Flote 30.11.-0001, 00:00 Uhr 65 54

Es ist so, dass du fehlst

Ich bin völlig überfordert und komme zumindest zu dem Schluss, dass zwei Ex für einen Tag einfach zu viel sind.

Ich wünschte ich könnte Winterschlaf halten um meine Gefühle zu verdauen. Die Sonnenstrahlen lassen mich leiden, bringen Erinnerung an goldene Zeiten zurück.
Am nächsten Tag bin ich allerdings wieder heilfroh über die Sonnenstrahlen, dass mein Körper am Morgen vom Schweiß glitzert und ich deine Nähe wenigstens nicht um der Wärme willen vermissen muss.

Aber es ist so, dass du fehlst.

Es ist Freitagmorgen. Ich weiß und du wusstest es auch immer, dass der Donnerstag der perfekte Tag unter der Woche war, dass ich auch endlich mit dir länger aufbleiben konnte, mit dir und der Sonne kämpfen konnte, wer es länger durchhält und zusammen der Nacht zu trotzen.
Wie früher stehe ich immer noch eine Stunde bevor ich tatsächlich das Haus verlassen muss auf, springe ins Bad, Zähne putzen.
Sie sind immer noch zu zweit und lehnen in dem schmalen Becher als hätten sie die Nacht heimlich miteinander verbracht, aber nicht zueinander gewendet, gerade so als dürfte es niemand mitbekommen.
Dann stehe ich wieder in unserem Schlafzimmer, doch da ist niemand mehr, mit dem ich die nächste halbe Stunde im Halbschlaf engumschlungen kuscheln könnte um uns beiden Kraft für die nächsten Arbeitsstunden zu geben.

Es ist so, dass du fehlst.

Während ich meine innere Uhr langsam mit Kaffee und Morgenzigarette auf die gewohnte Routine eiche, gehen mir Gedanken in den Kopf, abstruse Träume, von Menschen die ich seit Jahren nicht mehr traf, Träume die dich in ihrer Komplexität immer beeindruckt haben. Ich möchte dir mitteilen, dass meine Kollegin wieder eine abenteuerlich dumme Aussage gemacht hat, durch die ich noch Minuten heimlich in mich hinein kichern kann. Möchte mit dir unsere Tagesplanung durchgehen, über die Sonne sprechen und die Lieder die mir gerade durch den Kopf gehen. Seit ich hier sitze geht mir ein Ohrwurm eines Liedes, das ich einst für dich schrieb durch den Kopf.
"I would ever miss your embracing arms."
Tausend Worte, die ich dir im Moment nicht zukommen lassen kann.

Es ist so, dass du fehlst.

Nun sitze ich zu Hause, genieße meinen freien Freitagnachmittag, schlendere still durch die Wohnung, unruhig, weil ich nicht weiß, was ich als erstes regeln soll.
Bin hin und her gerissen, wie ich meinem neuen Mitbewohner das Zimmer vorstellen soll.
"Hier ist das Ex-Zimmer meines Freundes."
"Hier ist das Zimmer meines Ex-Freundes."
Ich bin völlig überfordert und komme zumindest zu dem Schluss, dass zwei Ex für einen Tag einfach zu viel sind.
Die Stunden in denen ich Kaffee trinke und den Überblick über meinen Zigarettenkonsum verliere ziehen sich träge durch den Tag und meine Gedanken nehmen wieder dramatische Züge an.
16:50...16:55....16:58...17:05
Wie die Zeit an mir vorbeizieht merke ich schon längst nicht mehr, als ich am Fenster stehe. Normalerweise habe ich gegen spätestens 17 Uhr immer den klimpernden Schlüssel gehört und mich in deine Arme geworfen.

Es ist so, dass du fehlst.

Du bist nicht da, wenn ich dir jetzt übertrieben hektisch von der Abendgestaltung berichten wollte. Niemand, den ich über seinen Arbeitstag ausfragen kann, Tee kochen und mit der glatten Haut seines perfekten Bauches am liebsten verschmelzen würde, während wir uns mal wieder Alltagsgeschichten erzählen, die der andere ohne sie gehört zu haben, nicht immer aber oft zu Ende erzählen kann, weil wir ein so perfektes Team waren. Und uns gegen den Rest der stressigen Menschen verschworen haben.
Es gibt jetzt nur noch portioniertes Essen, halbe Mengen und ungewohnte Hälften. Wein der angetrunken und verschlossen wieder in den Kühlschrank gestellt wird und Selbstgespräche, weil ich meinem Kummer irgendwie Luft machen muss.

