hannabell 25.05.2009, 20:02 Uhr 75 70

Freunde am anderen Ende der Welt

„Ich glaube nicht an die richtigen oder falschen Umstände. Ich glaube an Menschen und ihre Entscheidungen.“ „Und was denkst Du über uns?“

Wenn ich an jenen Sommer zurückdenke, in dem wir uns kennenlernten, dann scheint es mir, als sei es ein Sommer voller zufälliger Berührungen gewesen. Ständig kam meine Hand auf Deiner zu liegen, meine Haare streiften wieder und wieder Deinen Hals, irgendwie landete ich immer zufällig auf Deinem Schoß, Deine Finger verloren sich in meinem Haar, mein Kopf schien wie automatisch von Deiner Brust angezogen zu werden. Geredet haben wir darüber nie, wir quatschten einfach über die Uni, unsere Kindheit und vor allem unsere Zukunft, die verheißungsvoll wie duftender, warmer Apfelstrudel vor uns lag. Es schien, als würden unsere Körper ein Eigenleben führen und zueinander in einer ganz anderen Beziehung stehen als wir. Rastlos wanderten unsere Hände und suchten die Nähe des anderen. Außer unseren Körpern bewegte sich nicht viel in diesem Sommer. Die kleine Stadt, in der wir beide lebten, lag träge in der Sonne, nicht mal der Fluss hatte Lust zu fließen und die Luft stockte in den Fluren der Bibliothek wie dicker Pudding. Ich sehnte mich nach Wind und nach Abenteuer, nach Herbst und riesigen Straßen. Das Flugticket in die große Stadt im Norden hatte ich schon gebucht, es sollte mich weg bringen aus der sommerlichen Trägheit, weg aus Deutschland, weg von dieser Stadt, in der sich nichts bewegte. Als ich Dir das erzählte, sahst Du mich an, als hätte ich den Verstand verloren. „Warum will jemand freiwillig in den Norden?“ fragtest Du. Ich zuckte mit den Schultern. Die Frage hatte ich mir noch nie wirklich gestellt. Es war einfach so. Punkt. Überhaupt war ich ein Mensch, der nicht allzu oft darüber nachdachte, warum Dinge so waren, wie sie waren. Jetzt erschien es mir aber auf einmal doch absonderlich, dass alle Welt so oft es ging, die Koffer packte und nach Süden fuhr und ich immer nur in den Norden. Doch meine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als Du mir eine Hand in den Nacken legtest und fragtest: „Darf ich Dich denn mal besuchen kommen?“ Ich wusste nicht richtig, wie ich das verstehen sollte. Und sagte daher so neutral wie möglich: „Na klar.“

