beenerin 30.11.-0001, 00:00 Uhr 135 328

Etwas fehlt

Nicht immer, nein, nicht einmal oft. Aber eben doch – manchmal. Und dann mit ganzer Macht.

Neulich zum Beispiel, als ich nach einem bösen Tag angeschlagen nach Hause gekommen bin und niemand da war, um zu fragen wie es mir geht, oder mich einfach in der Wärme seiner Umarmung Trost finden zu lassen.

Manchmal, wenn mir etwas besonders Gutes widerfährt, und die aufregende Neuigkeit nicht aufhören will, Blasen der Begeisterung in meinem Bauch zu schlagen. Obwohl ich sie schon mit allen Freunden geteilt habe, mit ihnen darüber gelacht, gejubelt – und mich glücklich dabei gefühlt. Doch ich wäre auch einfach gerne mal wieder so richtig abgeknutscht worden deswegen, vor lauter Begeisterung.

Gestern Abend, als ich mich beim auf-der-Couch-liegen ein bisschen einsam gefühlt habe, da fehlte etwas. Der Schoß, in den ich meinen Kopf betten kann, ganz selbstverständlich – und die Hand, die mir dabei sanft über das Haar fährt, während mir eine vertraute Stimme von ihrem Tag erzählt und mich nach meinem fragt.

Einer, der mir leise ins Ohr kitzelt, dass er mein weißer Ritter sein will, wenn ich heimlich zum siebenundachtzigsten Mal „Pretty Woman“ schaue, und der mir, „deine sind länger, Baby“, zuflüstert, wenn ich bei der Szene, in der Julia Roberts die Längsdimensionen ihrer Beine lobt, argwöhnisch auf meine eigenen schiele. Oder mir zumindest versichert, dass ihm meine eben lieber sind, weil meine – und überhaupt hatte Julia Roberts in dieser Szene ein Körperdouble.

Etwas fehlt an den Tagen, die so furchtbar leer sind, weil mein Vater nicht mehr da ist. Einer, der mich ins Auto setzt und den langen Weg in die alte Heimat und zum Friedhof fährt, weil er im Glitzern meiner Tränen gelesen hat, dass es gerade sonst nichts mehr gibt, was mir noch ein gutes Gefühl in meine unruhige Seele zu hauchen vermag.

An dessen Schulter ich mich anlehnen und ausweinen kann, wenn ich nicht mehr weiter weiß. Weil er mich kennt und erkennt, ich mich nicht verstellten muss oder erklären. Und in dessen Gesicht ich die Erinnerung zu lesen vermag an das, was war, ebenso wie eine Vorstellung von dem, was kommt – aus uns beiden, auch. Weil ich weiß, dass ich den Menschen vor mir habe, dessen Kinder ich irgendwann in diese verrückte Welt setzen werde.

Es fehlt der, der ganz selbstverständlich da ist, in der Mitte der Nacht. Wenn ich mich mit meiner besten Freundin geknatscht habe und es deswegen nicht sie ist, die ich morgens um vier aus dem Bett zerre, um mir bei Eis und Aldi-Rotwein meine Sorgen nehmen zu lassen, sondern er – ohne dass ich auch nur einen Gedanken verschwende daran, ob ich mich albern benehme, oder dass ich Schlaf in den Augen habe, Tränen im Gesicht; und zu lange nicht geduscht.

Es fehlt der, dessen Gesicht mir als erstes in den Sinn kommt, wenn ich etwas erlebt habe, das ich teilen möchte, mit dem, den ich liebe. Und der umgekehrt auch mein Gesicht als erstes spürt, weil er mich mit derselben Macht liebt, denn sonst ist es nicht wahrhaftig, sondern nur ein flügellahmer Engel.

