Endstation Krebs
Krebs. Gut, damit kann man als starker Raucher nicht erst seit den Aufdrucken auf den Zigarettenschachteln rechnen.
Aber dass ein einzelner Mensch soviel Scheiße abbekommt mag man dann doch nicht glauben.
Immerhin war er nicht nur seit dem Teenageralter starker Raucher sondern etwa genauso lange schon Alkoholiker, die Leber war schon totgesagt, die verkalkte Arterie hat ihm schon eine erste Schätzung seiner Lebenserwartung des Hausarztes eingebracht. Fünf Jahre noch hieß es.
Das mit dem Alkohol hat er aber vor zwei Jahren tatsächlich in den Griff bekommen. Die Wahl zwischen dem Ende von 29 Jahren Ehe oder dem Ende von 35 Jahren Alkoholsucht fiel ihm leicht, die Konsequenzen zu tragen nicht. Zum vierten Mal den Führerschein nachmachen, Arbeitskollegen bei den anonymen Alkoholikern treffen.
Der Alkohol wurde damals erst dann zu einem Problem das die ganze Familie betraf, als sein Sohn starb, auf den er so lange warten musste. Er hatte wirklich versucht sich die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen als sein zweites Kind wieder nur eine Tochter wurde. Diese Enttäuschung sollte ihr Zeit seines Lebens anhaften bleiben. Nicht nur das sie ein Mädchen war, nein sie musste auch noch dieses neumodische ADHS in die Familie bringen. Da seine Frau eine angeborene Abneigung gegen Medikamente jeglicher Art hatte sollte diese Tochter Ritalin erst nach ihrem ersten Aufenthalt in der Psychiatrie kennen lernen.
Umso stolzer war sein Lächeln als ihm die Kollegen auf die Schulter klopften und ihm zu seinem Stammhalter gratulierten. „Lieber spät als nie“ und „Hast es doch noch hingekriegt“ waren die Standardsprüche die auch seine Töchter oft genug mithören durften. Das hatte seine Männlichkeit soweit gestärkt das die Vasektomie schnell beschlossen war, schließlich sollte nach dem dritten Kind endgültig Schluss sein. Dass er diesen Entschluss auch unter „die größten Fehler meines Lebens“ ablegen würde konnte er noch nicht wissen, sein Sohn strotzte nur so vor Gesundheit. Vom „plötzlichen Kindstot“ hatte er bis dato noch nie gehört. Drei Monate wurde der Junge alt, der weiße Sarg wirkte winzig. Ab diesem Zeitpunkt bis seine Enkelin zehn Jahre später geboren wurde hatte die ganze Familie denselben angestrengten Gesichtsausdruck wenn sie einen Säugling oder auch nur einen Kinderwagen sah.
Bereits an diesem Punkt seines Lebens, mit 39 Jahren war er ein verbitterter, gebrochener Mann. Mit dem Hintergrund der verkorksten Kindheit, einem Vater den er kaum kannte und der Selbstmord beging, drei Geschwistern die von zwei anderen Männern waren, einer Mutter die hauptsächlich damit beschäftigt war dem nächsten Ehemann nachzujagen und ihn in einen Beruf drängte den er nie wollte, nachvollziehbar.
Später wurde ihm vielfach bestätig das er sicher intelligent genug für das Gymnasium gewesen wäre. Das er trotzdem nur einen Hauptschulabschluss hat konnte er der Mutter nicht vorwerfen, wohl aber das sie ihm die Ausbildung zum Automechaniker verbot und ihn stattdessen Speditionskaufmann werden lies. Er landete schließlich in der Logistik, immerhin hatte er seinen Meister auf eigene Kosten geschafft, als er aber den Ersten Bandscheibenvorfall hatte, die Schulter bei einem Fahrradunfall kaputt ging und sich die Artrose in den Händen meldete wollte ihn trotzdem keiner mehr haben. Seine berufliche Laufbahn beschließt er somit erfolglos, wie alles in seinem Leben, als LKW-Fahrer.
Da sitzt er jetzt, auf 60kg geschrumpft, Essen kann er schon seit Monaten nicht mehr, der Krebs hat metastasiert und sitzt jetzt auch in der Bauchspeicheldrüse, die Gallenblase haben sie ihm schon entfernt, die Patientenverfügung ist aufgesetzt und eine weitere Behandlung durch Bestrahlung oder Chemotherapie lehnt er ab. Seine Familie lernt wieder ein neues Wort. „ Palliativ Medizin“.

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