hib 30.04.2007, 13:08 Uhr 137 373

Die leere Frau

Sie sagte, es wären nicht alle Menschen so, wie es scheint. Ich wusste nie so genau, wie sie das meinte.

In den ersten Wochen, die wir uns kannten, sagte sie: Ich teste manchmal die Menschen. Weil es so viele gibt, die nur so tun als ob. Da wusste ich noch nicht, wie sie das meinte.

Unser Anfang war nicht anders als andere Anfänge. Wir schlichen umeinander herum. Wir schauten uns in die Augen, ein wenig zu tief. Wir hielten uns bei den vielen kleinen Abschieden fest, ein wenig zu lang. Wir taten uns zur Ablenkung weh, etwas zu oft. Schließlich gaben wir uns eine ganze Nacht hindurch Startschüsse mit den Lippen.

Sie war anders, als die kleinen Mädchen vor ihr, die ich gemocht hatte. Sie hatte so dunkle Augen, dass nur die Liebe selbst sie ausleuchten konnte. Ihre Küsse schmeckten würzig. Ihre Haut war so hell, dass man sie um Mitternacht leicht finden konnte. Sie war eine Schwarzlichtsonne. Und ich ein Planet, der viel zu nah um sie herum seine Bahn zog.

Erzählen konnte sie, weil sie was zu erzählen hatte. Geschichten von Fixern, die sie auf dem Heimweg ansprachen. Bahnhofspunker, die sie heiraten wollten auf dem Schulweg. Sie erzählte von Freunden, die im Krankenhaus gestorben waren und gab ihnen Namen. Manchmal weinte sie nachts, weil sie an ihre Zwillinge denken musste, die sie verloren hatte. Ich hatte viele Tränen zu fangen in der Zeit.

Wir legten mehr Entfernung zueinander zurück, als Platz zwischen uns war. Der Sommer fuhr uns in die Glieder und wir liebten uns, bis die Blätter sich vor Erschöpfung rot färbten. Wir hielten uns fest, wie zwei Ertrinkende. Sogar der Tod verlor seinen Schrecken, mit ihr am Bettrand. Und ich schwöre, ich wäre ihr überallhin gefolgt. Sie nahm dafür die Liebe in den Mund.

Es gibt Menschen, die scheinen das Unglück anzuziehen. Die können Geschichten erzählen, die man sich selbst nicht mal ausdenken könnte. Die werden krank alle zwei Wochen und erbrechen ihre schwere Kindheit. Die gehen abends weg und lernen das Leben von der dunklen Seite kennen. Die haben es schwer unter vielen, die es leicht haben. Deshalb wollte ich sie so sehr beschützen. Und wenn sie nicht schlafen konnte, hielt ich sie bis zum Morgengrauen fest.

Ich kam nach Hause. Sie erzählte, dass wohl ein neues Leben in ihr wachsen würde. Daraufhin redeten wir die Tage zu Staub. Beschlossen, uns alle beieinander zu behalten. Das Kleine ging ab in der vierten Woche, als ich gerade in der Schule war. Und unter meinem Shirt spannten sich die Muskeln. Ich würde alles auffangen, was da kommen sollte.

Manchmal erzählte sie mir, wenn sie angemacht wurde von anderen. Dann war ich so wütend, weil ich sie nicht verlieren konnte. Sie sagte sie hätte noch nie so guten Sex gehabt. Ich bezog das auf mich und wurde ein kleiner Mann. Hin und wieder stritten wir bitterlich, weil sie meinte ich könnte sie nicht verstehen. Ich verstand nicht, wie sie das denken konnte. Das Wort Therapie füllte sich allmählich mit ihrem Leben.

Dann nahm die Sache ihren Verlauf. Im Herbst gingen wir getrennte Wege. Wir lebten aneinander vorbei, wie das vielen passiert. Sie hörte auf zu erzählen, ihre Tränensäcke waren immer leer. Ich begann sie auf die leichte Schulter zu nehmen. Und meine Augen suchten nach Frauen, die nicht so schwer waren. Als der nächste Frühling kam, schliefen wir schon mit zwei Decken.

