Patrick_Bauer 13.01.2006, 11:15 Uhr 23 0
NEON täglich

Geheime Familie

Über unsere Eltern wissen wir alles. Aber was, wenn plötzlich alles anders ist?

Meine Freundin L. hat ihn noch immer nicht angerufen. Seit drei Wochen nicht, sie geht auch nicht mehr an ihr Telefon, weil seine Stimme sie erwarten könnte und sie nicht wüsste, was sie sagen sollte. Ihm, der ihr nun so fremd erscheint. Ihrem Vater.

Es war kein schönes Weihnachtsfest für L. Es hat vieles verändert, sie sagt: "Es hat mir den Boden unter den Füßen weg gezogen". Oder: "Das Verhältnis zu meinem Vater ist plötzlich total in Frage gestellt." Das war zuvor eines dieser ganz normalen Beziehungen, die Töchter zu Vätern und Väter zu Töchtern so haben. Entspannt mittlerweile, vertraut längst, liebevoll immer. Dann aber bedurfte es nur einiger Plätzchen und weniger Gläser Rotwein, ehe er erzählen konnte, was er 24 Jahre lang verschwiegen hatte.

Dass L. nämlich doch eine Großmutter hatte, dass diese nicht gestorben war, als sie noch ein Baby war, sondern, dass er sich von seiner Mutter losgesagt hatte damals, in großem Streit. Er, Einzelkind, wollte keinen Kontakt mehr, und auch seine Tochter sollte ihre Oma besser nicht kennen lernen. Also verschwieg er sie. Nein: er log. Nun war die verheimlichte Großmutter tatsächlich gestorben, ein Brief war gekommen, Ende des Jahres, vielleicht musste er sich befreien von der Last der Lüge. L. jedenfalls fühlt sich seitdem schlecht und hintergangen, auch von der mitwissenden Mutter. Sie hätte den Bruch ihres Vaters mit ihrer Oma akzeptieren können. Aber sie hätte gerne selbst entschieden, ob sie jene Frau hätte kennen lernen wollen.

Immer wieder hört man von Familiengeheimnissen, von großen und kleinen, über Jahre und Generationen bewahrt. Erfundene Krankheiten oder aber schlimmer: verschwiegene Adoptionen. Habt ihr schon Ähnliches erlebt? Dass eure Eltern euch gestanden haben, nicht ehrlich gewesen zu sein? Oder wie würdet ihr reagieren, wenn unerwartet alles ganz anders wäre in eurer Familie, ganz anders als gedacht? Dürfen Väter und Mütter ihren Kindern gar Realitäten vorgaukeln, weil es vielleicht für alle Beteiligten besser ist? Mal ehrlich...

23 Antworten

Kommentare

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    eltern sind auch nur menschen!
    von denen wird immer ein perfektionismus erwartet, das ist doch abartig.
    als ob es dem vater in der story die ganze zeit dabei gut gegangen ist...

    20.01.2006, 14:17 von oshun
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      @oshun Ich will den Vater auch nicht verurteilen.
      Aber ich find, er ist den schlechteren Weg gegangen.
      Letztlich auch für sich selbst.
      Obwohl er sicherlich dachte, was er tut, wäre das Richtige.

      Ob es den Leuten gut geht, wenn sie sich ungünstig verhalten, ist nochmal eine andere Frage.

      20.01.2006, 18:45 von LudwigMartin
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    Sehr schwieriges Thema, da die genaueren Umstände fehlen. Vielleicht hat der Vater von L. schwerwiegende Gründe für sein Verhalten. Sie sollten sich auf jeden Fall nochmal vernünftig unterhalten.
    Ich weiß nicht, wie ich später reagieren werde, wenn meine (zukünftigen) Kinder nach ihrem Großvater fragen sollten. Dieser lebt zwar noch, wird von mir allerdings nur als Erzeuger betrachtet und ist für mich gestorben. Denn nur, weil jemand an meiner Erzeugung beteiligt war, ist er nicht automatisch mein Vater. Zu einem Vater gehört, meiner Meinung nach, mehr. Es stellt sich auch immer die Frage, ab wann kann man einem Kind dies erklären. Ich würde ihn wahrscheinlich nicht als tot erklären, aber glaubst du deine Freundin hätte einen Kontakt aufgebaut, obwohl ihre Eltern keinen haben?
    In meinem Fall wäre ich wohl auch nicht damit zufrieden, wenn mein Kind Kontakt zu meinem Erzeuger haben wollen würde, denn für mich persönlich ist dieser gestorben.

    16.01.2006, 17:40 von MiraSun
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    Ich kann es in gewisser Weise schon verstehen wenn Eltern in bestimmten Situationen ihre Kinder anlügen und ihnen die Wahrheit erst viel später erzählen.
    Meine Eltern kamen auch in so eine Situation: mein Lieblingsonkel, den ich sogar Papa genannt habe, hat sich in dem Auto meiner Mutter umgebracht. Zu dem Zeitpunkt gab es in meiner Großfamilie viele kleine Kinder, und die "Erwachsenen" einigten sich darauf uns Kindern zu sagen, daß es ein Autounfall gewesen ist.
    Ich persönlich habe die Wahrheit erst 15 Jahre später erfahren, was mich in dem Moment sehr geschockt hat. Aber im nachhinein war es richtig uns "Kinder" nicht mit der Situation zu belasten. Wir hätten es eh nicht verstanden und uns unnötig noch schlechter gefühlt als es eh schon der Fall war.

