Du, die Heldin deiner Geschichte.
Für jemanden nicht zu existieren ist anstrengend. So sehr, dass ich mich kaum noch auf den Beinen halten kann.
." Aber ich kann nicht. Ich kann mein Herz nicht mehr verschließen und alles fällt dann hinaus. Auf den Boden, einfach so. Und wenn er den Raum betritt, dann vergesse ich es manchmal wieder aufzuheben. Ich habe noch nie so geliebt und wusste auch nicht, dass das geht!"
Als du das sagst, kannst du kaum atmen. Deine unerbittliche Liebe hat dir die letzte Luft genommen. Die letzten Tränen. Die Hoffnung hat sie zu Boden geworfen. Deine unerbittliche Liebe zu diesem einen Mann. Dem du dein Leben in die Hände gelegt hast, ohne zu fragen. Der dein Herz in der linken Tasche seines Hemdes spazieren trägt, zwischen Kaugummipapier und Kugelschreibern. Und eben auch der, der nicht mit dir lachend durch die Straßen läuft, um im nächsten Café, am kleinen runden Tisch, einen Cappuccino zu trinken. Der, der dir nicht mit seinen Fingern durch deine Haare fährt und Strähnen um sie wickelt. Und auch nicht der, der dich küsst und dich sein Leben schmecken lässt. So oft du auch in stummen Ecken sitzt und davon träumst, es zu sein. So bist du es nicht. Und du wirst es auch nie. Du bleibst immer wieder du, und das hältst du kaum aus.
" Ich habe heute Luftballons aufgeblasen. Für meine kleine Cousine zum Geburtstag. Sie waren rosa. Da musste ich an sein Hemd denken. Verstehst du jetzt, wie schlimm das ist? Ich musste an sein Hemd denken und daran, dass mir nur die Luftballons bleiben."
Da habe ich verstanden, wieso du an deiner Geburtstagsparty in dem Meer von Luftballons untergegangen bist. Dich versteckt hast, vielleicht gesucht hast nach ihm. Und ein bisschen wolltest du wohl auch deine Tränen verstecken. Trotzdem hast du an dem Abend zum ersten Mal wieder richtig gelacht. Mit dem Herz auf der Zunge und ohne Angst, es könnte verloren gehen. Ich hätte das in dieser Zeit gerne öfter gesehn, dein Herz. Ich meine ganz und nicht zerkratzt von all den Fehlern und all deinem Schmerz.
" Seine Freundin trägt blond. Meinst du, mir würde das stehen? Ich meine, ein bisschen heller und das wär prima, oder? Glaubst du, dass er mich dann sieht? Glaubst du, dass ich dann kein Schatten mehr bin? Ich bin das so leid. Für jemanden nicht zu existieren, ist anstrengend. So sehr, dass ich mich kaum noch auf den Beinen halten kann."
Als du aufgelöst in deinem Türrahmen gestanden hast. Mit den Händen vor dem Gesicht verschränkt, dahinter aufgerissene Augen und deinem blonden Lockenkopf, wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Was hattest du verdient? Und was konntest du noch ertragen? Ich habe deine Haare schwarz gefärbt. Weil ich gehofft habe, mit dem Verlust der blonden Farbe auch deine Liebe zu entziehen.
" Ich fühle mich nicht wohl. Und ich will den Menschen nicht mehr begegnen. Schon seit Wochen nicht mehr. Ich kann ihr Lachen nicht ertragen und ihr Glück nicht sehen. Ich sehe doch schon mein eigenes nicht. Da kann ich das von anderen erst recht nicht gebrauchen. Ich muss mich entlieben, weißt du. Muss das aufgeben. Ein Entzug von der absoluten Hoffnung, die bis zum Schluss da in mir drin gepocht hat."
Das war kein Entzug. Das war viel schlimmer. Das war dein Ende, dachte ich. Ich habe dich betrachtet, wie du dein Leben, zerrissen und zerfetzt, zwischen Pizzakartons und Schachteln gelegt hast. Der erste Tag hat mich erschreckt. Ich war nicht auf deine dunkle Wohnung und dein aufgequirltes Gesicht vorbereitet, was nicht mehr ganz glatt und eigentlich von Wunden vernarbt an deinen gebrochenen Knochen hing. Auch war ich nicht auf deine Unordnung und deinen Selbsthass eingestellt. Auf deine Fahne auch nicht. Ich habe mich gefragt, wie schwarz dein Leben sein muss, in allen Details. Wieso es nichts mehr Schönes an dir gibt und warum dir das irgendjemand genommen hat, ohne dass du nur eine Minute dran festgehalten hättest.
