schimmern 04.04.2008, 00:07 Uhr 79 96

Ha. Ha. Heimkind.

Du bist dankbar. Für dein Leben, wie du es jetzt leben kannst. Das war nicht immer so.

»Wieviel kostet das?«
»Eine Mark. Alles eine Mark«
»Achso. Das hier auch?
»Ja, alles eine Mark. Wenn du für fünf Mark kaufst, bekommst du eine sechste Sache gratis.«
»Hm. Ich schau mal weiter. Bis Montag in der Schule, dann«

Und sie zieht kichernd weiter, ihre beste Freundin untergehakt.
Die Tochter vom Rektor. Du wirst in der Schule furchtbar dafür ausgelacht werden.

Du sitzt auf dem Flohmarkt, seit Stunden schon im strömenden Regen. Nass bis auf die Haut, deine Hände gleichen mehr der einer uralten Frau als denen eines grade mal zwölfjährigen Mädchens. Ausgebreitet auf einer Wolldecke vor dir liegen deine Habseligkeiten, alles was du irgendwie entbehren konntest. Es sind eine Menge Dinge dabei, die du eigentlich sehr gern hast, aber du verkaufst sie lieber. Besser, keine Spielsachen zu besitzen, als blaue Flecken zu bekommen. Du hast dir vorgenommen, wenigstens 15 Mark zu verdienen. 15 Mark sind drei Schachteln Zigaretten. Sechzig Zigaretten bedeuten eine Menge Schutz für dich. Mindestens zwei Tage. Alle halbe Stunde kommen ein oder zwei der Kinder aus dem Heim, in dem du wohnst, und schauen nach, ob du schon was eingenommen hast. Du hast zu viel Angst davor, sie zu belügen und die Frage nach Geld zu verneinen, also gibst du ihnen die paar Mark, die du hast. Sie hätten es dir sonst mit Gewalt abgenommen, keine Frage.

Du überlegst still, ob du zu Hause vielleicht noch etwas findest, das sich zu Geld machen lässt. Schrecklich viel Spielzeug greifst du nicht ab. Du hast keine Eltern oder Verwandten, die sich um dich scheren, und Weihnachten und Geburtstag sind nur zwei von 365 langen Tagen. Das Taschengeld, falls du es bekommst und es dir nicht abgezogen wurde, weil du beim Rauchen erwischt wurdest, reicht auch hinten und vorne nicht. Das Geld das du bekommst, setzt du sofort wieder in Zigaretten um. Die allerwenigsten davon rauchst du selbst. Zigaretten zu haben bedeutet körperliche Unversehrtheit. Dein ganzes Leben dreht sich darum.

Du hast mal versucht, einen kleinen Job zu bekommen. Aber Heimkinder nimmt niemand. Die klauen. Was ja auch durchaus stimmt. Hinterfragt hat das nie jemand. Genauso wenig, wie irgendein Erzieher auf die Idee kommen würde, dir oder einem anderen Kind Hilfe anzubieten, wenn es darum geht, mit dem Rauchen aufzuhören. Taschengeldabzug oder andere Sanktionen müssen da reichen. Du warst dir für nichts zu schade. Hauptsache war, irgendwie anerkannt zu werden. Oder wenigstens deine Ruhe zu haben. Du hast sogar mal den größten und aggressivsten Jungen angeboten, dich einmal sofort richtig zu verprügeln, damit sie dich dann für eine oder zwei Wochen verschonen. Verprügelt haben sie dich natürlich, gerne. Die Ruhe danach währte drei Tage. Danach wurden sie wieder unruhig, und du standst wieder vor der Wahl: Zigaretten klauen oder Haue.

