B.tina 30.11.-0001, 00:00 Uhr 67 29

Geboren am 11. September.

Als vor zehn Jahren in New York tausende Menschen ums Leben kamen, hatte ich gerade ein Kind zur Welt gebracht.

Ich saß im Taxi und war auf dem Weg ins Krankenhaus. Mein Mann und ich hatten schon im Bett gelegen und wollten schlafen, als ich undefinierbare Bauchschmerzen bekam und die Schlafanzughose plötzlich nass war. Erst befürchtete ich, die Inkontinenz nähme nun ihren Lauf, aber als die frisch gewechselte Wäsche sich direkt wieder feucht anfühlte, wurde mir klar: Das wird wohl Fruchtwasser sein ...

Ich muss dazu sagen, ich war dabei mein zweites Kind zu bekommen, ich hätte eigentlich wissen müssen, wie so was losgeht.

Verschiedene Ärzte hatten mir wenige Tage zuvor bereits prognostiziert, dass es nicht mehr lange dauern könnte, bis die Geburt losgehen würde und wenn ich merken sollte, dass es soweit sei, ich möglichst schnell ein Krankenhaus ansteuern müsste. Es sprach also einiges dafür, dass das erwartete Mädchen sich auf dem Wege nach draußen befand.

Nach langem Hin- und Herüberlegen beschloss ich, mich auch auf den Weg zu machen. Mein Mann, verständigte seine Eltern, sie mögen kommen um auf den großen Bruder in spe aufzupassen. Da die aber nicht direkt bei uns um Ecke wohnen, fuhr ich schon mal ins Krankenhaus vor. Mit dem Taxi, obwohl ich befürchtete, den Sitz unter den Umständen zu besudeln. Ich präparierte meinen Schlüpfer und ließ mich fahren.

Das passierte am 10. September 2001 um ca. 23.45 Uhr. Ich rechnete nicht damit, binnen Sekunden im Auto niederzukommen und da dachte ich bei mir: „Nun wird die Kleine also am 11. September geboren, was für ein langweiliges Datum! Hoffentlich kann ich mir das überhaupt merken...“ Der errechnete Termin wäre der 16.09.2001 gewesen. Auch nicht viel spannender, aber an diese Zahlenkombination hatte ich mich über acht Monate hinweg gewöhnt.

Am Krankenhaus angekommen, hiefte ich mich aus dem glücklicherweise unbeschmutzten Taxisitz. Eine Stunde später trudelte mein Gatte ein und die Wehen erwiesen sich bereits als sehr heftig.

Ich hatte ziemliche Angst vor der Geburt, weil ich die erste in so furchtbarer Erinnerung hatte. Damals, im Januar 1997, endete die Odyssee nach 36 Stunden Wehen im OP, wo mein Sohn mittels Zange auf die Welt gezerrt wurde. Naja, er war gesund und munter und ich fürs Erste bedient.

Zum Glück ging beim zweiten Kind alles schnell und unproblematisch. Gegen Ende schrie ich allerdings kurz den Arzt an, er möge jetzt bitte die Zange holen. Er tat das nicht und so erblickte mein Baby ohne jede Hilfe, nur durch meine Kraft und die Unterstützung von Mann und Hebamme, am 11.09.2001 um 4.38 Uhr das Licht der Welt und ich fühlte mich doppelt glücklich und stolz.

Nachmittags kam die Familie zu Besuch. Plötzlich klingelte das Handy meines Mannes, ich schimpfte sofort los, dass man im Krankenhaus keine Mobiltelefone benutzen darf, merkte aber an seiner Reaktion, dass etwas Schreckliches passiert sein musste und hörte auf zu meckern. Später erzählte er aufgelöst: „Flugzeuge sind ins World Trade Center geflogen, New York brennt, es ist Krieg!“ Ich habe überhaupt nichts kapiert und dachte nur: „Überall brennt es mal, andauernd passieren Katastrophen... Wieso Krieg? Die Berichterstattung bauscht bestimmt wieder alles total auf!“ Die beiden Jungs verschwanden daraufhin rasch.

Ich merkte am Verhalten der Menschen im Krankenhaus, dass wirklich etwas Schlimmes geschehen sein musste. Ich hatte keinen Fernseher im Zimmer, aber auch keine Lust mehr, irgendjemanden anzurufen um vom Babyglück zu berichten.