Nachdem wir uns getrennt hatten, fasste ich mir das Herz einer anderen. Die andere sollte mein Ausweg werden. Aber es war eine Sackgasse. Irgendwann saß ich dann doch wieder neben ihr und sie sagte, sie wäre wieder schwanger von mir. Das öffnete mein Herz wie ein Rammbock. Und ich spürte, wie kalter Wind durch das Loch in der Brust hineinzog. Sie bekam kein Kind. Und ich sie nicht zurück.

Die nächsten Jahre lernten wir uns zu streiten. Sie liebte meinen besten Freund, sagte sie mir einmal. Und auch, dass sie nicht sicher sei, ob sie mich geliebt habe. Ich schnitt mir die Pulsadern auf, an ihren Worten. Und blutete langsam aus. Bis nichts mehr übrig von ihr war, als ihr kalter Name. Dann war es endlich gut.

Sehr viel später im Leben, bekam ich eine Nachricht von ihr und wir trafen uns in einem dieser hellen Holzstuhl-Cafes, wo Menschengeschichten geschrieben werden. Ihre Tränen spülten die Wahrheit auf den Tisch. Sie sagte, sie sei eine Lügnerin. Habe ihr halbes Leben erfunden. Kein Krebs, keine Rückenmarks-Untersuchungen mit höllischen Schmerzen. Keine toten Freunde, mit Namen aus Büchern und Abschiedsworten für die Ewigkeit. Keine verlorenen Kinder, die Zwillinge hatten werden sollen und denen schon Namen gegeben wurden. Keine Bahnhofspunker, die statt Kleingeld Liebe wollten. Keine Liebe.

Ich hielt ihre Hand und machte ihr Mut. Wieder lief das Hilfe-Programm an. Und ich brachte sie noch nach Hause. Zum Abschied sagte ich ihr, dass sie immer die selbe für mich bleiben würde. Es war eine Lüge, die den Kreis schloss. Denn auf dem Heimweg fing es an mit den Fragen. Tausend Fragen. Und nicht eine Antwort konnte man glauben.

Ich teste manchmal die Menschen. Weil es so viele gibt, die nur so tun als ob. Das hatte sie gesagt. Der Verräter sieht überall Verrat, weiß ich heute. Wenn ich jetzt an sie denke, sehe ich nur eine leere Frau mit vertrautem Gesicht. Die ich niemals gekannt habe.

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137 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Dein Text nimmt das ganze Herz ein. Wunderschön!

    31.03.2014, 22:52 von HerzAusTinte
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  • 1

    Selbst nach dem neunten Mal lesen bekomme ich nicht genug von diesem Text.
    Er ist so unglaublich real und schmerzhaft. 
    Der beste Text auf Neon , wow.

    Danke !

    08.03.2014, 14:14 von RoshRojin
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  • 1

    "Der Verräter sieht überall Verrat." <3

    30.07.2013, 17:14 von Sommerregen03
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  • 0

    Berührt.

    30.07.2013, 16:59 von MarbleSounds
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  • 1

    Wunderbar lyrisch. Ein wirklich unglaublich schöner, malerischer Schreibstil! Mag ich sehr.

    02.03.2013, 03:53 von fremdbestimmt
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  • 0

    "Wir legten mehr Entfernung zueinander zurück, als Platz zwischen uns war."
    Das hat ein Echo sondergleichen in Kopf und Herz;
    wie vertraut mir das ist- und wie gefährlich.

    18.11.2012, 19:42 von ein_zipfelchen_zeit_in_der_tasche
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  • 0

    da Fehlen einem die Worte ...
    ganz große schreibkunst.

    18.11.2012, 17:41 von angelissy
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 3

    Dein Text fühlt sich wie ein Kloss im Hals an, der nicht runtergeschluckt werden kann.

    09.05.2011, 14:29 von denkanstosser
    • 0

      @denkanstosser Der Text hat mich gefangen genommen. Deine Art zu schreiben geht direkt unter die Haut. Schreib bloß weiter!

      18.07.2011, 22:55 von petit.papillon
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  • 1

    ein wahnsinnig guter Text, weil die Handlung so greifbar wird, weil sie so mit unseren eigenen Realitäten verbunden scheint. Wir haben alle Angst vor diesem Verräter und wenn er sich in unserere Leben schleicht geben wir mehr und bemerken zu spät das wir ausgeraubt und als ein veränderter Mensch zurück bleiben.

    21.04.2011, 09:57 von Lieschenmeyer
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