Du hast enorme Strecken auf dich genommen, du hattest irgendwann in allen umliegenden Läden Hausverbot. Ganze Nachmittage hast du in Supermärkten verbracht, bekleidet in viel zu großen Klamotten, weil da mehr reinging. Wie du aussahst war dir egal. Heimkinder sind modisch selten up to date, du hattest auch noch das Pech die Jüngste von allen zu sein, und Erzieher zu haben, die wollten das du altersgemäß rumläufst. In Wahrheit hast du ausgesehen wie der letzte Penner. Die Hosen immer zu kurz, die Pullover an den æraquo;rmeln zerfressen (an den æraquo;rmeln kauen war eine deiner vielen nervösen Angewohnheiten) und sowieso. Kein Wunder das du keine Eltern hast, so hässlich wie du bist. Du hast dir angewöhnt, mitzulachen. Tränen hätten nur wieder Schläge der anderen Kinder bedeutet, und Lachen hilft, wenn einem das Heulen unterm Hals stehst.
Vergessen hast du das aber nicht.

Du hast nichts davon vergessen. Die Jungen und Mädchen, allesamt älter und stärker als du, die dich zur persona non grata gemacht haben. Einfach, weil du die Schwächere warst, noch dazu ohne Eltern, also auch ohne finanziell ergiebige Wochenenden, ohne Geschwister im Heim, die dich irgendwie unterstützten könnten. Die anderen. Sie wurden immer größer, immer stärker. Du wurdest klein und kleiner. Schwach und schwächer. Manchmal kam es dir so vor, als würden sie deine Lebenskraft in sich aufnehmen. Damit du ja nie erwachsen wirst, und sie alle immer einen Sündenbock haben. Einen, der sich nicht wehren kann.

Du hast zwar Geschwister, einen ganzen Haufen sogar, aber wo die sind, das weißt du nicht. Und auch nicht, warum der Kontakt zu ihnen etwas Schlechtes sein soll. Noch dazu warst du intelligent. Und wurdest von deinen Erziehern gefördert. Musikunterricht, Sportvereine, das ganze Programm. Das hat dir keine Anerkennung bei den anderen Kindern gebracht, es hat ihren Hass gegen dich nur noch mehr geschürt. Du hast angefangen, die Musikstunden zu schwänzen, einfach um sagen zu können »Ach, die können mich mal! Ich geh nicht zum Klarinettenunterricht!« Jede Stunde Einzelunterricht in der du nicht erschienen bist, kam raus. Das machte jedes Mal 30 Mark Taschengeldabzug. Was auch sonst. Hinterfragen lohnt nicht. Dann gehst du eben weiter klauen.

Du hast angefangen, mit Absicht schlechte Noten zu schreiben, einfach um das Stigma »Realschule« loszuwerden. Wenigstens auf die Hauptschule wolltest du kommen. Da waren eh die cooleren Kinder. Mit denen wollte auch keiner was zu tun haben. Also haben sie sich mit den Heimkindern zusammengeschlossen. Jede Eins, die du geschrieben hast, in Englisch und Deutsch war dir peinlich und rief Panik hervor. Du wusstest ja, was dir dann blühte.
»Der Streberin, der hauen wir mal eine rein!« Die Einsen kamen immer raus, weil dich Kinder aus deinem Haus immer verpfiffen haben, wenn du gelobt wurdest. Aber in den Fächern konntest du einfach nicht schlecht werden. Du mochtest deine Deutschlehrerin so sehr.

Du hattest viel Hausarrest. Besonders, wenn du mal wieder deine Stunden beim Psychologen nicht wahrgenommen hast. Hausarrest bedeutete Schutz, aber auch Angst davor, was die anderen sich jetzt wieder gegen dich ausdenken. Der Psychologe hat immer nur gefragt »Warum bist du hier?« und deine einzige Antwort darauf war »Wegen meiner Mutter.«
Das war ihm nie Antwort genug. Du hast sein Bohren gehasst. Heute weißt du, dass du nichts für deine heroinsüchtige Mutter kannst. Heute weißt du auch, das sie ein paar Jahre lang in einem Gefängnis gesessen hat, das von deinem Kinderheim ungefähr 10 Minuten Fußweg entfernt lag. Nie hat dir das jemand erzählt.
Das macht dich heute noch verrückt.
Du hast deine Eltern vermisst, obwohl du sie kaum kanntest. Und du hast sie gehasst, abgrundtief, weil sie dir schließlich die Suppe eingebrockt hatten. Auslöffeln musstest du sie. Alleine. Ganz alleine.

