ringerman 27.02.2009, 10:21 Uhr 41 34

Hände hoch!

Nicht zu empfehlen: Während der Mittagspause versehentlich für einen Bankräuber gehalten zu werden.

Mittagspause. Ich entziehe mich dem Job für ein Weilchen. Da meine Arbeitsstelle in der gastronomischen Dritten Welt liegt, bleibt mir nichts anderes übrig, als in den Wagen zu steigen und ein wenig weiter zu fahren. Hinter der Sparkasse im Viertel gibt's gute Parkplätze. Ich steige aus, bin gerade dabei das Auto abzuschließen als die Realität für mich die Ereigniskarte zieht.

Ein blau-silbernes Polizeimotorrad biegt um die Ecke. Die Blaulichter am Heck kreiseln. Der darauf sitzende Freund und Helfer sieht mich, sein Blick verharrt und er gibt Gas. Ich drehe den Schlüssel im Schloss des Wagens, als er direkt vor der Parklücke hält, vom Motorrad springt und ohne Verzögerung die Sicherungsschnalle seines Hüfthalfters aufklickt und die Waffe zieht.

„Hände hoch, hinlegen!“, brüllt er mir aus knapp vier Metern zu. Ich bin perplex und denke eine Millisekunde an Formate wie „Versteckte Kamera“ und blicke mich um. „Bitte was?“, entfährt es mir. „Hände hoch, hinlegen!!!“, wiederholt der Polizist. Hinter seinem Visier kann ich ihn nicht wirklich erkennen. Er sieht ein wenig aus, wie jemand im Raumanzug. „Das ist jetzt nicht wahr!?“, empöre ich mich, gleichzeitig verunsichert. „ICH RICHTE EINE WAFFE AUF SIE!!! LEISTEN SIE MEINEN ANWEISUNGEN FOLGE!!!“, brüllt er im Maximalton. Jetzt habe auch ich begriffen, dass es wohl besser ist, mich mal hinzulegen.

Mit einem Krachen landet der Kerl auf meinem Rücken. Die Hände biegt er mir auf den Rücken und ruft in die Gegend: „Hier!!! Hab' ihn!!!“ Ich habe nicht wirklich Angst, verstehe aber auch nicht, was gerade passiert. Die Ereignisse überschlagen sich. Eine unglaubliche Lärmkulisse entsteht. Über uns kreist ein Polizeihubschrauber. In kürzester Zeit bin ich von Uniformierten umstellt. „Gib' mal die Acht!“, schreit der Kerl, der auf mir sitzt. Schwer ist er. Meine Hände werde weiter zurückgebogen. An den Handgelenken tut es plötzlich weh. Ich höre das Klicken von Handschellen. Ich bin gefesselt. Jetzt regt sich der Widerstand. „Ey, was soll der Scheiß?“, gifte ich ihn an – mit dem Gesicht auf dem Boden.

„Hier wurde eine Bank überfallen. Vor ein paar Minuten. Ihre Beschreibung passt auf das Täterprofil“, ist die Erklärung, die ich kurz darauf erhalte. „Ich habe keine Bank überfallen. Ich. Mittagspause“, stottere ich. Sämtliche Spontaneität ist mir abhanden gekommen. „Jaja, das wird sich noch herausstellen.“, ist die lapidare Antwort. Mehre Hände fummeln in den Taschen meiner Jacke und Hose. „Haben Sie Waffen oder gefährliche Gegenstände bei sich?“, höre ich die Stimme einer weiblichen Polizistin. Ich schüttele den Kopf. „Nein“.

