hib 30.11.-0001, 00:00 Uhr 43 67

Fünfzig

Erinnerungen an ein Leben mit Mutter.

Eins. Als wir noch in der Mühlenstraße gewohnt haben, war ich wahrscheinlich etwa fünf Jahre alt. Da standest du eines Morgens auf dem Balkon unserer Plattenbauwohnung. Die Sonne hat dir die braunen Haare warm gefärbt. Auf dem Tisch stand Marmelade und ein Glas Saft. Der Sommerwind hatte sich in den Bäumen gegenüber verfangen. Ich bin zu dir durch das Wohnzimmer gelaufen und hab mich am Fenstergriff festgehalten. Und dann hast du zu mir gesagt: Felix, wir gehen heute ins Freibad. Dein Lächeln dabei war so warm, wie der Juli.

Zwei. Dein Gesicht, als ich dir bei deiner eigenen Geburtstagsfeier den Stuhl unterm Hintern weggezogen habe. Ich hatte das kurz vorher im Fernsehen gesehen und da haben alle gelacht. Bei uns war das anders. Es war plötzlich still. Du unterm Tisch. Und ich ohne Abendbrot im Bett.

Drei. Als du mich, nachdem Fritz ausgezogen ist, in den Arm nimmst und sagst: Wir schaffen das schon. Da hab ich dir geglaubt.

Vier. Deine Wut, als du kurz vor der Abfahrt bemerkt hast, dass ich in irgendeiner Ferienwohnung abends immer heimlich die Tapete neben meinem Bett abgepult habe. Eine ganze Woche lang.

Fünf. Dein weißes Nachthemd, als du damals mit Verdacht auf Brustkrebs im Krankenhaus gelegen hast. Es hat mir Mut gemacht. Irgendwie.

Sechs. Wie du bei Robbie Williams den Text falsch mitgesungen hast. Herrlich.

Sieben. Wie tapfer du warst an dem Tag, als ich ausgezogen bin. Erst als die Tür zu war, hast du geweint. Nehme ich mal an.

Acht. Wie froh du warst, als du gemerkt hast, dass ich zum Waschen doch noch heim kommen musste.

Neun. Und wie gern du jedes Wochenende für deinen so unglaublich unabhängigen Sohn Mittagessen gekocht hast.

Zehn. Du hast mich mal Ehekrüppel genannt. In der Küche war das. Wegen Jacqu war das. Du hast nebenbei die Tassen gespült. Mann, war ich sauer. Und du hattest vielleicht ein bisschen recht.

Elf. Als du zum ersten Mal im Krankenhaus am Bett deiner Enkelin gesessen hast, da hat man deinem Gesicht angesehen, dass du nicht ganz sicher warst. Ob du jetzt weinen oder lachen sollst. Und ich konnte es gut verstehen.

Zwölf. Als ich beim Tanzstundenabschlußball mit dir getanzt habe. Da bist du einfach nur auf und ab gewippt und hast darauf spekuliert, dass ich dich führe. Mir hat danach der rechte Arm weh getan. Sehr.

Dreizehn. Als ich noch Fußball gespielt habe, hast du oft samstags am Spielfeldrand gestanden und laut die Namen unserer Spieler gerufen. Meinen auch. Das fand ich toll. Nur dass du Tobias immer Toppi genannt hast, fand ich sogar während des Spiels blöd.

Vierzehn. Ich bin mal von Zuhause weggerannt. Nicht weit. Nur nach Heinersdorf zu Marko. Obwohl und weil du nein gesagt hattest. Du hast mich nachts mit dem Auto abgeholt und ich dachte, du fährst mich sofort ins Heim. Aber es ging heim. Danke dafür.

Fünfzehn. Auf meinem Regal im Kinderzimmer lag mal weißes Pulver. Das war von einem Kreidestück. Deine Frage: Sind das Drogen? Meine Antwort: Klar, Koks. Bis heute weiß ich nicht, wer damals wen verarscht hat.

Sechszehn. Als wir 1990 in Russland waren, bist du für drei Tage nach Moskau gefahren. Ich bin in Kalinin bei unseren Verwandten geblieben. Als du wiedergekommen bist, hast du mich umarmt. Das war ein Gefühl, das man heute in der Form nicht mehr findet.

Siebzehn. Als ich mein Abizeugnis nach 15 Jahren Schule endlich bekommen habe, warst du mit feuchten Augen unten im Publikum. Da musste ich kurz daran denken, wie das wohl für die Rolling Stones war, wenn deren Mamas bei Satisfaction zugeschaut haben.

Achtzehn. Damals auf Teneriffa im Sommerurlaub, da hast du mir einen Gameboy gekauft. Und nur zwei Tage später, hast du ihn runter geworfen und dabei kaputt gemacht. War das eigentlich Absicht? Ich könnte es verstehen.

Neunzehn. Als ich dir mit Achtzehn gesagt habe, dass ich wahrscheinlich mit neunzehn Vater werde, da hast du nur gemeint, dass du mein Kind nicht erziehst. Du hast auf der Couch gesessen und es lief "Gute Zeiten, schlechte Zeiten".

