Ein ziemlich guter Anfang vom Gegenteil von Ende.
Guten Tag, mein Name ist Kathrin, ich bin 25 Jahre alt, Autorin, angehende Kunststudentin und ich leide seit neun Jahren an Depressionen.
Auf dem gelben Schein, den ich dafür bekomme, steht F 32. 2. Das heißt „mittelschwer“, was wiederum heißt, dass der Arzt nicht davon ausgeht, dass ich gleich morgen mit einem Föhn in die Badewanne gehe oder die Medikamente einfach mal alle zusammen nehme. Es heißt jedoch auch nicht, dass ich noch in der Lage wäre, zu duschen, mir einen Kaffee zu machen oder mich über Dinge zu unterhalten, die mich interessieren. Mich interessiert nämlich gar nichts. Ich stinke. Ich bin ein stinkendes, gelangweiltes Wrack. Das ist nicht immer so, aber ziemlich häufig.
Da es Deo und Kunst gibt, kann ich die meiste Zeit ziemlich gut verbergen, dass ich ziemlich armselig bin. Das ist übrigens ein Teil meiner Krankheit: mich für „ziemlich armselig“ zu halten. Nur, damit du verstehst. Mit dem Deo kann ich Hygiene simulieren, mit der Kunst ein Leben, das nicht so katastrophal wie meins ist. Das ist kein Klischee, sondern die Wahrheit. Andere machen das anders, die setzen anstatt Kunst dann andere Arbeit ein. Das geht auch. Man muss kein Künstler sein, um Depressionen zu haben und umgekehrt auch nicht, damit das endlich mal klar ist.
Ich kann nicht sagen, wann das genau angefangen hat. Das mit den neun Jahren ist eine Schätzung und eine kleine Notlüge, weil ich glaube, dass die Zahl eigentlich eher zweistellig ist. Aber das ist ja auch egal. Es ist jedenfalls nicht so, dass du eines Morgens aufwachst und plötzlich denkst, ach so, ich bin traurig, check, ich habe keinen Appetit, check, ich habe kein Interesse mehr an Dingen, die mir mal Spaß gemacht haben, check, dann gehe ich mal zum Arzt, ich habe bestimmt eine Depression. Es ist eher so, dass sich dein Leben schleichend biegt und beginnt zu brechen. Mein Leben ist immer krummer geworden, hat sich immer mehr gebogen und je mehr ich an der einen Stelle gezogen und gezerrt habe, desto mehr hat sich an einer anderen Stelle etwas verzogen. Ist dir zu abstrakt? Mir auch. Genau das ist das Problem.
Ich nehme Medikamente und ich schreibe Geschichten. Auf der Straße würde niemand erkennen, dass ich manchmal tagelang das Haus nicht verlasse und wenn ich morgens aus der U-Bahn steige weiß niemand, dass ich nicht zur Arbeit, sondern in eine psychiatrische Klinik gehe. Ich habe viele Jahre meines Lebens viele Ausreden dafür gesammelt. Hier eine Liste der Ausreden, für merkwürdiges Verhalten, unentschuldigtes Fehlen und stationäre Aufenthalte in Kliniken:
- Ich habe Magen-Darm-Grippe (dann setzt sich keiner mehr neben dich, gut, wenn man auch unter einer sozialen Phobie leidet)
- Meine Mutter ist gestorben (geht nur einmal, daher schlecht)
- Ich muss wahnsinnig viel arbeiten (simuliert zudem funktionierendes Leben)
- Ich habe da gerade so ein total tolles Projekt (Künstler)
- Ich muss mal über ein paar Dinge nachdenken (geht nicht zu oft, erweckt Verdacht)
Meistens bin ich einfach gar nicht ans Telefon gegangen.
Wenn ich mich doch mal getraut habe, jemandem zu erzählen, was eigentlich los ist, habe ich meistens wahnsinnig viele, wahnsinnig gute Ratschläge bekommen. Hier eine Liste an guten Ratschlägen, die jeder Depressive kennt:
- lies mal ein gutes Buch
- geh mal spazieren
- verlieb dich mal neu
- mach mal Urlaub
- geh mal wieder feiern
- such dir einen (neuen) Job
- lass dich scheiden
- mach Yoga
Ich habe alle Ratschläge ausprobiert. Keiner hat geholfen. Auch nicht der Ratschlag meiner Freundin B., mich so lange zu betrinken, bis ich alles vergessen habe, was mich jemals traurig gemacht hat.
Es hat viele Jahre gedauert, bis ich bereit war, einzusehen, dass ich eine Krankheit habe. Ich wollte, dass die anderen zuerst einsehen, dass es eine Krankheit ist, damit ich es danach leichter kann. Bis es nicht mehr ging. Ich habe sie alle durch. All die Schwierigkeiten und Probleme, die das Schweigen und das Lügen mit sich bringt. Die Lücken im Lebenslauf, die Ausreden, die immer neuen Versuche, eine Art Hologramm von mir selbst durch ein Leben zu jagen, das mir wie ein Computerspiel vorkam, das ich mit Handschuhen und einem Joystick bedienen sollte. Ich habe einfach nichts mehr gemerkt. Das einzige, was ich noch gemerkt habe war die Traurigkeit über die Unfähigkeit darüber, nicht zu sein, wie ich gerne wäre. Nicht so zu sein, wie die anderen.
