Ich bin hässlich
»Na und?« würde ich gerne rufen. Hätte ich genug Selbstbewusstein. Denn mein Leben und ich sehen aus, als wäre ich mächtig auf die Fresse gefallen.
Als ich das erste Mal in einen Spiegel sah, musste ich fröhlich lachen. Erzählte man mir sehr viel später. Ob vor Verwunderung oder Belustigung, ich weiß es nicht. Ein quietschvergnügtes Baby-Lachen gluckste jedenfalls durchs Zimmer, darauf setzte Erstaunen ein, dann ballerte ich mir mein Spiegelbild an den Kopf. Damals aus Versehen, wohl eher ein symbolischer Akt für das, was noch kommen sollte. Heute ein mir sehr vertrautes Ritual. Ich hielt grienend und ungeschickt ein ovales Plastikding in der Hand, in der ich einen Menschen erblickt hatte, der aussah wie ich. Nur hässlicher. So vermute ich heute, weil ich klarer durchblicke. Damals war ich Neugier pur und wollte wohl nichts dringender als Freude haben am Großwerden: laufen wie die Großen, reden wie die Großen, aussehen wie die Großen. Heute mag ich lieber klein sein. Sehr klein. Damit ich mich verstecken kann.
Im Kindergarten hielten sich die Zeigefinger noch in Grenzen. Oder ich nahm sie nicht so wahr. Bedeutsamer erschienen mir Sätze wie »Kopf hoch, mein Kind, das wächst sich aus...« oder »Man sieht nur mit dem Herzen gut!« Was für eine Scheiße. Man sieht mit einem guten Herzen aber nicht automatisch gut aus, möchte ich wütend dagegen halten. Und: Ihr habt ja nicht die geringste Ahnung wie das ist!
Als es an die Einschulung ging, konnte ich bereits lesen, schreiben, ganz gut rechnen. Wenn man ständig allein in einer Ecke hockt, bleibt einem viel Zeit zur Beschäftigung mit interessanten Dingen. Wem ist schon gerne langweilig? Wer spielt schon mit einer Aussätzigen? Also lernte ich für manch andere Kinder schwierige Dinge im Alleingang und wie selbstverständlich, worüber sich alle Welt wunderte.
Warum ich dann gegen Ende der zweiten Klasse Grundschule plötzlich schlechte Noten hatte, ist mir heute klar. Die Schuld auf mein Aussehen zu schieben hieße, es sich im Nachhinein einfach zu machen, aber genau so war es. Ich hatte angefangen, die hübschen Gesichter der anderen Mädchen zu studieren und erschrak in der Toilette beim Händewaschen, nein, nicht über meine Unebenheiten, sondern über die sparsamen Blicke, die man mir zuwarf, während wir unsere Kinderknubbelfinger schrubbten: Zwischen ängstlich und angewidert, abschätzend und verächtlich war so ziemlich alles herauszulesen bis auf: normal und gleichgültig. Den Mund darüber besonders weit aufzureißen trauten sich nur ein paar Idioten unter den Jungs und eine Zicke namens Lena. Ansonsten sprachen nur ihre beobachtenden Blicke. Die aber Bände. In einem stummen Tonfall, der lauter war als jedes Spielplatzgekreische. Kinderblick tut Wahrheit kund.
»Lass sie doch gucken«, tröstete mich Mama, Papa, Oma.
»Ich hasse sie dafür«, antwortete ich bockig, traurig, zornig.
Aber ich meinte damit nur, dass ich mich selbst hasste, vielmehr mein Gesicht. Aber zu der Zeit machte ich noch keinen Unterschied zwischen beiden. Ich war Es und Es war ich. Am schönsten waren die leisen Momente, in denen ich, Musik im Ohr und die Gedanken ganz weit weg von mir und dieser Welt, vollständig vergaß, dass ich untrennbar das Antlitz des Grauens mit mir herumtrug. Ach ja: meine Fingernägel litten auch sehr darunter.
Es gibt nur noch schöne, attraktive, hübsche Menschen, wenn man selbst aussieht als hätte man die Blattern gehabt, steckte in Dauerpubertät und wäre obendrein noch von einem schweren Verkehrsunfall mit mächtig Schnittverletzungen genesen. Durch derlei Dreifaltigkeit zerfurcht offenbaren Wangen, Nase, Kinn und Stirn eine Mondlandschaft an kaputter Haut. Ich übertreibe nicht, die Natur hat mich vom Hals weg nach oben bei der Normalausstattung wohl einfach übergangen.
»Das ist keine Krankheit, Frau B., Ihre Tochter hat massive bakterielle Verunreinigungen der Gesichtshaut, die nicht zu stoppen sind auf Grund der chronisch angegriffenen Struktur der pergamentartigen Hautoberschicht«, lautete die Diagnose.
