Flucht in den Tod
Tausende Afrikaner sterben jährlich auf der Flucht nach Europa - ein Besuch bei Hinterbliebenen
das Morgengebet begann ein wenig zu früh, um etwa drei Uhr nachts. Die Überlebenden klammerten sich an den Rumpf der gekenterten »Nazar«, des Fischerboots, das die Flüchtlinge aus Tripolis weggebracht hatte, und beteten, dass sie nach Westen getrieben waren und am Horizont, dank Allahs Gnade, die Lichter von Malta auftauchen würden.
Zwei Tage hielten sie sich nun schon am öligen Rumpf des Bootes fest. Immer wieder rutschten sie in das nasse Grab, das sie umgab, und mussten wieder hinaufklettern, die toten Körper der anderen dienten als Trittleiter.
»Bei Gott, wie viele sind es denn noch«, sagte der Kapitän der libyschen Küstenwache, als die Suchscheinwerfer seines Schiffs die Überreste der »Nazar« erfassten. So etwas hatte er noch nie gesehen: schwangere Frauen aus Somalia, nigerianische Schul kinder und Männer aus Gambia, Dutzende von ihnen, aufgeschwemmt, verstreut über die See. Auf dem umgedrehten Boot kauerten nicht mehr als zehn Überlebende, die weinten und schrien und sich aneinanderklammerten. Erst als der Tag anbrach wurde das Ausmaß der Katastrophe wirklich klar: Drei Boote waren vor Libyens Küste gekentert.
Die Überlebenden der »Nazar« berichteten von einem Sandsturm und hunderten von Menschen, die von Deck ins Meer fielen. »Als das Wasser bis zu unseren Knien stand«, erzählte ein Mann aus Gambia, »schmissen die Männer, die die Überfahrt organisiert hatten, die Schwächsten über Bord. Panik brach aus, und jeder kümmerte sich nur noch um sich selbst.«
Wie viele Menschen auf den Schiffen waren, wollten die Ermittler wissen. »Zu viele«, antwortete ein Überlebender. »Die Boote lagen so tief im Meer, dass wir mit unseren Händen das Wasser rausschöpfen mussten.«
Wo kamen sie her? »Aus allen Himmelsrichtungen. Lagos. Accra. Nairobi. Yaoundé. Banjul. Dakar.« Was war ihr Ziel? »Lampedusa und dann Mailand, Berlin, London. Ein besseres Leben.«
In Mailand, Berlin, London schaffte es der Untergang der drei illegalen Fähren und der Tod von vielleicht 300 Menschen im März 2009 - eines der größten Seefahrtsunglücke des Mittelmeerraums - kaum auf die Titelseiten der Zeitungen.
Die illegale Einwanderung ist längst fester Bestandteil unseres Wirtschaftssystems. Europa verlässt sich auf die große, geheime Armee der illegalen Einwanderer, die hier Niedriglohnjobs erledigen. Etwa zwanzig Millionen Menschen, die aus dem Afrika südlich der Sahara stammen, leben bereits in Europa, sie kommen auf vielen Wegen, passieren ganz legal die Passkontrolle am Flughafen oder überqueren eben irgendwo im Meer die unsichtbare Grenze. Es ist fast unmöglich, die Zahl der ankommenden Flüchtlinge anzugeben. Das »Migration Policy Institute«, ein unabhängiger Thinktank mit Sitz in Washington, schätzt, dass zwischen sieben und acht Millionen illegale Einwanderer aus Afrika in der EU leben.
Es gibt unzählige Routen. Die Auswanderer aus Westafrika - Ghana, Nigeria, Senegal und Gambia - wandern durch die Sahara nach Libyen, von wo sie in See stechen, um es mit dem Mittelmeer aufzunehmen wie die Menschen auf der »Nazar«; es ist eine Fahrt ins Ungewisse, 600 Kilometer von Tripolis nach Sizilien, in Booten, deren Planken von den Schiebern und Menschenschmugglern tiefschwarz gestrichen wurden, damit die Suchscheinwerfer der Polizeiboote sie nicht entdecken.