In den Zeitungen häufen sich die Artikel über Depressionen, Burn-Out und andere psychische Störungen. Oft nur als eine Aneinanderreihung von möglichen Symptomen. Und noch immer kenne ich kaum jemanden, der offen darüber redet. Der, wie bei einem gebrochenen Bein oder Bluthochdruck oder Diabetes, einfach sagt, dass er krank ist und dagegen Tabletten nehmen muss. Ich will nicht mehr still sein müssen. Ich will keine Ausreden mehr erfinden. Ich will nicht verschweigen, dass nicht mein Bauch, mein Knie oder mein Arsch krank sind, sondern mein verdammter Kopf, der ständig drüberlebt, immer irgendwie drüber ist und nie mal irgendwo in der wohligen Mitte zum Ausruhen. Meine Krankheit heißt „Scheiße im Kopf“ oder wie auch immer du sie nennen willst. Ich nenne sie „drüberleben“ und das einzige, was dagegen hilft, ist genau das: drüberleben. Darüber hinwegleben.
Ich stinke ein bisschen vor Giftmüll im Kopf und ich bin dick geworden vom Schwermut im Bauch, aber ich lebe noch. Ich lebe noch. Und ich rede darüber. Und das ist schon mal ein ziemlich guter Anfang vom Gegenteil von Ende."Wichtige Links zu diesem Text"
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Kommentare
warum kommt mir das nur so bekannt vor?
07.02.2011, 08:56 von gfhdjIn meinem Fall sehr gut beschrieben in "Sie haben es doch gut gemeint. Depression und Familie" Josef Giger-Bütler
Hilft zwar auch nicht wirklich, zeigt aber ein um Welten besseres Verstehen als alle "Profis" mit den ich bis jetzt zu tun hatte.
Hallo, mein Name ist Virag, ich bin 18 Jahre alt, ebenfalls angehende Kunststudentin und leide enbenfalls an Depressionen. Ne Jahreszahl kann ich nicht sagen. Vielleicht 4 oder 5, aber die Ärzte waren anfangs echt schlecht.
03.02.2011, 16:06 von starla_sangueKeine Ahnung was ich eigentlich schreiben wollte, war nur schön einmal einen Text von jemandem zu lesen der einen versteht. Haha.
Ich krieg oft genug an den Kopf geworfen dass sich jeder der sagt dass er Depressionen hat das einbildet und das gar keine Krankheit ist und dass man das auh echt gut ohne Tabletten und Therapie ganz alleine regeln kann.
Ok gut tu du das dann mal du lieber Mensch der die Krankheit Depression verleugnet, wenn du einfach nicht aufstehen kannst. Wenn du einfach mal ne Woche lang nicht aus der Wohnung gehen kannst. Weil halt nicht. Geht nicht. Wenn du sogar vor dem Gespräch mit dem Psychologen Angst hast. Wenn alles grau ist. Wenn du selbst grau bist.
Blabla.
Ich mags nicht in Worte fassen. Ich hasse es drüber zu diskutieren.
Ich hab einiges an Kommentaren zu deinem Artikel gelesen (hab aber jetzt grad nicht das Gehirn alles zu lesen..ich müsste mich um das Katzenklo kümmern..du denkst du stinkst? Versuchs mit nem Katzenklo. Jemand der wochenlang nicht duscht ist noch immer zehntausendmal besser als ein Katzenklo ;)) -
kurz zusammengefasst: blabla.
Einen guten Therapeuten finden, das ist der Trick. Eventuell Tabletten nehmen. Und sich zusammenreissen.
Kennst du sicher alles.
Ich bin grad am versuchen mich zusammenzureissen und mich wieder zum Therapeuten zu schleppen den ich doch eigentlich richtig mag.
Stück für Stück zusammenreissen. Einen Apfel mehr am Tag essen.Aufstehen, nicht liegenbleiben.
Leben. - Eben, Leben.
nichts weiter.
Und die Tatsache dass ich weiss dass ich ein Ziel habe und dass ich genau weiss dass ich lebe, und dass ich das trotz Depression manchmal zu spüren kriege, dieses - LEBEN - in Großbuchstaben, Gefühl...
das lässt mich weiterkämpfen. Reicht doch.
Kopf hoch! ;) haha.
gefällt mir auch...mehr als gut!
03.02.2011, 13:18 von mitschnackermadeOffenbar hats du eins nicht verloren, die Fähigkeit sensationelle Sätze zu schaffen: "Es ist eher so, dass sich dein Leben schleichend biegt und beginnt zu brechen. Mein Leben ist immer krummer geworden, hat sich immer mehr gebogen und je mehr ich an der einen Stelle gezogen und gezerrt habe, desto mehr hat sich an einer anderen Stelle etwas verzogen."
02.02.2011, 10:31 von Plutarchtouché
wow. ehrlich und endlich auf den Punkt gebracht!
01.02.2011, 23:48 von emotion.crateguter text.
01.02.2011, 23:25 von iwontleavegefällt mir.
klasse.
01.02.2011, 12:14 von stehaufmaennchenEin sehr ehrlicher, aufrichtiger Bericht mit einer guten Mischung aus Selbstironie und Traurigkeit!
01.02.2011, 11:51 von Blutsfraeulein12ein wirklich sehr guter text...
01.02.2011, 11:10 von kaduschkaauf der einen seite kann ich dich sehr gut verstehen, weil ich auch 2 monate lang depressionen hatte... man will nichts mehr tun mit niemanden mehr reden und heult den ganzen tag - so war es zumindest bei mir... ich wusste auch einfach nicht mehr was ich machen soll...
bei mir ist dass dann auch nur wieder gut geworden, weil ich eine entscheidung getroffen habe, die es verändert hat
ich hoffe, dass du vielleicht irgendwann auch eine möglcihkeit findest aus dem ganzen zu entrinnen
respekt, dass du das hier schreibst! das thema ist viel zu wenig gesellschaftsfähig