Natata 11.05.2009, 20:34 Uhr 100 77

Eine Zahnbürste, zwei Kissen, ein Name.

Andere Menschen langweilen mich. Ich habe keine Ahnung, woran das liegt und wie all die Anderen es schaffen, zu funktionieren, aber...

ich habe da irgendwie einen Fehler im System, bin kaputt. Oder die anderen sind es, und ich bin ein Dino der Allein-durchs-Leben-Geher.
Jedenfalls kann ich jedem aufschreienden Beziehungsmensch, jedem vor Schreck erstarrtem Augenpaar, jedem Seelsorger, jedem abfällig guckenden Hobbyphilosophen sagen: Ich bin NICHT fürs Team gedacht. Meine Eltern machten anscheinend die entsprechend förderlichen Fehler, ich hab wohl schon immer eher zum Pessimismus geneigt und vielleicht sind mir auch die richtigen Sachen widerfahren, um mein schönes dunkles Bild von der Welt zu produzieren und zu erhalten. Genaugenommen ist die Welt nur in Verbindung mit anderen dunkel und schlimm. Für mich allein genieße ich sie jeden Tag aufs Neue.

Ich sehe die einzelnen Grashalme auf der Straße, die sich um einen Ampelmast herum durch den Asphalt gezwängt haben. Ich sehe diesen Mann, der nach 30 Jahren eine Bar betritt, in der er, als er jung war, Kicker gezockt hat und der jetzt anderen jungen Leuten beim trinken und spaßen zusieht, mit einem friedlichen und wehmütigen Lächeln. Ich sehe, wie Menschen anderen Menschen unbemerkt gut tun. Ich sehe einen kleinen Jungen, der einem alten Mann aus Versehen einen Papierflieger gegen den Kopf wirft, direkt auf dem Straßenbahngleis und der Mann lacht laut auf, statt zu wüten. ich sehe Tropfen auf dem Gehweg, die wie Herzen aussehen, ich sehe den Regen in waagerechten, endlosen Linien am Fenster des ICE herunterrauschen. Ich sehe Kinder sich wundern und die Nase kräuseln, ich sehe Väter ihren Töchtern Haarsträhnen aus dem Gesicht streichen. Ich sehe, wie ein blinder Mann beim Zuhören der Musik die Augen schließt und weit weg ist, mitten in einem vollen Raum, in seiner eigenen Welt, und ich frage mich, was für ihn Farben bedeuten.
Klingt alles wie kitschige Postkarten im Buchladen, sind es aber nicht. Diese Bilder sammel ich in meinem Kopf, wie andere Mathematik-Formeln. Für mich sind das die Formeln einer guten Welt. Und damit bin ich allein. Wenn ich diesen Bildern begegne, bin ich von Menschen umstellt. Ich bin dann auf dem Gleis, im Supermarkt, einfach auf der Straße, im Park - wo auch immer, selten bin ich dann allein, und doch sieht niemand diese Schönheit. Niemand steht entzückt, wie ich, da und freut sich um diese Geschenke.

Dann wäre da noch die Zeit. Was für ein schneller Begriff. Die uns vordefinierten Zeiträume rauschen nur so vorbei und ich sehe keinen Grund, sie mit Streit oder Missgunst oder Eifersucht zu füllen. Es ist mir noch niemand begegnet, der die Uhr versteht, die in mir ihre Stunden schlägt, niemand hat genießen können, niemand hat warten können. Niemand hatte die Zeit und wollte sie sich auch nicht nehmen. Und ich möchte mir meine nicht nehmen lassen. Egoistisch? JA.

Mit meiner Zeit fange ich allerhand an: Ich reise mit meinem Kopf. Ich schaue stundenlang Doku`s und schlechtes Abend-Fernsehen, ich liebe Krimiserien, und Serien generell (CIA, Navy CIS, CSI, The District, Law and Order, The Third Watch. Dann wären da noch Dr.House und alle die, die ich im Netz gucke). Ich koche Spargelnudeln und trinke allein Portwein. Ich liege einfach auf dem Bett. Ich zeichne Märchen. Ich lese. Ich schreibe. Ich lasse meine Zehen in die Fäden meines Hochflor-Teppichs gleiten. Ich sehe mich an. Ich mache mir Sorgen. Ich gucke aus dem Fenster. Ich spüle nachts um drei. Ich gehe einfach durch die Straßen. Ich mache 2 Stunden lang Fotos von Enten. Ich gehe allein ins Kino.