Es ist so, dass du fehlst.

Ein möglicherweise perfekter Abend wartet auf mich, versuche mich täglich immer noch so anzuziehen, dass ich genau die Woge schlage, zwischen Selbstzufriedenheit und dem Gefühl dir zu gefallen, was keine Kunst war bei uns. Da es kaum Kompromisse benötigte. In keiner Hinsicht.
Meine Lieblingsfrauen kommen und wir spielen unsere üblichen Lieder, die wir im Rausch des Abends, viel zu schnell und viel zu laut singen. Dabei muss ich nun meine Augen schließen, da ich nicht mehr über die Schulter und in deine stolzen Augen sehen kann.
Der Rest der Truppe trifft nach und nach ein und jedes "euch" und "ihr" schlucke ich wortlos runter, da es immer noch selbstverständlich ist, für unsere Freunde, die diese Wohnung so lange als unsere betrachtet haben.

Ich tanze nun mit meinen Freunden durch die Nacht. Die klar und so lau ist, dass man auch gerne draußen sitzen bleiben könnte. Der Versuchung mich nach dir umzublicken kann ich nicht widerstehen, erkenne aber nirgends deinen elektrisierenden Tanzstil. Sehe nur eine Aneinanderreihung von Bildern, von perfekten Abenden, als wir uns schweißgebadet in den Armen lagen, uns an die Wand pressten und nicht entscheiden konnten, ob wir uns küssen oder "We can beat the sun as long as we keep moving" weitersingen sollten.
Taten beides und lachten, bis wir auf den Boden fielen.

Es ist so, dass du fehlst.

Wenn der Morgen schon fast wieder dämmert und ich zum Glück so erschöpft bin, dass das Einschlafen eigentlich kein Problem sein sollte, fällt mir das blinken der Stereoanlage auf. Die CD immer noch im Anschlag.
Ohne halt fließen meine Tränen.
Und es ist niemand hier, der ihnen Einhalt gebieten kann.
Ich wünschte du lägest hier, und ich könnte dir jeden Abend wieder ins Ohr flüstern wie ich das Lied auf meine Weise erweitert habe "...nicht nur mit den schönsten Songs der Welt, auch mit dem schönsten Mann."

Und es ist so, dass du immer fehlen wirst.

54

Diesen Text mochten auch

65 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Wow, jetzt hab ich doch tatsächlich Wasser in den Augen.... Ich kann Dich so nachvollziehen!

    Sehr schön geschrieben!

    25.03.2010, 13:58 von Tweetyy
    • Kommentar schreiben
  • 0

    klar denkt man zuerst an tomte, aber wenn man das lied kennt und dazu noch den text liest und auch noch zur krönung in so einer situation steckt, sind die gefühle einfach nicht mehr festzuhalten. und wenn dann obendrein noch books from boxes eines DER lieder warn.....
    genialer text!!

    06.11.2009, 21:21 von daniooo
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ich kann mich nachdem ich seit 5 tagen von meim freund getrennt bin komplett mit deinem Text idtifizieren. ach man, warum kann so was nicht leicher sein?

    Toller Text! Danke

    28.08.2009, 08:57 von Wassermelonenkern
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Da passt auch bei mir wie die Faust auf's Auge, leider. Dennoch wunderbar geschrieben!

    03.08.2009, 23:55 von patrickloveslife
    • 0

      @patrickloveslife hm....

      ob es einem jungen genau so geht?

      09.08.2009, 01:16 von meui
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Toller Text & schön geschrieben!

    07.07.2009, 11:31 von ariik
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ein wunderschöner text, spricht mir aus der seele!!

    29.06.2009, 23:35 von Tuonetar
    • Kommentar schreiben
  • 0

    geht vorbei.

    25.06.2009, 02:54 von miene
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ein sehr schöner text, so mitfühlend
    wahrhaftig schön!

    21.06.2009, 17:10 von glueckskleeblatt
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
Seite: 1 2 3 4 5 ... 7