Schließlich bewegte sich dann doch etwas. Die Stunden verflogen, die Wochen, die Monate. Und auf einmal war mein Studium zu Ende. Der Sommer auch. Mit flauem Gefühl im Magen fieberte ich meiner Abreise entgegen. Du warst die ganze Zeit da, holtest mich von den Prüfungen ab, abends tranken wir unglaublich viel Bier miteinander, obwohl ich doch eigentlich lernen musste. Deine Berührungen wurden fahrig, suchend, als müsstest Du Dich vergewissern, dass ich noch da war. Am Abend vor meiner Abreise tranken wir noch mehr Bier als sonst. Da ich schon seit Tagen vor Aufregung nichts mehr essen konnte, schwankte ich schon beträchtlich, als wir nach Hause gingen. Du warst viel größer und vertrugst viel mehr als ich. Deswegen konntest Du noch gerade laufen. Zum Abschied zogst Du mich in Deine Arme. Nicht zufällig und nebenbei wie sonst, sondern mit Deiner ganzen Kraft und mit einer Bestimmtheit, die ich an Dir gar nicht kannte. Mein Magen fühlte sich flau an und das lag bestimmt nicht daran, dass in ihm nichts außer drei große Bier waren. Wir standen im Dunkeln und mein Herz klopfte. Du murmeltest irgendwas in meine Haare. „Was?“ fragte ich. Du rücktest ein Stückchen von mir ab: „Warum musst Du gehen?“ Ich zuckte mit den Schultern. Du seufztest. „Wrong time, wrong place“, sagtest Du. Das war nun einer der Sätze, die ich gar nicht leiden konnte. Das war wie ein Schulterzucken im falschen Moment. Deswegen sagte ich: „Ich glaube nicht an die richtigen oder falschen Umstände. Ich glaube an Menschen und ihre Entscheidungen.“ Ich war, betrunken wie ich war, sehr stolz auf diesen Satz. Er hörte sich an wie aus einem Roman, fand ich. Du warst offenbar auch beeindruckt. Und dachtest lange nach. Dann fragtest Du: „Und was denkst Du über uns?“ Das brachte mich ganz schön aus dem Konzept. Ich hatte mir noch keine Gedanken gemacht, wie es nach diesem Satz weitergehen sollte. Auf einmal kam er mir auch gar nicht mehr so toll vor, sondern eher ein bisschen zu wuchtig für ein Verhältnis aus flüchtigen Berührungen. Deswegen antwortete ich, ganz schön dämlich: „Ich weiß es nicht.“ Du zogst mich wieder in Deine Arme. Ich überlegte, wie jetzt im Normalfall das weitere Vorgehen wäre. Eigentlich könnte ich Dich fragen, ob Du mit zu mir kommen möchtest. Aber das kam mir wirklich nicht über die Lippen. Also sagte ich bloß: „Ich muss jetzt gehen, ich muss morgen früh aufstehen.“ Dann ging ich weg, ohne mich umzusehen. Aber ich hoffte sehr, dass Du noch da standest und mir hinterher sahst. Ich kämpfte gegen einen großen, wie ich fand völlig unpassenden, Kloß in meinem Hals an und versuchte, mich auf die verheißungsvolle Zukunft zu konzentrieren. In dieser Nacht konnte ich dennoch nicht schlafen. Ich konnte Deine Umarmung immer noch spüren.

Am nächsten Tag saß ich früh morgens mit kleinen, verschlafenen Augen im Flugzeug. Mein lang ersehnter Aufbruch in ein neues Leben, in ein Leben voller Bewegung und Abenteuer. Als ich in der großen Stadt im Norden ankam, nahm sie mir wortwörtlich den Atem. Ich verbrachte die ersten Wochen in einer Art Rausch, lief durch die Straßen und atmete die Abgase der Autos ein, als wäre es klarste Bergluft. Die Menschen hier hatten etwas gehetztes und fieberhaftes, aber dennoch schienen sie alle voller Leben zu sein. Ich versuchte meinen Herzschlag an den Rhythmus der Stadt anzupassen, legte mir Augenringe und eine Schachtel Zigaretten als ständige Begleiter zu. Ich verlor rasend schnell sowohl meinen gemütlichen Studentenspeck als auch meine sommerbraune Hautfarbe. Mir gefiel der Anblick meines nun schmalen Gesichts mit den dunklen Schatten unter den Augen, durch die ihre helle Farbe fast ein wenig gruselig wirkte. Ich trug viel schwarz in dieser Zeit, oder signalfarbenes Rot mit dem passenden Lippenstift. Abends trank ich Martini oder Gin statt Bier. Es dauerte nicht lange, bis mein eisblauer Blick einen anderen fand. Wir küssten uns noch am selben Abend. Seine Berührungen hatten nichts zufälliges. Er presste seine Lippen auf meine als wollte er mich beißen oder an die Wand drängen. Sein Haar war millimeterkurz und dunkel, unter den Augen hatte er dieselben Schatten wie ich. „Lass uns von hier weg“, flüsterte ich. Ich wusste noch nicht einmal seinen Namen. Wir gingen zu ihm. Irgendwas hielt mich davon ab, ihn in meine Wohnung zu lassen. Sein Zimmer war minimalistisch, ja, geradezu karg eingerichtet. Wir fielen auf seine Matratze. Unsere Körper reagierten wie voll funktionsfähige Maschinen aufeinander, glatt, perfekt. Nach dem Sex lagen wir schweigend nebeneinander. Ich fragte ihn: „Was gefällt Dir an der Stadt?“ Er überlegte kurz. „Wer innehält, verliert“, sagte er schließlich. Dann fragte ich ihn: „Wie heißt Du?“ Er lachte und plötzlich musste ich auch lachen. Von dieser Nacht an trafen wir uns öfter, manchmal zufällig, manchmal verabredeten wir uns. Irgendwann fing ich aus reiner Bequemlichkeit an, ihn „meinen Freund“ zu nennen, obwohl ich tief in mir wusste, dass er das nicht war. Manchmal versuchten wir, uns wie Freund und Freundin zu benehmen. Er legte in solchen Momenten seinen Arm um meine Schulter, oder wir hielten Händchen. Aber irgendwie passten diese Berührungen nicht zu uns und so saßen wir meistens da und schauten in das glatte, müde Gesicht des anderen. Alles, was uns verband, war die Stadt, in der wir lebten und die uns beiden unsere gesamte Energie abforderte.

