King-Lube-III 25.10.2010, 15:07 Uhr 23 48

Ein endlos geflochtenes Band

»Was willst du?«, fragte der alte Mann. »Lösch meine Liebe!« Er lachte.

# Ich reichte ihm eine Fotografie von ihr, eine, auf der ich sie hübsch fand, auf der sie so etwas Ländliches, Französisches hatte, wie eine junge Frau, die philosophierend zwischen den Weinbergen lebt. Ein Bild, das diese Stimmung von Baguette und Rotwein ausdrücken sollte. Keine Ahnung, warum ich ausgerechnet diese Fotografie mitgebracht hatte, denn meistens sprachen wir vom Strand und nicht von der Côte-d’Or. Der Alte betrachtete die Fotografie lange und eindringlich, dann blickte er direkt in meine Augen, intensiv und ich spürte ein kleines Stechen. Ich wusste, er sah mir in meine Seele. »So schlimm also«, sagte er schließlich und ich nickte.

»Wenn ich dir die Liebe nehme, wird ein Teil von dir sterben, weißt du das?« Ich nickte abermals. Natürlich wusste ich das. Viele behaupten, so etwas wie Seelenverwandte gäbe es nicht, aber es gibt sie. Sie war eine, unbestreitbar.
»Warum soll ich deine Liebe löschen?«
»Weil sie unsinnig ist. Wir können diese Liebe nicht leben. Wir haben beide unsere Gründe.«
»Das stimmt. Im Hier und Jetzt könnt ihr nicht zusammen sein. Kennst du das Schicksal?«
»Natürlich kenne ich das Schicksal. Es hält mich zum Narren!«
Der Alte sah mich mit zornigen funkelnden Augen an: »Weißt du wann, was, wozu gut ist? Und kannst du mit Sicherheit behaupten, Dinge würden sich so entwickeln, wie du es dir vorstellst? Kennst du alle Zusammenhänge des Lebens?«
Ich verstummte.

»Ich möchte es nicht mehr. Es kostet zu viele Tränen, zu viel Schmerz. Ich habe genug Schmerz gehabt. Nicht nur der Liebe wegen, das stimmt.«
»Eine Liebe, die einmal geht, kehrt nie wieder zurück. Bist du dir dessen bewusst.« Ich schwieg. Ich war mir nicht sicher, ob dieser alte Mann, der ein Heiler der Liebe sein sollte, wirklich helfen konnte. Ich hatte mir schon so oft vorgestellt, dass die Liebe, die doch nur in unseren Köpfen existiert, ganz einfach aus den Köpfen zu entfernen sein müsste. Aber je mehr Energien ich darauf verwendete, sie mir aus dem Kopf zu denken, desto größer wurde sie.

»Es wäre schade um sie«, sagte er schließlich, »es ist keine gewöhnliche Liebe.«
Ich nickte: »Keine Liebe ist gewöhnlich. Jede Liebe ist besonders.«
Der alte Mann lachte: »Und unter den Besonderen, ist deine Liebe besonders besonders.«
»Ja, vielleicht, aber was bringt es? Sie bringt uns nicht weiter, sondern hält uns irgendwo gefangen.«

Er sah mich noch eine lange Zeit an. Seine Augen ruhten auf meinen. Ich versuchte hinter seinen Augen nun auch seine Seele zu entdecken, aber er ließ es nicht zu und ich schaute durch ihn hindurch.
»Es kann sein, dass es nicht funktioniert«, sagte er schließlich, »eure Liebe ist ein endlos geflochtenes Band.«
Ich schaffte es gerade noch meine Tränen zu unterdrücken und biss die Zähne zusammen.

Dann legte er mir seine warme Hand auf die Augen. Zuerst sah ich nur Konturen, doch nach und nach verdichtete sich ihr Bild. Sie hatte ein blütenweißes Nachthemd an. Ihre Arme waren etwas vom Körper gespreizt, die Handflächen mir offen entgegen. Sie hatte die Augen geschlossen und sah in den Himmel. Sie sah aus, wie ein Engel. Zwei Bluttropfen liefen an ihren Schenkeln herab und verschwanden hinter ihren Fußknöcheln. Ich hörte das Geräusch, wie wenn jemand versucht möglichst leise ein weißes Blatt Papier zu zerreißen. Ganz sacht. Kein beschriebenes, sondern leeres, weißes Papier. Dann schob er seine Hand nach oben und öffnete meine Augenlider. Ich sah einen alten Mann vor mir, der mich anlächelte. Er ergriff meine Hand und ich spürte, wie seine innere Ruhe in meinen Körper floss. Dann reichte er mir eine Fotografie, die er in seiner anderen Hand hielt. Ich betrachtete sie sehr lange und intensiv, dann lächelte ich zurück und fragte: »Wer ist das?«

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23 Antworten

Kommentare

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    nice one.

    ich kenne dieses gefühl nur zu gut... ich kann meine jugendliebe nicht vergessen, so sehr ich es versuche. (seit mittlerweile knapp 9 jahren) jeder direkte kontakt mit ihr, jeder blick in ihre augen weckt wieder die gefühle aus der "jugend"... somit beschränke ich den kontakt auf kurze telefonate oder vll mal ne sms zu den üblichen ereignissen.
    doch im hier und jetzt ist eine gemeinsame liebe scheinbar nicht möglich. wobei ich mir doch sicher bin, dass sie noch mehr gefühle für mich hat, als sie zugeben will....

    also, wo genau wohnt dieser heiler?

    04.11.2010, 12:02 von m.aus.w.an.der.o
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  • 0

    Ähmm... Den gleichen Text gab es hier schonmal...

    28.10.2010, 20:54 von Kleinstadt.Cowboy
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    jede Liebe ist besonders, ja...
    aber auch nur solange, bis sie bricht.
    Und dann kann man gar nicht genug Eimer drunterstellen.

    27.10.2010, 20:37 von topfbluemchen
    • 0

      @topfbluemchen Hilfe, klingt ganz schön verbittert, wenn ich das nochmal so lese, auweia ;)

      27.10.2010, 20:40 von topfbluemchen
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  • 0

    ohja, dein text ist echt schön, und es steckt soviel wahres drin.
    Aber ich bin ehrlich gesagt das eine liebe manchmal gehen muss damit sie am ende doch bleibt, aber ich bin mir auch nicht so sicher wie es mit der liebe ist.
    naja wirklich wirklich schöner text !

    27.10.2010, 17:10 von meinherzseiwild
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    wunderschön und so vertraut.

    27.10.2010, 00:21 von BamSuddenly
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    oh das ist so traurig!
    )`:

    26.10.2010, 19:10 von MsLeigh
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    Kommt mir sehr bekannt vor... ich würde gerne die letzten schmerzhaften Monate löschen!! Sehr gut geschrieben, macht richtig traurig :(

    26.10.2010, 15:01 von Retrohase
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  • 0

    schöner text. und schöner film. anschauen. :)

    welcher film ? :P

    26.10.2010, 14:30 von TheBisicuit
    • 0

      @TheBisicuit wer lesen kann, ist klar im vorteil.

      26.10.2010, 14:44 von TochterAusElysium
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  • 0

    die Geschichte hat was von Haruki Murakami.
    Gefällt mir sehr gut!

    26.10.2010, 13:26 von simon_moon
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      @[Benutzer gelöscht] Dito.

      26.10.2010, 13:47 von thadeuspunkt
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