Die Welt um unsere Lippen
Du küsst mich, ich küss dich. Wir küssen uns, bevor uns ein Stein gegen deinen Kopf daran erinnert, dass wir das nicht dürfen.
Ist ein schöner Abend gewesen, weißt du noch?
Erst waren wir ein bisschen shoppen, und danach hatten wir uns in dem kleinen, gemütlichen spanischen Lokal bei uns im Viertel mal wieder so’n richtig leckeres Essen gegönnt. Da gehen wir zwei gerne hin. Es ist so schön ruhig dort und genau richtig, wenn wir bei einem guten Wein über alles Mögliche plaudern wollen. An dem Abend haben wir besonders viel geplappert und noch mehr gelacht. Wir zwei sind nun schon seit mehr als zehn Jahren zusammen und es ist immer noch spannend und kribbelnd zwischen uns. Wie oft wir uns in den vergangenen Jahren immer wieder ineinander verknallt haben, kann ich gar nicht mehr zählen. Ich mag’s, wie du erzählst, wie du mich anschaust und wie du meine Hand berührst, wenn wir uns angeregt unterhalten, so wie an diesem Abend beim Spanier.
Immer nur so ganz leicht angedeutet, für andere kaum zu bemerken, und dabei läuft mir jedes Mal ein wohliger Schauer über den Rücken. Wer genauer hinschaut, sieht, dass wir zwei zusammen sind, sieht, dass da ganz viel Liebe zwischen uns ist. Damit haben wir auch kein Problem, wir verstecken uns nicht und verhalten uns völlig normal. So, wie jedes andere Paar, das sich liebt. Aber wir sind auch nicht die Art Typen, die ihre Liebe, ihr Zusammensein öffentlich zur Schau stellen. Das finden wir beide blöd, allein schon, weil es nur uns etwas angeht, was wir füreinander empfinden, wie wir zueinander stehen. Mit solchen Dingen wie „Händchenhalten“ können wir nicht besonders viel anfangen, selbst wenn einer von uns beiden eine Frau wäre.
Trotzdem, manchmal passiert es doch, dass einer den anderen aus einer Laune, aus einem Gefühl heraus kurz zärtlich streichelt oder küsst. So, wie es bei jedem anderen Paar auch schon mal vorkommt und so wie an diesem Abend. Schön ist er gewesen, dieser Abend beim Spanier. Ein bisschen beschwipst schlenderten wir zwei immer noch verplaudert heimwärts und ich musste dich kurz mal liebevoll in die Seite knuffen, weil du so lecker ausgesehen hast. Frech angegrinst hast du mich, hast spontan deine Arme um mich geschlungen, mir nen dicken Schmatzer auf den Mund verpasst, an diesem Abend und bevor du blutend zusammengesackt bist. In meinen Armen. Wir hatten die Typen hinter uns nicht gesehen, nicht bemerkt, dass sie uns die ganze Zeit hinterher geschlichen sind. Es mögen drei oder vier gewesen sein, ich weiß es nicht mehr, nur, dass mich der nächste Stein an der Stirn traf und ich von dem Schlag ohnmächtig zu werden glaubte .
Ich weiß auch nicht mehr so genau, wie wir es trotz der Schmerzen und trotz des Blutes, das mir zäh und brennend über die Augen lief, geschafft haben, uns gegenseitig wieder hochzuziehen und wegzulaufen. So schnell wir konnten. Die Straße war menschenleer und wir hatten Angst, richtige Panik, dass uns die Typen erwischen und zusammenschlagen würden. Gehetzt haben sie uns, grölend und dreckig lachend. Ich konnte kaum sehen, wohin wir liefen, nur hören, wie ein weiterer Stein deinen Rücken traf und du dieses gurgelnde schreckliche Geräusch von dir gabst und wieder hinzufallen drohtest. Hab dich weitergezerrt, dich angeschrieen nicht aufzugeben, weiter zu laufen, schneller, schneller. „So fühlt sich das also an, dieses Schwule klatschen“, hab ich gedacht, als ich mich panisch immer wieder nach ihnen umdrehte. Gleich haben sie uns eingeholt und das war’s dann. Wir hörten ihr immer näher kommendes Getrampel und ich konnte die Todesangst in deinem Gesicht sehen. Diese verdammten Schweine.
Und dann war es plötzlich vorbei.
