miss_alice 30.11.-0001, 00:00 Uhr 62 95

Die unbeschreibliche Einsamkeit des Buchstaben Q

Einmal sagte eine Freundin im Spaß: "Der Mann, der dich zur Freundin hat, bekommt eine kleine Schwester!". Und leider hat sie Recht.

Ich fand mich als Kind nie komisch. Wenn Erwachsene über mich sprachen, fielen oft Worte wie "Wildfang", "Träumer", "Einzelgänger" oder "anstrengend". Ich habe nie den Eindruck gehabt, dass diese Dinge im Widerspruch stehen könnten. Anderen hätte es aber schon auffallen können, als ich in die Schule kam: Ich war zu 100 % ein Kind von einem anderen Stern.

Ich mochte die Schule nicht. Ohne jemals da gewesen zu sein, wusste ich, dass es dort nicht toll sein würde. Warum sollte ich den Kindergarten verlassen? Da gab es Spielzeug, Mittagsschlaf, leckeres Essen und Bausteine. Außerdem ließ mich die Erzieherin mithelfen und lobte mich dafür. Hätte ich dort einziehen können - ich hätte sofort den Mietvertrag unterzeichnet. Nein, die Schule war kein wirklich erstrebenswertes Ziel. Als ich später meine Grundschullehrerin traf, mit der ich ziemlich schlecht ausgekommen war, sagte sie mir im Vertrauen, dass ich sie immer irgendwie verstört hätte. Ich war völlig abgeklärt. Und genau deshalb war die Schule ein Ort der Langeweile.

Schuhe binden lernen? Warum? Es gibt Klettverschlüsse!

Lesen lernen? Ich konnte das schon mit 5 Jahren.

Fahrrad fahren? Meine Eltern haben ein Auto und ich mag Wandern.

Neue Freunde finden? Ich spiele lieber allein, Freunde lassen mir nicht meinen Willen und zerstören meine Art zu spielen.

Pferdesticker tauschen? Ich mag Hunde viel lieber.

Im Werkunterricht ein Auto zusammenschrauben? Wozu? Ich darf es doch eh nicht behalten.

Letztendlich habe ich es auf's Gymnasium geschafft, aber ich bin niemals gern zu Schule gegangen, 12 Jahre lang nicht. Mit 2 Ausnahmen: Musik und Fremdsprachen. In Interpretationen war ich immer furchtbar, weil ich mich schlecht in die Intention eines Autors hineinversetzen kann - bei Erörterungen war ich allerdings überdurchschnittlich gut. Als ich 7 war, kaufte meine Mutter mir eine Kassette mit englischen Kinderliedern bevor wir in den Urlaub fuhren. Nach 2 Stunden konnte ich beide Seiten der Kassette fehlerfrei vortragen. Ich sang die Lieder auch auf offener Straße, weil mich andere Menschen eigentlich nie interessiert haben und ihre Meinung keine Rolle für mich spielte. Ich mochte Tiere und Schornsteine. Wie viele unterschiedliche Arten es gibt! Jedes Land hat andere Formen. Und da passierte es: Meine Mutter wurde auf Englisch angesprochen. Nicht, weil derjenige Ausländer war, sondern weil er uns für Engländer hielt! Einziger Grund: Die perfekte Aussprache des kleinen Mädchens, das die Tauben mit Eiswaffeln fütterte. Damals machten 7-jährige noch keine Sprachkurse.

Das war wohl das Schlüsselerlebnis, welches ich eine ganze Weile lang verdrängt hatte: Ich kann mir ohne Mühe den Tonfall und Klang einer Fremdsprache aneignen, auch, wenn ich sie nur ein paar Mal gehört habe. Zudem liegt mir reines Faktenwissen - wenn es mich denn interessiert.