Die zweite Hauptroute führt von Senegals Hauptstadt Dakar zu den Kanarischen Inseln. Die Flüchtlinge sitzen in Pirogen, zerbrechlichen Kanus, die gebaut wurden, um in flachen Küstengewässern zu fischen - nicht für eine tagelange Reise auf hoher See.
Es wird geschätzt, dass jeder achte Flüchtling, der versucht, über den Ozean nach Europa zu kommen, sein Ziel nicht erreicht und auf ewig im Atlantik oder im Mittelmeer verschwindet. Nur in Einzelfällen werden die ertrunkenen Auswanderer gefunden und identifiziert, ziehen Fischkutter ein Skelett aus dem Wasser, oder werden Leichen an spanischen und italienischen Stränden angeschwemmt, an denen Touristen Urlaub machen.
Wer die Ursachen und Folgen dieser kontinuierlichen Katastrophe verstehen will, muss in die Heimatländer der Flüchtlinge fahren, zum Beispiel nach Gambia. Am schmutzigen Ufer des Gambia-Flusses sitzen gelangweilte Kinder und drücken mit ihren bloßen Händen Löcher in die rote Erde. Ihre Mütter kauern vor den Lehmhütten und verkaufen Päckchen mit Erdnüssen. Die Hirsefelder, die die Dörfer einst umgaben, sind den Überschwemmungen zum Opfer gefallen. Arbeitsplätze gibt es kaum noch. Und auch die arbeitsfähigen Männer sind schon seit langem verschwunden. Aus dieser Gegend des Landes kamen die meisten der jungen Männer, die mit der »Nazar« untergegangen sind.
Doumbe Jaiteh empfängt uns im Innenhof seines Hauses in Bintang. Jaiteh hat zwei Söhne auf der »Nazar« verloren. Der alte Mann umklammert eine Ausgabe von »The Point«, einer der wenigen unabhängigen Zeitungen des Landes, in der die Namen der Opfer abgedruckt sind, und kann die Tränen nicht unterdrücken. Seine Söhne Bafoday, 30 Jahre, und Forday, 27 Jahre, hinterlassen vier Frauen, sechs Kinder und 36 weitere Verwandte, die von ihnen abhängig waren - als die »Nazar« im Sturm vor Libyen kenterte, verloren nicht nur Bafoday und Forday ihr Leben, sondern eine ganze Sippe auf einen Schlag jedes Einkommen und jede Perspektive.
»Was kann ich sagen«, spricht Doumbe Jaiteh. »Die Jungen sind mit unseren Hoffnungen und unserem Segen aufgebrochen. Ich habe sie ermutigt: Geht, macht was aus eurem und unserem Leben. Verschwendet euch nicht an dieses verrottete Land, wie ich es getan habe. Wir gaben ihnen unser Geld. Wir nahmen einen Kredit auf. Bafoday und Forday hätten ein Haus für uns bauen sollen. Der Sohn meines Nachbarn lebt seit fünf Jahren in London. Sein Haus ist aus Beton.«
Die ehemalige britische Kolonie Gambia gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Gambia ist der flächenmäßig kleinste Staat des Kontinents, ein winziger Fetzen Land, in dem weniger als 1,5 Millionen Menschen leben - und seit einem Militärputsch im Jahr 1994 eine Diktatur herrscht.
Seine Exzellenz Scheich Professor Al-Haji Dr. Yahya A.J.J. Jammeh unterdrückt jeden, der nicht seiner Meinung ist, pflegt einen bizarren Personenkult und behauptet gerne mal, dass er Aids mit einem Kräutersud heilen könne. Es gibt genug Gründe, Gambia zu verlassen.
Die letzte Reise von Bafoday und Forday Jaiteh begann über 400 Kilometer nördlich ihrer Heimat, in Dakar, der Hauptstadt des Senegal. 500 Dollar bezahlten sie einem Schlepper, der sie dafür auf einem chinesischen Truck und zusammen mit sechzig anderen Gambiern nach Mauretanien bringen sollte und weiter, viele tausende Kilometer durch die Sahara, bis in die libysche Stadt Kufra und dann weiter in Richtung Mittelmeer.
