Hausaufgaben
Meine Psychoklempnerin hat gerade gesagt, ich soll flirten.
Das gibt sie mir als Hausaufgabe auf, nachdem ich ihr wild gestikulierend erklärt habe, dass Flirten für mich so einladend ist wie Schwimmen in einem Piranhabecken. Meine Therapeutin (ich mag das Wort doch lieber als alle anderen, die so nach Handwerkern für den Kopf klingen) zuckt mit dem Mundwinkel und fängt an, auf ihrem Notizblock zu kritzeln. Gut, dass sie sich amüsiert. Sie ist überrascht, dass ich so etwas sage, wo ich doch eine hübsche, smarte, erfolgreiche und charmante junge Frau sei, die so gar nicht schüchtern wirkt.
(WAS WEISS ICH DENN. GLAUBT MIR AUCH IMMER KEINER.)
Sie bittet mich, ihr genauer zu erklären, warum ich eigentlich ein unverfängliches Kennenlernen von Männern mit einer so gefährlichen Tätigkeit wie dem Schwimmen in einem Becken voller Raubfische vergleichen würde.
(WIE KANN MAN DAS DENN NICHT VERSTEHEN???)
Ich hole aus und setzte zu einem 10-Minuten-Monolog an: Darüber, dass es zuerst „Was hast-du-schon-zu-verlieren“-Flirten ist, aus dem aber schnell eine Verliebtheit werden kann, die dann möglicherweise in eine Art Obsession mündet, die dir den Schlaf und die Lebensenergie raubt oder aber noch viel schlimmer – in EINE LIEBESBEZIEHUNG oder !GOTT BEWAHRE! eine EHE! Mit KINDERN! Nicht dass ich das nicht will, nein, ich glaube nicht an so eine Möglichkeit. So etwas ist nicht für mich bestimmt, ich kann das nicht, ich bin nicht dafür programmiert, ich bin zu schwierig. Ich weiß nicht wie das geht, dieser Liebesscheiss. Sowas KANN nur nach hinten losgehen… Denn LIEBE oder EHE sind eh naturgemäß zum Scheitern verurteilt, dann leiden beide und schlimmstenfalls dann noch Kinder dazu, wenn das auch schon passiert ist. So gesehen, kann Flirten manchmal der erste Schritt sein, sich sein Leben komplett zu ruinieren.
(UND SIE BLENDET DIESE GEFAHR EINFACH AUS!!!)
Ich atme schwer ein und seufzend wieder aus und denke, ich hätte mich klar ausgedrückt, die Plausibilität ist nicht von der Hand zu weisen --- ich fühle mich, als hätte ich gerade einen mathematischen Beweis erbracht und schiebe fast ein „q.e.d.!“ hinterher, als ich merke, dass meine Therapeutin grinst. Sie sagt: „Wissen Sie, das klingt verrückt und absurd, was Sie da sagen. Genau WEIL es Ihnen so eine Angst macht, jemanden auch nur anzulächeln, sollten Sie genau das tun. Ich würde auch jedem, der Angst vor dem Fahrstuhl fahren hat, empfehlen, genau das zu tun. Also bitte gehen Sie los und flirten Sie ein bisschen... es geht darum, dass Sie in Übung bleiben, es ist ja nur kennenlernen. Ganz unverfänglich!“
Ich knirsche mit den Zähnen. Warum denken die alle, es wäre ganz einfach? Ist es nicht. Und selbstverständlich schon gar nicht. Dass man jemandem gefällt und derjenige dir dann auch noch. Es ist wie ein Sechser im Lotto, die Liebe zu finden, nur sind alle zu arrogant, es so zu sehen.
Ich ziehe meine XXL-Sonnenbrille auf, die ein bisschen was von der permanenten Unsicherheit in meinem Gesicht überdecken soll und stapfe aus der dunklen Erdgeschoss-Praxis in den nächsten Tag. Wieder ein Tag, an dem ich mir vornehme, ab heute ein bisschen was anders zu machen. Ich habe also eine Hausaufgabe zu nächster Woche aufbekommen. Ist lustig, so 7 Jahre nach der Schule. Wie flirtet man eigentlich, ich hab so was bewusst noch nie gemacht… wen kann ich da überhaupt fragen? Ach, warte mal, als ich zwölf war, hat meine Tante mir das mit dem Hingucken-aber-dann-wieder-Weggucken beigebracht und wie man dazu bekloppt mit den Wimpern klimpert. Das ist so was von nicht meins. Ich will mich nicht anbiedern. Das ist für mich genauso demütigend, wie wenn ich über einen Tierfilm zappe und darin ein Pavianweibchen einen so offensichtlich roten Arsch einladend in die Kamera streckt, dass ich vor lauter Fremdschämen meine Zehen nach innen einrolle.
