Eigentlich darf ich nicht
Du hast deine Freundin betrogen. Mit mir.
Der Abend war perfekt. Bis du aufbrechen wolltest. Ich will nicht, dass du gehst. Ich weiß nicht wieso, aber etwas in mir muss dich überreden, noch hier zu bleiben. Ich stehe von der Decke, die auf der Wiese liegt, auf und lege lässig meinen Ellbogen auf deine Schulter: "Hör mir mal zu...", grinse ich. Nach außen mache ich einen Spaß daraus. Du musst lachen. Aber tief in mir meine ich es bitterernst. Du sollst nicht gehen, ich will, dass du hier bleibst, wir reden doch gerade so gut. Dass du mir schon vor Langem aufgefallen bist, weißt du nicht. Du weißt so vieles nicht. Dein bester Freund hüpft grinsend an uns vorbei und sagt: "Ja, weiter überreden!". Siehst du, er will auch nicht, dass du gehst. Er will, dass wir weiter beieinander sitzen und uns gut verstehen. Ich habe dich.
Der Abend wurde später, die Leute weniger. Wir sind ein wenig betrunken. Hinter dir flackert das Lagerfeuer, ich sehe nur die Umrisse deiner Haare, die ich zum Sterben schön finde. Deine feinen Gesichtszüge. Und dein leichtes Grinsen. Wir sagen kein Wort. Du siehst meine hellen Augen im lodernden Licht. "Wollen wir knutschen'", sagst du leise. Verdammt, ich will es so sehr. Schon so unfassbar lange. "Nein. Du hast eine Freundin", sage ich. Diese Antwort auszusprechen zerreißt mich innerlich, aber ich muss sie einfach sagen. Ich fühle mich dazu verpflichtet. Du willst. Ich will. Doch wir dürfen nicht. Du darfst deiner Freundin nicht wehtun. Das kann ich nicht zulassen. Du küsst mich trotzdem. Du hast es einfach getan. Es ist unfassbar schön. So schön, dass ich sie vergesse. Bilder, die ich mir seit Monaten in Tagträumen ausmalte, werden Wirklichkeit. Noch weißt du davon nichts. Ich werde es dir am nächsten Morgen erzählen, denn wir gehen zu mir.
Es passiert nicht viel. Du bist zu betrunken. Und schläfst ein. In meinem Bett. Noch will ich es nicht wahrhaben, was da gerade passiert. Hattest du mich wirklich geküsst' Kamst du wirklich mit zu mir' Ich schlafe ein.
Ich wache früher auf als du. Du liegst nackt neben mir, auf deinem Bauch, deinen Kopf zu mir gedreht. Dein unschuldiger, friedlicher Blick, dein leicht geöffneter Mund schlafen so fest. Ich muss lächeln. Du bist tatsächlich hier. Ich schmiege mich an dich, und du nimmst mich ganz fest in den Arm. Als du deine Augen langsam öffnest, schaue ich dich lächelnd an. "Böses Erwachen'", frage ich dich. "Nein. Schönes Erwachen". Du strahlst mich an. Ich war erleichtert. Ich hatte Angst, du würdest es bereuen. Wegen ihr. Du bist wieder nüchtern, und du hast kein schlechtes Gewissen. Wir reden über deine Beziehung. Ich fühle mich so schlecht. Was hatte ich da zugelassen' Ich weiß, es sollte mich nicht interessieren. Schließlich warst du es, der jemanden betrogen hatte. Eine offene Fernbeziehung, sagst du. Es erfüllt dich nicht. Das weiß ich. Du bist so zärtlich zu mir. Du küsst mich den ganzen Morgen, sagst, es sei schön mit mir. Du würdest am liebsten den ganzen Tag hier bleiben, bei mir. Das war keine Floskel, dafür waren deine Worte zu sehnsüchtig. Bekommst du von mir das, was sie dir nicht mehr gibt' Wir bleiben noch vier Stunden liegen und streicheln unsere Rücken, während wir über alles und die Welt reden. Ernst, humorvoll, schön. Wir lachen, wir küssen uns. Wir schauen uns wortlos an. Minutenlang. Und lächeln. Du hast es dir schon so lange gewünscht, verrätst du mir. Interessant fandest du mich schon damals, als wir uns das erste Mal unterhielten. Wir gingen monatelang mit den gleichen Gedanken aneinander vorbei, während wir uns nett grüßten.