Dennoch schrieb ich Dir oft. Natürlich schrieb ich Dir nichts von den Zigaretten, den Augenringen und schon gar nicht von „meinem Freund“. Ich schrieb Dir lauter Kleinigkeiten, zeichnete Dir ein mosaikhaftes Bild der Stadt. Schrieb von den Frauen, die den ganzen Tag in der U-Bahn an der Rolltreppe sitzen, in einen Kasten eingesperrt, in dem ein Bildschirm die Rolltreppe zeigte, den ganzen Tag nur die Rolltreppe. Ich erzählte von protzigen Limousinen, von Mädchen, die ihre langen Beine durch absurd hohe Schuhe noch länger machten und so aussahen wie exotische Vögel, die stolz und schön über die schlammig-dreckigen Gehsteige voller Schlaglöcher stolzierten. Ich schrieb von unglücklichen Poeten, deren Geister noch wie Novembernebel über den Straßen hingen. Ich schrieb Dir von den Augen der Großmütterchen auf dem Markt und von Teenagern, die auf der Straße literweise Wodka tranken, bis sie wortwörtlich in der Gosse einschliefen. Ich erzählte von Pfannkuchen und gefüllten Kartoffeln, von meiner Wohnung, an deren Wände unglaublich hässliche Tapeten hingen, von der besonderen Farbe des Himmels und von den Lichtern der Stadt. Ich erzählte von alten Männern, die in den U-Bahn-Schächten Ziehharmonika spielten, von Ausstellungseröffnungen und absurd teuren Restaurants. Ich schrieb von Pferden, die gelassen und still auf dem Straßenpflaster standen, einfach nur dastanden, ohne etwas zu tun. Ich wusste gar nicht, warum ich Dir das alles schrieb. Du antwortest nur selten. Ich aber ließ ein ganzes bizarres Reich wie ein düsteres Märchen vor Deinen Augen entstehen. Ich lief durch die Straßen und die Stadt verschlang mich, ich fühlte mich verloren und doch gleichzeitig so geborgen wie noch nie in meinem Leben. Endlich hatte ich Abenteuer. Bald wurden die Tage noch dunkler, Schnee begann zu fallen und ich packte mich in mit Kunstfell besetzte Klamotten ein. Manchmal traf ich mich nach der Arbeit noch mit „meinem Freund“, meistens fiel ich aber nur todmüde ins Bett. Es gab so viel zu erleben, zu sehen, zu spüren, dass die Wochen wie im Flug vergingen. Du antwortest schon lange nicht mehr auf meine e-mails, ich schrieb Dir aber weiterhin.

