Mariki 10.12.2008, 12:37 Uhr 48 58

Hirnschwanger

Ich wollte nie Kinder. Jetzt bin ich plötzlich eine tickende Hormonbombe, die jederzeit in die Luft gehen kann.

Vor Jahren habe ich im Fernsehen eine Dokumentation über ein Experiment gesehen, bei dem die Hirnströme von Frauen gemessen wurden, während sie sich Bilder von Babys, frisch geworfenen Kätzchen oder winzigen Eisbären anschauten. Das Ergebnis war faszinierend: Die Hormone in den Frauenhirnen reagierten, von der Natur perfekt programmiert, auf das Kindchenschema Auge, Auge, Nase, Mund – die Frauen hatten keine willenskräftige Macht, diese Reaktion zu beeinflussen. Ich grinste ein bisschen höhnisch, sie kamen mir vor wie Affen.

Jetzt bin ich selbst ein Affe geworden.

Ich sitze im Zug nach Wien, an einer Haltestelle irgendwo zwischen dem einen Ort und dem anderen steigen Vater, Mutter, Kind ein, eine Familie. Das Mädchen ist vielleicht zwei Jahre alt, drei blonde Locken fallen ihr in die Stirn, sie stellt sich auf die Sitzbank, sieht mich an, sie gluckst ein bisschen, und dann passiert es. Ihre winterblauen Augen fangen mich ein, halten meinen Blick, und ich kann fast spüren, wie es in mir zu rauschen beginnt, wie in meinem Hirn die kleinen Türen, die ich so lange eisern versperrt habe, aufbrechen und die Hormone eine wilde Fahrt durch mich, mein Blut, meine Gedanken beginnen. Das Entsetzen fällt mir aus dem Gesicht, es ist so weit, ich verliere meine Willenskraft und werde ein Opfer der Evolution, zum ersten Mal formt sich in mir so laut, dass selbst ich es hören kann, der Gedanke Ich will auch eins. Verflucht.

Über Nacht und von mir in der Dunkelheit unbemerkt, ich lag schlafend und war für einen Moment nicht wachsam genug, hat sich ein Gefühl in mich geschlichen, das jetzt an einer Stelle sitzt, sie ausfüllt und immer größer wird, an der vorher nichts war als ein leerer Fleck. Ich spüre, wie es mich verschiebt und verändert, und ich finde diese Erkenntnis beängstigend. Wenn ich nicht mehr der Mensch bin, für den ich mich halte, worauf kann ich mich denn dann noch verlassen in dieser elenden Welt mit ihren scharfen Kanten? Ich fühle mich fremdgesteuert und manipuliert. Die Natur trickst mich aus. Zeigt sich denn jetzt, dass ich wirklich erbärmlicherweise nichts anderes bin als ein Muttertier?

Ich wollte nie Kinder. Als ich 15 war und meine Eltern einander verloren, hat sich mir unauslöschlich ins Bewusstsein gebrannt, dass ich nie, niemals, denselben Fehler machen darf: eine Familie zu gründen. Denn ich war überzeugt davon, dass dies unweigerlich bedeuten würde, dass ich eines Tages vor meinen Kindern stehen müsste, die mir vertrauen, die mir die Hand entgegenstrecken, und dass ich ihnen mit einem gezielten Schlag den Boden unter den Füßen zertrümmern würde, weil es keine Sicherheit gibt, weil es kein stabiles Zuhause gibt, keine Liebe, die für immer hält. Menschen, die einem vertrauen, darf man nicht in einen solchen Scherbenhaufen werfen. Ich legte ein großes, dunkles Tuch über alle meine Zukunftspläne und ließ sie versteinern.
Wenn andere Frauen beim Anblick eines sabbernden, greinenden Kindes verzückt zu hyperventilieren begannen, Oooh, oooh, ich will auch eins, bekam ich eine angewiderte Gänsehaut. Die mich schützte in all den Jahren.