Ich muss los. An meiner Wohnungstür küsst du mich ein letztes Mal. Es muss das 2845. Mal heute sein. Mindestens. Du küsst mich nicht einfach so. Du küsst mich zärtlich, lange, sehnsüchtig. Was ist das' Das war kein Kontrollverlust wegen Alkohol. Das war kein betrunkener One-Night-Stand, bei dem man am nächsten Morgen einfach mit höflicher Verabschiedung wieder geht. Wir fühlen uns so wohl beieinander. Du willst nicht gehen, das sehe ich dir an. Bleib hier, sagen meine Gedanken. Doch ich lasse dich gehen. Es ist besser so. Wahrscheinlich wird es niemals wieder passieren, denn heute Abend wirst du sie sehen. Du wirst es ihr erzählen. Ich fühle mich schlecht. Hätte ich dich davon abhalten sollen' Hatte ich Verantwortung' Du bist doch erwachsen. Ich fühle mich schlecht. Verliebe ich mich in dich' Ich sollte es nicht. Nicht in jemanden, der seine Freundin betrügt. Ich war nicht die Erste. Sonst bist du perfekt. Dieser Morgen war das Schönste, was mir seit Langem passiert ist. Es ist so schön mit dir. Verdammt. Du gehst. Vielleicht läufst du jetzt zu dir nach Hause und denkst über uns nach. Ich wünsche es mir so sehr. Auch, wenn ich weiß, ich darf nicht. Aber das hatte ich am Vorabend bereits auch schon einmal gesagt.

Kommentare
das ähnelt meinem letzten freitag nur zu sehr...
07.02.2010, 22:51 von gurke_passiert so ständig...und endet meistens nicht gut.
28.05.2009, 21:00 von iLeilaniist mir auch so passiert und es fühlt sich komisch an...
schöner Text... und für mich nicht klischeehaft, sondern realistisch...
12.05.2009, 17:58 von vanilla.Tut weh zu lesen, wie der Mann "die Andere" behandelt..und ich vermute mal, dass er es seiner Freundin nicht gesagt hat. Ohne schlechtes Gewissen..ich finde es traurig, dass du es übernehmen "musstest", weil der Kerl abends zur Freundin gegangen ist, um ihr von seiner langweiligen Woche zu erzählen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, wie ich noch irgendetwas von einem Mann glauben soll. Wenn ich lese, wie ein Mann sich beim Fremdgehen verhält. Ehrlich gesagt tun mir beide Frauen in dieser geschichte leid..du und seine Freundin.
24.04.2009, 01:06 von leila27Warum haben die Menschen eigentlich so wenig Selbstdisziplin ? Ich finde es traurig zu sehen, dass manche Männer und auch Frauen nicht erst klare Verhältnisse schaffen können und dann frei in ihren Handlungen sind. Hat er in dem hier geschilderten Fall auch nur einmal in dem Moment an seine Beziehung gedacht, daran, was er IHR damit antun wird, in was für eine Lage er sie dadurch bringt ? Dass dies auch noch von vielen unterstützend bejaht wird, was da abgelaufen ist und Gutheißungen zum guten Ton gehören...da fehlen mir einfach die Worte...
18.01.2009, 23:13 von JarodRussellBei ihr ist das eine Sache, da sie Single war, aber er, er hätte sich seiner Position bewusster sein sollen. Wenn man eine Beziehung hat, ob sie gut läuft oder nicht, sollte man dennoch genug beisammen sein, niemand Drittes dort hinein zu lassen und wenn es noch so verführerisch ist. So viel Selbstbeherrschung ist doch nun wirklich nicht zu viel verlangt.
Toller Text, nur manchmal ein wenig zu schnulzig. Das ist aber nicht bös' gemeint. Ich bin gerade in ungefähr derselben Situation und ich hasse es >.<' Bei mir verläuft es nicht so rosig...
14.01.2009, 16:04 von amircaelvöllig überwältigend mädel!!
29.09.2008, 21:31 von Rif_Rafbesser kann mas net beschreiben!!