Jan_Brandt 11.04.2005, 15:32 Uhr 21 0
NEON täglich

Die Praktikantenelite

Generation Praktikum: Woran liegt es, dass mehrmonatige, zum Teil unbezahlte Jobs zum Dauerzustand für Menschen zwischen 16 und 40 geworden ist?

Heute ist der erste Tag. Der erste Tag meines achten Praktikums. Am Anfang des Studiums, in den ersten Semestern, wunderte ich mich darüber, dass meine Kommilitonen in den Ferien Praktika machten. Dann, nach der Zwischenprüfung, bekam ich Panik, schickte Bewerbungen raus, um mich für ein paar Monate über meine akademische Sinnkrise hinwegzutrösten.

Inzwischen bin ich 30, habe zwei Studienabschlüsse und Kurse an zwei Journalistenschulen besucht. Zur Blütezeit der New Economy, als alles möglich schien, und Teenager über Nacht Millionäre wurden, habe ich in Berlin das Medienpraktikum Creative Village gemacht. Damals erzählten mir so genannte Content Developer, die zwei Jahre jünger waren als ich, dass ich nun zur Elite gehöre und mir nichts mehr passieren könne und auf jeden Fall einen Job bekommen würde. In den Praktika, die ich danach machte, redete man mir zwar immer noch ein, dass ich Teil einer Elite sei, aber damit, dachte ich dann, kann nur eine Praktikantenelite gemeint sein.

Vor zwei Wochen rief Die Zeit die „Generation Praktikum“ aus und die Süddeutsche Zeitung widmete den Praktikanten am vergangenen Wochenende einen Aufmacher. Zum ersten Mal fühle ich mich einer Generation zugehörig, was wohl auch daran liegt, dass die Generation Praktikum altersunabhängig ist, also generationsübergreifend Menschen umfasst, die praktische Erfahrungen sammeln, in der Hoffnung, irgendwann einmal einen Job zu bekommen.

Die Berufserfahrung, die man im Praktikum sammelt, ist fragmentiert. Bei jedem neuen Praktikum muss man neu ansetzen, sich vorstellen, einweisen lassen und verstehen lernen, wie der Laden funktioniert. Man hat zwar einen Namen, aber der Einfachheit halber wird man zunächst Praktikant genannt. Und wenn man Pech hat, ist Praktikant ein Titel, den man bis zum Ende des Praktikums nicht mehr los wird.

Die Ursache für die Erscheinung der Dauerpraktikanten sehen die Medien in der mangelnden Generationengerechtigkeit: In der Zeit schreibt Jürgen Tremmel: „Die fetten Jahren sind vorbei, aber nur für uns Junge.“ Und in der SZ analysiert Christian Kortmann das Phänomen mit Robert W. Fullers Theorie des rankism. Der beschreibt in seinem 2003 erschienen Buch „Somebodies and Nobodies“, wie Menschen, die keinen offiziellen Rang inne haben, von ranghöheren Personen diskriminiert werden, um den eigenen Machterhalt zu sichern. Kortmann kommt zu dem gleichen Schluss wie Tremmel: „So neigen die 30-Jährigen dazu, sich für ihr Klagen zu schämen, weil sie fürchten, dahinter stecke nur die eigene Larmoyanz. Die Unzufriedenheit ist aber berechtigt, wenn man den so egoistisch ausschweifenden wie geizigen Lebensstil der Älteren betrachtet.“

Ich werde zwar weder diskriminiert noch habe ich das Gefühl, dass die Älteren in der Redaktion ein extravagantes Leben führen, aber ich frage mich schon, woran es liegt, dass das Praktikum zu einem Dauerzustand geworden ist. Liegt es wirklich an den Älteren, die Stellen besetzen und ihren beruflichen Rang ausspielen? Oder gibt es einfach zu wenig Jobs? Und wie kann man das Problem lösen. Etwa, wenn sich alle Praktikanten zusammenschließen und streiken, um so wieder Raum für echte Stellen zu schaffen? Und welche Auswirkungen haben die vielen wechselnden, zum Teil unbezahlten Praktika auf den Charakter, wenn berufliche Bindungen immer nur von kurzer Dauer sind? Was meint ihr?

