Tobias_Moorstedt 16.06.2006, 16:47 Uhr 22 0
NEON täglich

Geist ist geil

Guerillamarketing lauert den Konsumenten dort auf, wo sie es nicht bemerken. Oder seid ihr schlauer?

Die neueste Nachricht aus dem Trainingslager der Brasilianer: „Der Fußballverband hat ein Geldproblem.“ Reporter Reiner Irrwitz liefert auf seinem Blog den Beweis. Unter anderem ein Dokument und ein Interview, das belegen soll, dass die Selecao den Vertrag mit NIKE gekündigt habe, und nun für einen deutschen Waschmittelhersteller werbe. Im Umfeld der Weltmeisterschaft wird so viel gesendet, geschrieben und fotografiert, dass man den Bericht im ersten Moment achselzuckend in sein persönliches, 25 Gigabyte großes Fußball-Archiv abgelegt. Reiner Irrwitz ist auch nicht dümmer als Beckmann – und doch gibt es ihn nicht, Die Webseite Reiner-Irrwitz.de ist eine Werbekampagne des Fleckenlösers „Sil“, die sich zwar nicht FIFA-Partner nennen dürfen, aber in der Grauzone des Internets doch auf den WM-Zug aufspringen will.

Guerilla-Marketing heißt so eine Kampagne im Werber-Fachjargon. Also Werbung, die sich nicht als solche zu erkennen gibt, und die die Aufmerksamkeit des Konsumenten auf witzige, originelle oder subversive Art und Weise erregen will, statt durch Heavy Rotation im Werbeblock. Viral Marketing, Ambush Marketing nennen es die Werber auch – es klingt kriegerisch, weil immer mehr Leute von Werbung genervt sind, man um ihre Aufmerksamkeit kämpfen muss. Auf das Thema bin ich gestoßen, als ich mich auf einer Party in New York mit einer Bekannten meiner Freundin unterhielt. Lisa ist Schauspielerin, wartet noch auch Regisseur, der sie entdeckt. Um Geld zu verdienen mache sie Werbung, sagte sie: „Aber nicht vor der Kamera, sondern auf der Straße.“ Lisa arbeitet bei einer Agentur, die Schauspieler dafür bezahlt, laut und deutlich in der U-Bahn oder im Café über eine neues Produkt zu sprechen. Es ist ein guter Job, meinte sie. Man redet doch ohnehin so viel über Sneaker, Ipod und den letzten Blockbuster. Toll, wenn man für Konsumdenken auch noch bezahlt wird.

Ich habe laut gelacht damals, Lisas Geschichte kann einen aber auch nachdenklich machen. Schon seltsam, dass man nicht nur im luftleeren Raum des Internets nicht mehr weiß, was wahr ist, und was falsch, sondern sich auch auf der Straße nicht länger sicher sein kann, ob die Menschen, ihre Themen und ihr Verhalten eigentlich echt sind. Ob man gerade in die U-Bahn eingestiegen und in einem Werbespot gelandet ist.

Bei unseren Recherchen für den Artikel im Juli-Heft haben wir viele Beispiele für diese Form des Undercover-Marketing gefunden, wie die Wirklichkeit – oder das, was wir dafür halten – von Werbebotschaften kontaminiert wird. Fiktive Webseiten, Graffitis, die von großen Konzernen bezahlt wurden, oder Agenturen, die ein Netzwerk von 200 000 Menschen unterhalten, die sie mit Produkten versorgen, und dann darauf hoffen, dass „ihre Partner“ Kollegen, Freunde und Familie von diesem Produkt erzählen werden. „Muss Werbung eigentlich ehrlich sein?“, haben wir uns gefragt, oder ist dieser Anspruch naiv? Muss Werbung sich uns zu erkennen geben? Ist es nicht einfach nur fair, zu wissen, woran man ist? Wo ist euch schon Werbung aufgefallen, die ihr zunächst gar nicht erkannt habt? Schreibt!

22 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Gugenheim schreibt man Guggenheim.

    17.07.2006, 15:49 von gulf
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @SunnyRica ich weiss ob man das mit der heimspiel-wg wirklich als versteckte werbung bezeichnen kann. es heisst ja richtg die "coca-cola heimspiel-wg".
      sprich da ist klar, dass der getränkeriese das ins leben gerufen hat.
      ähnlich ist es mit dem pirelli-film "the call". es geht zwar im film wenig um die reifen, aber es ist ja von vorn herein klar, dass es sich um einen film von pirelli handelt!

      07.07.2006, 11:38 von stefans1982
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    kundenkarten.
    die kleinen plastikdinger finde ich echt betrügerisch. wird dir verkauft als VORTEILS-karte und in wahrheit speichern sie nur die artikel, die du am liebsten kaufst. dann können sie dich noch gezielter mit dem perfekten werbematerial bombadieren und haben noch weniger streuverlust. so sehen das leider die wenigster. (am allerwenigsten leute wie meine schwiemu, die tagtäglich mit irgendwelchen kundenkarten-gutscheinheften durch die gegend rennt und sich bullshit kauft)

    28.06.2006, 16:30 von Maggie81
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Schaut euch mal nen aktuellen Hollywood Film an und versucht mal mitzuzählen, welche Firmen alle als Sponsoren dabei sind. "Product-Placement". Paradebeispiel: James Bond /BWM oder Aston Martin....