" Ich habe gelernt, dass man loslassen muss. Dass das nicht heißt zu verlieren, sondern zu gewinnen. Schau mal, ich habe mein Leben wieder und meine Freiheit. Manchmal frage ich mich, wie ich so lange ohne Freiheit leben konnte. Wie ich mich an den Gitterstangen meines eigenen Käfigs festklammern konnte. Das war verrückt. Aber ich habe eben geliebt. Das tue ich auch immer noch, aber nur ein bisschen. Und vergessen werde ich ihn auch nie. Aber er bleibt eben nur ein Schatten, und ich stehe vor ihm. Nie wieder dahinter."
Ein Jahr ist vergangen, als du mir diese Worte mit blauem Stift auf den Tisch schreibst. Einfach so, weil die Zettel schon aufgebraucht waren.
Bevor du gehst, machst du noch ein kurzes Handzeichen und greifst wieder zum Stift.
" Wenn man stumm ist, schreibt man seine Seele auf Papier und manchmal schreibt man Geschichte."
Du, mein Vorbild, du.
Du, die Heldin deiner Geschichte.

Kommentare
wundervoll geschrieben.
16.08.2010, 03:51 von alligatortearsMeine Liebe Kirschbaumfee,leider weiß ich nichtmal deinen Namen aber du hast WUNDERVOLLE Texte und dieser ist,muss ich sagen der für mich schönste.Ich lese ihn beinahe täglich und immerwieder,weil er mich auch an meine jetzige Situation erinnert.
07.08.2010, 00:02 von CrazybluDu hast ein großartiges Talent für Worte und viel Respekt und Achtung von mir dafür.
Dein Herz ist ebenso auf Papier.
Liebe Grüße,
aus dem sentimentralen Norden :)
Wenn man stumm ist schreibt man seine Seele auf Papier
10.06.2010, 22:21 von fjarilldas ist wohl wahr ;) zumindestens gilt das für mich :D
Der Text rührt mich. Soviel wahre Sätze, in denen sich jeder ein stück weit wiedererkennen kann. Daß es dann manchmal ein Stück kitschig wird oder die Situation nicht klar herauskommt, tut dem tollen Text keinen Abbruch. Ganz besonders gefällt mir der letzte Satz.
02.06.2010, 17:55 von FirewallSein Herz zu verschließen und jemand anderes sein zu wollen, ist (fast) jedem wohlbekannt. Ebenso das Loslassen zu lernen. Tolelr Schreibstil!
zwiegespalten.
01.06.2010, 23:25 von ruggamuffinZum einen bist du nicht konsequent in deinem Schreibstil (manschmal schreibst du im Briefstil, als würdest du mit ihr reden, manchmal im erzählstil, als würdest du über sie reden). Zum anderen ist es etwas melodramatisch. Ich weiß, dass ich mir da kein Urteil erlauben sollte, aber mir fehlt die Vorgeschichte, die Selbstaufgabe kommt für mich zu unvermittelt.
Großes ABER:
Durchaus viele schöne Passagen dabei, die "schöne" (eindrucksvolle) Bilder erscheinen lassen, die sicher viele nachempfinden können. Auch eine sehr schöne Sprache und Wortwahl.
Insgesamt hats mich nicht umgehauen, aber ich habs zu Ende gelesen und das heißt bei mir schon ganz großes Lob!
schön geschrieben, keine frage.
01.06.2010, 18:48 von maja_majatrotzdem kommt es mir etwas zu mystisch, zu traurig, zu dramatisch daher.
ich möchte damit nichts anderes kritisieren als diesen text. er hat mir teils gefallen, teils nicht.
es ist meine meinung, da gibt es nichts an meinem kommentar zu kommentieren.
soweit zu gehen, diesen text als kitsch zu bezeichnen, möchte ich nicht gehen.. respektiere aber trotzdem die meinung derer die diesen als solchen bezeichnen.
genauso respektire ich die, die sich ganz mit ihm identifizieren.
denn manchmal ist liebe genau das: dramatisch. nicht verständlich für außenstehende!
Top!
29.05.2010, 17:54 von lorna_luftder text ist fantastisch in allen hinsichten!
27.05.2010, 19:04 von elefantastisch