21 Antworten

Kommentare

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    Praktika sind top. Man kann Kontakte knüpfen für das spätere Berufsleben. Allerdings sind Praktika je nach Studiengang unterschiedlich bewertbar, z.B. in der Bezahlung und auch im Aufgabengebiet. Die Praxis sieht heutzutage leider so aus, dass Leute mit abgeschlossenem Studium (oder 2, wie unser Journalist und Autor) meist als "billige Arbeitskraft" missbraucht werden. Da sollten sich die Damen und Herren Arbeitgeber (Architektur, Werbung, Journalismus) ruhig mal hinterfragen, ob diese Art der Mitarbeiteraquise unserem Arbeitsmarkt hilft oder nicht.

    22.04.2005, 14:18 von schlangenfaenger
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    "Unser" Praktikant stellte sich geschickt an, und im nahtlos daran anschließenden Studi-Job bei uns hat er echt was gezeigt. Unser Chef baggerte ein Jahr, aber der feine Herr wollte nach dem Abschluss erst mal die Welt kennen lernen. Na dann - geh mit Gott! Vielleicht ist der nächste Praktikant ebenso gut, aber etwas entschlussfreudiger...

    18.04.2005, 20:37 von Ekkard
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      @[Benutzer gelöscht] STIMMT! Nicht mal ein 4 Wochen Praktikum is nützlich. Weil jeder weiß, was man da macht! NICHTS.

      18.04.2005, 16:16 von Antaios
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    mangelnden Generationengerechtigkeit?
    egoistisch ausschweifenden wie geizigen Lebensstil der Älteren?

    1.) Praktikantenstellen vermitteln nicht die allergeringste BErufserfahrung, die in irgend einer Art und Weise anerkannt werden oder in einer "schafren" Bewerbung interessieren. Das Praktikum soll schließlich nur einen ersten, allg. Einblick in den Job, das Berufsbild vermitteln. Von einer anschließenden Einstellung war nie die Rede.

    In diesem Sinne, Viel Erfolg

    A

    2.) Größenwahn, Borderline-Syndrom? Vielleicht bewirbt sich so mancher auf Stellen, die einfach seinem Können und Wissen nicht entsprechen. Sich selbst für den König zu halten mit dem Fachwissen eines degenerierten Knechts hilf nun mal nicht, denn der Wind den man selber macht, der füllt die Segel nicht.

    3.) falsches Studium? Politik und Journalie? Tja Studiengänge die eigentlich nur für Laberjobs geeignet sind. Vielleicht ist aber auch der Abschluss so mies, dass es nicht mal was nutzt, dass Papa, Onkel oder Schwippschwager Leiter der Personalabt. ist und daher nur der Praktikantenjob in Frage kommt.

    13.04.2005, 07:55 von Antaios
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    eigentlich sollten wir uns nicht "die generation praktikum", sondern "generation überflüssig nennen".

    immer mehr menschen, brauchen auch immer mehr arbeitsplätze.
    diesen fast naiv wirkenden grundsatz hat man einfach in den generationen vor uns übersehen, man hat die evolution wohl falsch verstanden und die effektivierung des systems über die natürlichen notwendigkeiten einer gesellschaft gestellt.

    man hat uns "nachkommen", als faktor mensch der nach beschäftignug strebt, einfach übersehen oder als zu vernachlässigende größe ignoriert.

    die selbstständigkeit ist auch nicht die lösung des problems, die meisten märkte sind doch schon viel zu übersättigt und man hat keine chance mehr an lukrative geschäffte zu kommen, da die unter den bestehenden unternehmen, aus nachvollziehbaren gründen, quasi verschoben werden.