    27.06.2006, 23:16 von 4terStock
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich schaue nie wieder TV, gehe nicht mehr ins Netz und spreche nicht mehr mit Menschen, die wollen mich doch eh nur beeinflussen. *g*

    26.06.2006, 16:13 von Composer
    • 0

      @Composer Du wirst lachen aber so nen Film hatte ich echt mal eine Woche lang nach zu viel gutem Weed. Und im Endeffekt ist es ja so, es lässt sich nur superst verdrängen.

      27.06.2006, 21:31 von Simply_Delicious
    • Kommentar schreiben
  • 0

    was mich gerade beispielsweise maßlos nervt, ist, dass Puma oder Nike mit Street Art- Elementen spielen, so dass es zwar nch aussieht wie Werbung,a ber es ist nicht mehr so plakativ.
    Als Adbusting-Anhänger sehe ich da neue Zeiten auf die Adbuster zukommen, immer wieder andere neue Wege müssen gefunden werden, um Werbung zu enttarnen und zu entlarven!!

    26.06.2006, 14:04 von Simply_Delicious
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] du warst vorher bestimmt Stammkunde von Sil ....

      26.06.2006, 16:13 von Composer
  • 0

    Bei medialen Produkten, zu denen viel Meinungsbildung im Internet betrieben wird, besonders bei Computerspielen, ist es normal, dass 'moles' in einschlaegigen Diskussionsforen das Spiel /Produkt promoten, indem sie sich als ueberzeugte Fans (sogenannte fanboys) dessen darstellen. Da es diese fanboys auch in beachtlichen Zahlen in unbezahlter und teilweise sehr militanter Form gibt, ist es praktisch unmoeglich festzustellen, ob jemand wirklich seine positiven Erfahrungen mit einem guten Produkt wiedergibt oder nur ein lebendiger Werbespot ist. Ab und zu fliegt sowas auf, zum Beispiel wenn die Werbefirmen unaufmerksam sind und Beitraege von oft gleich mehreren 'verschiedenen' Usern auf die gleiche eindeutige hostmask (sowas wie eine IP in Textform) zurueckzufuehren sind. So zum Beispiel geschehen bei dem Computerspiel "Driv3r". Fuer Filme und Musik gilt das gleiche. Werbefirmen suchen zu diesem Zweck staendig junge Leute, die nach Moeglichkeit gleich mehrere moeglichst bekannte und in der Userbase anerkannte Aliase unterhalten. Und das in mehren einschlaegigen, gutbesuchten Foren. Wird nicht mal gut bezahlt, soweit ich weiss. Aber da von der breiten Oeffentlichkeit kaum jemand etwas davon weiss und die Arbeitskraefte billig sind duerfte es recht effektiv sein. Wer sich dafuer interessiert kann sich auch den Film "No Logo" (http://www.imdb.com/title/tt0373193/) und besonders den PBS Frontline Beitrag "Merchants of Cool" (http://www.pbs.org/wgbh/pages/frontline/shows/cool/) anschauen. Vorausgesetzt, man findet Zugriff auf eines der beiden. Im letzteren wird auch stark auf die meinungsbildende Natur von MTV und Co eingegangen. Hier laeuft anscheinend kein Beitrag, der nicht von irgendjemandem bezahlt wurde. Muesste in Deutschland eigentlich als Dauerwerbesendung gekennzeichnet werden.. PBS Frontline ist eine sehr angesehene und gut recherchierte Dokumentationsreihe aus den USA. Eigenstaendige Meinungsbildung ist nunmal unerwuenscht.

    26.06.2006, 00:10 von Abstinenzabszess
    • 0

      @Abstinenzabszess Ich hatte eigentlich auch Absaetze in dem Text.

      Die sind leider vom System gestohlen worden. Tut mir leid.

      26.06.2006, 00:26 von Abstinenzabszess
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Beim Grand Prix dieses Jahr ist mir sofort aufgefallen, dass bei den Introsequenzen der Länder immer Sillhuetten tanzender Leute gezeigt wurden, aber das sehr, sehr kurz, dass man kaum was merkt. Das war diese iPod-Reklame, und ich wusste, "Aha, das ist also Schleichwerbung!"
    Oder bei so einem Interview kam der Nokia-Klingelton, auch da habe ich sofort gemerkt, dass das Schleichwerbung ist.
    Es ist aber wirklich fies, wie die Medien uns so kontrollieren. Der Film Evolution war z.B. für mich der längste Werbespot der Welt, aber ich fand ihn Okay; Und wenn die Aliens mal angreifen sollten, hab ich noch zum Glück eine Head&Shoulders im Bad^^

    Achja, seht euch mal meinen Benutzernamen etwas genauer an^^
    Bekomm aber kein Geld dafür, alles Ehrenamtlich :-)..

    25.06.2006, 20:46 von TheBosebreaker
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3