nyx_nyx 22.08.2011, 04:23 Uhr 44 17

Hochzeit vs. Beerdigung

Beide habe ich schon häufig besucht. Bis heute weiß ich nicht, wo ich mich wohler fühle. Ja, ich weiß, pietätlos.

Klar ist der erfreulichere Anlass die Hochzeit, sofern nicht gerade die eigene Liebe des Lebens heiratet, oder der größte Erzfeind verstorben ist. Das ist mir durchaus bewusst. Allerdings gibt es ein paar Gründe, die mich zweifeln lassen, bei welchem Anlass ich mich wohler fühle, die Personen mal außer Acht gelassen, welche die "Feierlichkeiten" begründen.

Bei der Wahl der eigenen Kleidung fängt es doch schon an. Während ich nur sorglos in den Kleiderschrank greifen muss, um etwas traditionell Schwarzes in der Hand zu halten, zermartere ich mir den Kopf, was ich auf der Hochzeit tragen könnte. Das einzige was klar ist, dass weiß tabu ist und schwarz irgendwie unpassend. Welche Gäste sind anwesend, waren die auch auf der letzten Hochzeit? Würde gegebenenfalls jemand das Kleid wieder erkennen, passe ich da überhaupt noch rein? Welche Farben tragen die Brautjungfern, was trägt die Braut, falls sie nicht in weiß heiratet? Und schlussendlich klappere ich doch wieder sämtliche Läden ab, in der Hoffnung ein schönes neues und völlig überteuertes Kleid zu finden, welches ich dann doch nur ein einziges Mal tragen werde. Irgendwann fällt mein panischer Blick dann auf die nackten Füße. Also geht das Spiel von vorne los und die Suche nach den zum Kleid farblich passenden Schuhen beginnt.
Bei der Beerdigung ist es völlig egal in welchem schwarzen Fetzen ich aufkreuze, da niemand darauf achtet, was wer schon mal getragen hat und das Schwarz in der Masse verschwimmt. Schwarze Schuhe finden sich wie von selbst im Repertoire, ohne dass man qualvolle Stunden auf 10cm-Absätzen durchhalten muss. Den eigenen bad hair day kann man zur Not unter Hut und Sonnenbrille verstecken.

Da glaubt man, das Thema Kleidung sei damit abgehandelt, so geht es auf der Hochzeit direkt weiter, indem man der Braut heuchlerisch beteuern muss, wie schön sie doch in diesem lachsfarbenen Monstrum mit zu viel Tüll aussieht. Und natürlich sitzen Make-up und Frisur perfekt, man will ihr ja schließlich nicht den Tag versauen. Ebenso wäre sie beleidigt, hätte man etwas an der Farbe der Brautjungfernkleider oder gar der Dekoration auszusetzen. Auf einer Beerdigung fragt keiner, wie man sein Outfit findet, geschweige denn interessiert es irgendwen, ob etwas dekoriert ist und ob die Deko zum Sarg oder zur Urne passt. Dem Toten ist vermutlich auch egal, wie er aussieht.

Ebenso wurde ich im Anschluss an eine Trauerzeremonie noch nie gefragt, ob es mich auch zu Tränen gerührt hätte, weil es ach so schön war. Ich wurde auch nie gefragt, ob ich zum Toten oder zu den Verbliebenen gehöre, um mich in der Kirche auf eine Seite zu setzen. Neid und Eifersucht sind auf Beerdigungen auch wesentlich seltener vorhanden und man wird nicht gefragt, ob man selbst auch vor hat zu sterben, wie man sich die Feier für einen selbst vorstellt und wann es so weit sein wird. Auch wünscht sich sonst für Gewöhnlich niemand, an der Stelle des Toten zu sein. Man muss nicht versuchen den Strauss aufzufangen und kann sich beim anschließenden Leichenschmaus den Bauch voll schlagen, ohne dass man blöd angeguckt wird, weil man ja schließlich die Trauer irgendwie verarbeiten muss. Man muss sich keine Sorgen machen, was der Gastgeber denkt, wenn man sich als erstes vom Fest verabschiedet und Trauer eignet sich als beste Ausrede, um einem langweiligen Gespräch zu entfliehen. Ebenso darf man ruhigen Gewissens schlechte Laune haben und muss sich kein Lächeln ins Gesicht tackern.

