Ein leichter Moment
Sie saß ihm gegenüber und klammerte sich an ihre Teetasse. Warum sollte sie ihm erklären, dass sie so etwas normalerweise nicht macht?
Sie saß ihm gegenüber und klammerte sich an ihre Teetasse. Wenigstens hatte sie aufgehört zu stammeln. Eigentlich war die Stille auch nicht zu ertragen, aber warum sollte sie ihm erklären, dass sie so etwas normalerweise niemals machen würde? Sie kannte ihn ja nicht mal besonders gut. Warum war ihr seine Meinung so wichtig? Die gefühlten eineinhalb Stunden Schlaf und die kreisenden Gedanken, in die sich immer wieder Schuldgefühle mischten, erschwerten einen klaren Wortstrom. Wollte sie ihm in die Augen schauen? Ja. Gestern Abend hatte sie ihm in die Augen schauen wollen.
Nicht mal mitgehen in die Kneipe wollte sie und dann saßen sie da - alleine. Das Knistern zwischen ihnen, die Leichtigkeit des Wortwechsels ohne die so oft vorkommenden unangenehmen Pausen zwischen Menschen, die sich nicht gut kennen, wenn eigentlich alles gesagt ist, das Gespräch aber nicht abbrechen darf, weil die Stille nicht zu ertragen wäre. Dann nur in einem seiner Nebensätze das wie zufällig fallen gelassen „meine Freundin“. Nur nichts anmerken lassen und weiter auf der Leichtigkeit des Wortstroms dahin schwimmen. Der Abend ging zu Ende und sie gingen in Richtung U-Bahn. Zu spät. Der U-Bahnverkehr für diesen Tag - eingestellt. „Ich wohne nicht so weit von hier.“ Nur das Ignorieren dieses Satzes machte es möglich für sie, weiterlächelnd auf dem Plan nach dem Nachtbus zu suchen. Sie wollte ihn an seiner Bushaltestelle zurücklassen, aber er wechselte mit ihr die Straßenseite. Leicht dahinplätschernde Wortwechsel, Blicke im Austausch, in der Luft formten sich die Worte zwischen ihnen und begannen langsam Gestalt anzunehmen. Warum geht er nicht zurück auf die andere Straßenseite? Darf sie sagen, was langsam aus den Tiefen ihres kribbelnden Bauches aufsteigt? Geh zurück auf Deine Straßenseite, geh zurück … „Du weißt, dass ich heute mit zu Dir gegangen wäre, wenn Du mir nicht erzählt hättest, dass Du eine Freundin hast.“ Da waren sie. Die Worte. Ausgesprochen. Mitten im Raum, nicht möglich, sie wieder einzusaugen, zurück in den Bauch zu drängen, unter dem Kribbeln zu begraben. „Du weißt, dass ich Dich auch gerne mitgenommen hätte.“ Gut, Konjunktiv, dachte sie, Konjunktiv ist gut. Konjunktiv ist das Netz, das sie eingefangen hatte, bevor sie sich vollkommen fallen ließ. „Lass uns laufen, sonst bekommen wir den Bus nicht.“ Ein großes Loch im Netz tat sich auf und sie fiel. Ihre Beine liefen neben seinen über die Straße. Soviel Wollen von beiden und das Bewusstsein, dass die Schuldgefühle immer wieder versuchen, sich einen Zugang zu diesem Moment zu verschaffen. Ignorieren und weiter Fallen und weiter Schweben und weiter Fallen und den Moment genießen und die Leichtigkeit nicht beschweren mit Schuldgefühlen, die einen tiefer und tiefer ziehen bis auf den Grund, bis auf den Boden und sie beide in der Realität aufschlagen lassen. Hart und schmerzhaft.
Mit dem Morgen kamen die Schuldgefühle. Seine sowieso, ihre aber auch. Warum hatte sie Schuldgefühle? Sie kannte die andere Frau nicht, sie kannte die Beziehung nicht? Sie hatte nach der anderen gefragt noch im Bus. Sie hatte keine Antwort von ihm bekommen. Sie hatte ihm gesagt, sie könnten einfach einschlafen. Die Augen schließen, aufwachen, nichts wäre passiert. Doch das Knistern, die Leichtigkeit zwischen ihnen hatte sie mitgerissen, umspült und wie die Worte geflossen waren, so flossen auch die Hände über Körper und erkundeten jeden Zentimeter. Über seinen, über ihren. Bis zum Morgengrauen.
Als er ging, blieb sie noch liegen. Für einen Moment fühlte sie sich gut, für einen kleinen Moment. Dann fand sie die Worte, die er auf den Zettel geschrieben hatte. „Du bist wunderbar, ich werde dich immer in Erinnerung behalten. Tut mir leid, ich bin nicht gut mit Abschied.“ Vergangenheit. Hart schlug sie auf. Und doch wieder nicht. Sie hatte ihn gebraucht, er hatte sie gebraucht in diesem einen leichten Moment. Sie war nicht erschrocken über ihn, sie war erschrocken über sich. Doch so konnte sie ihn nicht gehen lassen.
Jetzt saß sie ihm gegenüber im Café. Bald würde er zurückfahren, nach Hause, in die andere Stadt. Ihre Worte brachen aus ihr heraus, stockten, verwirbelten sich, machten keinen Sinn. „Ich mache so was normalerweise nicht.“ Warum war sie so erschrocken über sich? Weil sie nur an sich gedacht hatte, in diesem einen leichten Moment? Weil sie die Schuld in seinem Gesicht nicht ertragen konnte? Weil sie durch das Loch im Sicherheitsnetz direkt in die Leichtigkeit seiner Arme gefallen war und den Moment genossen hatte, ohne an das Morgengrauen zu denken?