Zum Abschied sagten die Brüder ihrem Vater: »Du hörst in einem Monat von uns.« Aber dann verging ein Monat, erzählt Jaiteh, »und ich bekam keine Nachricht.«
Nach drei Tagen war der chinesische Truck mitten in der Wüste mit einem Motorschaden liegen geblieben. Wochenlang steckten die Männer fest. Die Gambier waren schlecht für das Leben in der Sahara ausgerüstet, wo die Temperaturen in der Nacht bis auf den Gefrierpunkt fallen. Während die Flüchtlinge hilflos unter dem Lastwagen kauerten und der Fahrer um sein Leben kämpfte und versuchte, den Motor wieder zu flicken, starben vier Gruppenmitglieder an Unterkühlung.
Nachdem sie zurück auf der Straße in Richtung Norden waren und Mali durchquert hatten, verschlug es die Brüder nach Dirkou, eine Schmugglerstadt im nördlichen Niger, wo sie eine weitere Woche warteten, bis sie einen Platz in einem Jeep hatten, der sie nach Libyen brachte, wo sie schließlich in die »Nazar« kletterten.
Zehn Kilometer flussabwärts von Doum be Jaitehs Lehmhütte liegt das Dorf Sanyaang. Hier leben die Witwen von Ousman, Ebrima, Ensa and Alouma Bojan Sayang, vier Brüdern, die ebenfalls auf der »Nazar« ums Leben kamen. »Sie verschwanden wie Geister in der Nacht. Es gab keine Vorwarnung «, sagt Fatoumata Balajo, die Frau von Alouma, während sie ihren acht Monate alten Sohn stillt.
»Bevor er ging, sagte mein Mann zu mir: Als Männer müssen wir beten, als würden wir morgen sterben, und wir müssen arbeiten, als lebten wir für immer. Er legte sein Schicksal und unsere Zukunft in Gottes Hand.«
In Westafrika gibt es viele Dörfer, in denen sich eine ganze Generation von Männern auf die Reise gemacht hat, zurück bleiben Frauen, Kinder und Alte. Vierzehn Prozent der Bevölkerung des Senegal, dem Nachbarstaat von Gambia, leben mittlerweile im Ausland. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass die senegalesische Exilgemeinde im Jahr 2008 etwa 450 Millionen Euro in die Heimat geschickt hat, für ganz Afrika beläuft sich diese private Entwicklungshilfe auf mehr als dreißig Milliarden Euro. Wie sehr die Menschen in Westafrika am Tropf der Familienmitglieder in Europa hängen, sieht man auch in Gambia auf den Straßen. Das wichtigste Gebäude ist immer das Büro des Geldtransfer- Anbieters »Western Union«, die Verbindungsstation zu den Lieben in der Ferne - und zu ihren Konten. Davor cruisen die »Golden Boys«, die erfolgreichen Rückkehrer, in ihren BMWs und Mercedes-Limousinen.
Demba Bojang Sayang ist der älteste Bruder der Verunglückten, er ist geblieben und arbeitet als Schulleiter. Die Entscheidung, dass Ousman, Ebrima, Ensa und Alouma versuchen sollten, es in Europa zu etwas zu bringen, sei von allen 74 Mitgliedern der Großfamilie unterstützt worden. »In Gambia denken die Jungen nicht mehr an die Schule«, sagt Sayang. »Wenn man die herkömmliche Ausbildung wählt, so wie ich es tat, klettert man die soziale Leiter nur langsam nach oben. Aber wenn man es durch die Wüste und über das Meer nach Europa schafft, nimmt man den Expressaufzug. Wenn ich die 12- jährigen Kinder in meiner Klasse frage, wer einen Bruder oder eine Schwester in Europa hat, gehen alle Hände nach oben.« Und was, wenn man die Kinder fragt, wer den Geschwistern in die Ferne folgen will? »Dann gehen auch alle Hände in die Luft«, sagt Demba Bojang Sayang.