Ich war schon als Begleitung auf Hochzeiten eingeladen, bei denen ich noch nicht mal das Brautpaar kannte, geschweige denn die anderen Gäste. Auf Beerdigungen kannte ich bisweilen mindestens den Verstorbenen und brauchte nicht mal eine Einladung, um auftauchen zu dürfen. Auch kann man da alleine aufkreuzen, ohne als einziger Erwachsener sein Namenskärtchen am Kindertisch entdecken zu müssen und von den anderen Gästen mitleidig angeguckt zu werden. Bei einer Trauerfeier musste ich mich außerdem nie in einer Schlange einreihen, um einen Nachtisch zu ergattern, oder das Essen beim Gastgeber gar überschwänglich loben. Die Streiche zur darauf folgenden Nacht fallen weg und niemand erwartet, dass man beteuert, wie schön die Feier war. Man muss dafür nicht mal hupend in einer Kolonne geschmückter Autos zum Ort des Geschehens fahren und in manchen Fällen begrenzt sich die Feier auf den Abschied des Junggesellen, ohne dass es erst der Anfang war.

Ich hab bisher auch nie erlebt, dass ein Toter oder die Verbliebenen während der Feier entführt wurden und von anderen gesucht werden mussten. Die Witwe sah ich auch noch nie ihr Strumpfband versteigern, sofern sie eins trug. Ebenso wenig musste ich mich bei einer Beerdigung in ein Gästebuch eintragen und mir entsprechend einen kreativen und passenden Spruch einfallen lassen, den man noch nach Jahren toll finden kann. Geschenke beschränken sich für Gewöhnlich auch auf Blumen oder ein Din-A6-Format. Niemand rennt gestresst rum, damit der Tag auch wirklich zum schönsten des Lebens wird. Man muss sich nicht ständig in Pose begeben, weil man fotografiert oder gefilmt wird und niemand fordert einen dazu auf, bei irgendwelchen Spielen mitzumachen oder zu tanzen. Die Musik ist im Normalfall eher dezent und für jeden Geschmack passend zum Anlass, ohne dass ein drittklassiger DJ engagiert werden musste. Der Gastgeber muss sich keine Gedanken machen, ob allen das Fest gefällt und ich glaube auch nicht, dass sich der Tote fragt, ob er aus der Sache noch mal lebendig raus kommt.

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44 Antworten

Kommentare

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    Wir haben mal bei einer Hochzeit den Bräutigam entführt. Dummerweise hat die Braut das nicht bemerkt ... 


    Ich mag beides nicht besonders, zum Glück heiratet man in einem Alter meist zum zweiten Mal und das das unpompös. Bei Beerdigungen muss ich immer schrecklich weinen.

    05.02.2012, 18:47 von B.tina
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    Tüll

    ein schönes Wort, hört und liest man zu selten.

    05.02.2012, 18:29 von Surecamp
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    mir egal, ob der text zu langatmig war... SEHR toll, überhaupt so eine Meinung zu lesen.
    verglichen mit meinen erfahrungen dieses jahr hast recht! lieber 100 beerdigungen, da gibts ja auch was erfreuliches, wenn man ans leben nach dem tod glaubt ^^ und das recht traurig zu sein is was schönes

    18.10.2011, 17:34 von Schmetterlinge-lachen
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    Ich wollte nicht, dass alle nach meiner Hochzeit nach Hause gehen und sagen "Oh Gott, war das laaangweilig und gekünstelt !!!"
    Also hab ich alles weggelassen, das mich bei anderen Hochzeitsparties immer angekotzt hat und siehe da....heraus kam ein herrlich entspanntes Sommerfest mit lecker Essen, total relaxten Gästen und wild Rumgetanze.
    Mein Begräbnis werde ich ähnlich planen.
    Prinzipiell gehe ich zu keinem mehr gerne. Ich würde mal gerne auf eine Taufe gehen...ist das irgendwie besser ???