Und dann auf einmal schriebst Du zurück. „Kann ich Dich besuchen kommen?“ Ich merkte, wie ich mich freute und gleichzeitig Angst bekam. Ich hatte mein neues Leben noch niemandes Blicken ausgesetzt. Und jetzt kamst Du. Vor Aufregung knabberte ich den ganzen Tag an meinen knallrot lackierten Nägeln herum, bis sie aussahen wie die eines Teenagers in einer Nervenklinik. Aber es war nicht nur die Aufregung, Dich wiederzusehen und Dir mein neues Leben zu zeigen, die mich umtrieb, sondern auch ein ganzer Haufen Fragen, die flüsternd meinen Weg begleiteten und mich fahrig und unkonzentriert machten. Wo würdest Du schlafen? Auf einer Matratze? War das nicht irgendwie spießig? In meinem Bett? War das nicht irgendwie zu eindeutig? Wie würden wir uns begrüßen? Umarmen? Küssen? Wie küssen? Warum kamst Du überhaupt? Was wolltest Du? Urlaub? Aufregung? Sex? Die Stadt sehen? Oder doch... Mich? Sogar „mein Freund“ merkte, dass irgendwas nicht stimmte. Es war, als wäre Bewegung in mein glattes, müdes Gesicht gekommen. Unter seiner Oberfläche brodelte es, die Unsicherheit ließ meine kühlen, eisblauen Augen flackern, ließ mich unverhofft lächeln und im nächsten Moment die Stirn runzeln. Er runzelte dann auch die Stirn, als wäre er mein Spiegelbild. Aber er fragte nichts. Unser Verhältnis war nicht so eng, als dass er mich gefragt hätte, wie es mir geht. Mir hingegen fehlte in diesem Moment jemand, mit dem ich hätte reden können. Einmal versuchte ich es: „Glaubst Du eigentlich an die Liebe?“ Er sah mich ähnlich entsetzt an wie Du damals, als ich Dir sagte, dass ich mich nach dem Norden sehnte. Dann brach er unter einem Vorwand rasch auf und meldete sich eine Woche nicht mehr bei mir. Das war mir aber so egal, dass ich begann, unser Verhältnis grundsätzlich in Frage zu stellen. Wozu sich mit jemandem treffen, dessen Abwesenheit einen völlig gleichgültig lässt? Aber ehrlich gesagt, war es nicht das, was mich am meisten beschäftigte. Das warst ja schon Du.

Und dann war der Tag Deiner Ankunft gekommen. In diesem Zusammenhang „endlich“ zu denken, gestand ich mir nicht zu. Ich war inzwischen zu dem Schluss gekommen, dass wir einfach nur Freunde waren und hatte mir extra von einer Freundin eine Gästematratze ausgeliehen. Trotzdem freute ich mich unbändig, Dich am Flughafen zu sehen, ich rannte auf Dich zu und wollte Dir um den Hals fallen, aber mein dicker Mantel behinderte mich irgendwie dabei, ich konnte meine Arme nicht weit genug hochheben um Deinen Hals zu erreichen. Dich um den Bauch herum zu umarmen kam mir albern vor, als wäre ich ein kleines Kind, das seiner Mama entgegenläuft. Deswegen stoppte ich kurz vor Dir und legte nur kurz meinen Kopf an Deine Brust. Du hattest die Arme in Erwartung einer Umarmung schon ausgebreitet, da ich aber viel kleiner war als Du und mich nicht zu Dir hochstreckte, griffst Du ins Leere. Das war irgendwie peinlich und lustig, so dass ich kichern musste. Du sahst mich verwirrt an. Ich sagte: „Schön, dass Du da bist.“ Da lachtest Du auch. Als wir im Taxi in die Stadt fuhren machte ich Dich die ganze Zeit auf irgendwas aufmerksam. Schau hier, die vielen Lichter, wie es leuchtet, sieh nur, die Straßen, sie nur, die Menschen, da, schau, Schnee, wie er wirbelt, guck mal, man kann gar nicht die Hand vor den Augen sehen. Doch Du sahst nicht aus dem Fenster, folgtest mit Deinen Blicken nicht meinen fahrigen Händen, die mal auf dieses, mal auf jenes zeigten und reagiertest nicht auf mein nervöses Geplapper. Du sahst mich einfach nur an. Schließlich verstummte ich erschöpft. Wir fuhren schweigend weiter durch die Nacht. Es war schon spät, als wir bei mir zu Hause ankamen. Ich sah meine Wohnung zum ersten Mal mit den Augen eines anderen. Sah die noch kahlen Wände, die grelle Beleuchtung, die Fenster ohne Vorhänge. Mein Zimmer in Deutschland hatte ich mit viel Liebe und Sorgfalt eingerichtet. Hier schien Liebe und Sorgfalt fehl am Platze zu sein. Wer innehält, verliert. Wir tranken noch eine Flasche Wein. Du sahst mich weiterhin unentwegt an. Schließlich sagtest Du: „Du siehst müde aus, sollen wir schlafen gehen?“ Ich nickte. Als ich Dir die Matratze als Deinen Schlafplatz präsentierte, hoffte ich kurz, so etwas wie Bedauern oder Unverständnis in Deinem Blick zu sehen. Du nicktest aber nur. Als ich mich umzog, gingst Du aus dem Zimmer. Nachts hörte ich Dich dicht neben mir auf dem Boden atmen und konnte nicht schlafen.