Zwanzig. Ich hab dich mal in Chemnitz abends zufällig im Irish Pub an der Markthalle getroffen. Ich saß am Tisch und dachte: Wer kichert denn da so laut? Das Lachen kenn ich doch irgendwoher. Ich schaute um die Ecke und sah dich an der Bar mit zwei betrunkenen Iren. Ich bin zu dir hingegangen und wollte mit dir reden. Aber du hast nur aus einem Mundwinkel heraus gezischt: Mensch Felix, nich jetzt! Dann hast du mich mit einer sehr bestimmten aber mütterlichen Schiebebewegung vom Tresen entfernt. Die Iren haben ein wenig verwirrt geschaut.

Einundzwanzig. Das war auch der erste Abend in meiner Erinnerung, an dem du später nach Hause gekommen bist, als ich. Und ich hab mir tatsächlich Sorgen gemacht.

Zweiundzwanzig. Als du deinen Führerschein neu hattest, hattest du Probleme mit dem Anfahren am Berg. Du bist damals in Sigmar mit Jörg im Auto an einem Berg gescheitert. In meiner Erinnerung standen wir vier Grünphasen lang auf der Kreuzung. Da hast du mir sehr leid getan.

Dreiundzwanzig. Als ich dann meinen Führerschein gemacht habe, musste ich in meiner ersten Prüfung an dich denken und kurz schmunzeln, als mir das Auto am Berg verreckt ist.

Vierundzwanzig. Ich war acht oder neun oder zehn. Ich komme von einem Wochenende bei meinen Großeltern heim. Du hattest heimlich mit Fritz mein Zimmer gestrichen. Schweinchenrosa. Ich stehe völlig geschockt in meinem neuen Prinzessinnenzimmer und du fragst mich mit Engelsgesicht: Und? Gefällt's dir?

Fünfundzwanzig. Wir haben im FKK Bad Rabenstein mal meine Grundschullehrerin getroffen. Wir standen auf einer Wiese und ihr beide habt euch nackt unterhalten. Respekt dafür im Nachhinein.

Sechsundzwanzig. Als ich dir gesagt habe, dass ich mein Studium abbreche, da ist dein Gesicht in alle Richtungen zerfallen.

Siebenundzwanzig. Immer wenn ich abends im Bett gelegen habe und du und deine Freunde im Wohnzimmer noch gefeiert habt, hast du oft am lautesten gelacht. Bis ungefähr um zehn. Danach war Bernd lauter.

Achtundzwanzig. Als Fritz eines Tages plötzlich wieder anrief und meinte, er kommt nach so vielen Jahren mal einfach so vorbei, hab ich dein strahlendes Gesicht gesehen und gedacht: Wenn er dir das Herz bricht, brech ich ihm die Beine. Leider hab ich das bis heute nicht eingelöst.

Neunundzwanzig. Als ich achtzehn geworden bin, warst du so nett und bist eine Nacht ausgezogen. Damit ich in Ruhe feiern konnte. Als du am nächsten Tag wieder kamst und ich dir die Tür öffnete, stand dir mit großen Leuchtbuchstaben "Angst" ins Gesicht geschrieben.

Dreißig. Du hast mich nie geschlagen.

Einunddreißig. Du bist mal nachmittags um sechs nach der Arbeit in die Wohnung getaumelt und hast dich sofort ohne ein Wort zu sagen ins Bett gelegt. Das fand ich als kleiner Junge sehr bemerkenswert und äußerst geheimnisvoll.

Zweiunddreißig: Am nächsten Tag hast du mir etwas kleinlaut erzählt, dass ihr eine Feier auf dem Amt hattet.

Dreiundreißig. Mit 17 bin ich mal aus Versehen auf einer Couch vor dem Subway to Peters eingeschlafen. Als ich morgens um sechs nach Hause kam, standest du blass mit Nachthemd im Flur und meintest: Darüber reden wir morgen früh. Da war ich froh. Auch wenn es nur vier Stunden bis dahin gedauert hat.

Vierunddreißig. Einmal zu Silvester hast du mit deinen Freunden die Uhren zwei Stunden vorgestellt. Damit ihr später schön in Ruhe ohne Kinder feiern konntet. Aus heutiger Sicht ein Meisterstück der elterlichen Selbstverteidigung.

Fünfundreißig. Als ich so etwa fünf Jahre alt war, hatte ich abends im Bett mal Angst vorm Sterben. Da hast du mich in den Arm genommen und gestreichelt. Und gesagt: Du hast noch ganz viel Zeit. Es hat damals geholfen. Und hilft bis heute.

Sechsunddreißig. Als du mir sagtest, dass du mit Stolz deinen Freunden erzählen konntest, dass ich jetzt endlich meinen Schulabschluß gemacht habe, da hast du wirklich wirklich glücklich ausgesehen. Vor dir stand ein dampfender Kaffee. Und es war Samstag.