    23.08.2011, 21:37 von cosmokatze
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      @cosmokatze Du planst dein eigenes Begräbnis? Irgendwie sollen sich da bei mir lieber die Menschen, die mich gut kennen Gedanken machen.

      Naja, wenn man auf kreischende Kinder und vor Stolz triefende Eltern und Großeltern steht... ;)

      24.08.2011, 01:28 von nyx_nyx
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      @nyx_nyx Ich möchte meinen Liebsten eben nicht diese Planung hinterlassen,denn das sehe ich als zusätzliche Last an.
      Ich möchte auch nicht, dass sie viel Geld ausgeben oder zuviel organisieren. Daher werde ich das selbst in die Hand nehmen...bin halt ein Kontrollfreak bis zum Grabe.

      24.08.2011, 19:32 von cosmokatze
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      @cosmokatze Och, ich bin gern auch noch nach meinem Ableben ne Last! :D Nee, die wissen ja wie ich drauf bin, welche Einstellung ich zu Leben und Tod hab.. und sie wissen, wie ich am liebsten sterben und auch verabschiedet werden will. Daher isses ok, da muss ich nix planen. Und wenn sie dann doch das dringende Bedürfnis nach großem Tamtam haben, stört mich das auch nicht, da ich ja eh tot bin ^^

      24.08.2011, 19:38 von nyx_nyx
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    Ich mag überhaupt keine großen Feste. Und Hochzeitsfeiern finde ich meist verkrampft und aufgesetzt. Ich kann nicht auf Kommando in der passenden u. angemessenen Stimmung fröhlich und ausgelassen sein. Auch mit Champagner nicht.
    Traurig geht aber immer. Trotzdem mag ich Beerdigungen nicht lieber, aber sie entsprechen meiner Grundstimmung mehr, als so eine aufgetackelte, überdrehte Hochzeit.

    Ich kann dieses ganze Gedöns eh nicht ab. Und mit "verordneter Heiterkeit" an einem bestimmten Tag, hab ich Schwierigkeiten. Da ich nicht auf Knopfdruck lustig sein kann, fühle ich mich dann bedrängt, wenn die entsprechende heitere Stimmungslage - trotz Alkohol - nicht aufkommen will. Also tacker ich mir dann halt ein Dauerlächeln aufs Gesicht, was sehr ermüdend sein kann.
    Die Idee, beide Feste miteinander zu vergleichen, ist schon originell und ein bisschen böse, Frau Nyx. Trotzdem fehlt dem Text so ein richtiger Kracher... Vielleicht war's nicht böse genug. Oder der Spannungsbogen fehlte...
    So richtig zündet er bei mir nicht. Vielleicht war die Kleidungsthematik auch etwas zu langatmig.

    Aber diese beiden Stellen mochte ich gern:
    " und man wird nicht gefragt, ob man selbst auch vor hat zu sterben, wie man sich die Feier für einen selbst vorstellt und wann es so weit sein wird."
    "Ich hab bisher auch nie erlebt, dass ein Toter oder die Verbliebenen während der Feier entführt wurden und von anderen gesucht werden mussten."

    Das hat mich amüsiert.


    23.08.2011, 13:11 von Jackie_Grey
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    Erinnert mich irgendwie an »Vier Hochzeiten und ein Todesfall«, und der war auch nicht mein Fall. Für meinen (!) Geschmack lebt der Text einfach von zu vielen Klischees.