Der nächste Tag war ein Samstag. Wir liefen durch die Stadt und ich zeigte Dir alles, wovon ich Dir geschrieben hatte, die alten Frauen auf dem Markt, die Männer mit den Ziehharmonikas, die betrunkenen Teenager, die U-Bahn-Schächte, die so hoch waren, dass das Geräusch der Schritte der Millionen Menschen tausendfach lauter klang, als marschierte eine ganze Armee täglich durch die Metro. Ich zeigte Dir die protzigen Limousinen, die teuren Restaurants, die schönen Mädchen, die Häuser der toten, unglücklichen Poeten. Du frorst in Deiner viel zu dünnen, deutschen Jacke, so dass wir alle 30 Minuten in einem Cafe haltmachten. Die Menschen auf der Straße drehten sich nach Dir um, vor allem die Frauen. Du schienst so gar nicht hierher zu passen, groß und schön und strahlend blond und gesund wie Du warst. Dein Blick wurde nicht durch Augenringe verdüstert, Deine Bewegungen waren nicht rasch und fahrig sondern ruhig und gelassen. Ich hätte am liebsten geweint, meinen Kopf an Deine Brust gelegt und einfach geweint. Aber das wäre so mitten auf der Straße, am hellichten Tag, etwas unpassend gewesen. Dann kamen wir zum größten Platz der Stadt, in der sich die gigantischen Ausmaße, der Größenwahn, die Sucht nach Superlativen, die dieses Volk auszeichnete, manifestierten. Es war schon dunkel geworden, sehr früh, wie immer in diesen Tagen, und der Platz erstrahlte im Licht von Millionen kleiner Glühbirnen. Es war magisch. Das Licht zeichnete die Gesichter der Menschen weich. Auf einmal sahen alle so gesund und schön aus wie Du. Ich hoffte, dass ich das auch tat und lächelte Dich an. Ich fand, Du könntest mich jetzt ruhig küssen. Du lächeltest aber nur zurück und berührtest leicht meinen Arm. So standen wir ewig im strahlenden Licht des Platzes, bis ich merkte, dass Du schon vor Kälte zittertest. „Lass uns weiter“, sagte ich deswegen. Du nicktest. Wir fuhren zu einer kleinen, schäbigen Bar, die sich in einem Keller unter einem der schicken Restaurants befand. Wir saßen uns im dichten Nebel des Zigarettenrauchs gegenüber und versuchten gegen die laute Live-Musik anzuschreien. Schließlich gaben wir es auf und sahen uns einfach nur an. Keiner von uns lächelte mehr, wir hingen beide unseren Gedanken nach. Irgendwann brachen wir auf.

Als wir wieder auf der Straße standen, war ich immer noch ganz in Gedanken versunken. Wir gingen in Richtung U-Bahn, ich kickte mit meinen Stiefeln gegen eine herumliegende Bierdose. Vor dem U-Bahn-Schacht bliebst Du plötzlich stehen. Du frorst schon wieder, Deine Lippen waren ganz blau. „Was ist?“ fragte ich. Du lächeltest, während Deine Zähne vor Kälte aufeinander schlugen. Dann legtest Du einen Finger unter mein Kinn und bogst vorsichtig meinen Kopf nach oben. Deine kalten Lippen trafen auf meine, als wir uns küssten und ich endlich das „endlich“ in meine Gedanken ließ. Deine Zunge war ganz warm und weich. Schon wieder hätte ich am liebsten geweint. Aber ich dachte, dass das wohl nicht die angemessene Reaktion auf einen ersten Kuss wäre. Du löstest Dich von mir, legtest mir die Hand auf die Wange und sahst mich an. Dann gabst Du mir einen Kuss auf das linke Auge, anschließend auf das rechte Auge. Ich konnte nicht anders, als strahlend zu Lächeln. Die Menschen drängten sich rechts und links an uns vorbei, die betrunkenen Teenager, die im Schnee saßen, johlten und klatschten Beifall. Mir war das alles egal. Ich wollte einfach für immer hier stehenbleiben und Deine Augen sehen, wie sie mich ansahen. Doch irgendwann gingen wir weiter. Wir sprachen kein Wort, hielten uns nur an den Händen. In der U-Bahn legte ich meinen Kopf an Deine Schulter. Du spieltest mit meinen Haaren, die unter meiner dicken Mütze hervorkrochen.