Chronisch ist so eine Art Hasswort für mich.
In der Vierten schaffte ich den Übertritt mit links, weil ich mich wieder in mich zurückgezogen hatte. Das war meine zuverlässige Rettung und eine Welt, die mir lag. Die innere, denn Äußerlichkeiten schob ich alle beiseite, konzentrierte mich auf das, was ich sah, wenn ich die Augen schloss. Ich hatte gelernt, dass es mir auf diese Weise besser ging. Einsamkeit zog mich an. War ich mit Schule, Hausarbeiten fertig, las ich. Ich verschlang alles, was ich in die Finger bekam, gleich ob ich es verstand oder nicht. Die Fingernägel wuchsen.
Im Gymnasium erging es mir wie später im Leben: zu Anfang begleiteten mich große Augen und viel schamloses Glotzen oder ich wurde geflissentlich gemieden. Ich unternahm meinerseits ebenfalls keine Anstrengungen auf andere zuzugehen, und machte mich klein und unscheinbar, eine bewährte, auf lange Sicht aber schlechte Strategie, wie sich herausstellte, denn mein Selbstbewusstsein wuchs dadurch nicht. Ich verhielt mich still, meldete mich kaum, zog mich in mich zurück. Freunde hatte ich keine, wer will schon mit der hässlichsten Ente auf der ganzen weiten Welt groß was zu schaffen haben? Dachte ich. Ich las wieder viel. Saß oft an einsamen Plätzen und wenn jemand besonders nett zu mir war, blieb ich eher zurückhaltend und dachte skeptisch: die macht das sicher nur aus Mitleid.
Ein Teufelskreis.
Als sich in der Siebten ein schlaksiger Junge, der sitzen geblieben und deshalb ebenso einsam wie ich in der Klasse eine Art Paria war, in mich verliebte, trat eine erste Wandlung ein. Mich zu verlieben hatte sich bisher automatisch verboten, denn selbst der übelst aussehende Junge wäre im Vergleich zu mir der Mädchenschwarm der ganzen Schule gewesen. Ich war äußerst befremdet über seine verstohlenen Seitenblicke, denn die waren eine für mich völlig neue Art der Betrachtungsweise: wohlwollend neugierig, offenen Herzens. Es kam nicht mal zu einem Kuss, ich spürte, welche Überwindung es ihn gekostet hätte, aber er wurde mein Freund. Schon aus dem Grund, weil sein erster Satz zu mir ein schüchternes "He, Anna, weißt du, dass du eine wunderschöne Stimme hast?" war. Er schaffte es, das so zu sagen, dass ich ihm vertraute. Wir verstanden uns von Anfang an gut.
Das war so ziemlich das erste Mal, dass mir jemand etwas Nettes über Äußerlichkeiten sagte. Na ja, fast außen. Denn die Töne kamen ja aus meinem Inneren heraus und er fand mit Sicherheit nicht meinen Kehlkopf, meine Zunge oder meine Stimmbänder entzückend. Seitdem Frank mich darauf aufmerksam gemacht hatte, fing ich an, an meiner Stimme zu arbeiten, Sätze bewusster zu betonen, zu modulieren. Das war eine Wendung. Nicht zum Besten, aber zum Besseren. Denn das ging nur dadurch, dass ich mit anderen kommunizierte, also öffnen musste.
Mir war klar, dass ich mit dieser Verpackung als Sängerin niemals hätte Karriere machen können. Da hätte ich noch so toll flöten und trällern können, auch hier stellte sich mein Aussehen wie eine Art Firewall des Schicksals entgegen. Sätze wie »jeder hat sein Päckchen zu tragen« und »nur die inneren Werte zählen« gaben sich nun häufiger die Klinke, denn ich fing an, auf die Leute zuzugehen. Ich wurde regelrecht mutig, offensiver. Erst vorsichtig, abschätzend, dann entdeckte ich, dass die Welt doch nicht nur aus oberflächlich urteilenden Menschen bestand. Frank nahm mich sachte an der Hand dabei und schon bald durchströmte mich so manches Lächeln, und in ganz tollen Augenblicken hallte mein helles heiteres Lachen durch einen Raum.
Als Franks Versetzung anstand, wurde mir ein guter Freund entrissen, aber ich hatte mit seiner Hilfe einen Fuß in eine Tür gesetzt, ein Spaltbreit Hoffnung hatte sich aufgetan. Ich werde ihm das nie vergessen. Ich schwor mir, den Fuß da nicht mehr rauszunehmen. Rückschlag hin, Depression her.
