Einmal Hölle und zurück
Mit 21 arbeitete ich mit Junkies, geistig Behinderten, Schizos und Alkis in einer der gemeinnützigen Werkstätten und kam mir ganz und gar unnütz vor.
Soziale Inkompetenz ist mir das erste Mal im Kindergarten bescheinigt worden. Vorher ist keinem aufgefallen, dass mit mir etwas „nicht stimmt“. In der Interaktion mit anderen wurden meine Defizite nur allzu deutlich. Und als ich in die Schule kam, begann meine Odyssee mit den Psychologen.
Alles muss eine Ursache gehabt haben. Aber welche, daran kann ich mich ums Verrecken nicht erinnern. Ich bin ausfallend geworden, wenn mir jemand zu nahe kam, mich anfasste. Das konnte ich nicht leiden. Beim Sport bekam ich jedes Mal aggressive Ausraster, und in den Unterrichtsstunden wehrte ich mich, wenn mir was nicht passte. Mir passte vieles nicht. Daran haben die Psychologen versucht, mit mir zu arbeiten.
Zuhause war ein Ort, an dem ich mich verkriechen konnte. Ich wurde endlich einmal in Ruhe gelassen. Ich glaube, dass meine Mutter als einziger Mensch auf der Welt merkte, dass ich vor allem meine Ruhe wollte. Die Auseinandersetzung mit anderen habe ich als anstrengend und kraftraubend empfunden. Dauernd wollten Leute was von mir. Meine Mutter hatte nicht so hohe Ansprüche, aber meine Entwicklung hat sie besorgt, das war ja auch nicht gut, ein Junge, der keine sozialen Kontakte hat.
Mit 15 kam ich das erste Mal in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Endlich hatten sie auch die Diagnose. Ich war ein Schizo, was sonst. Sie waren froh, dass sie eine Schublade gefunden hatten, in die sie mich reinstecken konnten. Nachdem sie mich eingestellt hatten, litt leider meine Intelligenz und ich verließ die Schule ohne das Abitur, was ich eigentlich hatte machen wollen.
Als Unzurechnungsfähiger stellte mir das Arbeitsamt nur Maßnahmen in Behindertenwerkstätten und Ähnlichem zur Verfügung. Meine Mutter war mittlerweile gestorben und der Rest der Welt hatte mich aufgegeben. Mit 21 arbeitete ich mit Junkies, geistig Behinderten, Schizos und Alkis in einer der gemeinnützigen Werkstätten und kam mir ganz und gar unnütz vor. Ich wurde depressiv und landete erneut in der Klapse.
Nach fünf Monaten wurde ich diesmal entlassen. Ich stand da und hatte nichts, mir wurde eine Betreuung in einer Wohngruppe für Psychisch Kranke angeboten und es wäre verlockend gewesen, mich erneut auf die Fürsorge einzulassen und vielleicht den Rest meines Lebens darin zu verbringen. Aber ich war depressiv in die Klapse gekommen und als ich raus kam, war ich es immer noch. Mir ist aufgefallen, dass mir nicht eine einzige Therapie geholfen hat. Also beschloss ich meine eigene Therapie.
Das war natürlich riskant, denn ich war ein ordentlich diagnostizierter Schizo und wir Schizos sind ja zu allem fähig. Ich war mir meiner Verantwortungslosigkeit bewusst, als ich mit dem restlichen Erbteil meiner Mutter in den Flieger stieg und nach Indien flog. Indien, davon hatte sie immer geträumt, aber es nie geschafft. Jetzt flog ich als ihr offizieller Stellvertreter.
Was soll ich sagen. Aus den geplanten zwei Wochen sind letztlich vier Jahre geworden in einem Land, welches mich den Zugang zu den Menschen lehrte.
Und zu meinem eigenen Selbst.
Ich habe mir versprochen, den Artikel wirklich kurz zu fassen, daher nur so viel.
Ich kam aus Indien zurück, habe auf dem Abendgymnasium mein Abitur nachgemacht und Ingenieurswesen studiert. Ich bin mittlerweile verheiratet, habe eine Tochter von zwei Jahren, einen guten Job und komme viel in der Welt herum. Ich möchte nicht sagen, dass es Schizophrenie nicht gibt. Aber an mir wurde wie ich heute denke herumexperimentiert. Mich hätten die Erlebnisse in der Psychiatrie fast zerbrochen, denn ich bin ein im tiefsten Innern sehr mitfühlender Mensch. Das hat mir Indien gezeigt.
Die Aufenthalte in der Psychiatrie und die Therapien haben mich fast erblinden lassen, aber ich bin nicht blind geworden.

Kommentare
Jo, gute Aktion.
Wenn einen Indien nicht umbringt, kann es einen durchaus stärker machen. Kann aber auch böse schiefgehen, das ist kein Modell zum Nachbauen.
Eine gute Freundin von mir hatte genau so ein Problem: diagnostizierte paranoide Schizophrenie. Sie hat - mit Hilfe eines guten Therapeuten und der richtigen Medikamente, die sie in sehr verantwortungsvoller Weise wie eine Art Gehkrücke verwendete - die Kurve gekriegt, arbeitet in einem sehr verantwortungsvollen Beruf.
Diese Art Lebensläufe sind nur leider sehr selten, die meisten vermeintlichen oder tatsächlichen Psychotiker halten sich bedauerlicherweise an die Prognosen.
Und ich glaube nicht, dass es Fachärzte gibt, die froh um eine solche Diagnose sind. Die wissen genau, was das für Aussichten für einen Patienten sind.
Jedenfalls statistisch gesehen.
10.04.2012, 20:49 von Lagbackklingt eher nach asperger als nach shizophrenie. oder war wahn mit drin?
13.02.2010, 20:11 von _Jule_Gänsehautfeeling! Ehrlich.
12.12.2009, 18:48 von Lilja-VonEine schöne Lebensgeschichte, die ich mitfühlen kann und möchte. Empfehlung!
12.05.2009, 15:21 von blaberDu bist mein Held und Klapsen, sind der letzte Scheiß.Die haben alle keine Ahunug.Respekt!!!!!
03.05.2009, 20:04 von Dina-Lisavllt solltest du dich fragen, ob es das wert war. ich denke schon =)
06.04.2009, 00:53 von resa_gottSehr interessanter Text, hättest ihn aber ruhig länger machen können, wäre sicherlich interessant etwas über den Aufenthalt in Indien zu hören
04.04.2009, 14:28 von braverabbitinteressanter Artikel
30.03.2009, 17:32 von Freiluftkrakenur Äußerungen wie: "Sie waren froh, dass sie mich in eine Schublade gesteckt hatten" kann ich nicht verstehn. was sollen denn ärzte sonst machen als eine genaue diagnose stellen und die krankheit genau zu benennen??