Die Besucher, die am nächsten Tag kamen, rieten mir, bloß nicht in eine Zeitung oder in einen Fernseher zu gucken. Das beruhigte mich natürlich nicht so richtig, ich hielt mich aber an die Ratschläge. Ab und an schielte ich zur Tageszeitung meiner Zimmergenossin und las in den Headlines erneut das Wort „Krieg“.

Obwohl ich diese schrecklichen Bilder noch nicht gesehen hatte, bekam ich es mit der Angst zu tun. Nie hatte ich Menschen verstehen können, die behaupten, man könne in unsere schlechte Welt keine Kinder setzen. Ich empfand solche Aussprüche nur als faule Ausrede und hielt dagegen: „Doch! Wir müssen Kinder in diese, unsere Welt setzen, sonst wird die ja nie besser!“ Zum ersten Mal in meinem Leben ertappte ich mich auch bei diesem Gedanken. Ich sah mich mit zwei hilflosen kleinen Kindern, die niemandem auf der Welt etwas getan haben, im Luftschutzkeller. Ich sah, wie mich große, fragende Kinderaugen hilfesuchend anschauen. Ich hatte abgrundtiefe Angst, den beiden kein lebenswertes Leben bieten zu können. Wenn man gerade ein Baby zur Welt gebracht hat und die Hormone mit einem durchgehen, neigt man sowieso zu solchen Horror-Visionen.

Am 14. September wurden wir aus dem Krankenhaus entlassen und ich stellte mich zu Hause dem totalen Medienbeschuss. Die Zeit, die ich nachts stillenderweise mit Töchterchen im Wohnzimmer verbrachte, nutzte ich, um mich von N-TV oder ähnlich freudlosen Sendern berieseln zu lassen. Die furchtbaren Bilder wurden langsam seltener. Ich ahnte nicht, dass das erst der Anfang vieler abartiger Anschläge sein sollte. Trotzdem bin ich wieder überzeugt davon, dass wir Kinder in die Welt setzen sollten.

Seit dieser Zeit verfüge ich übrigens über: Angst vorm Fliegen – die ich früher nie kannte – und vor Menschenmassen bei Veranstaltungen, in Kaufhäusern oder an belebten, beliebten Plätzen.

Nun wird meine Tochter zehn Jahre alt und ist natürlich das tollste Mädchen der Welt. Sie beschwert sich mittlerweile, dass sie zu diesem Datum geboren wurde. Aber abgesehen davon, dass ich die Tragik des Tages zum Zeitpunkt der Geburt nicht erahnen konnte, hätte ich diese auch nicht verhindern oder verzögern können.

Der 11. September wird in die Geschichtsbücher eingehen wie der Tag an dem der zweite Weltkrieg begann. Manchmal kommen Bekannte zu mir und sagen: „Gestern habe ich einen Bericht über den 11. September gesehen und musste an Euch denken.“ Jeder, der einmal gehört hat, dass sie an diesen Tag geboren ist, merkt sich das. Es ist kein schönes Geburtsdatum, aber ein sehr besonderes.

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67 Antworten

Kommentare

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    ich finde den 11.09. nach wie vor einen tollen Tag, denn es ist meiner! Da ändert sich auch nichts dran, nur weil irgendwo in der Welt etwas passiert. außerdem gibt es fast zu jedem Datum ein besonderes Ereignis. 14.04, 20.04, 30.04,...

    24.09.2011, 09:18 von Spice
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      @topfbluemchen Wir haben bisher immer ordentlich gefeiert! Nie darüber nachgedacht, das nicht zu tun ...

      14.09.2011, 22:00 von B.tina
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      @B.tina Das wäre ja auch albern. Jeder Tag im Jahr ist Jahrestag eines Anschlags, eines Kriegsbeginns, einer Ermordung, etc.
      Der 11.9 ist halt noch präsent, aber wer würde sich schon noch in Deutschland schämen, am 1.9., am 9.11, oder auch am 6.8 groß zu feiern?

      15.09.2011, 17:32 von Shehera
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      @topfbluemchen Alle, die ich kenne, sehen das so: gut, dass an diesem Tag auch was Schönes passiert ist.

      14.09.2011, 21:45 von B.tina
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      Ich bin auch am 11.09 geboren und es ist wie jeder andere Tag auch.