Von da an besann ich mich auf meine Stärken: Ich war kompakt gebaut, schnell, kannte kaum Schmerz und war ein Genie im Lernen. Das lieferte mir nicht nur Bestnoten, ich war eine echte Sportskanone. Ausdauernd, zäh, nachsetzend. Ich versuchte mich in verschiedenen Sportarten, aber Leichtathletik war mir zu zielorientiert, Boxen zu wenig damenhaft, an Schwimmen störten mich die Jahreswechsel, für Mannschaftssportarten hatte ich als Gelernter Einzelkämpfer kein Talent usw. Bis mich eine Mitschülerin auf Kampfsport aufmerksam machte. Ich begann mit Judo, wechselte zu Karate und landete dann bei Taekwondo.
Bis heute übe ich mich regelmäßig in dieser Kunst, über den Geist einen (stillen) Weg zu finden. Auch wenn diese kleinen Erfolgserlebnisse das Selbstbewusstsein in mir aufpolierten (vor allem wenn ich meine Fäuste wirklich einmal einsetzte) an meinem durchpflügten Gesicht änderte ich dadurch natürlich nichts. Außer dass es vor Anstrengung auch noch gerötet strahlte. Ich hatte Sex, aber keinen besonders guten. Ich verliebte mich zweimal, aber unglücklich, denn der eine nutzte dies nur für seine zielorientierte Lust aus, der andere trennte sich wieder, weil er die Hänseleien seiner Kumpels nicht verknauserte. Am erniedrigendsten war die eine Sache mit dem Handtuch, allein der Gedanke daran verletzt so sehr. Bis zum Abitur begleiteten mich immer wieder wechselnd eine handvoll Freundinnen, aber richtig entspannt war es selten mit ihnen. Sobald Jungs auftauchten, verblieb ich als verblasstes Mauerblümchen, das nicht nur verblüht aussah, sondern sich sehr verwelkt fühlte.
Alle paar Monate traf ich Frank, der sich wieder verliebt hatte, viel erfolgreicher diesmal, er erzählte von wilden Küssen, entflammtem Herzen, von tollen Sex, aber so richtig glücklich sah er nicht aus. Aus der Not eine Tugend machend, schwallte ich ihn mit angelesenen Weisheiten voll, in der Theorie ein As, praktisch immer noch eine zurückgebliebene Null, Gemütslage: schwer.
»Ich sabbel dich hier weinerlich voll mit meinen Problemen, dabei hast du weit schwerwiegendere«, seufzte er.
»Schon in Ordnung, Du«, meinte ich achselzuckend, »ich bin es so gewohnt, ich muss nur noch lernen, damit umzugehen, glücklicher zu leben.«
Flache Brüste kann man mit Silikon ausstopfen, volle Hüften sind absaugbar, Botox bringt die Haut zur Entfaltung, für fast jedes Körperteil gibt es Prothesen. Gegen ein pickeliges Narbengesicht auf Grund nicht abzustellender Dauerinfektion und -entzündung gibt es nur teure Schönheitsoperationen, die vom medizinischen Standpunkt aus nicht notwendig sind, zumal ich deswegen noch nie Kunde bei einem Psychologen war. Außerdem wollte ich keine Hauttransplantation. Ich hörte schon so Sätze wie. »Guck mal, die trägt ihren Arsch im Gesicht.« Ne, danke.
Mit der Zeit kam die Gewohnheit. Ich sitze heute in meiner Studentenbude, das Lernen flutscht mir von der Hand, ich lächle ob der schweißgebadeten Gesichter meiner Kommilitonen bei den Prüfungen, in denen ich die letzte halbe Stunde dicke Löcher in die Luft starre. Ich gehe bei einbrechender Dunkelheit meist am Ufer des Flusses spazieren, nachts sind alle Katzen grau, vor Lustmördern habe ich noch nicht mal Angst, ich bin kompakt, wehe es vergreift sich einer an mir, könnte ich mal meine ganze Wut rauslassen.
Ich gehe aber auch gerne in Cafés und an besonders guten Tagen schaffe ich es, die verstohlenen Blicke mit einem verlegenen Lächeln zu quittieren, das sicher komisch, linkisch aussieht, so als knetete man in seine Halloweenmaske ein Grinsen, das nett aussehen soll. Ich kann manchmal richtig schmunzeln über meinen Makel, welcher wie misslungenes Werbeschild Kellner, Schaffner oder potentielle Liebhaber anschreit: »da, schau nur, Lektion Nummer eins: man sieht nur mit dem Herzen gut!« oder aber eher »lass bloß die Finger von mir, ich hab Lepra.«
Das Positive an der ganzen Sache ist, dass man in Ruhe gelassen wird. Man führt ein unaufgeregtes Schattendasein und gäbe es da nicht die Momente, wo sich die Faust um den Griff eines Handspiegels ballt und man sich vor Wut und Verzweiflung das Ding wie ein ungeschicktes Kleinkind an den Kopf knallen möchte, aber nicht nur einmal, sondern wieder und wieder, bis es nicht mehr weh tut, dann wäre das Leben gar nicht so schlecht. Ein paar jüngst vernarbte Spuren über meinen Brauen stammen tatsächlich von solchen Attacken. Was soll’s. Einen aufgeblähten Schrumpfkopf wie mich entstellt das nicht groß.
