Ein Protokoll des Abends, an dem alles anders wurde
Es ist der 16. Oktober 2001, 18.00 Uhr. "Diesmal bin ich zu spät."
Das ist das erste, was mir durch den Kopf geht, als ich im Türrahmen meines – nein, unseres – Schlafzimmers stehe und beginne, die unfassbare Szenerie vor meinen Augen zu begreifen. Jetzt ist es passiert, was ich in den letzten Monaten verzweifelt und mit allen Mitteln zu verhindern versuchte. Er hat es getan. Mit Erfolg. Es gibt keine Zweifel – zu blutig und zu eindeutig ist das Bild, das sich mir bietet. Und dann, der nächste Gedanke: „Es ist vorbei. Es kann jetzt nichts Schlimmeres mehr passieren.“ Eine eigenartige Ruhe geht mit dem Entsetzen des Moments einher.
Mechanisch drehe ich mich um und wühle in meiner Tasche nach meinem Handy. Wähle die Notrufnummer der Polizei. Eine Frauenstimme meldet sich. „Bitte schicken Sie jemanden vorbei. Mein Freund hat sich umgebracht“, höre ich mich ruhig, beinahe teilnahmslos sagen. Die Stimme am anderen Ende stockt einen Moment, irritiert ob meiner Sachlichkeit. „Brauchen Sie eine Ambulanz?“ fragt sie schliesslich. „Nein“, erwidere ich resigniert „das ist nicht mehr nötig.“ Fast routinemässig gebe ich Name und Adresse zu Protokoll. Es werde bald jemand da sein, heisst es. Ich weiss es besser – der Stau durch den Ort ist, wie jeden Abend, endlos... es wird lange dauern. Ich lasse meinen Blick durch die Wohnung schweifen. Es ist ein furchtbares Durcheinander. Er muss ausser sich gewesen sein. Erst jetzt bemerke ich die unübersehbaren Blutspuren überall. „Er hätte wenigstens die Schlafzimmertür zumachen können“ höre ich mich murmeln.
Was tun? Raus hier. An die frische Luft. Irgendetwas tun. Bloss nicht still stehen. Bei den Nachbarn klingeln? Nein. Ich verlasse die Wohnung und gehe vorm Haus auf und ab. Meine Eltern anrufen? Nein, dazu bin ich nicht in der Lage. Seine Mutter? Nein, dazu noch viel weniger. Die Schwester meiner Mutter, ja. Die einzige Person, die ansatzweise über die vergangenen, unfassbaren Monate Bescheid weiss. Sie geht sofort ran. „Kannst Du zu Hause weg?“ Sie bejaht, fragend. „Komm bitte vorbei. Er hat sich erschossen.“ Mehr brauche ich nicht zu sagen. Sie fährt sofort los. Nach ein paar weiteren Minuten rufe ich meine Chefin an, sage ihr, was geschehen ist. Dass ich keine Ahnung habe, wie es weiter geht, aber dass ich wollte, dass sie Bescheid weiss. Sie traut ihren Ohren nicht. Kein Wunder. Einen Moment überlege ich, ob ich mich vielleicht getäuscht haben könnte. Ob, wenn ich jetzt wieder hoch gehe, er mir entgegen kommt und alles nur ein furchtbares Missverständnis war? „Nein – jemand, der so zugerichtet ist, steht nicht mehr auf“, sagt mein Verstand. „Ja, aber...“ will die Hoffnung einwenden. „Nein.“ Basta. Endlich biegt der weisse Kleinwagen meiner Tante auf den Parkplatz ein. Sie steigt aus, setzt sich mit mir auf die Bank vor dem Haus. Wir sprechen nicht viel. Es gäbe so vieles zu sagen – und doch irgendwie auch wieder gar nichts. Die Würfel sind gefallen.
Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, bis der Wagen der Polizei ankommt. Als wir zusammen mit den drei Männern die Treppen hochsteigen, drehe ich mich um zu meiner Tante: „Versuch, nicht ins Schlafzimmer zu sehen“, warne ich sie, „es ist kein schönes Bild“. Die beiden Kripobeamten schiessen Fotos, beschlagnahmen die Tatwaffe, erledigen Formalitäten. Der dritte Beamte will wissen, was geschehen ist. Während ich bruchstückhaft beginne, die letzten Wochen und Monate zu rekonstruieren, laufen die Szenen auch vor meinem inneren Auge nochmals ab. Im Nachhinein kommt mir alles vor wie ein drittklassiger Fernsehfilm. Die Medikamentenabhängigkeit, die er jahrelang als eine dumme Nebensache, als ein kleines Problemchen abgetan hatte. Warum habe ich nicht reagiert? Doch es schien so gar keinen Zusammenhang zu haben mit dem Menschen, den ich da in all der Zeit vor mir hatte. Vor vier Monaten, als es plötzlich nicht mehr um Codein, sondern um Heroin ging. Vor zwei Monaten, als ich eine Spritze fand und die letzten mühsam aufrecht erhaltetenen Reste der Illusion zusammenbrachen, es wäre vielleicht alles noch irgendwie nicht so schlimm wie es aussah. Wie er sich innerhalb weniger Wochen in einem Ausmass zugrunde richtete, wie es andere Süchtige in einigen Jahren tun. Wir assen nicht mehr, schliefen nicht mehr, führten beide ein veritables Doppelleben – er das des Suchtkranken, ich das der Co-Abhängigen. Wie konnte ich dieses Spiel nur mitspielen? Ich habe die ganze Welt belogen, ihn gedeckt, habe mich völlig von ihm einspannen lassen - habe ihn in jeder Hinsicht unterstützt bei dem Unterfangen, sich zu zerstören. Ansatzweise wird mir klar, dass ich genau so süchtig war wie er - nach vermeintlicher Kontrolle über die Situation, nach dem verzweifelten Hoffen, es würde sich alles doch noch irgendwie zum Guten wenden, wenn ich ihm nur soviel wie möglich erleichtern könnte. Habe ich das wirklich geglaubt?! Ja... es war die Sehnsucht nach dem Menschen, den ich einst kannte - nein, die Gewissheit, dass er irgendwo hinter all diesem Elend noch vorhanden war - die mich dazu getrieben hat, all meine Prinzipien und meinen Stolz über Bord zu werfen und weit über jegliche Grenzen der Vernunft und des angeblich gesunden Menschenverstandes zu gehen. Unfassbar, wie sich der Blick für die Wirklichkeit verschiebt, wie jedes Zeitgefühl völlig verloren geht und in welchen nicht nachvollziehbaren Parallelwelten man plötzlich existieren kann.