Wenn das einsam klingt, muss ich sagen: Ist es nicht. Statt mir den Mund fusselig zu reden und als Exot dazustehen, genieße ich all das ohne Rücksicht. Ganz frei und ehrlich. Mit einer kindlichen Naivität.

Dass ich Menschen nicht mag, zumindest nicht in Verbindung mit mir, scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Ich werde nie zum Grillen eingeladen, finde keine neuen Freunde, ich glaube in meinem Leben bekam ich auch nur 3 Geburtstagseinladungen. Dabei bin ich weder sonderlich zickig noch dumm. Ich habe viel zu geben aber die Empfänger scheinen auf einer anderen Frequenz zu funktionieren. Frauen sind oft misstrauisch. Männer oft entzückt. Niemand guckt wirklich hin und wundert sich dann über all das, was in mir steckt und rauswill. Menschen verstehen mich nicht sonderlich gut und die, die so sind wie ich, finde ich nicht, weil sie ihre Masken genauso fleißig anlegen, wie auch ich es tue, um nicht nur auf Unverständnis zu stoßen.

Die Versuche von Freundschaften und Beziehungen sind gescheitert. Jetzt höre ich die Kritiker aufschreien: HAHAAAA, DA liegt der Hund bei ihr also begraben.. Nein. Tut er nicht. Die schlechten Erfahrungen habe ich hingenommen. Ich habe sie nicht kommen und nicht gehen sehen. Sie sind passiert, genau wie die guten Bilder in meinem Kopf. Wenn man sucht, findet man meistens nicht.

Bis vor wenigen Monaten hätte ich sehr gern mein Leben geteilt. Mit jemandem, der mich liebt und mich nicht irre findet, mit jemandem, der mir zuhört und sich nicht bloß mitteilen will, mit jemandem, der mich einfach sieht.
Mittlerweile sehe ich dies nicht mehr als notwendig. Ich bin nicht einsam. Nicht immer. Ich habe stets Männer um mich, setze die Pille unter keinen Umständen ab, schaue mir Filme an und lerne Eltern kennen. Alles, wie es sein muss, bloß mit einem zynischen Augenzwinkern.
Einsam macht mich in seltenen Momenten nur die Möglichkeit einer Insel, wie Houellebecq es treffend schreibt. Die Wahrscheinlichkeit, dass da draußen doch etwas Unbegreifliches auf mich wartet und mich sucht, lässt mich ab und zu in den tiefsten Abgrund sinken. Ansonsten finde ich das Alleinsein gut. Wenn alles seinen normalen Weg geht, bin ich mir selbst die beste Freundin, das beste Organisationstalent, die beste Partnerin, die beste Kritikerin. Ich will mich mit niemandem teilen, der nicht auch eine Hälfte zu geben hat. Die meisten sind geizig - mit ihrem Körper, ihren Gedanken, ihren Gefühlen.
Und da Geiz nicht geil ist, schreibe ich mir die Wut über die Verständnisblockade ab und zu von der Seele und hoffe auf neue Bilder. Morgen, wenn ich allein das Haus verlasse.

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    "Diese Bilder sammel ich in meinem Kopf, wie andere Mathematik-Formeln.
    Für mich sind das die Formeln einer guten Welt. Und damit bin ich allein"

    Bist du nicht ;)