Die Liebe fand mich, obwohl ich mich gut versteckte, sie ließ ihn, den einen, hervorstechen aus der Menge der Menschheit, ein Mondschimmer fiel auf ihn und erhaschte meine Aufmerksamkeit, es war nur ein Augenblick, aber er funkelte. In ihm steckte ein Kind, das so gebrannt war wie meines, wir lachten einander an und sprangen auf unser gemeinsames Boot, wir traten unbekümmert die Reise an und umschifften alle Gedanken an die Zukunft. Das Wort Hochzeit kam mir nicht ins Haus, und wenn die Rede auf Kinder schwenkte, ging er aus dem Zimmer, weil das Tabu zwischen uns so schwer wog und wir uns nicht damit beschäftigen wollten.
Das war vor sieben Jahren. Aus unserem Motto „Nichts ist für immer“ hat die Liebe ein so starkes Band geflochten, dass nicht einmal wir es noch übersehen könnten.
Und jetzt? Jetzt stehen wir da, wundern uns, dass wir immer noch zusammen sind, und all die unsichtbaren Themen, die uns schon so lange aufgelauert haben, springen uns hinterrücks an, Wohnungskauf, Eigenheim, Bausparer, Sicherheit, Heiraten. Als er mich ansieht und mir sagt, dass er denkt, dass ich eine liebevolle Mutter sein werde, fange ich an zu weinen. Ich bin immer noch dieselbe, aber ich entdecke ein fremdes Ich in mir.
Vielleicht ist es wahr, dass auch versteinerte Wünsche eines Tages aufbrechen können.

Ich verliere mich in meinen Zweifeln und habe keinen Umgang mit meinen neuen, unerwarteten Gefühlen gelernt, ich weiß, dass ich mich besser hätte vorbereiten müssen, aber ich war zu beschäftigt mit dem Wegschauen. Deshalb stehe ich plötzlich außerhalb des Kreises von Frauen, die seit Jahren kinderliebe Gedanken hegen und pflegen, Was hast du eigentlich für ein Problem, fragen sie mich, sie verstehen nicht, dass alle, alle Gedanken, die es zu diesem Thema gibt, auf einmal gleichzeitig auf mich einstürmen, Woher soll ich jemals wissen, wann der richtige Zeitpunkt ist, Was, wenn mein Kind mich nicht mag, Was, wenn ich es plötzlich fallen lasse, Wie, verdammt noch mal, wird man eine gute Mutter, dass ein Damm gebrochen ist und ich verblüfft rudernd nach Luft schnappe. Für sie alle ist es einfach normal, schlicht und ergreifend normal, an die Liebe zu glauben, an die Familie, an das Heiraten und an Kinder, mir scheint, dass alle diesem Weg zielstrebig folgen und nur ich ständig in jeder Kurve stehen bleibe, weil ich erst weitergehen kann, wenn ich den Drang, umzukehren und schreiend davonzurennen, wieder mit hilfloser Gewalt unterdrückt habe.

Ich starre das Mädchen an, es steckt zwei Finger in den Mund, lutscht daran und streckt sie mir mit einem selig strahlenden Lächeln entgegen, es lacht, wie nur Kinder lachen, die das Leben noch nicht geohrfeigt hat, und ich merke, wie ich innerlich zittere, weil ich mich zum ersten Mal frage, wie es sich anfühlen wird, eine Mutter zu sein, wie es sich anhören könnte, wenn jemand, den ich nicht kenne, Mama zu mir sagt, wie es aussehen wird, wenn meine Hände eine ungekannte Funktion übernehmen und ich ein Kind durchs Leben führe oder zwei. Ich habe keine Antwort. Ich kann mich selbst nicht als Mutter sehen, ich bin blind für dieses Zukunftsbild. Und mir wird klar, dass mein Kind der erste Mensch sein könnte, dessen Meinung über mich mir wichtig ist.

Während der Zug weiterrattert und das kleine Mädchen auf den Schoß seiner Mutter klettert, die so entspannt aussieht und ihrem Kind einen sanften Kuss auf die Stirn drückt, begreife ich, dass ich eine elendige Angst habe. Stinknormale, bittere, verfickte Angst. Angst vor der Verantwortung, für ein Kind zu sorgen und sein Leben nicht zu zerstören. Die Zukunft, die ich immer ausgeblendet habe wie den schlechten Schluss eines Films, steht jetzt groß und schillernd vor mir und verlangt von mir, mich endlich mit ihr auseinander zu setzen. Was ich tun werde. Denn wie jede Angst ist auch diese nur dazu da, um überwunden zu werden.
Es wird Zeit brauchen, natürlich, weil alles Zeit braucht, das Schlechte und das Gute, ich werde die Gedankenflut langsam besänftigen und ordnen, ich werde an alles denken, was schief gehen kann, und an alles, was gut gehen wird. Und dann werde ich irgendwann den Mut finden, weiterzugehen, um die nächste Kurve zu schauen und mich einzulassen auf das Abenteuer, das dort auf mich wartet. Und auch wenn es mir so unendlich schwer fällt, werde ich versuchen, zu glauben, dass er, der eine, dann immer noch neben mir gehen und meine Hand halten wird. Und die unserer Kinder.