Wir sind um die Ecke und in eine kleine Gruppe von Leuten gerannt, die sich gerade fröhlich voneinander verabschieden und in ihre Autos steigen wollten. Unsere Jäger bremsten ab und verschwanden feige aber immer noch grölend in die entgegengesetzte Richtung. Und dann sind wir beide einfach zusammengesunken, immer noch aneinander festgekrallt und erleichtert, dass wir davon gekommen waren. An diesem Abend.
Weißt du noch, wie entsetzt die Leute waren und wie sie uns geholfen und ins nächste Krankenhaus gebracht haben? Und wie uns der Beamte später auf dem Polizeirevier so merkwürdig taxierte, so, als ob wir’s selbst schuld sind, als ob wir’s sicher provoziert haben, dass man uns durch die Nacht hetzt, und wie billig, wie blöd wir uns unter seinen Blicken fühlten, weil wir so sind, wie wir sind und das für manchen schon Provokation genug ist? Grund genug, um auf solche wie uns einzuschlagen. Solche, wie wir es sind. Bist dann aufgestanden, mit Stolz und Arroganz in deinem Blick. Hast ihm gesagt, er könne das halbausgefüllte Anzeigenformular wegschmeißen, hast meine Hand genommen, mich aufmunternd angelächelt und dann sind wir nach Hause gegangen.
An diesem Abend.
Es hat sich nichts verändert, seitdem. Nichts zwischen uns, nichts an unserem Verhalten. Sind vielleicht ein wenig vorsichtiger, ein wenig achtsamer geworden, wenn wir abends noch durch unser Viertel schlendern. Und manchmal sprechen wir über diese Nacht, über diese Typen und darüber, dass wir verdammtes Glück hatten. Ich hab’s gern, dich manchmal liebevoll in die Seite zu knuffen, ich mag’s, wenn du mich frech angrinst und mir spontan einen Kuss gibst, egal wo und wann. Wir mögen beide, was und wie wir sind. Und ja, wir mögen sie, diese Welt um unsere Lippen.
Auch, wenn sie uns nicht mag. Von Zeit zu Zeit.

Kommentare
Werte Neon-Redaktion,
11.07.2011, 15:42 von derHalbstarkewie kann es sein, dass hier noch alte Texte unter meinem früheren Nick stehen, obwohl ich die alle seinerzeit gelöscht habe?
...sehr seltsam. ^^
sehr schön geschrieben.
22.12.2008, 16:53 von bayleeRespekt, wie du damit umgehst.
Diese Menschen, die euch da begegenet sind, sind einfach nur verachtenswert. Das allerletzte. Lasst euch nicht unterkriegen. Tut einfach weiter das, was ihr für richtig haltet und lasst euch nicht beirren...
Empfehlung
ich bin schockiert berührt...Gänsehaut!
09.12.2008, 07:40 von frau_von_erbsgroßartig!
07.12.2008, 22:39 von weeedkeMir gefällt es nicht. Die Sätze kommen mir vorwie durch die Axt zerhauenes Holz . Grausam. Ohne Klang eben. Deins.
02.12.2008, 23:54 von Laponia@Laponia "Die Sätze kommen mir vorwie durch die Axt zerhauenes Holz"
03.12.2008, 00:15 von Kiyan1 mit Schleifchen und setzen, du hast die inhaltliche Stimmung des Textes voll erkannt, ich bin stolz auf dich und danke für dein Satement zu dem Thema!
Ich verstehe bis heute nicht, warum Liebe etwas mit Geschlechtern, Aussehen, Alter oder sonstigen Dingen zu tun haben muss...
23.11.2008, 21:48 von SternschwalbeUnd noch weniger verstehe ich, woher sich Menschen das Recht nehmen über Andere und vor allem über ihre Liebe zu urteilen...
Ein sehr schöner Text. Bleib wie Du bist.
25.09.2008, 13:43 von midnagroßes Kompliment für die Wortwahl und die Schreibweise.. großartig und gut gemacht. Ich hoffe die Zeiten werden besser und solche Texte entspringen irgendwann nur noch der Phantasie..
17.09.2008, 12:47 von diedannedas es heute immer noch solche menschen gibt, die jemanden verachten nur weil er nicht ist wie sie ist echt grausam.
20.08.2008, 22:14 von schaefchen2