mariada 30.11.-0001, 00:00 Uhr 62 43

Endlosschleife

Es gibt Puzzleteile, die beinahe zusammenpassen. Eben nur beinahe. Und jedes Mal, wenn es andere nicht tun, versucht man es nochmal.

Und noch einmal und wieder. Weil man immer dann anfängt, zu zweifeln. An sich, an anderen, weil es sich nur um Millimeter handelt, um winzige Unterschiede und Unebenheiten, an denen es eigentlich doch gar nicht scheitern kann. Und so kommt es, dass die Finger fast eigendynamisch zu diesem Teil greifen, es versuchen einzustecken und es wieder einmal misslingt. Dann überkommt einen die Frustration, der Ärger und schließlich eine temporäre Resignation. Bis die Lust wiederkommt und man aufs Neue die Suche startet. Nach dem passenden Teilchen.

Wie selbstverständlich öffne ich die Flasche Rotwein, eine der wirklich Guten, und schenke dir ein. Im Hintergrund trällert Diana Krall. Ich zünde ein paar Kerzen an, knipse das Licht aus und drehe mich zu dir um. Da sitzt du nun. Auf meinem Bett und schaust mich an. Ganz selbstverständlich, mit dem längst vertrauten Glanz in deinen Augen, als wäre nie irgendetwas geschehen. Als gäbe es keine Dramen, keine Gefühlsduseleien, keine markante Vergangenheit. Eigentlich hatte ich erwartet, dass du fragst, was du hier sollst, aber das weißt du ja längst. Was auch immer es ist, das mich stets zu dir zieht, scheint es doch unser beider Laster zu sein.

Da sitzt du nun. Dein Haar viel länger, als damals, doch immer noch so widerspenstig. Ich komme nicht umhin es anzufassen, dir zu sagen, dass du gut aussiehst. Sehr gut. Fast beiläufig sagst du ihren Namen, als würdest du mich wissen lassen wollen, dass sie immer noch da ist. Und doch wieder nicht nah genug. Nicht wie ich. Aber das weiß ich schon längst. Deshalb ist es auch so natürlich, wie du meine Hand hältst, meine Wange streichelst und mich küsst.

Gezögert hast du, mich lange vertröstet, bis du wieder diesen alten Platz eingenommen hast. Wir wissen beide darum. Haben uns große Mühe gegeben, einander wichtig zu bleiben. Und beinahe funktioniert es auch. Immerhin habe ich von dir gelernt, sich mit den Dingen zu arrangieren, während ich dir beibrachte, dass es manchmal nicht geht. Da sitzen wir nun und zeichnen Schluck um Schluck die Vergangenheit nach. Unsere Vergangenheit. Die wilden Nächte, die volltrunkenen Gespräche über das Haben und niemals das Sein. Längst vergessen geglaubte Augenblicke, die wir versuchten, tief in uns zu begraben, holen wir hervor, immerzu bemüht, sie durch vertrautes Gelächter zu relativieren. Natürlich versagen wir mehr als kläglich. Eigentlich wie immer.

Da sitzen wir nun, wissen darum, dass es nur Ärger bedeutet, uns einmal mehr aus unserer uns selbst auferlegten Bahn wirft. Versuchen inständig Gründe zu finden, um all das zu rechtfertigen. Um sie beruhigen zu können und uns ebenfalls. Reden uns ein, wie phantastisch wir uns doch als Freunde machen, uns schätzen und fühlen. Uns nicht verlieren wollen. Bis es nicht mehr geht. Bis der Faden reißt, du aufstehst und mich wieder verlässt. Mich alleine zurücklässt mit unserer Bürde und dem letzten Schluck Wein.

Da sitze ich nun, rauche eine Zigarette nach der anderen. Mein Körper zittert, und etwas in meiner Brust zieht sich zusammen. Mehr als einen Tag schmerzt mich das Atmen. Vielleicht hätte ich weinen sollen oder schreien. Doch das kann ich nicht mehr. Die üblichen paar Dankeszeilen schreibe ich dir in der Nacht und habe am Morgen eine deiner rührenden Antworten. Ja, all das wissen wir schon längst. Irgendwann haben wir etwas nicht zu Ende gebracht. Haben einen wesentlichen Teil auf der Strecke gelassen, den Rest zerrissen und die Stücke versiegelt. Hätten wir uns doch bloß gelassen, wären wir jetzt vermutlich nicht hier. Müssten nicht ewig versuchen, uns selbst zu beweisen, einander nicht zu lieben. Irgendwie.

Ein paar Tage noch, dann fällt auch das Atmen wieder leichter. Dann kann ich zum hundertsten Male mein Leben ändern und mich verlieben, bis etwas schiefgeht und meine Finger eigendynamisch deine Nummer wählen, du da sein wirst, um mich daran zu erinnern, wieder das Atmen zu lernen.

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62 Antworten

Kommentare

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    toller text... *seufz

    glg

    14.09.2009, 15:10 von kate222
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    Ich weiß nicht wie oft ich diesen Text gelesen habe, aber ich liebe ihn!!!!

    25.05.2009, 11:46 von Tis
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    Liebe alleine reicht manchmal nicht...
    Wunderschöner Text!

    29.10.2008, 09:28 von Wabun
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    Wow.. Kenne ich..

    27.09.2008, 19:42 von Murmele
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    Kommt mir bekannt vor

    28.08.2008, 12:36 von Kaleidoskopika
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    "müssten nicht ewig versuchen, uns selbst zu beweisen, einander nicht zu lieben" ... oh wie traurig

    17.05.2008, 14:02 von AHerz
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    Magst du meinen Text mal lesen? http://www.neon.de/kat/fuehlen/liebe/157279.html
    Würde mich freuen.

    08.05.2008, 20:04 von zana
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      @[Benutzer gelöscht] du hast recht..und ich wünschte,ich wüsste was zu tun ist.wenn ich nicht gerade abgelenkt bin,verfluche ich diese geschichte so lange und konsequent bis ich fast dran bin mir selbst zu trauen...bis er sich meldet oder wir uns sehen...ich will es nicht mal mehr wollen.vielleicht klappt es,wenn jemand fesselnder wird als er-schwer vorstellbar für mich,aber wer weiß..

      11.04.2008, 15:17 von mariada
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    schöner text ...schön das man nicht allein ist :)
    Aber wie kommt man da raus?

    05.04.2008, 22:58 von cinderellainthesky
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