raaay 15.09.2011, 21:34 Uhr 16 6

Frei sein?

„Mach schon, komm, trau dich. Los jetzt, verlier dich!“

Sie denkt oft nach.
Doch diesmal nicht, sie tut es einfach.
Ein paar Minuten später fängt es an, zu wirken.
Anfangs spürt sie kaum etwas. Doch schon bald wird aus dem schüchternen Mädchen ein lautes, auffallendes Mädchen. Sie fühlt sich so leicht, wie schon lange nicht mehr. Sie könnte fliegen, die ganze Welt umarmen. Sie ist sorgenlos, unbeschwert. Sie fühlt sich verstanden, akzeptiert, beachtet. Sie verliert sich ganz, denkt an nichts mehr. Auch nicht an sich. In ihrem Kopf wiederholt sich ständig und ständig ein einziger Satz.
„Frei sein. Frei sein. Frei sein.“

Warum schlägt die Frau da hinten in der Ecke auf eine Trommel, wenn der Bass ertönt?
Warum sind alle nur nachts so fröhlich?
Warum berührt mich ständig dieser Fremde?
Es ist egal, alles ist egal.
Es scheint, als ob die Nacht kein Ende nehmen will. Sie tanzt bis in die frühen Morgenstunden. Sie genießt jede Sekunde, doch alles hat einmal ein Ende. Eine lange Zugfahrt, eine gute DVD, eine Freundschaft.
Auch diese Nacht hat ein Ende. Dieser Rausch hat ein Ende. Diese wilde Fahrt hat ein Ende.
Plötzlich ist alles verschwunden. Die Frau mit der Trommel, die Bewunderung der Männer, die Musik, in der sie sich verlieren kann.

Sie denkt oft nach.
Sie versteht so einiges nicht.
Auf der Straße begegnet sie Menschen mit erstarrten Gesichtern. Lächelt sie sie an, erntet sie höchstens einen verwunderten Blick oder ein Stirnrunzeln. Warum nicht mal zurücklächeln?

Sie denkt oft nach.
Sie will nicht mehr. Ihre Sorgen, Ängste und Wünsche, ihre Ungewissheit, die Begrenztheit, die Regeln und die Eingrenzungen – alles ist plötzlich wieder da und zerbricht ihre Welt, in der sie frei sein kann.
Wozu soll man leben?
Diese Frage stellt sie sich oft. Man muss alles geben, egal für was, egal für wen. Gibt man nicht alles, ist man nichts. Man muss besser sein als der Rest, egal in welcher Situation, egal wie man das anstellt. Hauptsache man ist besser. Man muss auffallen, glänzen, Präsenz zeigen. Tut man dies nicht, ist man auch nicht präsent, sondern unscheinbar, ungewollt, wertlos.

Sie denkt oft nach.
Gerne zurück an damals.
Damals – das klingt, als wäre sie schon uralt. Ist sie aber nicht. Sie ist jung. In den besten Jahren ihres Lebens. Davon gehen zumindest alle aus.
Aber wie soll man die beste Zeit seines Lebens verbringen, damit man sie als die Beste bezeichnen kann? Wie soll man allen Anforderungen gerecht werden und gleichzeitig leben?
Was heißt leben überhaupt?

Sie denkt oft nach.
Früher war alles so unbeschwert, leicht. Mama war immer da, niemand verlangte viel, es gab klare Regeln, man wurde geliebt, verstanden, beschützt.
In einer Schaukel sitzen, hoch in die Lüfte fliegen, die Beine baumeln lassen, die Luft am ganzen Körper spüren – man fühlte sich damals wie die Größte!
Kann man sich mit 18 Jahren beim Schaukeln wie die Größte fühlen?

Sie denkt oft nach.
Sie kann nicht mehr. Und will nicht mehr. Ständig muss sie alles geben. Immer muss sie das lassen, was ihr gefällt. Sie ist unzufrieden mit so vielem. Mit der Politik. Ihrer Familie. Ihren Freunden. Mit sich selbst. Doch keiner hört sie. Alleine kann sie nichts verändern.

Sie denkt oft nach.

Nachdenken bringt meistens noch mehr Durcheinander in die Gedanken.

