Herzscheiße
Ich sitze am Flughafen und bin froh, dass Nebensaison ist, so bleiben mir die betrunkenen Kegelvereinausflügler erspart. Um mich herum Rentner, die Männer haben die Flugtickets in ihren Brusttaschen, die Frauen versuchen auch noch den letzten Sonnenstrahl auszunutzen und recken ihre Gesichter in die Sonne. Vor der Glaswand steht eine Frau, ernst und heftig blinzelnd, das Kinn nach oben gestreckt, blickt sie in die entgegengesetzte Richtung der Kamera, die ihr Mann auf sie hält. Ich brauche das Bild nicht zu sehen, um zu wissen, dass es gnadenlos überbelichtet ist. Ein Trupp aufgescheuchter Damen kommt anmarschiert und bricht in leichte Panik aus, ob sie wohl auch am richtigen Gate sind und entscheiden sich dann dafür, sich auf die Plastiksitze zu quetschen. Meine Hand umklammert das Schneckenhaus und Funny van Dannen singt dazu über Herzscheiße, während alle Umstehenden glücklicherweise zu beschäftigt sind, um zu bemerken, dass da Tränen in meinen Augen sind.
Noch gestern standen wir am Meer. Wie jeden Tag die letzte Woche. Stundenlang. Ich erzählte, dass das Meer schon seit Millionen von Jahren versucht, den Strand zu fressen, dass es sein Maul aufreißt und den Strand verschlingen will. Klappt aber nie. Das Meer ist ein bisschen blöd. Aber schön.
Tagelang haben wir um die Wette Muscheln und Schneckenhäuser gesucht. Du hast gewonnen, haushoch, dein Schneckenhaus war das schönste. Mit ernster Miene hast du es mir überreicht, deinen langen Zeigefinger wie Lehrer Lempel in die Luft gestreckt, eine Geste, die ich schon längst übernommen habe. Mit Fliegenfamilie, hast du gesagt.
Ich könnte morgen einfach nicht zum Flughafen gehen, dachte ich.
Du könntest morgen einfach nicht zum Flughafen gehen, sagtest du.
Sei nicht albern, sagte ich.
Wie ein Tsunami bracht die Erkenntnis über mich herein, dass ich am nächsten Tag gehen muss, keinen einzigen Gedanken hatte ich in der letzten Woche daran verschwendet. Dir erging es ähnlich, ich sah es deinen Augen an, die mich groß anblickten. Wir hatten uns der trügerischen Illusion hingegeben, dass es ewig so weitergehen würde. Innerhalb kürzester Zeit haben wir wieder in unseren alten Rhythmus gefunden, der Gleichklang unsere Gedanken erschreckt mich schon lange nicht mehr. Jedesmal, wenn ich dich nach vielen Wochen wieder sehe, habe ich Angst, dass sich etwas verändert haben könnte und stelle erleichtert fest, dass immer noch alles wie früher ist.
Einmal haben wir uns geküsst und am nächsten Tag das einzige Mal fürchterlich gestritten. Wir wohnten damals zusammen und wir standen im Bad über das Klo gebeugt und ich schrie dich an. Schrie, dass du wohl nie lernst das Klo richtig sauber zu putzen. So macht man das und so und so. Und dabei stocherte ich mit der Bürste im Klo rum, dass das Wasser nur so spritzte und du warst ganz still, hast den Kopf eingezogen, als fürchtetest du Schläge.
Es geht nicht, das wissen wir. Wenn wir zusammen sind, strebt mein ganzer Körper nach dir und doch fürchte ich mich zu sehr, dass etwas zerbrechen könnte, wenn wir uns berühren, bei jeder zufälligen Berührung zucken wir zusammen, als hätten wir uns verbrannt, unser Gespräch verstummt. Ich kenne deinen Körper, deine Bewegungen haben sich in mein Hirn eingebrannt. Oft haben wir uns ohne Scheu und unschuldig wie Kinder voreinander ausgezogen und sind ins kühle Nass gerannt. Wir wollen doch nur Freunde sein, beste Freunde, aber es gelingt uns einfach nicht. Unsere Geister haben wir schon längst in Einklang gebracht, aber unsere Körper wollen nicht folgen. Und das entspricht ganz unserer Natur, weil alles was man greifen und fassen kann, uns in seinem innersten Wesen unheimlich ist.
Seit Stunden schon lagen wir dicht aneinander, nur durch einen schmalen Spalt getrennt, so dass wir die Wärme des anderen spüren konnten. Du sprachst mit deiner Gitarre und ich konnte dir nicht in die Augen sehen, weil ich sonst in Tränen ausgebrochen wäre. Wenn es die richtigen Worte gäbe, würde ich sie dir sagen, Worte sind immer ungenügend, aber wenn es sie gäbe, würde ich sie vom Himmel pflücken und dir schenken. Ich wüsste dann, warum alle meine Beziehungen immer scheitern, warum keiner den Vergleich mit dir dauerhaft standhalten kann. Ich wüsste dann, warum ich die meisten Menschen nur für kurze Zeit in meiner Nähe ertrage, dich aber immer. Ich wüsste dann, wie ich das nennen soll, was größer ist als wir beide zusammen und doch in uns steckt.
Die Umrisse des Flughafens und der Rentner sind längst verschwommen, ich kann nur noch einzelne Lichtflecken ausmachen, als eine Stimme ertönt und ich einen Fuß vor den anderen setze, Schritt um Schritt, weg von dir, wie von fremder Hand gesteuert, bis ich schließlich im Flugzeug sitze, immer noch das Schneckenhaus fest in meiner Faust, es startet und ich versuche das Haus zu erkennen, in dem du wohnst, wissend, dass du auf dem Balkon stehst und mir nachsiehst.

Kommentare
eine Freundschaft zwischen Männern und Frauen ist unmöglich, einer verliebt sich eh immer.
12.08.2011, 21:30 von Claudia_PauliSehr schöner, trauriger Text, die Gefühle, die du beschreibst, kenne ich nur zuuuuuu gut :S
wunderschön :(
25.02.2011, 16:17 von aniuaniuwundervoll und doch so grausam für das Herz.
19.12.2010, 14:13 von lonelyheartsman kann das total gut nachempfinden, denn es ist so allgegenwärtig geschrieben.
und eine solche oder ähnliche situation kennen ja viele.
du hast es richtig gut geschafft, das in worte zu fassen. und zwar so, dass auch außenstehende sich super reinversetzen können.
das gelingt nicht jedem...
wow...
12.08.2010, 00:24 von sommersonnenfeeschöner text! traurig, aber nicht zu kitschig. gefällt mir gut!
20.07.2010, 19:43 von ka.tharina(und nur ganz klein geschrieben folgendes:
Ein Trupp aufgescheuchter Damen kommt anmarschiert und bricht in leichte Panik aus, ob sie wohl auch am richtigen Gate sind und entscheiden sich dann dafür, sich auf die Plastiksitze zu quetschen. -> Rückbezug stimmt nicht. --> Ein Trupp aufgescheuchter Damen kommt anmarschiert und bricht in leichte Panik aus, ob er wohl auch am richtigen Gate sei/ ist und entscheidet sich dann dafür, sich auf die Plastiksitze zu quetschen.
und
nicht "seit stunden" sondern für stunden/ stundenlang)
zauberhaft !
25.06.2010, 14:51 von MalekehDanke für diesen wunderschönen Text ..
13.01.2010, 11:52 von diedanneaaach:))
05.01.2010, 01:24 von wimpernwunschaaach:))
05.01.2010, 01:22 von wimpernwunsch