Mir kommt es vor als ob ich Stunden auf dem kalten sandigen Boden neben dem Auto gelegen habe, als ich aufstehen soll. Leichter gesagt als getan. Keine Hände mehr zum Abstützen. Im Knien richte ich mich auf. Hundert Meter weiter springt ein Kerl mit einer Filmkamera aus dem Auto, reißt die Kappe vorne ab und richtet das Ding auf mich. Mir sträuben sich die Haare. „Kann der Arsch abhauen. Ich habe keine Bank überfallen und will auch nicht in die Tagesschau!“, koffere ich den Polizisten an, der mich mit eisenhartem Griff an mein Auto gedrückt hält. Der schnarrt zurück: „Sie können sich ja umdrehen. Ich werden den Mann nicht an seiner Arbeit hindern.

Überall an den Fenstern stehen Leute. Bauarbeiter stehen auf dem Gerüst eines Neubaus. Sichtlich vergnügt, eine Abwechslung zur Mittagszeit zu erleben. Niemand spricht mit mir. Ich habe auch keine Fragen. Zwei Polizisten führen mich zu einem Streifenwagen. Mir wird der Kopf beim Einsteigen herunter gedrückt. Der Filmkameratyp versucht näher ranzukommen. Ich drehe mein Gesicht weg. Wir fahren los.

Im Wagen Stille. Während wir fahren, muss ich plötzlich loslachen. Der Polizist, der sich mit mir die Rückbank teilt, guckt mich fragend an. „Das ist total absurd.“, kichere ich ihn nervös an. „Ich weiss, ich habe keine Bank überfallen. Aber die Geschichte werde ich noch meinen Enkeln erzählen. Opa, der Bankräuber.“ Die Polizisten schweigen.

Auf der Wache ist alles anders als im Krimi. Mir werden keine Rechte vorgelesen. Ich darf keinen Anruf tätigen. In einer Kammer mit einem Tresen, hinter dem ein anderer Kollege sitzt, werden mir die Handschellen abgenommen. Nach und nach soll ich meine Klamotten ausziehen. Alle. Die Taschen werden gefilzt. Was drin ist, wird notiert und in eine Kiste gestopft. Meine Brille wird mir abgenommen. Mein Ehering auch. Das Geld im Portemonnaie gezählt. Als ich nur noch in Unterhose dastehe, soll ich die nach unten ziehen. Auch nichts wirklich Gefährliches drin. Ich wundere mich darüber, wie wenig ich fühle. Kein erhöhter Pulsschlag, kein Angstschweiß, aber auch keine Wut. Ich denke, in einer solchen Situation müssten die Emotionen hochkochen, aber ich fühle mich wie betäubt. Eine Unterschrift zur Bestätigung für die eingesammelten Gegenstände wird mir abgenommen. Ich darf Socken, Hose. T-Shirt und Pulli anziehen. Ein Polizist schießt mit einer kleinen Digitalkamera recht unprofessionell Fotos von mir.

„Und nun?“, frage ich. „Zelle“, antwortet einer der beiden umstehenden Polizisten einsilbig. „Alles Weitere später.“ Ein hoher Raum, groß genug, dass auf der einen Seite eine schmale Holzpritsche steht und Platz für zwei Leute zum Stehen ist. Die Tür klappt zu, Riegel werden vorgeschoben. An der Decke ist eine vergitterte Lampe eingelassen. Eine kleine Kamera ist in einer Ecke außer Reichweite angebracht. Auf der Pritsche liegt eine Filzdecke mit dem eingewobenen Schriftzug „Bund“. Ich lege mich hin und lasse das Vergangene Revue passieren. Entweder mir geht gar nichts durch den Kopf oder ich muss mich ausschütten vor Lachen, weil alles so bizarr ist. Merkwürdiger Weise döse ich ein.

Eine Stunde später öffnen die Beamten die Tür. „Wir werden Sie jetzt aus dem Gewahrsam entlassen. Der Verdacht hat sich nicht bestätigt“. Irgendwie verwundert mich das nicht. In der Kammer von vorhin darf ich ich die beschlagnahmten Klamotten und Gegenstände wieder bekommen. Neutral entschuldigt man sich. „Das ist so ein typischer Fall von 'Am falschen Ort zur falschen Zeit' gewesen. Sorry. Wir mussten so handeln“, erklärt man mir und bietet an, mich zu meinem Auto zurück zu fahren.