Es ist eine einfache Rechnung: »Ich bin Schulleiter und verdiene trotzdem nur 3000 Dalasi im Monat, 85 Euro. Der Bruder meines Nachbarn verkauft gefälschte Uhren und Handtaschen auf einem Markt in London. Er schickt jeden Monat 400 Euro nach Hause und unterstützt seine ganze Familie. « Sayang kann sich daran erinnern, wie seine Brüder auf dem Boden ihres Hauses saßen, die Landkarte vor sich ausgebreitet, und mit den Fingern die Route durch die Wüste nachzeichneten. »Wir wussten, dass es ein großes Risiko gibt«, sagt Demba Bojang Sayang. »Aber dass alle vier auf einem Boot umgekommen sind - das ist zu viel. Jetzt laufen ihre Witwen in unserer Familie herum wie lebende Tote.«
Das Schicksal der Witwen wird vermutlich so aussehen, dass sie von einem Mitglied der Familie ihres Ehemannes als vierte oder fünfte Frau genommen werden. In Gambia gab es Fälle, in denen die Kinder toter Flüchtlinge buchstäblich verhungerten. »Es ist sehr schwer, Nahrung zu finden«, sagt Fatouceesay, die Witwe von Ebrima Sayang, und drückt ihre drei Kinder an sich. »Wir sind Bettler, warten, bis alle anderen fertig gegessen haben, bevor wir die Reste bekommen.«
Alle Wege aus Gambia hinaus führen in den Senegal. An der Grenze betreten wir das französischsprachige Afrika und fahren auf der gleichen Straße in Richtung Norden, die auch die 27 jungen Männer aus Gambia genommen hatten, die auf der »Nazar« umgekommen sind. Als wir in die Kleinstadt Mbour einfahren, erleuchten die allgegenwärtigen Werbetafeln der Western- Union-Büros die Straßen der Stadt. »Die Männer sind verschwunden«, sagt unser Fahrer, »aber die gelben Schilder leuchten bis zum Ende der Tage.«
Senegals Hauptstadt Dakar ist das Drehkreuz der globalen Migrationsbewegung. Die illegalen Überfahrten zu den Kanarischen Inseln stellen für die lokale Bevölkerung eine wichtige Einkommensquelle dar: Boote müssen gebaut werden. Und dann brauchen die Boote ja auch Außenbordmotoren und GPS-Systeme, Wasser, Nahrungsmittel und Treibstoff.
Aber es sind nicht nur Menschen aus den Nachbarländern, die sich auf die Reise machen und oft für immer verschwinden, sondern auch die Einwohner der Stadt selbst. Vom Büro von Madame Diouf im Ort Thiaroye sur Mer aus kann man den Ozean riechen. Der Sohn von Madame Diouf, Alioune, ist als Kind in diesen Gewässern geschwommen, gleich neben den Abwasserrohren, und hatte dabei das Ufer immer fest im Blick.
Später aber schaute Alioune in die andere Richtung über das Meer, nach Europa. Im März 2006 stieg er nur 500 Meter von seinem Elternhaus entfernt in eine Piroge und trat seine letzte Reise an. In den Wellen des Atlantiks sank das Schiff und riss neunzig Menschen in die Tiefe.
Statt in Trauer zu versinken, entschloss sich Madame Diouf zu kämpfen. »Assez! Ich habe genug«, sagt sie. Madame Diouf gründete das »Women?s Collective for the Fight Against Clandestine Migration«. Die Organisa tion hat 375 Mitglieder, senegalesische Frauen, die ihre Söhne an das Meer verloren haben.
»Wir ermitteln gegen die Schlepper. Wir klagen sie des Mordes an unseren Söhnen an. Wir gehen in Schulen, um der nächsten Generation zu erklären, dass sie nicht im Wasser sterben dürfen, wir gehen zu Stränden, wo die Männer die Boote für die Überfahrt bauen. Wir konfrontieren sie mit den Folgen ihres Gewerbes. Nur so stoppt man das Sterben dort draußen.« Aber es liegt gerade in Madame Dioufs Heimatort nicht im Interesse aller, den täglichen Exodus zu beenden.