      06.01.2016, 21:45 von Becky11.09
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    der 11. september war der tag, an dem ich mich plötzlich für das was ich bin geschämt habe. sehr schnell begriff ich jedoch, dass das völlig unnötig war mich mit wahnsinnigen, geisteskranken psychopathen zu vergleichen. den terroristen habe ich bzw. vielmehr die tatsächlich gläubigen muslime auf der welt, den rest meines/unseres lebens zu verdanken, dass der islam in den tiefsten dreck gezogen wurde und noch immer gezogen wird.

    11.09.2011, 17:23 von Faraduna
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      @Blackend Vielen Dank. Freut mich sehr!

      11.09.2011, 00:59 von B.tina
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    "Ich hatte keinen Fernseher im Zimmer, aber auch keine Lust mehr, irgendjemanden anzurufen um vom Babyglück zu berichten."

    "Zum ersten Mal in meinem Leben ertappte ich mich auch bei diesem Gedanken. Ich sah mich mit zwei hilflosen kleinen Kindern, die niemandem auf der Welt etwas getan haben, im Luftschutzkeller. Ich sah, wie mich große, fragende Kinderaugen hilfesuchend anschauen. Ich hatte abgrundtiefe Angst, den beiden kein lebenswertes Leben bieten zu können."

    Das waren aber wirklich mixed emotions für Dich.
    Sehr aufregend. Gut beschrieben.

    Ich wünsche Deiner Tochter u. der ganzen Familie morgen einen wunderschönen Kindergeburtstag! Alles Gute!

    11.09.2011, 00:40 von Jackie_Grey
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      @Jackie_Grey Danke!

      Der Text ist eigentlich schon etwas älter, aber ich dachte, zum 10-jährigen aktualisiere ich ihn mal. Das war wirklich ein sehr außergewöhnlicher Tag für uns.

      11.09.2011, 00:43 von B.tina
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    in diesem Sinne alles gute nachträglich zum Geburtstag des kleinen Wirbelwindes :)

    27.09.2007, 17:34 von nimsaj
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      @nimsaj Auch von mir alles gute für das Kind =). Der 11.September war ein tag, der die welt erschütterte. Ich war damals 8 Jahre alt. Es war schrecklich. Ich habs erst später verstanden was da los war. Früher war ich einfach zu jung ums zu verstehen. Ich hoffe das sowas nicht nochmal passiert und das Gott die Opfer beschützt. Ja Wie schnell die Zeit nicht vergeht .....

      18.07.2008, 08:22 von Orkoberst
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    Ich wurde ebenfalls an einem 11. September geboren. Allerdings ist mein Geburtstag erst im Nachhinein "erinnerungsträchtig" geworden.
    Vor allem dadurch, dass ein Jahr nach den Anschlägen, an meinem 16. Geburtstag, meine Urgroßmutter gestorben ist..

    So hat jeder etwas anderes, das ihm zu denken gibt.

    06.09.2007, 17:48 von conchiglia
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    Hmmm...frage mich wirklich, warum der 11.9. so viel schlimmer ist, als alle anderen Attentate die vorher da waren....im Verhältnis zu anderen Attentaten/Kriegen sind hier relativ wenige Leute ums Leben gekommen...
    tragisch, keine Frage, Unschuldige, keine Frage. Aber es sterben täglich mehr Menschen in Bürgerkriegen als am 11.9. So haben es die Amis mal wieder geschafft, sich die Postition des Opfers zu sichern...und alle nicken mit....

    18.04.2007, 17:47 von Wolkenschaf
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    Interessanter Artikel.

    Ich musste gerade daran denken, dass ich mir mal im Geschichtsunterricht historische Daten, solche wie vom Beginn des Zweiten Weltkrieges oder der Machtergreifung Hitlers, vor allem anhand der Geburtsdaten von Freundinnen und Bekannten eingeprägt habe, die zufällig an diesen Tagen im Jahr Geburtstag hatten.
    Vielleicht wird der Geburtstag deiner Tochter auch mal ihren Mitschülerinnen bei Geschichtsprüfungen helfen ;)
    Aber eine schöne Erinnerung, dass es selbst an den traurigsten Tagen auch Lichtblicke gibt. Dir und deiner Tochter alles Gute!

    16.02.2007, 22:57 von Mondalpha
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