    Ps.: http://tinyurl.com/2xpyng

    23.08.2011, 04:08 von Blackend
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      @Blackend Soll er auch.
      Und ich liebe diesen Link! :)

      24.08.2011, 01:24 von nyx_nyx
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    titel und einführungssatz haben bei mir irgendwie zu hohe erwartungen an den text ausgelöst,....obwohl mir der vergleich beider "feierlichkeiten" gut gefällt
    zudem wird die frage beantwortet!ich glaube, ich weiß wo du dich wohler fühlst

    23.08.2011, 01:15 von gewinoh
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    Die letzte Hochzeit, auf der ich war, gestaltete sich so schauderhaft, so dass ich in meiner Verzweifelung nur Scheiße in das Gästebuch geschrieben habe, was mir später zum Vorwurf gemacht wurde, natürlich nur um die Ecke durch andere. Auf Beerdigungen habe ich mich manchmal wesentlich besser gefühlt.
    Die Idee zum Text gefällt mir vielleicht deshalb sehr gut. Jedenfalls hat er mich gut amüsiert.

    22.08.2011, 21:54 von Freydis
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    ich war auf hochzeiten, die so gnadenlos verkrampft und gräsig waren, da hätte ich lieber aus schierer verzweiflung geheult - die gute freundin, die "totaaaaal gut singen kann!" (warnung!) und ein entzetzliches "ave maria" singt und mit den höhen eben NICHT zurecht kommt und das kompensiert, indem sie einfach SCHREIT, die untereinander verfeindeten braut/bräutigam-eltern, die freunde, die plötzlich kackenspießig waren und spielchen inszeniert hatten, die selbst für 4jährige zu öde gewesen wären... schauderhaft.
    auf einer beerdigung musste ich dafür lachen, als ausgleich. wir saßen direkt unter der empore und waren eigentlich völli fertig mit den nerven - ein kollege hatte sich umgebracht, wir waren fassungslos.
    dann legte der organist los und die trauergemeinde sollte singen. da hat sich der organist verspielt, war völlig aus dem takt geraten und alle die konnten, sangen artig weiter. der organist spielte daraufhin einfach irgendwas. meine freundin saß in tränen aufgelöst neben mir un musste zeitgleich lachen und flüsterte, "der kann doch nicht einfach IRGENDWAS spielen!", dudel, flöt, tröt, völlige scheiße, alle sangen stur weiter und ich, ich hab vor lachen geheult. das war phantastisch. ich durfte nur niemanden angucken. dann hätte ich geschrien vor lachen.

    22.08.2011, 17:48 von lavish
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      @lavish Vor allem ist das Ave Maria ja auch eher kein Lied für Hochzeiten, sondern eher für Beerdigungen.
      Eine Freundin, welche auch auf Hochzeiten singt, hat mich diesbezüglich mal aufgeklärt. Sie mag das nur dann, wenn es unbedingt gewünscht ist, auf Hochzeiten singen.

      22.08.2011, 19:31 von topfbluemchen
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      @topfbluemchen Für Beerdigungen?
      Aber doch nur, weil es bei Winnetous Tod gesungen wird...

      Ansonsten ist das doch 'nur' anlassunabhängige Marienverehrung...

      Odr?

      23.08.2011, 10:55 von sailor
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      @sailor Keine Ahnung, ich bin weder kirchlich, noch lateinsprachlich nicht so bewandert.
      Ich muss mich da auf das verlassen, was mir erzählt wird. Hätte sie mir gesagt, das wird nur zum Äppelverkauf auf´m Markt gesungen; ich hätt´s auch geglaubt.^^
      ;D

      23.08.2011, 21:41 von topfbluemchen
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    Was Probleme einige Leute haben wenn Menschen sterben... O.o
    Dieser Text ist irgendwie übertrieben oberflächlich, wie ich finde.

    22.08.2011, 17:18 von Staubie
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      @Staubie ich auch.

      23.08.2011, 01:18 von LudwigMartin
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