noodle1981 31.08.2010, 11:30 Uhr 23 40

Ein „Liebe-Brief“

oder: Was ich in den letzten 365 Tagen für Dich getan habe.

Lieber P.,

um ein wenig Eindruck zu schinden, werde ich Dir zuerst kurz aufzählen, was ich im letzten Jahr alles für Dich getan habe - wahrscheinlich hast Du es noch nicht einmal bemerkt.

- einschlägige Youtube - Videos angeschaut

- eine Rede vor einer großen Menschenmenge gehalten

- an Vs Hochzeit den ganzen Tag an Dich/uns gedacht

- Bücher gelesen, von denen ich nie glaubte sie jemals lesen zu wollen

- 10 Kilo zu und 18 wieder abgenommen

- "Auszeit" und Urlaubssemester gegönnt

- auf dem Firmenklo geheult - mehrfach

- mit rechtlichen Dingen auseinandergesetzt

- Recherchearbeit für Dich betrieben

- stundenlang für Dich Rosen bearbeitet

Ja, ich muss zugeben, dass ich bei Youtube nach Videos zum "plötzlichen Herztod" gesucht habe.
Da ich absolut keine Vorstellung davon hatte, was in einem solchen Fall passiert, habe ich sie mir angeschaut. Videos von jungen Fußballern, die während eines Spiels zusammenbrechen. Man merkt, wie binnen Sekunden das komplette Leben aus dem Körper weicht und sieht Menschen, die wie Puppen leblos zusammensacken. Ich frage mich, ob es bei Dir genauso abgelaufen ist.
Eigentlich muss es das, weil Du noch nicht einmal die Kraft besessen hast, Dich abzustützen. Deine kaputte Brille, die vielen Glasscherben und die Delle auf dem Nasenrücken zeugen davon, dass Du keinerlei Rekationsvermögen mehr hattest. Aber ich musste das sehen. Einerseits widert es mich an, auf diese Art und Weise den Tod eines Menschen zu beobachten, aber ich will versuchen, irgendwie zu begreifen, wie ein Leben von einer Sekunde auf die andere vorbei sein kann.

Die Rede war eine ziemliche Leistung, denn ich hatte einfach das Bedürfnis, am Tage Deiner Beerdigung etwas über Dich zu sagen.
Zum einen, weil Du einfach so ein großartiger Mensch warst - und für mich immer noch bist.
Zum anderen, weil ich vermeiden wollte, dass irgendjemand anderes etwas über Dich sagt, das Dir nicht gerecht wird. Gleich zu Beginn des Gottesdienstes habe ich es quasi hinter mich gebracht - und ich bin stolz darauf.

An Vs Hochzeit dachte ich ständig darüber nach, wie Du dich wohl auf meiner eigenen Hochzeit verhalten hättest. Ob Du auch gerührt ein paar Tränen verdrücken würdest, wenn Deine Tochter und ihr Zukünftiger sich das Ja-Wort geben, ob Du eine Rede gehalten hättest und, ob Du - zu späterer Stunde - einen bis zwanzig kleine Heinz Erhardt Sprüche für die Menge zum Besten gegeben hättest.

Fast hätte ich mich dazu durchgerungen, irgendwelche Trauer-Bewältigungs-Bücher zu lesen.
Und Deine Heinz Erhardt Bücher hab ich mir zu Gemüte geführt. Ich muss zugeben, dass ich da zwischen Weinen und Schmunzeln geschwankt habe.

Das mit der Zu- und Abnahme ist ein klassisches Frauen-Ding, würde ich sagen, denn vom "ich ess jetzt einfach alles, was ungesund ist - jetzt ist sowieso alles scheißegal" bis hin zur totalen Nahrungsverweigerung war wirklich alles dabei.

Ach ja, die Uni. Ein leidiges Thema. Im letzten Semester hab ich es einfach nicht geschafft, alles auf die Reihe zu kriegen. Deshalb hat mich meine Ärztin, von der ich immer so begeistert erzählte, krank geschrieben.
Der Monat im Ausland hat mich leider nur kurzzeitig darüber hinwegtäuschen können, dass hier zu Hause nicht irgendwann wieder alles auf mich einstürzt.