    12.04.2005, 15:44 von shokkamocca
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      @shokkamocca Wenn wir uns "Generation überflüssig" nennen würden, gäbe es ein Abgrenzungsproblem. Als solche betrachtete sich nämlich schon die so genannte "Kriegsjugendgeneration", diejenigen, die zwischen 1902 und 1910 geboren worden waren und unter den Auswirkungen des Ersten Weltkrieges in Deutschland zu leiden hatten. Wer für die Misere verantwortlich war, darüber bestand bei den Jungen kein Zweifel. "Der Krieg", sagt jemand in dem damaligen Bestseller von Ernst Glaeser "Jahrgang 1902", "das sind unsere Eltern", und bringt damit zum Ausdruck, was viele seiner Altersgenossen dachten, die davon überzeugt waren, als erste Generation gegenüber vorangegangenen "als ganze, große Schicht enterbt und ausgesetzt" worden zu sein. Die nach dem Krieg einsetzende Rezession, die Inflation und die bürgerkriegsähnlichen Zustände schienen die Erwartungen, dass es mit einer demokratisch gewählten Regierung auch nicht besser werden würde, zu bestätigen. Zudem sahen sich Arbeiter, Angestellte und Akademiker - wie heute auch - mit einer außergewöhnlich hohen strukturellen und konjunkturellen Erwerbslosigkeit konfrontiert. Wenn schon "Generation überflüssig", dann "Generation überflüssig II".

      12.04.2005, 17:18 von Jan_Brandt
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    dein schreibe und der inhalt lassen nur raum für positives..
    hör endlich auf mit dem Prakti-dasein, damit steckst du dich letztenendes nur selbst in die
    schublade der umsonstarbeitenden, deren namen man sich nicht merken muß!! die lösung liegt nicht an uns, sondern an der denke der unternehmen, aber wenn wir ehrlich sind und den kategorischen imperativ betrachten, würden wirs auch nicht anders machen..oder? was bleibt ist irgendwann seine vorhandenen referenzen selbstbewußt für ausreichend zu erklären und sich nicht mehr auf praktikas zu bewerben..

    12.04.2005, 10:54 von Nedia.Naamane
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    Nichts gegen Selbstständige...das ist ein guter Ansatz und ich überlege mir immer mehr, auch in diese Richtung zu gehen. ABER: Das Problem ist doch, dass die Leute super ausgebildet werden, um qualitativ hochwertige Arbeit zu leisten, nur um sich dann mühsam selbstständig über Wasser zu halten und qualitativ minderwertiges zu produzieren. Es kommt nun mal zwangsläufig zu einem Marktversagen im Hinblick auf die Produktqualität, wenn man in einer Branche arbeitet, die hauptsächlich Erfahrungs- oder Vertrauensgüter herstellt. Hey, nix dagegen, dass ICH mich als freier Journalist durchschlage. ICH kann damit leben! Aber was ich hier anprangere, wo ich euch mutigen Selbstständigen widerspreche und wo ich dem Autor hundert Prozent recht gebe: Unsere Gesellschaft verarmt geistig. Ich habe ein Volontariat gemacht und anschließend Journalistik studiert, der Staat hat Unsummen in meine Ausbildung gesteckt. Doch was bekommt er heraus? Nicht das was ich gerne wäre: Ein kompetenter Journalist, der nach allen Regeln der Kunst gesellschaftliche Entwicklungen nachzeichnet und den Staatsbürger zur Wahrnahme seiner pluralistischen Aufgabe Befähigt. Nein, heraus kommt ein freier Journalist, der sich über Wasser halten muss und somit in das Horn blasen muss, das der Markt bezahlt. Mitunter: Dreck, Dreck, Dreck. Das ist nicht die Art, wie man eine gute Gesellschaft baut. Tja. Aber ICH überlebe...MIR hat meine Ausbildung viel gebracht. Aber dem, der sie bezahlt hat bringt sie einen Scheiß. Und als jemand, der das Land mag in dem er lebt finde ich das sehr sehr traurig, dass wir uns in diese hirnlose neoliberale Richtung bewegen, die ja seit einigen Jahren so sexy ist.