    10.12.2011, 19:33 von Lady_Hope
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    Der Artikel scheint schon etwas alt. Ich hoffe deshalb, dass du mittlerweile etwas reifer geworden bist.
    Ich muss mich einigen Kollegen anschließen. Der Text liest sich wie mein Tagebuch als ich 14 war und meinte poetisch sein zu wollen. Genau so!
    Jetzt vermute ich einfach mal, dass du wenn du schreibst die Männer seien "entzückt", dass du die niedliche native "ich beobachte die Welt in wundersamer Weise" Nummer abziehst und viele drauf stehen. Das ist süß, sicher, aber nicht mehr wenn man 30 ist oder 40. Das hat eine knallharte Haltbarkeit diese Masche.
    Ich denke, dass die Männerwirkung deine Beziehung zu Frauen beeinflusst. Du hast nie Freundinnen gebraucht, weil immer ein Typ zur Stelle war.
    Du wurdest geliebt? Dein Text liest sich doch so als hättest du nie eine wirklich lange Beziehung ertragen können? Liebe entstseht mit der Zeit....tiefe innige Liebe wächst...das kommt vor allem wenn die Schmetterlinge verflogen sind, der Alltag einzieht und man dennoch das Leben mit allen wenn und aber teilen will.
    Ich glaube jeder braucht 1-2 richtig gute Freunde egal wie man tickt. Du scheinst das nicht wirklich zu haben....schade, aber rede es dir nicht schön sondern betreibe Ursachenanalyse und ändere was. Du wirst nicht schöner und jünger und irgendwann braucht jeder eine solide Freundschaft und Gesellschaft.
    Und tu mir ein Gefallen, fang nicht an deinen Mangel an Freunden mit endlosen Blogs zu kompensieren. Ich habe nämlich das Gefühl das diese Blogsucht da draußen durch die zwischenmenschliche Vereinsamung der Gesellschaft herrührt.
    Keep cool und bitte wenigsten etwas ehrlich mit deiner Person umgehen....dann bekommst du wenigstens 1 mal im Jahr eine Einladung zum Geburtstag.

    16.02.2011, 17:13 von M_M
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    Bald mach ich nen Verein auf für uns:)

    27.08.2010, 11:45 von KatzeKlee
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    find den text nicht traurig, auch nicht ich-hau-mal-auf-die-lonesome-rider-kacke mäßig
    das ist doch eher üblich in zeiten wie diesen
    solche einstellung zum zwischenmenschlichen
    bekommt man nicht genug, will man nichts geben
    in gesellschaft einsam zu sein, das kennt doch jeder der sich selbst ein wenig reflektieren kann

    12.05.2010, 20:33 von Faedare
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    erinnert mich an die fabelhafte welt der amelié. schon gesehen? einer meiner lieblingsfilme. entweder du liebst diesen film auch oder du hasst ihn... ?!?!

    03.03.2010, 14:42 von finel
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    Es gibt diese Momente, in denen etwas wundervolles passiert. Aber keiner nimmt es wirklich wahr. Oder keiner kann es wahrnehmen.

    Das Schlimme dabei ist eigentlich die Erkenntnis, dass dieses Wundervolle nur eine Außnahme ist. Ich stehe also da, sehe etwas wirklich Schönes und werde gerade deshalb traurig. Bittersweet.

    Oder bin ich einer derjenigen, die es doch öfter nicht wahrnehmen als sie denken?

    16.01.2010, 00:38 von schnelleralsderwind
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    seeeehr toller Schreibstil. obwohl ich mich nicht so ganz mit dem Text identifizieren kann finde ich iihn seeehr gut :)

    29.10.2009, 16:27 von willywonka
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    Also ich verstehe was du meinst, aber das liegt wahrscheinlich daran, dass ich auch ein bisschen was von einem allein-durchs-Leben-Geher in mir trage.. Für mich gibt es nichts schöneres als allein durch die Stadt zu laufen und alle Eindrücke in mich aufzusaugen.. Dann habe ich nicht nachzudenken was jemand andres tun will, brauche nicht irgendwelche Smalltalkthemen aus der Luft greifen um eine Konversation am laufen zu halten und kann einfach nur meine Gedanken genießen.

    08.08.2009, 12:33 von schwarzkeappchen
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      @schwarzkeappchen Na endlich mal jemand der es verstanden hat.

      08.08.2009, 12:36 von Steifschulz
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    ...ich dachte, bevor ich die Kommentare gelesen hatte, der Text würde jeden ansprechen, weil doch eigentlich jeder alleine mit sich ist und das auch lernen muss wahrhaben zu können. - Ich finde den Artikel schön geschrieben und habe eigentlich das Gefühl, ihn wirklich zu verstehen, allerdings bin ich trotzdem der Meinung, dass das Zusammensein mit anderen Menschen, auch wenn sie einen nicht wirklich verstehen, schön/bereichernd sein und auch helfen kann.
    ...und zu versuchen sich gegenseitig zu verstehen, ist fast noch interessanter als gleich verstanden zu werden...

    06.08.2009, 17:26 von DanceInTheRain
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      @DanceInTheRain gefällt.......

      05.02.2010, 13:11 von rabenschwarz
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    "Dass ich Menschen nicht mag, zumindest nicht in Verbindung mit mir, scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen."
    das gefällt mir

    17.07.2009, 23:26 von LeTubeTub
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