Zum Glück muss ich erstmal 9 Stunden in die flirtresistente Zone BÜRO (nein, da gibts wahrlich nichts zu reißen), wo ich mich nicht mit den Hausaufgaben beschäftigen muss.
Später, am Abend, bin ich noch mit einer guten Freundin im Kreuzberg verabredet. Weil die verfluchte S-Bahn unregelmäßig fährt, nutzt die komplette Berliner Population die U-Bahn. Da kommt die nächste und ich sehe einige Gesichter, die gegen die Scheibe gepresst sind. Meine Güte, ist die gerammelt voll… aber ich bin – chronisch – spät dran, ich muss da mit! Ich quetsche mich also in die U1 Richtung Görli (da treffen wir uns) und der Mob schiebt mich durch den Waggon bis zur nächsten Stange, an der ich mich festhalten kann. Ich bekomme einen Ellbogen in die Rippen und könnte ausrasten --- bis mein Blick auf einen jungen Mann fällt, der direkt vor mir, oder besser gesagt: unter mir einen Sitzplatz erhascht hat.
Was ein süßer Piranha. Locken hat er… so wuschelige Wellen, keine Telefonkabel. Lässig-breitbeinig sitzt er, sehr einladend. Weiße Stöpsel in den Ohren, er wippt mit dem Kopf zur Musik mit und lächelt leicht dabei. Und ich muss über sein Lächeln lächeln. Wie süß das ist!!! Er schaut zu mir hoch und bemerkt meinen Blick.
(OH GOTT ER HAT ES GESEHEN!)
Ich schiele sofort zu einem Aufkleber hoch, auf dem Steht „Jesus rettet dich!“ Na aber was soll der denn jetzt bitte machen? Der Lockenkopf hat gesehen, dass ich ihn angestarrt hab und ich kann nichtmal weglaufen, weil ich zwischen Menschen gepfercht bin in einem fahrenden Zug!
(DENK AN DEINE HAUSAUFGABE…)
Der Lockenkopf hat haselnussbraune Augen, deren Iris bernsteingelb gesprenkelt ist. Eine Offenbarung! Ich bemerke einen putzigen Pickel an seiner Nase und muss innerlich kichern, weil ich gerade genau so einen und noch an der gleichen Stelle habe. Etwas durchzuckt mich, als unsere Blicke sich wieder treffen. Mein Magen kitzelt und hüpft kurz.
(WAAAAAAAAHHIIILLLFE!)
Ich drehe mich sofort wieder zu der türkischen Mutti mit ihren zwei Kindern rechts von mir um und tue cool. Und beschäftigt. Ist klar. Natürlich muss ich jetzt gerade nachsehen, ob meine Nägel splittern, ob der Handy-Akku noch lange hält, ob ich nen Fleck am Schuh hab und ob der Jesus-Aufkleber noch da ist. Mein Blick spielt Squash. Ich sitze in der Falle.
Wie war das? „Sie müssen auch lernen, Ihre Unsicherheit auch mal zuzulassen. Sie DÜRFEN unsicher sein, das sind wir alle! Wenn Sie weiter versuchen, das immer zu überspielen mit Sonnenbrillen in der U-Bahn, wirkt es immer bizarrer!“ Die Erinnerung an die Worte meiner THERAPEUTIN halten mich davon ab, die Sonnenbrille aufzusetzen, die in meinem Dékolletée hängt und an der ich schon herumfingere.
(OK. JETZT NOCHMAL: HINSEHEN UND NICHT VERKRAMPFEN!)
Langsam schaue ich wieder zum Lockenkopf runter und versuche, eine entspannte Stirn zu behalten. Der beißt schon nicht, sage ich mir. Er hat die Augen geschlossen und seufzt leise beim Ausatmen, weil der Song wohl grad zu Ende ist. Ohmeingottistdasumwerfend!!!
