painispleasure 30.11.-0001, 00:00 Uhr 33 46

Die Liste

Es ist vier Uhr morgens, und ich stehe in Unterhosen vor dem Spiegel. Und frage mich, was genau falsch gelaufen ist.

Im Zimmer nebenan liegt ein halbnackter Mann im Bett und schnarcht. Das Motel war seine Idee, er ist ein bisschen sparsam. Ich frage mich, warum in dem Bett nicht eine schöne Frau liegt und im Nebenzimmer zwei süße kleine Kinder.
Immerhin bin ich mit einem guten Freund unterwegs statt ganz alleine, es könnte also schlimmer sein. Und wenn man ihm genug Kippen und Kaffee einfüllt, ist er eine Party auf zwei Beinen. Trotzdem.

Wo ich herkomme, ist man in meinem Alter verheiratet. Das zweite Kind kommt gerade in den Kindergarten, das große in die Schule. Die Frau überlegt gerade, ob sie wieder bei der Sparkasse anfängt. Irgendwie habe ich das nicht geschafft.
Ich starre in den Spiegel. Was ich sehe, finde ich gar nicht so schlecht. Ich sehe nicht aus wie 33. Eher wie 25. Man sieht, dass ich Sport mache. Man sieht, dass ich stark bin. Und dass ich mir nichts bieten lasse. Von keinem. Ich sehe traurig aus und müde.

Ob normale Menschen Listen abhaken? Schule, Ausbildung, Beziehung, Job, Hochzeit, Kind #1 (Junge), Kind #2 (Mädchen), Urlaub, Rente, Weltreise, Enkel hüten, Altenheim. Es kommt mir so vor.

Ich gehe in Gedanken durch, wie meine Liste wohl aussieht.
Alle Drogen probiert ausser Heroin. Check. Krasse Tätowierungen. Abgehakt. Baum gepflanzt. Ja. Sex mit zwei Bi-Frauen. Oh ja. Sex mit zwei Heterofrauen. Auch. Sex mit drei Frauen (blond, brünett, rothaarig). Ja, ja, ja. Überhaupt Sex: Krankenschwester, Afrikanerin, Japanerin, Frau mit riesigen Brüsten, 10 Jahre jünger, 10 Jahre älter, im Fahrstuhl, auf einem Fußballplatz, im Tretboot. Ok.

Ich mustere mein Gesicht und frage mich, wann es passiert ist, dass ich plötzlich gut aussehe. Als Kind habe ich ausgesehen wie ein Mädchen. Weiter.
Ein Leben gerettet. Mehrmals. Fast gestorben. Mehrmals. Ich gehe meine Narben durch und erinnere mich an den Schmerz. Von einer Brücke gesprungen. Check. Ausgeraubt und fast totgeschlagen worden. Ja. Liebeserklärung von einem attraktiven Mann bekommen. Fast schade, dass ich nicht schwul bin. Ein Tier getötet und gegessen. Ja. Die besten Bands der Welt aus der ersten Reihe gesehen. Jawohl.

So weit, so gut. Außer dem Baum finde ich noch nichts, was auf einer normalen Liste auftauchen würde. Obwohl.
Schule beendet, Studium beendet, promoviert. Alles ausgezeichnet, immer der Beste. Tolle Jobangebote ausgeschlagen, um das zu machen, was mir Spaß macht. Check. Betrogen worden. Ja. Ausgenutzt worden. Ja. Herz rausgerissen bekommen. Unzählige Male. Einer schönen Frau am Strand Gedichte vorgelesen. Ja. Den Sonnenaufgang am Grand Canyon erlebt und ein Buschfeuer und einen Sturm auf dem Ozean. Unvergesslich. In einem fremden Land gelebt. Mehrmals. Verhaftet worden. Ja. Einen Freund verloren. Ja. Selbstmord erwägt. So oft.

Ich mag die Richtung nicht, in die meine Gedanken gerade gehen. Aber wäre ich derselbe, hätte ich diese Dinge nicht erlebt? Kaum. Ich frage mich, was noch kommen kann, was ich noch erleben möchte.
Einen Regentag am Fuji. Mit einem Transvestiten in Buenos Aires tanzen. Auf einer einsamen Insel eine Kokosnuss ernten. Mit einem Helikopter den Amazonas rauffliegen. Aus einem Flugzeug springen. Ein wildes Tier zähmen. Mit einem U-Boot fahren und mit einem Panzer. Am Ende einen coolen Abgang hinlegen.