    Generell kann ich nur sagen, daß eigentlich die Wahrheit an erster Stelle steht. Dennoch gibt es Situationen in denen man sie verschweigt, dabei sollte man sich jedoch bewusst sein, daß die Lüge wieder aufgedeckt werden muß, denn oft ist die Wahrheit stärker.

    15.01.2006, 23:14 von xxMENAxx
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    ich bin der Meinung, dass man selbst entscheiden sollte, ob man das nun wissen möchte oder nicht.
    Bei mir ist es genauso, ich habe "keinen" Vater, hab aber ein paar mal mit meiner Mutter flüchtig darüber gesprochen. Sie meinte, wenn ich was wissen will, dann soll und kann ich sie ruhig fragen. Ich weiß nicht viel nur Namen und durch Zufall hab ich erfahren, dass ich noch eine Halbschwester habe.
    Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde: Das ist mir egal. Das interessiert mich nicht. Ich möchte es nicht wissen, weil ich angst davor habe, dass sich irgendwie etwas ändern würde, was ich nicht will. Ich meine, ich kann mich an meinem Vater nicht erinnern und lebe damit schon seit 18 Jahren. Manche fragen mich verwundert, ob ich das nicht wissen will. Aber die 18 Jahren waren nicht wirklich einfach und noch sowas würde ich nicht allzu gut vertragen.
    Im moment bin ich recht glücklich mit meinem jetztigen Stiefvater, obwohl das Verhältnis besser sei könnte, aber man kann ja schließlich nicht ales haben ;-).

    15.01.2006, 19:05 von Fariana
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    Ja das lossagen von den Eltern ist wohl sehr wichtig wenn es denn dann soweit ist.

    Auch ich habe viele schöne Sachen meinen Eltern zu verdanken. So bin ich heut schon berentet weil mein Unterbewustsein psychisch nicht mehr so gesellschaftskonform ist.

    Ich habe mich von meiner Mutter losgesagt und dies soll auch so bleiben. Totzdem soll mein Sohn die Möglichkeit haben in Begleitung/Schutz eines Elternteils seine Großeltern zweimal im Jahr zu besuchen. Die überforderten Eltern von einst sind nun Rentner und die Zeit in der sie nicht mehr Verantwortung für eigene Kinder zu tragen haben hat sie auch ruhiger werden lassen.

    Nun wenn ich bei meinen Eltern zu Besuch bin achte ich darauf mich nicht in alte Muster hineinziehen zulassen. So sagte ich dann das ich Besuch bin und nicht mehr das Kind von annodunnemal und wenn die sie dies nicht verstehen wollten reise ich sofort ab (mit Enkel).
    Das haben die alten Leute verstanden.

    Für mich sind das alte Leute vor deren Eigenheiten ich meinen Sohn zu schützen weiß. Vieles sieht er nicht so ernst wie ich Opa und Oma sind doch lieb.

    Als mein Vater Ansätze zu einem kollerischem Überforderungsanfall zeigte bin ich sofort mit meinem Sohn abgereist. Keiner hat mich verstanden - mein Sohn wird es später aber einmal einordnen können.

    Ich denke es ist wichtig für die Indentität und das Selbstverständniss eines Menschen das er seine Vorfahren wie auch immer die waren kennennenlernt.

    Solche Eltern die ihre eigenen Eltern vor den Kindern verleugnen brauchen sich nicht zu wundern wenn ihre eigenen Kinder das gleiche tun wenn sie dann selbst den Schmerz spüren und sich damit auseinandersetzen sind die eigenen Eltern meist tot um zu verzeihen und Frieden zu erleben.

    "Ich denke das beste ist jede Generation lebt streng für sich und Deutsche für sich und Franzosen für sich alle leben für sich nur mit einer handvoll temporärer Freunde und alle glauben an die seelig machende ""Gemeinschaft"" und setzen sich dafür wie in einer Sekte ein" so siegt die Liebe aber keine Vergebung und kein Frieden niemals für niemanden.

    Glück - Umweltschutz - Frieden "nur so wird er erreicht"?

    Wenn wir den alten Faschisten nicht verstehen und ihm vezeihen was er angerichtet hat sondern heute selbst Andere ausgrenzen und uns für die Einzigen halten die den "richtigen Weg" gehen werden wir die Gesellschaft spalten weil Feinde nicht mehr umgebracht werden. - Viel Spaß - davon haben alle etwas!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!


    Hilf anderen Menschen und hoffe das es Deinen Eltern ebenso widerfährt vieleicht reicht es auch dann noch dafür Dir im Alter zu helfen.

    Gott liebt die Menschen nicht nur - Er verbraucht sie nach seinem Willen. Schau wofür Du verbraucht wirst. Das ist Deine Revolution.

    Alles Gute wünsche ich Dior auf Deinem Weg


    15.01.2006, 04:18 von markus373
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      @markus373
      Meine volle Anerkennung für Deinen Umgang mit dem Konflikt sowie für Deinen Kommentar!

      Ich denke, Menschen machen oft viel zu schnell "dicht", weil sie Angst haben, daß sie die Spannungen nicht aushalten. Wer sich an solchen Stellen überwindet, wird aber letztlich befreiter und glücklicher.
      Jede Leiche im Keller (also Menschen, mit denen wir gebrochen haben) belastet unser Leben und damit auch das unserer Kinder.

      Was bleibt, ist: allen Menschen Mut zu wünschen.

      15.01.2006, 18:26 von LudwigMartin
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    Zumuten von Wahrheit ist oft ein heikle Frage zwischen Grausamkeit für den einen und Klarheit für den anderen.
    Nichts ist so grausam wie einen felsenfesten Glauben zu erschüttern.
    Keine Zeitbombe tickt ewig.

    13.01.2006, 15:18 von schauby
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