Siebenunddreißig. Du hast mich mal morgens trotz Protest in die Schule geschickt, obwohl noch Ferien waren. Ich glaube das war das erste Mal, dass ich Recht hatte in meinem Leben.

Achtundreißig. Manchmal wenn ich mit 16, 17 abends nach Hause gekommen bin, standest du auf dem Balkon in der Nordstraße. Einmal sogar mit Decke über den Schultern. Und hast nach mir geschaut. Und wenn du mich gesehen hast, bist du schnell reingegangen. Ich konnte dich auch sehen. Die Straße war so gerade lang genug dazu.

Neunundreißig. Deine Lieblingsband war mal die Münchener Freiheit. Du wolltest zum Konzert, aber leider wurde der Sänger krank. Mama, ich sage dir: Das hat dir nicht geschadet.

Vierzig. Als du mir vom Rammsteinkonzert erzählt hast, auf dem du gewesen bist, da war ich stolz auf dich.

Einundvierzig. Du hast in meinen ersten BRAVOs die schlüpfrigen Seiten zugeklebt. So gut, dass ich es damals nicht mal bemerkt habe.

Zweiundvierzig. Als du mich aufgeklärt hast über die Sachen mit dem Kindermachen, hast du im Halbdunkeln auf meiner Bettkante gesessen. Und deine Stimme war so weich wie ein Daunenkissen.

Dreiundvierzig. Als ich am nächsten Tag ganz aufgeregt Robin davon erzählt habe, hatte seine Mutter noch am selben Abend einiges nachzuholen.

Vierundvierzig. Als du angerufen hast, um mir zu sagen, dass mein Vater tot ist, war dein erster Satz: Felix, such dir mal was zum hinsetzen. Da hat mein Herz kurz ausgesetzt.

Fünfundvierzig. Als ich damit anfing, Gedichte zu schreiben, hast du mal zu mir gesagt: Ach Felix, das ist doch brotlose Kunst. Das war ein großer Ansporn für mich.

Sechsundvierzig. Als ich mal mit einer meiner Freundinnen sonntags im Flur stand und sie sich vorstellen wollte, meintest du zu ihr: Ach, das ist doch eh so ein Kommen und Gehen hier. Damit hast du mir einen sehr anstrengenden Tag beschert.

Siebenundvierzig. Du hast mich niemals aufgegeben. Auch wenn es eine Zeit lang meine Hauptbeschäftigung war, dir gute Gründe dafür zu liefern.

Achtundvierzig. Ich habe einmal zu dir im Streit gesagt, dass ich dich hasse. Danach bin ich in mein Zimmer gelaufen und habe mit dem Knallen der Tür ein Ausrufezeichen hinter den Satz gesetzt. Sowas macht wohl jedes Kind irgendwann mal. Und jedes Kind sollte sich dafür mindestens einmal entschuldigen. Das will ich hiermit tun.

Neunundvierzig. Ich liege auf dem Rücken. In meinem Arm steckt ein Schlauch. Ich blicke daran empor und entdecke ein komisches durchsichtiges Gefäß, in dem Flüssigkeit ist. Es ist kein guter Start. Ich habe schreckliche Angst und weine. Doch in meiner Erinnerung geht kurze Zeit später die Tür auf und du kommst herein. Und ab da war alles gut. Das ist meine erste Erinnerung im Leben. Und es war gleich eine der besten, die man haben kann.

Fünfzig. Und jetzt kommt noch dein Gesicht hinzu, wenn ich gleich damit fertig bin, dir diesen Text vorzulesen.

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43 Antworten

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    Sehr .. berührend. Und wunderschön. Und war. Und wieder einmal lösen Wörte Empfindungen aus, die die Worten auslöschen, die sie zu beschreiben suchen...

    08.06.2011, 20:03 von LonleyHeart
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    Der Text hat mich sehr berührt. Einfach schön.

    Mach' weiter so! Ich bin großer Fan deiner Texte & deines Schreibstils.

    30.07.2010, 10:20 von Gurky92
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    wie wunderbar!!
    mein papa hat einmal im auto britney spear´s "oops i did it again" mit gesungen, mit ganz hoher stimme..seitdem liebe ich ihn noch mehr.

    17.05.2010, 18:12 von mariafliegt
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    wie schön! unglaublich wundervoll..da möcht man grad diene mama sein :D

    16.05.2010, 19:36 von weAreAnimals
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    das ist grandios!

    16.05.2010, 14:10 von Mesaventure
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    obwohl es eben einer dieser Texte ist, die normalerweise nicht an einen rangehen, war man nicht dabei gewesen.

    11.05.2010, 18:20 von LauraS
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    sehr fein.

    11.05.2010, 18:18 von LauraS
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    wunderschön....

    11.05.2010, 17:41 von beauty_in_darkness
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    .. gefällt mir

    11.05.2010, 10:09 von ilofi
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    wow wunderschön, ich hatte wirklich tränen in den augen. wahnsinn, sie hat sich bestimmt sehr gefreut :)

    11.05.2010, 01:05 von ellefosforo
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