hib 07.08.2011, 23:56 Uhr 36 109

Ich bin müde

Aufgeben fühlt sich gut an.

Unter den Trümmern lieg ich mit flachem Atem und gebrochenen Beinen. Auf meiner Brust liegt eine Tonne Stahl, ich bekomme Luft nur noch durch meine verklebten Poren. Hier unten ist es schön still, nur die Wasserleitung tropft irgendwo hinter mir, hin und wieder fallen ein paar Steine übereinander. Draußen hör ich sie nach mir suchen, höre die Hunde kläffen, die Männer rufen und die Frauen flehen. Aber ich klopfe nicht gegen das Heizungsrohr neben meinem rechten Arm. Ich rufe nicht um Hilfe. Nein, ich bettele wirklich nicht darum, da noch mal raus zu müssen. Ich mache keinen Mucks. Wenn sie mich finden werden sie mich irgendwann trotzdem im Stich lassen. Ich schließe die Augen und flüchte ins Dunkel. Es fühlt sich richtig an. Ich bin müde. Lasst mich hier zurück.

In meiner Wohnung sitze ich mit flachem Atem und verrotzten Augen. Über mir höre ich die Kinder der Nachbarn Fußball spielen und unter mir läuft der Fernseher der alten tauben Frau so laut, dass ich den Moderator keuchen höre. Außer der Treppe im Hausflur verbindet uns nichts. Draußen vor dem Fenster scheint die Sonne kläglich und lockt die Menschen auf die Straßen. Im Radio sagen sie, dass es ein schöner Tag werden soll, als ob die wüssten, wie für mich ein schöner Tag aussieht. Ich geh nicht raus, ich lass mich nicht blenden von den Farben. Ich öffne nicht die Tür, nicht mal dem Postboten, ich lass keinen mehr rein, der auch nur ein Wort sprechen kann. Ich schließe meine Vorhänge wie müde Lider und wünsche dem blauen Himmel die Pest an den Hals. Ich bin müde. Lasst mich allein.

Inmitten von Menschen stehe ich mit einem lauten Piepton in den Ohren. Sie reden über Dinge, von denen ich nichts wissen möchte. Sie wissen von Dingen, über die ich nicht reden möchte. Sie lassen sich nicht abstellen, wie ein Radio bei dem alle Knöpfe kaputt sind, sie machen sich einander Hoffnung, als gäbe es Geld dafür, wie Menschen, bei denen der Verstand kaputt ist. Von Verstand gibt es keinen Plural, das hat seinen Grund. Rechts und links neben mir sind noch mehr von ihnen, alle laufen irgendwo hin und keiner kommt jemals an und doch laufen sie, als gäbe es ein anderes Ziel als das Ende. Sie kratzen an ihren Oberflächen als wäre etwas anderes darunter, als Katzengold. Wir stehen alle im Kreis und suchen in der Runde nach einem Gesicht, das uns ähnelt. Ich gehe langsam aus ihrer Mitte an den Rand. Ich halte mir die Ohren zu und lass mich nicht zum Bleiben überreden. Ich mach das nicht mehr mit. Ich bin müde. Lasst mich gehen.

In der Dunkelheit hocke ich mit leiser Hoffnung und rufe in Gedanken alle herbei. Die mal waren, die sind, die vielleicht sein werden. Vor mir stehen Mädchen, die ich geküsst habe, mit gebrochenen Herzen und ohne Klamotten. Manche haben Scherben von mir in der hohlen Hand und hüten sie wie ein Schatz, andere führen Tänze darauf auf. Vor mir stehen Jungs, mit denen ich um die Wette gerannt bin und die manche Mädchen, die ich küssen wollte, vor mir geküsst haben. Es besuchen mich Lehrer, die mich das Fürchten vor dem Leben gelehrt haben und welche, die zumindest versucht haben, es als etwas Schönes zu verkaufen. Da sind Gesichter ohne Namen und Namen ohne ein einziges Gefühl. Es ist ein Kommen und ein Gehen, da fällt doch gar nicht auf, wenn einer fehlt. Ich bin müde. Niemand wird nach mir suchen.

Mitten im Leben liege ich im Staub meines Weges, die Knie aufgeschürft, das linke blutet stärker als das rechte. Ich erinnere mich an meine Erzieherinnen im Kindergarten, die immer Jod darauf geschmiert haben. Es hat gebrannt wie die Hölle. Ich erinnere mich an meine Mutter, die mit einem warmen Waschlappen die Wunde vorsichtig ausgewaschen und dabei leise gesagt hat: Da wächst jetzt Grind drüber. Der wird hart und wenn es dann zu jucken anfängt, hast du es fast geschafft. So einfach ist es mal gewesen, jetzt schmerzen mir die Beine als hätte ich mir direkt die Seele an der Bordsteinkante aufgeknackt wie eine faule Walnuss. Ich lasse mich gehen, ich lasse die anderen gehen, ich lasse los. Aufgeben fühlt sich gut an. Ich möchte hier nur noch ein bisschen liegen. Und solang warten, bis es zu jucken anfängt.

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36 Antworten

Kommentare

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  • 2

    am besten fand ich

    "Im Radio sagen sie, dass es ein schöner Tag werden soll, als ob die wüssten, wie für mich ein schöner Tag aussieht."

    19.12.2012, 14:12 von Ansotica
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    Toller Text!

    06.12.2012, 18:28 von what_else
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  • 0

    ...gefällt mir sehr gut!

    19.04.2012, 21:46 von Ajirad
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  • 0

    "Von Verstand gibt es keinen Plural, das hat seinen Grund." :D
    Wie wahr!

    08.11.2011, 23:12 von SmileEvi
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  • 1

    Außer der Treppe im Hausflur verbindet uns nichts.

    Ich muss sagen, es war vielleicht einer der besten Texte, die ich je gelesen habe. Er ist vollkommen.
    Du hast meinen größten Respekt.

    08.11.2011, 22:18 von Zarmaz
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  • 1

    WUNDERVOLL! <3

    08.11.2011, 21:59 von pflock
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    • 0

      stimmt doch gar nicht

      05.03.2012, 23:27 von Mle_Ann
  • 0

    "jetzt schmerzen mir die Beine als hätte ich mir direkt die Seele an der Bordsteinkante aufgeknackt wie eine faule Walnuss."

    *

    03.10.2011, 03:16 von Sternseherin
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  • 1

    Du hast so schöne Metaphern und Gedanken.

    Meine Lieblingsstelle:
    "Außer der Treppe im Hausflur verbindet uns nichts."

    Empfehlung.

    15.08.2011, 15:25 von anti_heldin
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