Die U-Bahn holpert. Der nächste Song auf seinem iPod beginnt und ich beuge mich lächelnd zu ihm runter. Ich MUSS wissen, was für Musik das ist! Weil er sowieso nichts hören würde, wenn ich ihn ansprechen würde, ziehe ich ihm langsam den Stöpsel aus seinem rechten Ohr und verankere ihn in meinem linken. Unsere Gesichter sind jetzt sehr nahe. Ich höre die Klänge von „Let there be love“ von Oasis (OASIS!!!) und sehe die Bernsteinsprenkel in seinen überraschten Augen. Was bleibt mir jetzt übrig als zu grinsen? --- ich sehe Lachfältchen um diese gesprenkelten Augen, er grinst auch. Die U-Bahn ruckelt und ich falle vornüber, verliere meine Tasche aus der Hand und mein Gleichgewicht und stütze mich unbeholfen an der Scheibe hinter ihm ab. Meine Wange berührt dabei seinen Kiefer und ein spiralförmiges kribbeliges Gefühl startet in meinem Gesicht und zieht wie ein Blitz durch die Brüste direkt in meinen Schoß. Oh wie gut er riecht! „Tut mir Leid…“ stammle ich. „Mir nicht!“ sagt er leise, nimmt mein Gesicht plötzlich in beide Hände und gibt mir einen langsamen, fragenden, warmen und elektrisierenden Kuss.
Die U-Bahn ruckelt. Ich stehe noch immer wie das Kaninchen vor der Schlange, er hört noch immer etwas offenbar Wunderschönes und Jesus rettet mich einfach nicht. Statt zu machen, hab ich geträumt und jetzt muss ich aussteigen! Scheisse!
(DU MUSST WENIGSTENS IRGEND ETWAS TUN!!!)
Schreit es in meinem Kopf. Bevor der Mob mich hinausschiebt, nehme ich meinen Mut zusammen, schaue ihm noch mal in seine interessiert dreinblickenden Bernstein-Haselnussaugen und zwinkere ihm mit beiden Augen unbeholfen zu. Bestimmt habe ich den Mund dabei zu einem versuchten Lächeln schief verzerrt. Nur weg hier, ich habs getan, ich habe INTERESSE SIGNALISIERT! Bitte türkische Mutti, schubs mich aus dieser Bahn, ich muss weg!
(!FANFAREN! DU HAST GEFLIRTET!)
Die U-Bahn-Türen hinter mir schlagen zu, ich hole tief Luft und sehe:
Ich bin eine Station zu früh ausgestiegen!!!

Kommentare
Hehe, I like :-) ...
10.01.2011, 09:24 von Dischihi hi hi...ich find den Text schön, und auch nachvollziehbar! Und das Ende ist sgar passend doppeldeutig :)
03.10.2010, 11:43 von topfbluemchenGenial!..:))
11.08.2010, 21:17 von Al_im_Waldlustig ;)
18.03.2010, 20:21 von ApuNahasschön das man mit solchen gefühlen nicht allein ist. kommt auch immer aufs gegenüber an. wenn man ein lockerer mensch ist ausser beim flirten, aber jemand daherkommt, total selbstbewusst und dich anflirtet ist das wieder was anderes. man reflektiert. wahrscheinlich sollte man öfters das hilflose mädchen spielen und den beschützerinstinkt wecken und den mut der kerle;) glaub mit dem alter werden wir gelassener
12.12.2009, 22:32 von PeffiHab mich auch köstlich amüsiert. Lustig geschrieben. Wäre aber nicht so, dass ich das Problem nicht kennen würde... ;)
03.12.2009, 17:32 von mixtapeapeSuper schön geschrieben - da macht das Lesen echt Spaß!!!!!!!!!!
25.11.2009, 14:50 von CaaamnSehr amüsant und toll geschrieben; die Klammersätze finde ich besonders originell!
27.10.2009, 14:11 von KatieMiddletonJa, da muss unbedingt Nachschub her. Damit die Lachmuskeln fit bleiben! :-)
@KatieMiddleton Dieser Text hat mir gut gefallen! Da melde ich mich auch endlich mal wieder zu Wort!
29.10.2009, 00:55 von FuexaIch habe mich ein wenig wiederkannt. Als 'Schlecht-Flirterin' habe ich mir auch schon oefter zu 'Uebungszwecken' solche Hausaufgaben gestellt. Ich habe festgestellt, dass U-Bahn Fahrten besonders gut geeignet sind. Kurz bevor man selber oder der andere aussteigt, kann man todesmutig ein Laecheln oder einen Kommentar riskieren, und muss keine "Konsequenzen" fuerchten! ;-)
Ja echt amüsant :D
26.10.2009, 19:34 von LilCookieAber dennoch nicht einfach... Ich fühle mit dir was das flirtproblem angeht ;)
sehr originell ;)
18.10.2009, 23:28 von M-eon2