Zum Abschied tiefe Blicke und ein Kuss, der die Luft zwischen ihnen zum Knistern brachte. Und ein letzter Blick, bevor sich die Türen zwischen ihnen schlossen.

Kommentare
Wenn ich den nicht schon mal empfohlen hätte würde ichs glatt wieder tun.
22.11.2011, 09:14 von TaneaObwohl so ähnlich, doch irgendwie ganz anders.
Ignorieren und weiter Fallen und weiter Schweben und weiter Fallen und den Moment genießen und die Leichtigkeit nicht beschweren mit Schuldgefühlen, die einen tiefer und tiefer ziehen bis auf den Grund, bis auf den Boden und sie beide in der Realität aufschlagen lassen
11.07.2009, 11:54 von Talvoltasehr gut :-)
interessanter einblick in einen frauenkopf...
29.04.2009, 18:34 von HerrKulesbeneidenswert, so genau beobachten und empfinden zu können...
...oder: fiktive gefühle so genau und treffend zu skizzieren...
wunderschön. ich könnte heulen. so traurig.
27.01.2009, 20:40 von feelslikesummerihr habt echt probleme.
17.05.2008, 16:50 von pOwpOwbeide haben sich arschig der freundin gegenüber verhalten und waren in diesem moment eben egoistisch. shit happens. muss man sich nicht wundern, wenn man später ein mieses gewissen hat und ein oder mehrere soziale bindungen in die brüche gehen. man ist niemals so benebelt, dass man nicht mehr weiß, dass man etwas "falsches" bzw. moralisch beschissenes tut, man scheißt bloß in diesem moment darauf. denn ja sagen ist immernoch leichter als nein. für die meisten jedenfalls... whatever.
Da ist so ein wunderbar süßlich - schwerer Zauber,
16.05.2008, 19:57 von Innocencely18ein Hauch.
Zerrissenheit - herzerwärmend und traurig zugleich.
Sehr gut geschrieben!
Es ist, wie es ist. Und sicher ist es nicht falsch sich der Liebe hinzugeben. Konventionen, Höflichkeit.... - vielleicht aber zählt manchmal wirklich nur der eine leichte Moment..
Aua! Aua! Aua! Tut mir leid für dich, Meeresgrün.
09.03.2008, 17:41 von CharlotteteWas gutes hat die Sache aber auch: Wenn einem sowas passiert, merkt man wenigstens, dass man am Leben ist und man schreibt so schöne Geschichten wie du. Diese Situation kenne ich zum Glück nur aus der Theorie und nicht aus der Praxis. Aber das reicht manchmal auch schon.
Die moralische Diskussion, die hier stattfindet, finde ich dagegen ziemlich lachhaft. Kommt schon Leute: Wer von euch hat nicht schon mal was gemacht, was man eigentlich nicht machen sollte?
@[Benutzer gelöscht] Seine Freundin ist auch SEIN Problem und SEIN Gewissen oder nicht?
05.03.2008, 20:22 von stellaostenoInteressante Diskussion hier...
Was heißt "wenn es so kommt und alles passiert"?
24.01.2008, 18:26 von impulsiveWas bedeutet denn "normalerweise nicht"?
Solch vollkommen schwammige Aussagen. Heißt es vielleicht, wenn es nicht kribbelt? Natürlich steigt sie oder er dann nicht mit dem anderen in die Kiste. Oder was soll "normalerweise" bedeuten? Oder weil es nicht alltäglich passiert? Das liegt aber nicht in den Händen von ihr oder ihm. Sondern ob sie den Menschen treffen, wo dann wie in jenem Fall alle Gegebenheiten zutreffen.
Vor allem in Ausnahmesituationen erkennt man doch tatsächlich erst, wie jemand wirklich tickt. Wie egoistisch er ist, oder wie schnell er sein Verstand ins Klo kippt. So outen sich Menschen nicht in alltäglichen (normalen) Situationen, sondern in normalen Ausnahmefällen. Dann wenn es um die eigene Gier geht, und das ICH über allem steht.
Und die Begründung "na ich kenne die andere ja nicht". Lächerlich, es ist doch völlig egal ob sie eine große oder kleine Nase hat. Vielleicht ist sie eine supertolle Frau, sehr ehrlich und ist auch und vor allem in Ausnahmefällen loyal, also dann wenn es richtig unter Beweis gestellt werden kann. Und nicht in "normalen" Situationen, wo der potentielle Herr eigentlich scheiße aussieht, und wo kein Kribbeln zustande kommt.
Erst wenn es einem der beiden selbst trifft, dann ist das Geheule riesengroß, bis dahin ist doch alles okay. Oder vielmehr wunderbar.
Es scheint so, dass Er absolut nicht ehrlich ist. Ich weiß nicht, ob es tatsächlich nur einmal vorgekommen ist, und er seine Dame es gleich gebeichtet hat. Darf ich erstmal anzweifeln.
Und Ihr ist es völlig egal, ob sie mit einem Schauspieler oder ehrlichen Mann in die Kiste springt. Denn Sie kann nicht davon ausgehen, dass er beichtet und seine Beziehung beendet, da er merkt, dass er seine Freundin gar nicht wirklich lieben kann, wenn er sich so verhält.
Der Text ist wie der Mensch. Wenn er inhaltlich scheiße ist, wirkt das Äußere auch nicht schön.
ohje. "ich mache sowas normalerweise nicht" hätte auch von mir kommen können.
24.01.2008, 16:12 von huckepacknormalerweise macht man sowas ja auch nicht.
aber moralische ansprüche hin oder her, wenn es so kommt und alles passt, was macht man dann?