T-A 14.04.2009, 19:36 Uhr 125 116

Einmal Sex zum Mitnehmen bitte!

Und könnten Sie es bitte als Geschenk einpacken? Man gönnt sich ja sonst nichts.

Es gibt diesen erhabenen Moment, wenn man morgens mit der Sonne im Gesicht nackt einem Bett mit zerwühlten Laken entsteigt und seinem eigenen göttergleichen Abbild im Spiegel auf dem Weg ins Bad zuflüstert: „Yeah, Baby! Dich hätte ich gestern auch flachgelegt“. Unter der Dusche spürt man noch die Hitze der vergangenen Nacht auf der Haut und weiß sofort, dass Bodylotion heute vollkommen überflüssig ist. Alles ist an so einem Tag überflüssig: Schlaf, Nahrung, Arbeit und die ganze Welt sowieso. Das debile Grinsen im Gesicht versucht man erst gar nicht mit Lippenstift zu übermalen und selbst wenn man einen Mehlsack als Gewand wählen würde, man würde Audrey Hepburn trotzdem in nichts nachstehen. Die Freundinnen nehmen einen lächelnd in den Arm und sagen Sätze wie: „Gut siehst Du aus. Hattest Du Urlaub?“ Und sie lächeln ihr wissendes Lächeln und bekunden mit den Augen, dass es keiner weiteren Antwort bedarf - außer eben diesem grinsenden „Mhhhmmm“, das angesichts des geistigen Zustands an diesem Tag schon als wahrlich intellektuell betrachtet werden darf. Männer werfen einem Blicke und so manch einen Spruch auf der Straße hinterher – nicht so nervig wie sonst. Heute ist alles anders und man kann sich umdrehen und was Freches zurück quaken. Alle Welt weiß, wie es einem geht, denn ganz unbemerkt hängt einem, seit man das Haus verlassen hat, ein kleines Zettelchen hinten aus der Hose, fast wie ein vergessenes Preisschild. Doch statt Zahlen ist dort in großen leuchtenden Buchstaben zu lesen: „Achtung! Frisch gefickt.“

Mir hängt auch ein Zettel aus der Hose. Aber der ist schon Wochen alt, die Schrift verblichen und nicht mehr lesbar. Stattdessen erscheinen immer deutlicher Buchstaben auf meiner Stirn. Wenn ich ganz genau hinsehe, kann ich im Spiegel erkennen, was dort zu lesen ist: „Hallo? Ist da jemand, der mal kurz über mich rüber rutschen könnte? Haaaalloooo! Hey, ich habe es wirklich gerade bitter nötig. Ach kommt schon. Jetzt seid mal nicht so…“ Ich benutze selten Make Up, aber dieser Tage hilft alles nichts – nur dicke Paste, um die Worte zum Verschwinden zu überreden. Aber ich sehe es in ihren Augen. Nicht nur ich kann es lesen. Die ganze Menschheit weiß um mein Seelenunheil. Ja, ich bin unglücklich verliebt. Mein Ego kauert wie ein geprügelter Hund in der Ecke und wimmert. Jedes Mal wenn ich einen Raum betrete, kriecht mein Selbstvertrauen verängstigt unter dem Teppich langsam hinter mir her. Selbst die Bauerbeiter pfeifen nichts mehr von den Dächern, wenn ich um die Ecke biege. Besorgte Kolleginnen legen mir mitfühlend die Hand auf die Schulter und raunen ganz mütterlich: „Geht es Dir gut? Du siehst müde aus.“ Ich kann nur „Mhhhhmmm“ sagen – allerdings mit einer merkelähnlichen Mundform statt dem debilen Grinsen. „Sag doch gleich ‚scheiße’, Du blöde Schrapnelle. Und wenn Du schon nüscht zu tun hast, dann such mir lieber mal raus, wo man männliche Prostituierte findet, die nicht Klebstoff schnüffeln und auf Frauen stehen.“ Das würde ich lieber sagen. Tue ich aber nicht, weil ich die Power einer offenen Seltersflasche habe und ganz dringend die Zuwendung meiner Bettdecke benötige.

Es gibt nur eine Möglichkeit diesem frustrierenden Teufelskreis zu entfliehen: Ein Beauty- und Wellnesstag. Davon wird man zwar nicht schöner, aber wenn einem die perfekt gepflegte Dame zur Melodie der Panflöten-Wasserfall-Musik „Sooooo. Damit lösen wir jetzt mal die abgestorbenen Hautschuppen ab“ ins Ohr säuselt, spürt man quasi schon den kribbelnden Beginn einer umfangreichen Metamorphose. Also lasse ich stundenlang an mir rumquetschen, zupfen, tupfen, drücken und ziepen, weil ich weiß, dass in spätestens zwölf Stunden, wenn alle Wunden verheilt und alle Schmerzen vergessen sind, mir ein neuer Mensch aus meinem Spiegel zurufen wird: „Na los, Du Frau ohne abgestorbene Hautschuppen, Du elfengleiches gepeeltes Wesen. Deine Augenbrauen werden nie wieder so schön gebogen aussehen. Häng Dir ein gefälschtes Schild an die Hose – besser noch an den Rock und dann raus ins Getümmel!“ Ja, so wird das sein, so erträume ich es mir zumindest auf meiner beheizten Kosmetik-Kuschel-Liege, bis mich meine Restauratorin Sybille mit einem Ruck und einem Kaltwachsstreifen zurück in die Realität holt. Dann läuft mir irgendetwas säureartiges in die Augen und ich ahne, dass meine erträumte Konversation mit meinem Spiegelbild für immer ein Traum bleiben wird.