Sie hat viele Fragen, die ihr keiner beantworten kann.
Keiner weiß, warum sie sich ihren Kopf so oft zerbricht mit vielen verschiedenen Dingen.
Sie selbst hat längst eine Antwort gefunden.
Eine Antwort auf alle Fragen und Wünsche. Eine Antwort, die ihr hilft, frei zu sein, so zu leben, wie sie will.
Sie weiß nicht, ob der Weg, den sie geht, richtig ist. Aber sie kann nicht mehr. Und will nicht mehr.
Es ist ihr einziger Ausweg, alles ist egal.
Freitagnacht beginnt ihr Leben. Montagmorgen endet es.
Alles braucht seine Zeit.

Anfangs spürt sie kaum etwas.
Doch schon bald fängt es an, zu wirken.
Es bewirkt Wunder.

Sie denkt oft nach.
Wieso musste es so enden?
Auf alles hat sie eine Antwort gefunden, nur nicht auf diese Frage.
Wieso musste es so enden?

Doch sie hört nur diese eine Stimme. Immer und immer wieder.
Und sie macht es.

„Mach schon, komm, trau dich.
Los jetzt, verlier dich!“

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16 Antworten

Kommentare

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  • 1

    sehr schön geschrieben :))

    und wegen dem schaukeln....das ist mit 18 am tollstens, weil da darf man das auch nachts ;)

    05.07.2012, 18:16 von einhornpony
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  • 1

    Eskapismus is jetzt aber auch nix neues.

    »Man muss alles geben, egal für was, egal für wen. Gibt man nicht alles, ist man nichts.«

    Das stimmt ja so nicht. 'Ausreichend gut' reicht völlig.

    20.03.2012, 10:25 von sailor
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    • 1

      Die 'Ausreichend gut'-Idee ist nicht von mir entwickelt.

      Und die Tatsache, daß nicht immer alle überall 'die Besten' sein können, ist ja eher eine Frage der Logik als der 'Leistungsbereitschaft'.
      Und darüber über Gebühr Frustrationen zu entwickeln, ist ja irgendwie Teenie...

      Finde ich zumindest.

      20.03.2012, 10:54 von sailor
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    • 0

      Man munkelt, es soll Unternehmen geben, deren Leitungsgremien erkannt haben, daß entspannte und zufriedene Mitarbeiter leistungsfähiger und -bereiter sind, loyaler, weniger krank und imagefördener und damit langfristig lukrativer für das Unternehmen sind, als wenn man sie auspresst, wie eine Zitrone...

      20.03.2012, 11:35 von sailor
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  • 0

    Ein schöner Text, auch mich spiegelt er. Oft frage ich mich beim denken ob ich zu viel denke !?

    Kann man sich mit 18 Jahren beim Schaukeln wie die Größte fühlen?


    Ohja... selbst mit 25 kann man sich so fühlen. Nur Wind, Bewegung und Kopf frei. Schaukeln fetzt ;)

    20.03.2012, 10:09 von Danny0511
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  • 0

    wer kann einem schon sagen welcher weg der richtige ist...das mutigste ist, keinen weg zu nehmen und sich durch den wald zu schlagen. doch wer wagt das schon...wie sie wiederfinden in diesem chaos?! dein text spiegelt vieles in mir wieder...danke dass du es aussprichst.

    23.11.2011, 21:56 von friska_viljor
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    • 0

      das dumme ist nur, es bleibt nicht bei EINER inneren stimme...;)

      23.11.2011, 22:25 von friska_viljor
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    • 0

      vielen dank für das anschubsen ;)

      23.11.2011, 22:29 von friska_viljor
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    • 0

      erinnert wohl eher...;)

      23.11.2011, 22:34 von friska_viljor
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  • 0

    ich erkenne mich in beinahe jeder Zeile wieder...das ständige Nachdenken, diese Unzufriedenheit und der Wunsch nach Freiheit, aber man weiß nicht so recht, wie man eigentlich frei sein soll...ein sehr schöner Text!! :)

    08.10.2011, 13:48 von LauraKa
    • 0

      danke:) ja das stimmt..wie man frei sein kann oder soll, ist glaub ich eine frage, die man nicht wirklich beantworten kann, leider :(

      09.10.2011, 17:40 von raaay
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