Ich lehne mich zurück und sehe der Landschaft aus dem Zugfenster beim Vorbeifliegen zu. Ich muss ein bisschen grinsen, weil ich so affig bin und mir zwei Tränen auf die Wangen fallen. Scheißhormone.
Wir kämpfen miteinander, die Natur und ich, aber es ist mehr ein wildes Scharmützel als eine verzweifelte Schlacht, weil wir beide wissen, dass ich eines Tages, vielleicht sogar schon bald, aufhören werde, mich zu wehren – und die Pille zu nehmen."Wichtige Links zu diesem Text"
Stefs wundervolle Illustration zu diesem Artikel.

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48 Antworten

Kommentare

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    sehr gut geschrieben. wahnsinn

    02.08.2010, 10:44 von nana-o
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    der Text ist ja fast ein Jahr alt.
    Darf ich raten, immer noch nur hinrschwanger? :-)

    15.06.2010, 14:50 von BWLAllergiker
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    Ganz genauso hätte ich meine Situation beschrieben. Und dann brach vor ca. 16 Monaten meine Welt von jetzt auf gleich zusammen... Test positiv. Hiiiilfe. Mein Leben rauschte an mir vorbei. Verfluchter Mist, wieso passiert ausgerechnet mir das? Ich wollte nie Kinder. Hielt mich zudem für viel zu egoistisch und dachte, das Kinder kriegen lieber anderen zu überlassen. Bis dahin wußte ich nicht, das man sooo viele Tränen in sich trägt. Die Hormone drehten noch mehr durch als sonst und irgendwann im Laufe des sehr schnell wachsenden Bauches wurde aus dem negativen Gefühl tatsächlich etwas neutrales. Und seit dem 27.09. 09 ein absolut positives! Irgendwo hat es sicher auch in mir geschlummert... dieser Wunsch. Manchmal überrumpelt einen das Glück. Auch wenn man es nicht sofort merkt und das ist phantastisch!

    14.02.2010, 20:34 von Alm-Heidi
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    Kann mit dem Thema nichts anfangen als Mann, aber er gefällt mir trotzdem gut. Sowas ist selten bei mir.

    14.01.2010, 22:26 von Fensterblick
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    Super Artikel. Interessantes Thema.

    13.10.2009, 23:30 von fialein
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    Bei Hundebabys oder allgemein Tierbabys geh ich total ab. Aber damals bei dem Psychotest, als sie mir das Bild eines schlecht gemalten Babys, eines grusligen Teddys und einer klapprigen Lulatschholzpuppe zeigten, fand ich letzeres am süßesten. Das spricht wohl für sich!!

    Der Text ist super. Ich hoffe nur, dass es mir erst dann so wie dir ergeht, wenn meine Eierstöcke bereits abgestorben sind^^

    11.05.2009, 17:40 von sun-chan87
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    sehr guter text!
    ich gehöre zu den frauen,die schon immer kinder wollten...
    ich habe meinen sohn zwar etwas früh bekommen,aber habe es nie bereut...
    jetzt höre ich langsam meine uhr schlagen für ein zweites...
    sagete ich langsam?nein sie hämmert mir fast täglich in der brust...

    tu es,bekomme ein kind,du wirst es sonst bereuen...

    22.04.2009, 12:16 von benedictsmutter
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    manoman, guter text, so treffend. schön, dass es auch anderen so geht.

    06.01.2009, 16:57 von _margiethunderstorm_
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    Sehr gut geschrieben und ich kann mich in diesem Text wieder finden.
    Es ging mir genauso, nur mit dem kleinen Unterschied, dass ich schwanger bin.
    Doch eins ist bei mir immer noch geblieben, dieses übertriebene Mama sein, dass geht garnicht. Ich grinse, trotz wachsendem Bauch, noch immer keine fremden Kinder an und fange auch nicht an in Kinderwägen Babygebrabbel reinzuschaffeln.

    04.01.2009, 20:32 von Minimie
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      @Minimie Sehr schöner Text,

      aber was ist schlimm daran, fremde kinder anzugrinsen??? Das Tu' ich immer noch, obwohl meine Kinder 10 & 14 sind ... OK, das mit dem Gebrabbel ist bescheuert.

      05.01.2009, 11:20 von ZickenPapa
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    toller text !! :-)

    30.12.2008, 20:44 von Leea
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