Patrick_Bauer 30.11.-0001, 00:00 Uhr 74 0
NEON täglich

Hunger-Quote

Deutschland empört sich über Heidi Klums “Rippenwahn”. Plötzlich müssen wir über ihre Show sprechen. Und über TV-Verantwortung.

Die Bild-Zeitung macht sich Sorgen. Um den guten Geschmack, um schlechte Vorbilder, um junge Frauen. Und Schuld daran ist Heidi Klum. “Wie lange soll das noch weitergehen?”, fragt das größte deutsche Blatt heute, wiederholt dazu entsetzt: “Warum wird die Show nicht abgesetzt?” Gemeint ist das von Klum geleitete, recht spröde Laufsteg-Casting “Germany’s Next Topmodel”, das momentan auf Pro7 läuft. “Rippenwahn” herrsche dort, schreibt die Bild.

Bewerberinnen werden offenbar regelmäßig als zu dick bezeichnet, obwohl ihr Body-Mass-Index gen “Untergewicht” tendiert. Wolfgang Ring, Vorsitzender der Kommission Jugendschutz der Landesmedienanstalten diktiert deshalb der Bild: “Mädchen ziehen aus dem Geschehen ihre Motivation, auch so zu werden, laufen Gefahr, an Bulimie zu erkranken.” Eine gewisse Gitta Connemann, CDU-Bundestagsabgeordnete ist nur eine von vielen Politikern, die den Nachrichtenagenturen ihre Empörung mitteilt: “Hier werden junge Menschen dazu benutzt, Quote zu machen.” Welch ungewohnter Vorgang, Frau Connemann. Wenn das die Bild-Zeitung wüsste, die ansonsten in aller Breite für RTLs “Deutschland sucht den Superstar” Hofberichterstattung betreibt.

Aber zeigt nicht der Vergleich mit dem ähnlich unerträglichen Musiker-Casting, dass “Germany’s Next Topmodel” außer Langeweile nicht viel vorzuwerfen ist? Bei Musik-Casting-Shows ist von Anfang an klar, dass keiner der Kandidaten wirklich eine Karriere vor sich hat. Sie sind Teil einer Show, die immer größer sein wird als das, was sie am Ende ausspuckt. Zwar können einige der Kandidaten gut singen – musikalisch etwas zu sagen haben allerdings die wenigsten, wahrscheinlich keiner. Am Ende fehlt es ihnen doch an Qualität, um sich gegen richtige Musiker durchzusetzen. Aber bei Models? Ist doch jedes Model dieser Welt einst gecastet worden und im Unterschied zur Musik muss man bei Models wohl kaum nach künsterlischer Qualität suchen. Die Gewinnerin der Pro7-Show ist also nicht per se schlechter als die Gewinnerin irgendeines anderen Castings. Wichtiger noch: Eine Show, die sich an internationale Model-Standards hält, hält sich folgerichtig an gängige Schönheitsideale. Diese mögen widerwärtig sein, krankhaft gar, aber Pro7 hat sie nicht erfunden. Die scheinheilige Kritik müsste daher woanders ansetzen.

Der Einwand ist trotzdem nicht aus der Luft gegriffen: Die Klum-Sendung präsentiert zweifelhafte Körperwelten und wenn von der Jury der Rat erteilt wird: “Esse weniger, trinke mehr Wasser”, dann erscheint das makaber, angesichts der Tatsache, dass zehn bis fünfzehn von hundert Frauen und Mädchen in Deutschland an partiellen Essstörungen leiden. Die Angst um das Gewicht ist Dauergast in “Germany’s Next Topmodel”.

Drei Jahre nach Einführung des Fernsehens verfünffachte sich auf den Fidschi-Inseln übrigens die Zahl der an Bulimie Erkrankten. Ist “Germany’s Next Topmodel” also ein Beispiel für den gefährlichen Einfluss der Medien? Anlass über Vorbildfunktionen und Schönheitswahn zu reden? Sind die Zuschauer, gerade junge, so leicht zu beeindrucken, zu verunsichern? Bedarf es nicht etwas mehr als schlechter Fernsehunterhaltung, um an Magersucht zu erkranken? Was meint ihr?

74 Antworten

Kommentare

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    Mist, ich dachte, das Abschicken wäre zunächst erfolglos geblieben (entsprechende Fehlermeldung).