Das alles erscheint mir unwirklich, nicht möglich, unglaubhaft, als ich mich jetzt darüber sprechen höre. Dazwischen erscheint einer der Herren von der Kripo und entschuldigt sich dafür, dass er meine Fingerabdrücke braucht – Formsache. Ich lasse ihn gewähren. Ob er über Suizid gesprochen hat, will der verhörende Polizeibeamte wissen. „Vom Weggehen“, antworte ich. „Er wollte weg von mir, um mich zu schützen. Oft. Aber ich habe ihn nicht gehen lassen, ich hatte zu viel Angst. Dieses Leben hier war immer noch besser als das Unbekannte da draussen, ohne ihn. Und was wäre denn mit ihm passiert, ohne mich?“ Wahrscheinlich hätte es keinen Unterschied gemacht, schiesst es mir durch den Kopf, als ich mir wieder bewusst wird, warum all diese Menschen unsere Wohnung in Beschlag nehmen. Oder doch? Hätte er es geschafft, ohne eine hysterische Freundin an seiner Seite, um die er sich möglicherweise noch mehr Sorgen machte als um sich selber? War ich vielleicht das Gewicht, das ihn am Ende ertrinken liess? Hat er diesen letzten Schritt getan im Wissen, dass ich in ebenso grosser Gefahr war wie er - oder um mich nicht mehr ertragen zu müssen, vollkommen jenseits von mir selbst, wie ich war? Bin ich etwa die Schuldige?! Entrüstet weise ich den Gedanken vor mir. Kann ich schuldig sein, wenn ich alles was ich habe - einschliesslich mein eigenes Leben - aufs Spiel setze für einen Menschen, den ich von ganzem Herzen liebe...? Der Gedankengang überfordert mich. Ob er darüber gesprochen hat, sich umzubringen, fragt der Beamte nach und unterbricht mein Hadern. „Nicht direkt. Aber er hat es versucht. Genau so wie heute. Vor zwei oder drei Wochen, nach drei durchwachten Tagen und Nächten ist ein Streit zwischen uns eskaliert. Am Ende sass er genau an der Stelle, wo er jetzt liegt, lud seine Waffe und schickte mich aus dem Zimmer. Aber der Schuss löste sich nicht. Er hatte es im Rausch versäumt, die Flinte zu entsichern.“ Der Beamte sieht mich prüfend an. „Und was war mit Ihnen?“ „Ich sass im Bad und wartete auf den Knall. Im Grunde wollte ich doch lieber selber an seiner Stelle sein... Was hätte ich denn noch tun können?“ Er schweigt. Dann will er wissen, warum ich die Waffe nicht verschwinden liess. Warum ich heute morgen schon um fünf Uhr weggefahren und erst um 18.00 Uhr wiedergekommen bin. Ob weitere Wohnungsschlüssel im Umlauf sind. Ob er mich je bedroht hat, ob es Streit gab an jenem Morgen. Oder am Abend davor. Ich überlege kurz. „Nein“, antworte ich dann. Gestern abend nahm er mich in die Arme mit den Worten „Jetzt wird alles gut.“ Ich meinte, er sprach von seinem Therapieplatz, den er am nächsten Montag antreten sollte. Jetzt weiss ich es besser.
Inzwischen ist der Kreisarzt da. Es muss inzwischen nach 20.00 Uhr sein. Er meint, der Schuss ist um ca. 17.30 Uhr gefallen – ungefähr zu der Zeit, zu der ich eigentlich zu Hause sein wollte, bevor mich ein Auftraggeber im Büro noch aufgehalten hat. Er will mir partout Valium verschreiben, ausgerechnet. Ich lehne ab und lasse ihn stehen. Dann taucht der Bestatter auf. Die Leiche wird in einen Unfallsarg gepackt – ich habe seit meiner Rückkehr in die Wohnung gerade noch seine Füsse gesehen, von weitem. Jetzt fehlt nur noch der Untersuchungsrichter – vorher dürfen wir hier nicht weg. So gegen 22.00 Uhr taucht er dann auch endlich auf. Irgendwann dazwischen rufe ich dann doch meine Eltern an und überrede sie mit Müh und Not, zu Hause zu bleiben. Mein Vater ist schwer krank, das Risiko eines Unfalls wäre zu gross, noch dazu in der ganzen Aufregung. Der diensthabende Beamte sagt, wir müssen die Mutter meines Freundes benachrichtigen. Das erste Mal an diesem Abend wird mir schwarz vor Augen. „Das kann ich nicht“, wehre ich ab. „Wie soll ich ihr denn jemals wieder unter die Augen treten, nachdem ich ihr die ganzen letzten Monate das Blaue vom Himmel herunter vorgelogen habe?“. Wie oft habe ich ihn gebeten, wenigstens seiner Familie reinen Wein einzuschenken, weil mir beim besten Willen keine Räubergeschichten und Ausflüchte mehr einfielen – aber er weigerte sich standhaft. Irgendwie kommt es mir jetzt so vor, als hätte ich immer gewusst, dass diese Situation früher oder später kommen wird. Trotzdem will ich da nicht hin, um keinen Preis. Ich fürchte mich so. Nichts wäre schlimmer als Vorwürfe von seiner Familie, die mich doch längst aufgenommen hat wie eine von ihnen.