Toiletten sind ja angeblich kreative Orte.
Mich hat genau dort oft die Trauer wie ein ICE eine weggeworfene Zeitung überfahren, so ohne Ablenkung und mit mir ganz allein.

Ich bin jetzt Halbwaise. Verrückt. Hat das irgendwelche Auswirkungen? Gibt es wirklich Halbwaisenrente? Muss man so etwas melden?
Ich will mich kindischer Weise nicht daran gewöhnen müssen beim Ausfüllen irgendwelcher Unterlagen "verstorben" hinter Deinem Namen anzukreuzen - das macht es so greifbar.

Das Gericht schickte mir eine Kopie Deines Testaments zur Kenntnisnahme. Da wurde der Kloß im Hals wieder größer.
Weil wir uns so ähnlich sind, war mir klar, dass Du Hinweise auf dem Computer über das Versteck dieses wichtigen Schriftstückes hinterlassen hattest, obwohl wir nie darüber gesprochen haben. Und ich hatte Recht, denn nur so haben wir Dein Testament finden können.

Mittlerweile kenne ich mich sogar mit Immobiliengeschäften ein wenig aus, denn wir versuchen jetzt das Haus zu verkaufen.
Dieses viel zu große Haus, das schon für Dich und Mama nach unserem Auszug definitiv zu riesig war.

Das Rosenzerpflücken am Morgen Deiner Beerdigung hatte etwas meditatives, aber es hat mich auch so unfassbar traurig gemacht. Traditionsgemäß werfen nach dem Absenken des Sarges, oder in Deinem Fall der Urne, die Trauergäste eine Blume ins Grab. Weil wir wussten, dass viele Freunde, Bekannte und Gäste kommen würden, habe ich mich bereit erklärt die Vorbereitungen zu übernehmen.
Beschäftigung war in den Tagen vor der Beerdigung sowieso das Wichtigste überhaupt. Bloß nicht drüber nachdenken und irgendetwas machen.
Meine Hände haben noch Tage später nach den Rosen gerochen, obwohl ich diesen Duft eigentlich nicht mag, aber abwaschen konnte ich ihn nicht.

Ja, das waren die letzten 365 Tage ohne Dich, Papa.
Und über die unzähligen Tage, die noch ohne Dich kommen, möchte ich nicht wirklich nachdenken - aus Angst, dass ich vielleicht irgendwann einmal gleichgültiger werde, oder mich Dein Tod im Gegenteil immer wieder aus der Bahn wirft.
Aber weil wir uns so verdammt ähnlich sind, versuche ich es jetzt mit Deiner fast schon penetrant positiven Einstellung zum Leben, denn wie hast Du immer so schön gesagt: "Et kütt, wie et kütt".


Tags: Alleine sein
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23 Antworten

Kommentare

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    Danke für die vielen Kommentare...

    02.10.2010, 21:09 von noodle1981
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    traurig,wahr und unendlich schön.

    02.10.2010, 10:09 von PalapuP
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    Schön und sehr ergreifend, ein paar Tränchen verdrückt...

    22.09.2010, 17:31 von les_heures_bleues
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    Wow... sehr schön, sehr traurig, sehr ergreifend.

    03.09.2010, 20:27 von NoDoubt489
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    Gänsehaut

    03.09.2010, 16:55 von fuerliliane
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    danke für den text. ganau heute vor einem jahr ist der vater meines freundes gestorben. der fühlt 100Ús selbe.

    03.09.2010, 15:06 von ChapulinColorado
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    Das ist ein verdammt schöner Text ohne Melodramatik.

    Und ein Tritt in meinen Arsch, meinen Vater mal häufiger zu besuchen. Er telefoniert nicht so gern und ist nicht gesund.Hat übrigens auch Heinz Erhardt Bücher.

    Ich wünsche dir Kraft und immer gute Erinnerungen.


    01.09.2010, 09:04 von fastgut
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    Ich musste unweigerlich an das Buch Last Lecture von Randy Pausch denken, ich kann dir nur ans Herz legen dir das Buch zu kaufen anstatt irgendwelcher Trauerbewältigungsschinken, du bist stark.

    01.09.2010, 03:30 von Fidez
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  • 1

    Krass, sehr schön geschrieben.

    Man denkt erst, es geht um den Ex und dann kommt die wahre Geschichte.

    Gefällt!

    31.08.2010, 22:47 von unitSTAR
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