    12.04.2005, 10:52 von rufuszofenluder
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    Dinge, die mir dazu einfallen: Da muss man sich im "Praktikanten- bzw. Berufsanfängerleben" so souverän und professionell wie möglich geben... andererseits sind wir immer länger von den Eltern abhängig...da tut sich eine komische Parallelgesellschaft auf: Vorne in der Arbeitswelt (vor allem "Medienwelt"...ich weiß wovon ich schreibe....) ist alles schick und edel und professionell.... Hinten im LEBEN (Alltag, Wohnen, Beziehungen, Familie, sind wir halbe Kinder, die keine Verantwortung übernehmen können (diverse geldnöte und wechselde Wohnorte wegen wechselnder Praktikumsstellen...) oder wollen... Die Eltern sind ja noch da... man lebt teilweise in versifften WGs und kleinen Zimmern...während das Medienunternehmen glänzt und glitzert, dass einem nur vom Anblick eines Messestandes die Augen übergehen...mir kommt das langsam amerikanisch vor...
    Und die hunderttausendmal diskutierte Kinderfrage hat sich dadurch (unstetes Praktikantenleben) auch erledigt...
    ich frage mich ob ich je auf einen grünen zweig kommen werde...geschweigedenn mal eine Immobilie zu erwerben...

    12.04.2005, 10:06 von kon
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    Nachtrag

    @hui-bui: ich hätte mir auch jede Bemerkung über meine Kenntnisse ersparen können, doch dann hätte jemand gefragt "und, welche Ideen hast Du?" und diese Frage wollte ich von vornherein abwürgen. Es gibt eine ganze Menge Leute, die mit solchen Ideen eine ganze Menge Geld verdienen und ich verdiene mir durch solche Ideen ebenfalls ein paar Euronen - Ideen sind gefragt und nicht eben nur ein sauberer Lebenslauf oder ein Praktikum nach dem anderen. Netzwerke kann man sich auch selbst aufbauen - das haben die alten Römer vor 2000 Jahren mit den Aquädukten gemacht, als die den ersten Liter Wasser durch luftige Höhen fließen ließen und den ersten Stein legten. Irgendwo ist immer ein Anfang ...

    11.04.2005, 21:50 von moep
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      @moep Sieh mal einer schau...

      die letzten vier Einträge machen das hier ja wieder richtig interessant- und die Frage nach dem "akzeptablen" Gehalt ist gut!
      Du (Moep) selber weißt ja wahrscheinlich unter den mir bekannten Umständen (Du bist selbstständig, oder???), dass man halt eben gerade als selbstständiger NICHT ständig die Taschen voll hat sondern selbst und ständig arbeitet, oftmals 70 Std die Woche für nix...

      Dazu muss man aber bereit sein- und es gibt genug, die ständig von ihrer vermeintlichen Flexibilität reden und absolut eingeschlafen sind. "Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann"- da ist was dran.

      Und ganz im Ernst: die Mietkosten müssen zwar irgendwie drin sein- aber es gibt Arbeit. Warum haben wir denn in D angeblich haufenweise offene Stellen und gleichzeitig angeblich so viele "Arbeitssuchende"??? Gibt auch EINIGE (schreibe das extra so!) , die die Miete ihrer B-Wohnung vom Sozialamt zahlen können und es toll finden, von Mittags bis 17:00 Uhr (oderwasweißichwielangedasgeht) T@lk- Shows anzugucken.

      Ich weiß wovon ich rede: war selber mal arbeitslos (nicht gerne!!!) und im Arbeitsamt trifft man ne Menge Leute :)

      PS: In meine jetzige Positin hat mir ein Praktikumsplatz verholfen...

      12.04.2005, 09:09 von Juli.
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