Am Ende haben sie mich doch soweit. Der Polizeibeamte verspricht mir, die Nachricht zu überbringen. Meine Tante verspricht mir, da zu bleiben. So stehen wir dann um halb elf Uhr nachts vor dieser Tür und teilen einer Mutter mit, dass sich ihr Sohn vor fünf Stunden erschossen hat – aus heiterem Himmel, so muss es ihr jedenfalls vorkommen. Wir sitzen lange da und reden, erst alle vier, dann nur noch wir zwei. Es stellt sich heraus, dass sie ihren Sohn gut genug kennt, um zu wissen, dass ich nicht anders hätte handeln können. Keine Vorwürfe, bis heute nicht. Sie möchte, dass ich da bleibe über Nacht und bereitet das Gästezimmer vor. In dieser Nacht schlafe ich das erste Mal seit rund zwei Monaten mehr als knapp zwei Stunden an einem Stück.
Es ist vorbei.
Und es fängt gerade erst an.

Kommentare
Heftig...
24.10.2010, 20:42 von LuannaIch finde nicht, dass man Angehörige kritisieren darf, mit dieser Krankheit nicht an die Öffentlichkeit gegangen zu sein. Das ist Privatsache. Bei Normalsterblichen interessiert es eh niemanden.
12.10.2010, 23:34 von Batida72Aber ich hab mich immer gefragt: wie hält man das aus, als Partner, mit dem Wissen um diese Krankheit, die den Partner quält??? Könnte ich mir das JAHRELANG mit angucken??? Nein! DAS geht einfach zu weit. Mit Liebe kriegt man in der Tat so einiges in den Griff, aber das nicht.
Depressive brauchen Behandlung, eine Therapie, ob Prominent oder nicht. Ein Depressiver weiß das nicht, aber die Angehörigen und Freunde.
Und hier: http://www.neon.de/kat/10027.html, ist die Antwort darauf, wie man es am besten NICHT macht.
...
manche menschen haben schwerere rucksäcke auf, als andere.
27.12.2009, 22:06 von KingKonschdiich empfehl das, weil ich deine gedanken gut finde. und weil man sich in solchen momenten schnell der ärgste feind ist. und weil du scheinbar durchgehalten hast.
und weil du einem menschen, den du geliebt hast, dein leben zur verfügung gestellt hast in seinen letzten monaten.
Mir sind nach den ersten zwei Sätzen die Tränen gekommen. Heulen bringt bei sowas zwar auch nicht viel, dennoch will ich dir sagen, dass mich das ganze so tief wie selten berührt hat.
12.07.2008, 23:32 von Erdbeercaipiich musste gerade anfangen zu weinen. leb seit einiger zeit mit genau so einem bild in meinem kopf, mit der angst davor.
04.07.2008, 15:43 von NiniGraniniwünsch dir kraft und durchhaltevermögen.
Autsch. Das ist echt hart.
10.06.2008, 19:28 von aufgerissenEs macht mir Gänsehaut, die Tatsachen aus anderer Sicht zu lesen. Die Sicht des Abhängigen kenne ich selber.
23.11.2007, 10:24 von schwarzesHellblauBeide Seiten scheinen gleich schrecklich zu sein! Bei Co-abhängigen kommt aber noch die Machtlosigkeit dazu. Nichts ändern können. Schlimm.
Lg
Wow, da hab ich Tränen in den Augen... Ich wünsch dir alles Gute und Hoffnung, dass es wieder besser wird!
29.09.2007, 00:02 von systemhinweiswow, ich hab grad total gänsehaut ...
24.07.2007, 15:35 von danie1207