Du hast deine Wut an den jüngeren Kindern in deiner Gruppe ausgelassen. Man kann nur nach unten treten. Heute kannst du dein Verhalten besser reflektieren, auch wenn es dir alles schrecklich leid tut.

Irgendwann bist du weggelaufen. Du warst schon öfter mal auf Trebe. Auch das hatte viel mit Profilierung zu tun. Du wolltest eigentlich nicht, dass sich jemand Sorgen um dich macht. Du hast dir auch überhaupt nicht vorstellen können, dass sich jemand um dich sorgt. Die Hässliche. Die Aggressive. Die Böse. Du hast bei wildfremden Männern in Soziawohnungen übernachtet, bei Abschaum, Alkoholikern. Dass dir dabei kaum etwas passiert ist, war reines Glück.

Du bist irgendwann nach der Schule einfach in den Bus in die nächst größere Stadt gestiegen. Das war kurz nachdem sich die Kinder ein neues Spiel für dich überlegt haben, eines das dich unsagbar gequält hat. Nicht lange zuvor hatten sie dir beim Zelten die Haare abrasiert. Du bist wochenlang mit einer Tonsur rumgelaufen und hast dich schrecklich dafür geschämt. In deiner Gruppe gab es bloß æraquo;rger wegen dem Unsinn. Du hast erzählt, dass du Kaugummi in den Haaren hattest. Jetzt also ein neues Spiel. Das lag bloß an dem Lob der blöden Musiklehrerin, die während der Pause, als du bei den anderen standest, den Vorschlag gemacht hat, dass du doch im Chor mitsingen könntest. So ein Talent!

Das haben sie natürlich mitbekommen, Ohren wie Satellitenschüsseln.

Also haben sie dich an einem Nachmittag am Waldeingang abgefangen. Du musstest dich auf eine Mauer setzen.
»Sing!«
Du hast dich geweigert.
»Entweder du singst oder es passiert was!«

Also hast du angefangen zu singen. Mit zitternder Stimme. Währenddessen wurdest du angespuckt und mit Steinen beworfen. Du hast angefangen zu weinen. Dafür gab es Backpfeifen. Du bist von der Mauer gefallen, hast dir die Knie aufgeschlagen. Dein Kleid ging kaputt. Das würde auch zu Hause noch æraquo;rger geben. Sie haben dich wieder auf die Mauer gesetzt, und du musstest weitersingen. Die Kinder wurden immer mehr. Es hatte sich ein Halbkreis um dich herum gebildet. Zwei Jungen standen links und rechts von dir, damit du ja nicht abhaust. Du konntest sehr schnell rennen. Du musstest weitermachen. Alberne Kinderlieder singen. Alle meine Entchen. Sie haben gelacht, gespuckt und mit kleinen Steinen geworfen. Du hast den Schmerz nicht mehr gespürt, nur die Erniedrigung. Die hat sich kilometertief in dich eingebrannt. Stundenlang ging es so, bis es Zeit zum Abendessen war. Und sie in ihren Gruppen gefragt wurden, ob sie schön gespielt haben. Was sie alle, sie alle mit einem strahlenden Lächeln bejaht haben. Du hast sie am nächsten Tag damit angeben hören.

Du bist nach Hause gegangen, hast gesagt, du wärst schlimm gefallen, deswegen weinst du. Wegen dem kaputten Kleid hast du Hausarrest bekommen. Es war dir egal. Du hast dir am nächsten Morgen ein paar Schulbrote mehr als sonst geschmiert, und bist nie wiedergekommen. Du bist in die große Stadt gefahren, hast, als du nicht weiterwusstest, bei der Telefonseelsorge angerufen und bist kurz darauf von einer Betreuerin aus einem Mädchenschutzhaus abgeholt worden.

