zett 17.10.2007, 10:19 Uhr 48 52

Fickst du mich jetzt?

Marie kannte ich schon seit der Oberstufe, aber richtig kennengelernt haben wir uns erst während des Studiums.

Wir studierten beide Germanistik und trafen uns überraschend im Hörsaal. Aus einem Augenkontakt wurde ein Gespräch und schließlich tauchten wir immer als Zweiergespann auf oder hielten uns wenigstens einen Platz bei den Vorlesungen frei.

Je besser wir uns kannten, desto mehr Zeit verbrachten wir miteinander, lernten zusammen, arbeiteten zusammen, machten gemeinsame Projekte und unterstützten uns bei den Hausarbeiten. In vielen Dingen ergänzten wir uns, egal, ob es um Fragen aus unserem Studium ging oder um die profanen Dinge des Lebens. Marie wurde für mich zu einer richtig guten und wirklich wichtigen Freundin.

Nach einem langen Lernmarathon lagen wir uns schon mal erschöpft in den Armen, küssten uns manchmal flüchtig, aber immer blieb es unverbindlich und freundschaftlich. Bei einer dieser Gelegenheiten sagte Marie zu mir: "Lass uns ins Bett gehen." Ich dachte, es wäre ein Scherz, lachte und stand auf. Sie fiel in mein Lachen ein - es war ein Scherz. Zwei Wochen später sagte wieder: "Lass uns ins Bett gehen." Der gleiche Scherz noch einmal? Ich wurde unruhig. Ich versuchte die Situation zu entschärfen: "Hey, du brichst in eine Männerdomäne ein.", sagte ich scherzhaft. "Normalerweise müsste ich über dich herfallen und nicht umgekehrt." Ich grinste sie an. "Solange kann ich nicht warten, bis du mal auf die Idee kommst über mich herzufallen.", erwiderte sie. Ich war sprachlos und verschwand aus lauter Verzweiflung in die Küche. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Ich mochte Marie, aber ich liebte sie nicht und ich wollte keinen Sex mit ihr.

Marie sagte zu mir: "Ich will mit dir schlafen.". Sie hielt mich an einem Arm fest, so dass ich nicht wieder weglaufen konnte. "Marie, ich mag dich wirklich sehr gerne und du bist ein sehr wichtiger Mensch für mich. Du bist verdammt attraktiv und mir fällt es nicht immer leicht, meine Gene unter Kontrolle zu halten, aber ich habe eine feste Freundin und du bist meine beste Freundin. Ich kann nicht mit dir schlafen. Ich hätte Angst, dass unsere Freundschaft in die Brüche geht."

Ich glaube, ein Motor unserer innigen Freundschaft war die nicht ausgelebte Anziehungskraft. Es ist ein belebendes Moment, sich immer wieder gegenseitig zu Umgarnen, ohne es zum Äußersten kommen zu lassen. Wäre ich mit Marie ins Bett gegangen, wäre dieser Zauber für immer verflogen. Wir waren Freunde, deshalb wollte ich, dass es so blieb, wie es war. Und ich war in festen Händen und wollte meine Freundin nicht verletzen. Marie weinte. Nach einigen Minuten stand sie wortlos auf und ging.

In den folgenden Wochen kam sie nicht mehr zur Uni. Sie reagierte nicht auf meine Mails und meine SMSe und ans Telefon ging sie auch nicht. Von gemeinsamen Bekannten hörte ich, dass es Marie sehr, sehr schlecht ginge. Einige sagte, sie wäre richtig "heruntergekommen" und würde sich gehen lassen. Weshalb, wusste niemand. Nur ich hatte eine Ahnung. Als alle meine Versuche die Wogen zu glätten im Sande verliefen, begann ich sie zu vergessen. Aus den Augen, aus dem Sinn, sagt man. Ich hatte viel mit meinem Studium zu tun und verbrachte meine freie Zeit mit meiner Freundin. Drei Monate nach diesem Ereignis hörte ich noch ein allerletztes Mal von ihr. Sie schickte mir eine SMS: "Jetzt sind wir doch keine Freunde mehr. Fickst du mich jetzt?"

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48 Antworten

Kommentare

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  • 1

    "...Ich kann nicht mit dir schlafen. Ich hätte Angst, dass unsere Freundschaft in die Brüche geht."
    Ab da gehen die meisten Freundschaften kaputt.
    Ehrlicher Text.

    10.01.2011, 16:08 von vele
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    ..das beste, was ich bisher gelesen habe.
    krasse geschichte, und dabei nicht einmal fiktiv..

    13.05.2010, 22:01 von mondjunge
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  • 0

    Wortlos. harte Story

    18.04.2010, 17:38 von Goldpony
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    naja ist doch irgendwie besser so..vllt wärst du irgendwann schwach geworden und dann wäre deine beziehung im arsch..naja keine ahnung wie wichtig dir treue is oder wie wichtig dir deine freundin war..das hat mir auch ein bisschen gefehlt ..aber man hat in einer beziehung oft momente in denen man schwach wird ,keine ahnung wie das ist ich habe zwar freund und besten freund aber da kann ich anscheinend im gegensatz gut von meinen gefühlen her unterscheiden ..

    14.04.2010, 19:54 von elefantenherz
    • 0

      @elefantenherz sry das sollte heissen "in gegensatz zu dir"

      14.04.2010, 19:55 von elefantenherz
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  • 0

    so was liest man selten, ob ich Standhaft geblieben wäre weiss ich nicht.

    05.04.2010, 10:31 von trigg2
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    Toller Text und mit einem tollen Ende!

    10.03.2010, 14:43 von Tinelein
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  • 0

    Genialer Schluss. Dumm nur, wenn es autobiografisch ist.

    09.03.2010, 14:43 von sa_biene
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      @sa_biene isses autobiographisch? kann sein... jedenfalls find ich das verhalten von dem mädchen lächerlich. klar, korb bekommen, verletzter stolz, na und? deswegen net mehr zur uni gehen u sich gehen lassen?? kontaktabbruch? oder hat der junge ihr hoffnungen gemacht? dann würd ich ihre enttäuschung schon eher verstehen...
      das ist so eine scheiße mit den gefühlen..

      09.03.2010, 16:04 von FrauPistole
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    noch so ein toller Artikel... =)

    01.03.2010, 19:11 von Tiger.Ente
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    ... ich hänge immer noch an dem Satz mit den Genen....
    will irgendwie nich in meine Rübe...
    ... wie bringt man seine Gene unter Kontrolle....

    Hilfe, mein Hirn blutet....

    27.01.2010, 17:21 von Daggchen
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