Den krönenden Abschluss meines „Ich bin nicht scheiße, ich fühl mich nur so, aber danach nicht mehr“- Oster-Wellness-Pakets soll eine entspannende, ayurvedische Massage bei Sasha (jawohl, ohne c!) bilden. Sasha sieht gar nicht mal doof aus, auch wenn er nicht mein Typ ist. Aber seine Hände sind so groß, dass er mit nur einer davon meinen ganzen Bauch bedecken kann, was mich an die Liebe zwischen Samson und Tiffy erinnert und an andere Dinge, die jetzt nicht hier her gehören. Ich solle mich schon mal ausziehen, meint Sasha. Na bitte! Schon der erste Typ, der mich nackig sehen will. Leute, es geht voran! In heller Vorfreude liege ich dann also nackt auf dem Bauch und überlege mir, ob wohl vom langen Rumliegen auf der Kosmetik-Liege ein Frottemuster meinen Hintern ziert, während Sasha warmes Öl auf meinem Körper verteilt. Er faselt was von Lymphen, ich versteh nur Nymphen und verspüre zunehmend das Bedürfnis, statt mich zu entspannen, in die lederne Kopfstütze zu beißen. „Lass Dich fallen. Lass einfach los.“ Was denn jetzt? Das Handtuch, an dem ich mich gerade festklammere? Ich kann mich beim besten Willen nicht entspannen, wenn ölige Hände an den Innenseiten meiner Oberschenkel vorbei gleiten. Ich kann wirklich viel, aber – tut mir leid – das nicht. Die Panflöte wird von einer Harfe abgelöst und ich versuche nicht laut „Ohgottohgottohgottohgott“ zu sagen. Sashas Hände lösen sich von mir und ich befürchte schon, dass er mich in die „Völlig zwecklos“-Schublade steckt, als er „So, und nun bitte umdrehen“ auf mir unbekannte männliche Art flüstert. Lieber Sasha, ich weiß Deine Mühen sehr zu schätzen. Aber das geht nun wirklich nicht. Meine Brustwarzen haben gerade erfolgreich eine Umschulung zum Leuchtturm absolviert und ich danke dem Herrn nicht oft dafür, dass ich keinen Penis habe, aber heute tue ich es wirklich ganz ehrlich!
Ich versuche mich schlafend zu stellen, aber es hilft alles nichts, Sashas Riesenpranken sind schon an meinen Hüften und weisen ihnen die Richtung. „Lieber Gott, bitte lass mich ganz schnell Nasenbluten bekommen oder ohnmächtig werden und von der Liege fallen“, denke ich. Dann denke ich nichts mehr. Warmes Öl läuft zwischen meinen Brüsten Richtung Bauchnabel und mit ihm das Blut aus meinem Kopf. Die Frage des Trinkgeldes muss später erörtert werden.

116

Diesen Text mochten auch

125 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Gut gemacht!

    07.10.2011, 19:35 von Cenere
    • Kommentar schreiben
  • 0

    im wartezimmer beim hausarzt gibbet auch so frauenzeitschriften mit erotik kurzgeschichten. so in dem stil ist es geschrieben aber trotzdem:

    *seufz* ;)

    22.07.2011, 22:05 von Faraduna
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Dieses Gefühl am Anfang des Testes ist mir so verdammt bekannt :D Aber verdammt gut geschrieben. Ich kann mich so sehr da rein versetzen ;) Scharf!

    03.06.2011, 17:44 von HollywoodAffaire
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Das macht Lust auf eine Massage... ;)

    14.02.2011, 21:29 von kathrin.chen
    • 0

      @kathrin.chen Ich find´s toll :)

      28.02.2011, 13:06 von Wintersonne22
    • Kommentar schreiben
  • 0

    DANKE ! witzig, ehrlich, ich finds super ! :)
    lass uns mal kaffe trinken und über sasha (ohnec) quatschen..
    PS: wo kann ich mir einen Termin für diese Ölmassage geben lassen ??

    16.01.2011, 14:08 von norinna
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Erfrischend! :-) Sehr schön, weiter so...

    09.09.2010, 15:04 von sunshine26
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ein wirklich schön zu lesender Text. Ich musste unbedingt wissen, wie es weitergeht und war enttäuscht als ich das Ende viel zu schnell erreicht habe.

    09.09.2010, 12:22 von Kurremkarmerruk
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Da bekomm ich doch glatt Lust auf 'ne gute Massage...

    13.07.2010, 19:54 von laluz86
    • Kommentar schreiben
  • 0

    haha, danke dafür.

    30.04.2010, 11:02 von stereotraum
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3 4 5 ... 10
  • Ello: Das »Bio-Facebook« im Test

    Der neueste Hype ist das soziale Netzwerk Ello. Seine wichtigsten Eigenschaften: Werbefreiheit, Datenschutz und kein Algorithmus.

  • Zuhause in Tüten

    Sie schlafen auf dem Sofa bei Freunden, nicht eine Nacht, sondern Wochen und Monate. Ein revolutionärer Lebensstil oder doch nur Schmarotzertum?

  • Durchs Wochenende mit … Anke

    Und, wie war dein Wochenende so? Jede Woche fotografiert ein NEON-Redakteur sein Wochenende. Diesmal: Redaktionsassistentin Anke Scheer.