Als wir zu Hause waren, zog ich gerade meine Jacke und meine Stiefel aus, als Du plötzlich vor mir standest und mich noch einmal küsstest. Dann hobst Du mich hoch und trugst mich in mein Zimmer. Wenn man so genau drüber nachdenkt, dann ist das eine ziemlich alberne Geste, irgendwie zu pompös und gar nicht postmodern. Doch mir kam es in diesem Moment genau richtig vor, auf Deinen Armen ins Bett getragen zu werden. Du legtest mich vorsichtig auf dem Bett ab, als wäre ich eine Porzellanpuppe. Dann fingst Du an, mich auszuziehen, nicht mit der üblichen Hast, die man vor dem ersten Sex an den Tag legt, sondern langsam und bedächtig. Mein ganzer Körper war eiskalt. Du legtest Dich neben mich und streicheltest meine kalten Beine, meine Arme, gabst mir kleine Küsse auf den Bauch. Dein Atem streifte meine Brust. Es war komisch, so nackt neben Dir zu liegen, während Du noch ganz angezogen warst. Ich zog Dir den dicken Pullover über den Kopf, streifte Dir die Hose ab, mit ihr die Socken. Ich rieb mit meinen kalten Füßen Deine kalten Beine, Du zogst mich an Dich und mit Erstaunen stellte ich fest, dass Deine Brust gar nicht kalt war, sondern warm. Ich küsste sie. Sie schmeckte nach Sommer und roch nach Gras. Ich legte meinen Kopf an Dein Herz und hörte es schlagen. Plötzlich wurde mir bewusst, dass Du tatsächlich hier warst und lebendig warst. Ich schluckte und eine einzelne Träne lief mir über das Gesicht und verschwand in Deinen Brusthaaren. Du streicheltest meinen Kopf. Ich schloss die Augen und lächelte. Ich hatte das Gefühl, dass soeben das größte Abenteuer meines Lebens begann.

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75 Antworten

Kommentare

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    ich finde den text wunderschön und toll geschrieben.

    super beitrag, "gaul."-.-

    21.08.2009, 08:23 von kate222
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    @ Gaul:
    Für solch lange Texte sollte man sich schon Zeit nehmen.

    Immerhin ist es nicht nur schwarzer Text auf weißer Leinwand.

    Die Länge lässt dich einen Einblick in das Gefühlsleben erhaschen.

    Und genau in den Feinheiten unterscheidet sich doch dieser Text von anderen.

    Sonst hieß es ja immer: kennengelernt. liebengelernt. getrennt. traurig.

    28.06.2009, 20:39 von cleolite
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    Schöne Geschichte, hat mir richtig gut gefallen! :)

    15.06.2009, 18:04 von Papierherzz
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    Schöner Text.
    Habe meine Melancholie wieder.
    Und ich glaube ebenfalls an Menschen und ihre Entscheidungen.
    Danke für die schönen Worte!

    12.06.2009, 09:22 von Popelfritz
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    schoene geschichte! wirklich schoene geschichte!

    11.06.2009, 18:59 von eela
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    toll!

    10.06.2009, 19:44 von kekskrumen
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    der text ist einfach nur wunderbar und lohnenswert zu lesen. super toll geschrieben, mehr kann ich dazu nicht sagen.

    08.06.2009, 20:53 von dirty_lady
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    Hallo, also ich habe viele e-mail Freunde weit ab im Ausland (..bei yahoo, bei MiGente dort). Ich finde es ist richtig und wichtig Dialog mit weit entfernten Freunden zu finden. Das erweitert den Horizont und es ist leichter total ehrlich zu sein - weil die Distanz eben da ist.
    So kann man auf beiden Seiten gewinnen.
    schlenke

    05.06.2009, 13:54 von schlenke
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    Die Länge ist egal .. war für mich egal.. sprachlos. :-)

    03.06.2009, 21:36 von Fratellis_Baby
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    wunderbar!
    ich fühl mich ganz verliebt, auch wenns mich gar nicht betrifft :)

    03.06.2009, 18:45 von KarinH
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