Kürzlich stand ich wieder mal im Badezimmer vor dem Spiegel und ich musste mich am Waschbecken festkrallen, sonst hätte ich mir erneut in die Fresse geschlagen. »Ich hasse mich!« glotzte ich mich böse an. Dann sah ich in das runde Abflusssieb, eins, zwei, drei, vier fünf, sechs kleine Löcher, in der Mitte eine Schlitzschraube, die Löcher schwarz, ihr Glucksen wie eine Vorahnung. Ich wagte nicht, den Kopf zu heben, dachte daran, wie es wäre, wenn jetzt drüben ein Typ im Bett auf mich wartete, mir bei der Rückkehr zärtlich die Haare aus dem Gesicht striche, mir sagte: »Du bist wunderschön, mein Schatz.« So etwas fehlt mir sehr. Wirklich. Aber man kann auch ohne das leben. Mal sehen, wie lange noch ohne durchzudrehen.

Kommentare
sehr bewegende erzählung.. wahrheitsgetreu geschrieben. ich kann dem mädchen/der frau .wirklich nachempfinden.
01.12.2009, 20:14 von ann.janinwenn ich nicht so wär, wie ich bin, würde ich mit sicherheit auch zu der gaffenden menge gehören. insofern hat es doch was gutes, dass ich bin, wie ich bin. nicht? :)
und vielleicht ist dieser gedanke auch auf das mädchen übertragbar.
das mit den fingernägeln hat mich berührt, da es mich persönlich auch betrifft. früher wie heute. sie sind heute ekelhaftig kurz. um es zu verdeutlichen: 3mm ist der (ich weigere mich, "mein" zu schreiben. verdränge die realität lieber, tue so, als sei es nicht meiner. krankhaft, was?) kürzeste fingernagel "lang".
ist wohl mein hobby, ekel in der gesellschaft hervorzurufen.
mir fällt nicht mehr zu kommentieren ein. ich denke die tatsache, dass viele sich hässlich finden, spricht wohl schon bände?! und die tatsache, dass die gesellschaft an ihrem verhalten nichts ändert, lässt mich lächeln. so hat wohl jeder seine physischen sowie psychischen streitfragen, was? :D
zweifel sind menschlich. aber diesen text und die dame ,die dahinter steht, nenne ich STARK.
05.11.2009, 00:39 von OzelotteMädel, dir würd ich gern nen kuss auf die stirn geben!
wow !!
19.12.2008, 11:43 von Lilja-VonDas erinnert mich gerade an eine gute Freundin aus dem Gymnasium. Sie hatte das gleiche Hautproblem, zerklüftetes Gesicht, aber...sie war mir eine liebe Freundin, und jeder mochte sie auf Anhieb wegen ihrer natürlichen, freundlichen, lustigen Art. Ich kann mir nicht vorstellen, ob das sie jeden Tag viel Kraft gekostet hat, oder ob sie einfach nun mal so ist wie sie ist, auf jedenfall hab ich, und alle ihre Kameraden, nie auf die Haut im Gesicht, sondern auf dieses breite, schelmische Lächeln darauf geachtet. Auch dein Lachen hat sicherlich viel mehr Menschen angezogen, als du es dir vorzustellen vermagst. Du bist eine starke Persöhnlichkeit, und wirst das Leben meistern.
11.07.2008, 19:25 von LeyluraLegbreakermutig!
07.07.2008, 01:59 von ridsehr schöner text, verdammt.
23.04.2008, 21:51 von Surecampdass der spiegel zum grössten feind wird, man diese dinger nur noch hasst und weg will, ich kann es nachvollziehen...leere phrase? ist aber so...
18.04.2008, 11:30 von zzebraIch wollte nur eben mal darauf hinweisen, dass der Artikel nicht deswegen so mir nichts dir nichts von der Redaktion von der Startseite genommen wurde, weil ich mich als Autor in Personalunion mit heulschrecke geoutet habe, sondern dass das einen anderen Grund hat, den ich selbst nicht sagen mag, der aber auch so wichtig nicht ist.
zz.
Wie erwartet gut geschrieben. Und es ist egal, wenn hinter dem Ich-Erzähler nicht der Autor steckt. Denn das ist nicht, worum es geht.
14.04.2008, 20:44 von SonglineDer Text bietet Einblicke, bewirkt einen Perspektivwechsel. Darauf kommt es an.
Bei mir ist er angekommen.
eine wundertolle Geschichte über eine Person die bestimmt nicht so hässlich ist wie sie sich selbst beschreibt! :)
13.04.2008, 18:26 von crazy-princess