    13.02.2006, 16:28 von junikind
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    Eher off-topic: Das Beispiel mit den Fidschi-Inseln hinkt. Eine Verfünffachung klingt per se natürlich erst einmal enorm. Zu beachten ist allerdings das Ausgangsniveau! Und bei einer absoluten Steigerung von 1 auf 5 (Erkrankungen) entzaubert sich die "relative Wortbombe 'Verfünffachung'" auch ganz schnell selbst...

    13.02.2006, 16:27 von junikind
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    Gewissermaßen off-topic: Das Beispiel mit den Fidschi-Inseln hinkt. Eine Verfünffachung klingt natürlich per se dramatisch, zu beachten ist allerdings das Ausgangsniveau. War dort beispielsweise zuvor nur eine Bulimieerkrankung verzeichnet, ist die Steigerung auf fünf so weltbewegend nicht.

    13.02.2006, 16:21 von junikind
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    Ja klar...und Mama und Papa sind damit wieder schön aus der Verantwortungsschiene raus

    13.02.2006, 10:38 von Senemce
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    Eine Freundin von mir ist alles andere als schlank und die Männer reißen sich um sie. Obwohl ich schlank bin, sind es tiefe Gräben zu den Modelmaßen und bisher hat sich darüber auch noch niemand beschwert. Wer nicht das Selbstbewußtsein hat, so pummelig oder dünn, wie er nun mal ist, durchs Leben zu gehen, wird immer einem mehr oder weniger tollen Ideal hinterherhecheln. Heute sind es dünne Models, morgen die drallen Stafetten in HipHop-Videos (und die Jungs wollen alle krasse Gängstas werden ^^).

    11.02.2006, 04:15 von SisterofEvil
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    Ach hört doch auf, dünn oder nicht dünn, es geht doch nur darum: WOHLFÜHLEN!
    Wenn andere sich so einen Job suchen und damit glücklich sind, lass sie doch einfach. Oder zerreisst ihr euch auch das Maul über die Bürokauffrauen, die nur in den Arsch getreten werden oder über die Chefsassistentinnen, die nur sexistisch betrachtet werden ... hm? Also Leute, oberflächlich hin oder her, aber das verfolgt uns doch in jedem Job, egal wo!

    07.02.2006, 10:48 von WunderLicht
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    Ich geb's ja zu - ich wär verdammt gern dünn! Dabei hab ich Normalgewicht und einige Leute finden wahrscheinlich, daß ich ok aussehe.

    Es kommt eben drauf an, was man mit "Dünnsein" assoziiert. Für mich sind das (für mich) positive Eigenschaften wie Diszipliniertheit, Kraft etc. Ich bin halt ein scheizz Workaholic und Perfektionist.

    06.02.2006, 21:26 von Daraya
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    Ich brauche keine Argumente. Haut einfach die Glotze raus!!!! Außerdem gibt es zuviel dumme Leute. MFG

    06.02.2006, 20:49 von robbl_hirsch
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      @[Benutzer gelöscht] Das ist eine reichlich unreflektierte Haltung und das älteste Gähn-Argument der Welt. Klar, wer Schlankheitswahn kritisiert, ist vermutlich selber häßlich; wer Kapitalismuskritik betreibt, ist einfach nur arm und neidisch; wer einen schlechten Film zerreißt, ein verhinderter Regisseur. Wenn alle Menschen so simpel denken würden, gäbe es keine Soziologie und keine Kulturkritik mehr, geisteswissenschaftliche Studiengänge könnte man abschaffen, die Medien im Grunde gleich dazu. Herr, wirf Hirn vom Himmel!!!

      Übrigens: Wer mir widerspricht ist häßlich und doof.

      08.02.2006, 13:20 von Klute
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      @[Benutzer gelöscht] "oder willst Du mir erzählen, Du schaust nie fern, schaltest immer um wenn dünne Mädchen kommen, weil das so schrecklich ist und bist ansonsten nur damit beschäftigt die Welt zu retten?"

      Die Argumentation ist mir einfach zu platt, lassen wir es besser sein.

      08.02.2006, 18:45 von Klute
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    Stimme lulu zu, Nachfrage und Angebot.

    06.02.2006, 15:04 von WunderLicht
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