Der Bankräuber entkam mit 1100 Euro, lese ich am nächsten Tag. Das einzige Merkmal, das mich mit ihm verband, war eine schwarze Mütze. Während ich das schreibe, fangen meine Hände an zu zittern.

34

Diesen Text mochten auch

41 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    ich bin auch mal verhaftet worden - ebenfalls in der mittagspause...vielleicht schreibe ich auch mal ne story dazu...du hast das gefühlschaos im kopf super beschrieben - kompliment!

    11.03.2009, 12:40 von volltrottel
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Krass!

    Ich hätte versucht sie zu verklagen....auch wenn es nichts genützt hätte...höchstwahrscheinlich.

    04.03.2009, 22:34 von Blaumond
    • 0

      @Blaumond In dem Zeitungsbericht stand etwas davon, dass zwei Verdächtige irrtümlich festgenommen wurden. Hast du was von dem anderen mitbekommen? Auf jeden Fall krasse Geschichte. Ich wurde mal mit 12 Jahren mit einer Freundin bei Karstadt von den Kaufhausdetektiven abgeführt, weil ich angeblich einen Labello gestohlen hätte. War natürlich nicht so. Aber sie haben uns zuvor ca. eine 3/4 Stunde durch den Laden verfolgt. Und DAS kam mir schon damals wahnsinnig gemein und ungerecht vor, aber verglichen mit deiner Geschichte...

      09.03.2009, 13:30 von FrolleinC
    • 1

      @FrolleinC Hey Frollein C.,

      meinen anderen 'Kollegen' habe ich nicht kennen gelernt. Würde mich aber auch mal interessieren, wie's bei dem abgegangen ist.

      Lieben Gruß

      r.

      09.03.2009, 13:37 von ringerman
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ich find die geschichte ganz witzig (nix gefährliches in der hose lol )... und wie anständig die polizei dich behandelte.

    In anderen ländern dieser welt musst du knochentiefe angst haben wenn die polizei dich anschaut, zu dir hinkommt und dich anspricht - ein trinkgeld wollen sie, und vielleicht nehmen sie dich ein paar tage mit und jedem revierpolizisten fällt noch etwas ein wegen was man dich verdächtigen könnte...


    nur ein kleines beispiel, ich war zwei jahre in der med. entwicklungshilfe in peru.

    ein tages kam mein mitarbeiter totenbleich zum mittagessen, er erzählte eine situation... danach setzen wir uns vor die tür rauchten eine und starrten in die horizontlose weite.
    Denn es war so eine alltäglichkeit, niemand regt sich darüber auf, keine presse, kein anwalt, kein tara ...

    folgendes war die szene:
    er war im polizeirevier um irgendeine formalität zu erledigen
    da fuhr ein pickup der polizei vor, mit mehreren panischen jugendlichen drauf.
    ein polizist erzählte ihm was eben geschehen war:
    Eine Frau eines höheren Polizisten wurde überfallen, darauf fuhr sie mit den Polizisten die strasse entlang und zeigte auf eine bushaltestelle: dort sei der verbrecher.
    Die polizei fuhr sofort mit dem pickup vor, warf alle männlichen jugendlichen auf die laderampe...

    auf dem polizeirevier warfen sie alle in eine raum, wasser drüber und stromkabel dran.

    mein kollege wollte mir die schreie beschreiben...
    dann sei ein polizist rausgekommen, knöpfte sich die hose zu und meinte "scheisse, so ein dreck, einen müssen wir wegräumen der war zu schwach, aber keiner will der gangster sein, warten wir noch ein paar tage..."

    so weit zum alltag in andern ländern...
    ähnliche geschichte: festnahme auf verdacht, behandlung durch polizisten etc...
    das viel mir dazu ein....

