hand und wünsche ihm alles Gute. Kurz bevor ich das Zimmer verlasse, drehe ich mich noch einmal um, schaue ihm in die Augen und sage "Auf Wiedersehen". Und darauf freue ich mich.

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    wunderbar!

    09.10.2011, 17:53 von stella.filante.
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    Ich danke dir für diesen Text, wirklich.
    Deine Arbeit möchte ich nicht übernehmen; ich könnte mit deinem Job nicht umgehen und würde am Ende selbst vor die Hunde gehen - aber ich bewundere die Menschen, die täglich dem Tod oder schweren Krankheiten ins Auge sehen müssen, ungemein.

    Dein letzter Satz rundet alles hervorragend ab; traurig schön.

    31.08.2011, 16:23 von Xceptional
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    Wünsche mir auch so gelassen zu sein, und so voller dinge. Schön beschrieben

    17.01.2011, 18:24 von missbutterfly400
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    Herzzerreißend... wirklich.

    24.05.2010, 17:49 von bea_callous
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    liest sich toll - schön und ein bisschen traurig...

    10.05.2010, 17:40 von GrossStadtmaedchen8
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    schön...

    09.05.2010, 19:54 von nic.is.listen
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    das hast du wirklich sehr sehr schön beschrieben...
    ich mache grad fürs studium das pflegepraktikum und muss (oder darf?) mich immer wieder mit patienten auseinandersetzen,denen der tod unmittelbar bevorsteht.und ich hab auch schon andere reaktionen gesehn,menschen,die zu mir gesagt haben, lassen Sie mich endlich sterben,ich will so nicht mehr leben.da weißt du dann ja auch gar nicht mehr,was du sagen sollst,du hast ja nicht das recht demjenigen zu erzählen,dass sein leben wohl lebenswert ist.das beschäftigt mich dann schon sehr,was lebenswertes leben ausmacht.aber ich finde auch,dass man als praktikant einfach sich gut die zeit nehmen kann und sollte,sich ein bischen länger mit den leuten zu unterhalten.deswegen find ichs schön,das so zu machen wie du.

    der mann der das oben zu mir gesagt hat,war übrigens durch nichts davon abzubringen,dass er sterben will.jetzt.sofort.am nächsten tag ist er dann auch gestorben.willensstark,dachte ich mir.

    09.05.2010, 13:19 von ParticularlyPeculiar
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    Wunderschönes Ende... Des Lebens und der Geschichte!

    09.05.2010, 12:45 von Marla-Singer
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    Gäsehaut. Schön geschrieben mit viel Gefühl.

    09.05.2010, 03:06 von Katze.Punkt
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    das ende irritert mich... wirkt für mich nicht realistisch, so wie der restliche text. die hoffnung auf das wiedersehen erscheint mir irgendwie unpassend. auch ohne das ende würde der text wirken.

    aber das ist wohl einfach gemackssache und recht machen kann man es eh nicht jedem. :)

    08.05.2010, 17:32 von anti_heldin
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