Wir treffen Niang Boubacar vor der Moschee in Thiaroye sur Mer. Boubacar ist ein Schlepper und ein reicher Mann, er zeigt das gerne, mit einer goldenen Armbanduhr und mit seinem dicken Bauch. Er behauptet, dass er in den vergangenen Jahren mehr als 5000 Männer in Richtung Westen geschickt hat. Was er nicht sagt, ist: wie viele von ihnen gestorben sind.
Niang Boubacar sagt, sein Geschäft sei die Erlösung und nicht der Tod. »Ich habe einen harten Job. Um ein Boot aufzustellen, heuere ich einen Kapitän und eine Mannschaft von sieben, acht Leuten an. Der Kapitän bringt dann das Gerücht in Umlauf, dass sich bald eine Piroge auf den Weg macht. Wir brauchen achtzig Kunden, um rentabel zu arbeiten. Wenn wir genügend Anmeldungen haben, bauen wir ein Boot, hinter den Dünen, wo uns die Behörden nicht sehen. Dann füllen wir es mit Treibstoff, Wasser und Essen, mit allem, was man zum Überleben braucht. Es ist eine sichere Sache.«
Die Reise auf die Kanarischen Inseln, für die Flüchtlinge eine lebensbedrohliche Situation, ist für Niang Boubacar ein Routine: »Ich nehme zwischen 400 und 500 Dollar. Bei guten Bedingungen brauchen meine Boote nur acht Tage. Falls das Boot umdrehen muss, bekommen die Passagiere die Hälfte des Ticketpreises zurück. Wenn sie verhaftet werden, ist das eben Allahs Wille. Aber wenn sie es schaffen und von der ersten Telefonzelle zu Hause anrufen, ist das der schönste Moment! Ich habe geholfen, ihre Familien vor der Armut zu retten. Deswegen bin ich in diesem Geschäft.«
Bald, wenn der Sommer beginnt, werden im spanischen und italienischen Fernsehen wieder Bilder von Männern, Frauen und Kindern gesendet werden, die auf zerbrechlichen Planken vor Teneriffa oder Lampedusa stehen. Sie taumeln an Land. Am Strand kreuzen sich die Wege der Menschen in Bikini und Badeshorts und der Menschen in Lumpen. Als 2008 eine Gruppe aus Eritrea auf dem Weg von Libyen nach Europa verhungerte und verdurstete - von 73 Menschen überlebten fünf - prangerte Erzbischof Antonio Maria Vegliò im Radio Vatikan die »unverzeihliche Gleichgültigkeit« seiner Landsleute an: »Unsere sogenannte zivilisierte Gesellschaft hat in Wahrheit eine ablehnende Haltung gegenüber Fremden. Das liegt nicht nur an Ignoranz, sondern an der Weigerung, das, was man hat, mit anderen Menschen zu teilen.«
Das Mittelmeer und der Atlantische Ozean sind nur die erste Hürde, die afrikanische Auswanderer überwinden müssen. Danach müssen sie den Scheinwerfern und Razzien der Grenzpolizei entkommen und sich im Untergrund eine neue Existenz auf bauen. Die meisten, die die Reise überleben, landen in Auslieferungslagern.
Die Einrichtungen sind keine neue Heimat, sondern Gefängnisse, Symbole für die enttäu - schten Hoffnungen - endlich frei und doch abgeschnitten vom Leben in der Europäischen Union. Nur für die wenigen Glücklichen, deren Asylantrag bewilligt wird, sind die Lager eine Zwischenstation, bevor sie Arbeit und eine bessere Unterkunft finden. Nur wenige Glückliche kommen wirklich an.
Auf dem Sidi-Hamed-Friedhof in Tripolis liegen die Leichen, die nach dem Untergang der »Nazar« geborgen wurden, aufeinandergestapelt, in anonymen Gräbern. Unter Grabsteinen mit der Aufschrift »Identität unbekannt« oder »Afrikanischer Staatsbürger«. Die Gräber wurden von Männern aus Gambia und Senegal ausgehoben, die selbst erst vor kurzem in Libyen angekommen sind.
Jeder von ihnen wartet auf seine Chance, in den Untergang zu fahren.

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