All diese Dinge ergeben ja noch kein "seltsames" Kind und so habe ich ein Studium begonnen. Wie wahrscheinlich alle Studenten stolperte ich über studivz und kam so zu vielen vz-Freunden aus meiner Schulzeit, die eigentlich alles andere als richtig gute Kumpels gewesen waren. Einer von ihnen schickte mir zufällig im 5. Semester einen Link zu einer Umfrage. Die war von einer Kommilitonin, welche ihre Diplomarbeit verfasste. Es ging in der Umfrage darum, zu erfassen, ob die Zahl der Studenten, die an einer psychischen Krankheit leiden, über einen bestimmten Zeitraum konstant geblieben ist oder sich in Phasen physischen Drucks (wie der Finanzkrise) erhöhte. Ich klickerte mich da durch, weil ich Umfragen interessant finde. Gedacht war ich nur als "normale" Vergleichsperson. Allerdings erhielt ich wenige Tage später von besagtem vz-Freund eine Mail: Ich solle die Kommilitonin zügig kontaktieren, sie würde mich zu meinen Antworten befragen wollen. Ich schrieb ihr und die Antwort kam prompt: Sie empfahl mir, mich an einen Therapeuten zu wenden, weil meine Antworten erheblich von denen andere Teilnehmer abwichen:

Ich empfinde Treffen mit engen Freunden als nervenaufreibend und belastend, hinterher benötige ich lange Ruhephasen.

Ich hasse Ausbrüche aus meinem festen Ritus - wenn ich bspw. spät ins Kino gehe, durchbricht dies meinen Rhythmus vom Waschen, Eincremen, Zähne putzen, Schlafen gehen.

Ich schätze mein Einfühlungsvermögen nicht als naturgegeben, sondern als "erlernt" ein.

Ich denke viel nach, kann diese Gedanken anderen aber schwer mitteilen, d. h. mein Kopf hat mehr Worte, als meine Zunge aussprechen kann.

Ich wünsche mir Nähe, kann sie aber nicht ertragen. Liebe ist für mich absolut nicht greifbar, Sex eine Vorstellung wie eine Vergewaltigung von einem Tentakelmonster. Absolut nicht nachvollziehbar. Außerdem lehne ich jeden Körperkontakt außerhalb meiner Familie ab. Ich umarme auch nur ungern meine Freunde zur Begrüßung.

Ich fand diese Antworten sehr normal, aber die Bitte nach Behandlung blieb in meinem Hinterkopf. Daher habe ich einen Psychologen aufgesucht.
Die Diagnose kam nach nur 2 Sitzungen: Asperger Autistin in minderschwerer Ausprägung.

Ich ging da nicht wieder hin. Krankheiten mag ich nicht. Aber ich musste versuchen, mehr darüber herauszufinden, wissen, was diese 5 Worte für mich bedeuten.
Bei Wikipedia kann man lesen, dass "Aspies" Gefühle anderer schwer lesen können. Darum mögen sie im Allgemeinen E-Mails lieber als Telefongespräche, aber Telefongespräche noch lieber als Chats. Sie haben dann das Gefühl, nicht zu wissen, wann sie "mit dem Reden dran sind". Zunächst dachte ich, dass dies auf mich nicht zutraf. Ich habe keine Probleme damit, Gefühle zu lesen, ich benutze Ironie und auch Sarkasmus als Stilmittel und auch im richtigen Zusammenhang. Aber dann kamen Erinnerungen an Erlebnisse, in denen mir andere sagten, dass dieser Kommentar eben unpassend war und die Gefühle anderer verletzt haben könnte. Und jeder Moment, in dem ich Einfühlungsvermögen brauche, ist irgendwie unangenehm für mich. Sätze, die ich dann sage, sind "abgeschaut", aus Fernsehserien, Büchern. Ebenso Sarkasmus. Ich kann sarkastische Aussagen nicht selbst bilden, nur wiedergeben. Chatten hasse ich wie die Pest. Ich finde es furchtbar, Gespräche aufrechtzuerhalten. Am schlimmsten ist es, mit Kommilitonen zur Uni zu laufen und kein Gesprächsthema zu haben. Mir bricht regelrecht der Schweiß aus und ich versuche, krampfhaft über irgendetwas zu sprechen.

Aber damit kann ich leben. Es gehört zu mir wie meine Vorliebe für Schornsteine, Sonnenblumen, Dinge, die mit dem Buchstaben "Q" beginnen, Shiba Inus und Kariertes. Meine Zwänge sind regelrecht lachhaft im Gegensatz zu denen, die andere Aspies haben und ich habe auch keine "richtige" Inselbegabung, wie sie viele andere haben.
Ich fühle mich immer schon wie Alice im Wunderland, alle anderen sind schon immer Erwachsene, die die Wunder nicht sehen und einen daran sofort vorbeizerren. Auch die Tatsache, dass ich keine Wurst anfassen kann und Honigmelonen wegen ihres Aussehens nicht mag, gehört zu mir. Ich bleibe stehen und spreche mit Katzen oder Schnecken, wenn ich eine Auszeit vom Alltag brauche. Ich benötige vielleicht mehr Pausen und Rückzug in mich selbst als andere in meinem Alter und ich tagträume oft.