    03.03.2009, 05:56 von sodele_67
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Oh Mann wie krass.
    Mehr fällt mir dazu garnicht ein.
    Lustig oder Ärmlich? Ich hab keine Ahnung.
    An deiner Stelle wäre ich fassungslos und mit mir selbst redend in der Zelle gehockt =D

    02.03.2009, 10:34 von Bathory
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Nachgereichte Infos:

    1. Diese Geschichte ist wahr
    2. Schmerzensgeld ist nicht, weil ich im rein rechtlichen Sinne weder gequält oder misshandelt wurde.
    3. Das wirklich Irritierende im Nachhinein ist, wie es sich anfühlt, Bestandteil einer Prozedur zu werden, auf die ich – mit meinen sonst so breit gestreuten Fähigkeiten – überhaupt keinen Einfluss habe.
    4. Thx Leute für die Kommentare. Sie zeigen, dass eine solche Geschichte anscheinend sehr viele unterschiedliche Empfindungen auslösen kann.

    02.03.2009, 08:20 von ringerman
    • 1

      @ringerman Wahre Geschichten sind immer die unglaublichsten. Niemand kann sich, glaube ich, vorstellen, wie er in so einer Situation reagiert und ob man sich mit seiner Reaktionsweise noch zusätzlich verdächtig macht. Während einen die Kamera aus der Bankfiliale noch entlasten mag, tut die in der Zelle vielleicht gerade das Gegenteil.
      Man stelle sich vor, es gibt niemanden, der den eigentlichen Täter wirklich gesehen hat. Ein Bankräuber kommt zwar auch nicht mit der Bewerbungsmappe in die Bankfiliale, aber er wird zumindest gesehen.
      Wenn sie Dich schnappen, weil deine Schuhsolen und Dein Gewicht zu irgendwelchen Spuren im Wald passen, biste erst recht im Eimer. Dann kann es eine Woche dauern, bis der Herr Gutachter sich bequemt, Dich eher unter die unwahrscheinlichen Täter zu mischen. Also immer schön in der Gruppe bleiben und Tagebuch schreiben, damit das Alibi stets so stichhaltig ist, wie es der Rechtsstaat fordern darf.
      Wenn man sich überlegt, was man behördlich und juristisch für eine Rolle spielt in einem Land, das solche "Apparate" hat, dann verändert das die Persönlichkeit zwingend - und das muss nicht bedeuten, dass man dadurch gegenüber den Apparaten immun wird.
      Sei schlau, bleib dumm! Dann kann Dein Leben in Ruhe verlaufen.
      Wer sich die Platte "Was mach ich wenn..." schon mal reingezogen hat, weiß schon zu viel, um sich wirklich unauffällig zu verhalten.
      Lachen muss nicht unbedingt gut sein in so einem Moment. Den Humor des Waffennarrs durchdringt man ebenso unwahrscheinlich wie den eines wirklich bösen Unholds.
      Drah Di ned um, der Kommissar geht um!

      06.03.2009, 23:54 von Memodorant
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    N1 n1 n1, Erzählweise, Ironie, lesefluss, einfach ein ein geschenk der glückseeligkeit beim durchlesen.
    Zum glück hab ich selber noch nichts dergleichen erlebt, aber auch nichts was mein bild von der polizei positiver gestallten würde. Ich wäre schon bei den handschellen völlig ausgerastet, da ich selber ein ziemlich ausgeprägtes gefühl für fairness inne habe.
    Hut ab das man sich in einer derartiges situation nicht hinreißen lässt.

    01.03.2009, 14:15 von Mewkew
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Himmel, letzte Nacht selber noch gefühlt wie in einem schlechten Krimifilm, heute so ne Geschichte auf der Startseite... Zeichen? ;-)
    Gut geschrieben und berechtigt auf der Startseite! Gibt ne Empfehlung... weiter so!

    28.02.2009, 12:15 von Riku_Hana
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3 4 5 ... 5