Manchmal fehlt es, jemanden zu haben, mit dem man sich an Regentagen unter der Decke festkuscheln kann, um gemeinsam zu beschließen, dass man das Bett heute nicht verlassen wird, sondern einfach liegen bleiben, um schlecht synchronisierte, alte Filme zu schauen. Und einer, der an Sonnentagen alles stehen und liegen lässt, um noch mit mir irgendwo hin zu fahren, egal wo, bis die Sonne blutig rot am Himmel untergegangen ist und wir schon ganz müde geworden sind vor lauter Glück.

Einer, der mir Tee kocht und durch einen Berg von Kleenex damit an mein Bett watet, um ich gesund zu pflegen, wenn mich die Grippe erwischt hat. Der mir die Hand hält, wenn das Fieber grausam wird und noch an meinem Bett sitzt, wenn ich nach unruhigem Dösen die Augen wieder aufschlage.

Der, der Verwandtschaftskaffees mit mir aushält und der antwortet, „aber klar, gerne“, wenn ich ihn frage, ob er mit auf den Geburtstag einer uralten Bekannten kommt, einfach weil er weiß, es ist mir wichtig – und deswegen keine große Sache daraus macht.

Und manchmal, wenn ich so müde bin von all den Kämpfen, die ich bis hier hin schon gefochten habe, dann fehlt einfach einer, der mich fest zudeckt und anschließend seine Arme um mich schließt, um mich darin geborgen zu halten, bis die Nacht ihr Ende findet und die Hoffnung darin einen neuen Anfang.


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135 Antworten

Kommentare

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    perfekte Umschreibung!

    09.05.2014, 22:41 von illusionsg
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    unglaublich schön und ehrlich.


    05.04.2014, 22:35 von -atinA-
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    hammer text und einfach wahr

    28.12.2013, 16:55 von Jay222
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    Ich mag "...bis die Sonne blutig rot am Himmel untergegangen ist und wir schon ganz müde geworden sind vor lauter Glück."

    01.11.2013, 16:03 von Klitzekleinste
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    Einfach wunderschön!

    26.07.2013, 20:20 von tiefesWasser
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    wow ... so ehrlich und echt einfach unglaublich schön und traurig zugleich 

    toller und mitreißender schreibstil 

    10.03.2013, 02:02 von Jenny-spb
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    Gefunden :)

    13.02.2013, 20:19 von schnutopard
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    Manchmal, wenn man sich einsam fühlt und niemand da ist, glaubt man, man wäre allein mit diesem Gefühl, in diesem Moment in der Welt. Vielen Dank für die Zeilen, die uns w
    issen lassen, dass es uns allen mal so geht und wir doch eigentlich gar nicht allein sind, denn wir alle haben dieselben Bedürfnisse und Wünsche. Danke.

    31.08.2011, 15:37 von Cupidos
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    hoffnungslos romantisch! traurig und trotzdem wunderschön.
    In Vanilla Sky ist dazu ein passendes Zitat über die Liebe: "Du wirst nie den exquisiten Schmerz des Mannes kennenlernen, der allein den Nachhauseweg antritt. Denn ohne das Bittere, Baby, ist das Süße nicht so süß."

    26.07.2011, 21:40 von Butterfly.Effect
    • 0

      @Butterfly.Effect voll schön :) und ich finds toll, wenn es schreiber gibt, die persönliche texte so verfassen können, dass sich auch noch 5 jahre später so manche leser sich damit identifizieren können.

      02.08.2011, 23:25 von hope-and-love
    • 0

      "Denn ohne das Bittere, Baby, ist das Süße nicht so süß." Müssen wir uns irgenwann enscheiden, ob wir das zwischen bitter und süß wollen? Geht "Leidenschaft" nur, wenn sie Leiden schafft?

      20.03.2013, 02:18 von Toshmonaut
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    Das ist schön und so passend....

    03.07.2011, 10:38 von liila11
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    Und, wie war dein Wochenende so? Jede Woche fotografiert ein NEON-Redakteur sein Wochenende mit dem Handy. Diesmal: Textredakteurin Lena Steeg.

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