Es folgten Aufenthalte in verschiedenen Einrichtungen, bis du in dieser Stadt gelandet bist. Diese Stadt nennst du zum ersten Mal »Zu Hause« und meinst es ehrlich. Du hast dein Kinderheim nie vermisst. Wohl ein paar Betreuer, aber die haben eh immer die Stellen gewechselt, sobald du dich an sie gewöhnt hattest, sobald du sowas ähnliches wie »Liebe« empfunden hast.

Kinder können grausam sein. Das weiß jeder, und das würdest du auch gerne behaupten. Allerdings waren die Kinder keine mehr. Es waren Heranwachsende, manche schon fast erwachsen. Du hasst sie so sehr, bist ihnen aber auch irgendwie dankbar.
Deine Flucht hat dir zu einem eigenen Leben verholfen. Du konntest deinen eigenen Freundeskreis aufbauen, wo man dich um deiner Person willen mag, und es scheißegal ist, ob du viele oder keine Zigaretten hast, wo du zur Schule gegangen bist. Du wirst gemocht, zum ersten Mal in deinem Leben, wegen dir selbst. Wärst du in dem Kinderheim geblieben, du magst dir gar nicht ausmalen, was aus dir geworden wäre. Eine, die ja zu allem sagt. Eine, die sich Zuneigung erkauft. Eine, die aus Angst vor Menschen alles tut was sie von dir verlangen.

Alles, was dir passiert ist, hat dich zu dem gemacht, was du jetzt bist. Du bist froh darüber und weißt dein Umfeld zu schätzen, all den Support, den du bekommen hast.
Aber es tut immer noch weh.

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79 Antworten

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    heimkind bin ich auch gewesen..aber ich muss zum glück sagen,dass ich sowas nicht erlebt habe..auch in meinem umfeld nicht.

    es tut mir leid für dich..

    13.12.2010, 20:14 von Zebrafink.
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      @topfbluemchen mein "ä" funktioniert tiptop, das ist leider so computergewurstel, dass das so komisch dargestellt wird.

      27.11.2010, 00:59 von schimmern
  • 0

    wie unglaublich traurig :(

    15.10.2010, 11:25 von redlipstick
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    Der beste Text den ich bis jetzt hier gelesen hab!

    14.10.2010, 16:01 von Jul-zie
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    Der beste Text den ich bis jetzt hier gelesen hab!

    14.10.2010, 15:58 von Jul-zie
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    hui. darüber muss ich jetzt erstmal nachdenken.

    08.08.2008, 15:24 von kleine_Himbeere
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      @kleine_Himbeere Genial gut geschrieben...

      Das ist das Schlimme. Das niemand fragt. Dass alles hingenommen wird. Das Menschen mit Scheuklappen durch die Welt gehen um bloß nicht die Dinge am Wegrand zu erblicken. Die Ignoranz aus Angst vor solchen Dingen ist unglaublich groß. Das ist so traurig.

      Aber jeder der einmal hingeschaut hat, sollte Anfangen damit die Blindheit zu bekämpfen...

      19.06.2009, 17:27 von FrauSepia
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    es schmerzt beim lesen.
    beinahe unglaublich erscheint mir, wieviel ein mensch zu ertragen vermag.
    respekt an jeden, der nicht aufgibt.

    20.06.2008, 18:22 von alex.
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    Das ist jetzt der 2. Text, den ich von dir lese. Und immer wenn ich solche Texte lese, wird mit bewusst, wie verdammt gut es mir / uns geht, ich werde traurig, dass es nicht allen Menschen so gehen kann und ich bekomme ein Gefühl von Ohnmacht, weil man (anscheinend) nichts dagegen tun kann ...

    >> Super Artikel.

    26.04.2008, 21:36 von Iris92
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