Eine Affäre für die Ewigkeit
Manche Affären hinterlassen tiefere Spuren als geplant. Wenn die Gedanken zu lange darum kreisen, was haben wir dann falsch gemacht?
Was den Zeitpunkt angeht, bin ich mir ziemlich sicher. Es war vor genau 1000 Jahren. Vor 1000 Jahren standen wir gemeinsam auf dem Balkon, unsere Hände berührten sich. Ich suchte nach Halt in einer fremden Stadt, du suchtest, ja was suchtest du eigentlich? In deiner eigenen Wohnung? Du fandest mich dort vor, und du nahmst nicht nur meine Hand, du nahmst meinen Körper, du nahmst meine Seele.
Meinen Körper bekamst du ziemlich schnell, die zweite Nacht, eine Flasche Wein, ich saß dir zu Füßen, du nahmst meinen Kopf in deine Hände und hast mich einfach geküsst. Tief, innig, schnell und wild. Es ging so schnell, dass wir beide vergaßen, wen wir sonst so küssen. Deine Freundin. Meinen Freund. Natürlich waren beide nicht da, sie waren Tausende von Kilometern entfernt, 1 Ozean, 2 Ozeane, aber hätten wir sie gleich vergessen dürfen?
100 Jahre nach unserem ersten Kuss, nach der ersten Berührung, liegen wir in deinem Bett. Entgegen unserer Abmachung bin ich in deinen Armen eingeschlafen, das war tabu, denn wir wollten es reduzieren. Wir wollten uns einreden, es ginge nur um Körperlichkeit, es ginge nur um Sekunden. Aber da lag ich, das Telefon klingelt, deine Freundin geht dran, du sagst, ich muss gehen. Ich gehe und 100 Jahre enden. Die Realität hat uns eingeholt, die Realität dringt zwischen uns, entzweit unsere Körper und entsetzt unsere Seelen. Wie konnten wir nur unsere Herzen vergessen? Ein für allemal sollte es vorbei sein. Doch unsere Herzen dachten anders.
In der letzten Nacht liege ich doch wieder in deinen Armen und in der nächsten Nacht liege ich in denen meines Freundes. Mein Herz ist bei dir. Auch deine Freundin klingelt an unsere Wohnungstür, kommt herein, schließt dich in die Arme, sie hätte dich so vermisst, begrüßt mich kurz. Ich begrüße sie, stelle ihr meinen Freund vor. Ich kann dich nicht ansehen. Du kannst mich nicht ansehen. Die Situation ist surreal, sie verschwimmt. Zwei Betrüger und zwei Unschuldige in einem Raum.
Und jetzt sitze ich hier. 1000 Jahre nachdem all das passiert ist. Die Ozeane liegen wieder zwischen uns und wahrscheinlich ist das gut so. Denn was wären die Chancen gewesen? In einer Sekunde war es uns nicht möglich den Mut aufzubringen. Wir haben es angedacht. Was wäre wenn? Wenn wir uns für uns entschließen, alles hinschmeißen, um des Visums willen heiraten und es versuchen? Wir hätten Herzen gebrochen, wir wären die Schuldigen und wir hätten trotzdem uns gehabt. Doch so sind unsere Herzen gebrochen. Auch nach 1000 Jahren schicken wir einander noch emails. Gerade eben habe ich mir ein „Weißt du noch?“ gestattet. Die Antwort kam prompt, „Jetzt nicht, meine Freundin kommt rein, bis dann!“ Wen betrügen wir eigentlich am meisten?

Kommentare
Ich mag deine Texte seeeeeehr gern :-) und auch dieser ist wunderbar geschrieben!!!
22.09.2011, 11:49 von katta_bgroßartiger Text...
23.06.2009, 20:32 von LionsManemehr kann ich dazu nicht sagen
der letzte satz ist stark.
14.02.2009, 13:47 von HerzstehtKopftoller text.regt ssehr zum nachdenken an...
..."Wen betrügen wir eigentlich am meisten?"
12.07.2008, 18:33 von roxanneDein Text macht mich wehmütig und nachdenklich. Die Frage des Betrugs fängt seit einer Stunde wieder an eine Bedeutung zu bekommen, die ich sooolange versucht hab zu vermeiden.
Aber lese ich von Ozeanen und Herzen die droh(t)en darin unter zu gehen... wie lächerlich erscheint mir da meine Hoffnung...
Danke denoch für diesen Text. Ich mag ihn weil er mich berührt