Was allerdings stört, ist die Einstellung zu Liebe. Ich weiß nicht, ob sich daran etwas ändern lässt und ob es sinnvoll ist, etwas zu verändern. Andere würden mich vielleicht als "arm dran" bezeichnen, weil ich keinen Freund habe, aber das ist einem Mann gegenüber nur fair. Ich kann mich nicht so verhalten wie "normale" 21-jährige, das ist in meinen Genen einfach nicht drin. Wenn man Sex ablehnt, ist man dem anderen, der mit einem schlafen möchte, auch keine würdige Partnerin. Aus. Möglicherweise ist das meine Gabe, Sex so rationell zu sehen, aber sie lässt einen eben allein.

Einmal sagte eine Freundin im Spaß: "Der Mann, der dich zur Freundin hat, bekommt eine kleine Schwester!". Und leider hat sie Recht.


Tags: Krankheit
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62 Antworten

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    Großartig geschrieben!

    23.09.2010, 11:36 von ChrisCross86
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    Dass Krankheit oder genetische Defekte langsam schick werden, finde ich DEKADENT und gruselig.

    absolut!
    und diese ewigen selbstdiagnosen in den kommentaren ("hachja, umarmungen mag ich auch nicht, ich bin bestimmt autist!") sind einfach nur erbärmlich.

    widert mich genauso an wie leute, die in gesellschaft frisch kennengelernter menschen dinge sagen wie: "also ich hab ja auch schonmal jemanden verloren, der mir viel bedeutet hat", worauf dann die komplette traurige geschichte folgt. nichts macht einen menschen unsympathischer. naja, ich verzettel mich. ist im endeffekt aber trotzdem dasselbe "hallo, aufmerksamkeit!"-prinzip.

    16.09.2010, 12:24 von himbeerblond
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    ich erkennen viel in dem text beschriebenen in mir wieder, wie andere hier auch. vor allem zum ende hin. erschreckend für mich, aber kompliment an dich, dass dein text das bewirkt. :)

    16.07.2010, 12:35 von AllSparks
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    Ich habe ja die Hoffnung, dass es Männer gibt, denen Sex nicht wichtig ist!

    Toller Artikel.

    16.07.2010, 12:05 von Bittersuesz
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    Weißte was ich krank finde? Ich finds krank wenn eine Gesellschaft in 2000 Jahren Kulturgeschichte incl. Aufklärung und kritischem Rationalismus nicht über diese ewige Dichotomie zwischen "normal" und "abnorm", zwischen "gesund" und "krank" hinauskommt. Sei froh, dass du genug Freiheit und Kraft hattest, dem Zwang zur "Normalität" zu widerstehen. Das ist ein Korsett, das alle zusammen und unabsichtlich ihren Mitmenschen überstülpen. Und glaub mir, es ist ein seltenes Geschenk, gerade so weit abzuweichen, dass das Korsett einfach nicht mehr funktioniert, aber auch nicht zu weit, so dass man verstoßen wird.
    Und so nebenbei, wenn man nix zu sagen hat, kann man auch einfach ma die Fresse halten. Kein Grund zur Unruhe.
    Übrigens hab ich die Erfahrung gemacht, dass Menschen die größte Angst haben, wenn sie nicht wissen, woran sie sind. Logische Konsequenz: Erlaube den Menschen, dich zu kennen. Nicht anpassen und sich verbiegen um zu sein wie die anderen, sondern freundlich zeigen, wer man ist, mit offenen Karten spielen. Vertraue darauf, dass Menschen zu größter Toleranz fähig sind, wenn du ihnen einen Grund gibst, dir zu vertrauen.

    15.07.2010, 16:09 von palettentreter
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    puhhhh..ich muss sagen..ein bisschen sprachlos, weil dieses Leben so nicht kenne. Aber großer Respekt davor, sich so zu öffnen und damit zu leben, obwohl es ja für dich normal ist.

    13.07.2010, 23:59 von alltagimrettung
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