Ich versuche, den einen Punkt zu meiden, doch er wird in meinen Gedanken immer größer. Unausweichlich.
Die eine finden. Nicht Freundin, nicht Geliebte. Gefährtin.
Die, die ein Stück mit mir geht, so lange sie kann. So lange ich kann. Mir wird plötzlich klar, dass wir wohl alle Listen führen. Sie definieren, was wir sind.
Meine Liste ist lang. Und sie wird immer länger werden. Es kommt keine Sparkasse darin vor und keine Hochzeit. Und keine Kinder die Leonard oder Sophie heißen.

Das schaffe ich nicht, und auf einmal, das erste Mal, merke ich, wieso. Ich will es nicht. Es ist nichts falsch gelaufen, ich habe es nur falsch verstanden. Ich hätte es gekonnt, aber ich will es einfach nicht. Ich grinse mich im Spiegel an. Dann schleiche ich zurück ins Zimmer, klettere in mein Bett und stopfe mir Ohropax rein. Und freue mich auf das Gemecker morgen früh, wenn wieder seine Kippen alle sind. Und wenn ich ihn aufziehen kann, weil die nächste hübsche Kellnerin auf mich steht statt auf ihn.
Meine Liste ist nicht wie eure, und deshalb bin ich einsam. Und frei. Ich will es so.

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33 Antworten

Kommentare

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    Schrecklichste Vorstellung: Irgendwann alles auf der Liste abgehakt zu haben! Gut das immer wieder viele neue Sachen hinzukommen! :)

    27.06.2011, 23:17 von katy_too
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    gefällt mir. ob autobiografisch oder nicht interessiert mich gar nicht, ich will hier ja nicht irgendwen kennenlernen sondern unterhalten werden. zweck erfüllt.
    und... 'nicht freundin, nicht geliebte. gefährtin.' ist toll.

    17.11.2010, 13:36 von DieCharlie
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  • 0

    wow i love it!
    ich suchte heute schon einige zeit nach diesem text, hatte ihn vorher mal gelesen.. beim suchen bin ich auf deinen anderen texten hängen geblieben. interessant dass dieser auch von dir ist.












































    10.11.2010, 15:57 von pamina456
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    gefällt mir

    06.11.2010, 12:13 von nic.is.listen
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    Die gleiche Angst ueberfaellt einen wohl auch, wenn man hinter dem Sparkassenschalter steht. Nur dass die Freunde, mit denen man aufgewachsen ist, hinter dir am Schreibtisch sitzen. Beruhigend...

    05.11.2010, 16:20 von kithead
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    zwei worte. genialer text. noch eins.wirklich!

    04.11.2010, 14:51 von unperfekt
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    zwei worte. genialer text. und noch eins. wirklich!

    04.11.2010, 14:48 von unperfekt
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    "Ich gehe in Gedanken durch, wie meine Liste wohl aussieht.
    Alle Drogen probiert ausser Heroin. "


    wie halbherzig.

    04.11.2010, 14:06 von ofilis
    • 0

      @ofilis zum text an sich, listen haben einen geringen ästhetischen wert. sie sind flach, und dinge getan zu haben, weil sie auf einer liste stehen... dasträubt sich in mir alles.

      dennoch hab ich auch so ein paar notizen mit möglichen zielstellungen im kopf und das war schon immer so. aber nie war ich so blöd, und bin das einfach durchgegangen. gerade bei sachen, die man unbedingt noch machen will, verlangt es nach hingabe wenn die erinnerung,und um die geht es ja beinahe nicht minder als die erfahrung selbst, einen wert haben soll.

      aber genau das ist der knackpunkt, den leute leider scheuen: einfluß, veränderung. sie wollen erzählen, sie hätten die und die droge genommen. sie wollen angeben, erlebt haben,statt zu erleben. ich weiß nicht woran das liegt. vermutlich hat das was mit der lehre der sünde zu tun, die auch dieser kultur und vmtl. dem leben allgemein innewohnt. denn hey, wer sich ins paradies gewagt hat, will natürlich nicht so einfach wieder umkehren müssen. und da wirds kompliziert, spannend sozusagen. und da scheitern eben die langweiligen menschen von vornherein.

      04.11.2010, 14:13 von ofilis
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