sonnenfliegerin 30.11.-0001, 00:00 Uhr 34 41

Die Hoffnung

Der erste Schnitt liegt etwas unterhalb der Achselhöhle am rechten, seitlichen Oberkörper

Es blutet kaum, als die Ärztin ihn gemacht hat. Sie gibt mir zwei Haken in die Hand, um die Wunde aufzuhalten. Die Operation hat begonnen.

Es ist ein schöner Tag heute. Die Sonne scheint. Der Operationssaal liegt in der obersten Etage des Krankenhauses. Wir haben einen wunderschönen Blick über die Stadt. Die ersten Operationen sind gut ausgegangen für die Frauen, die wir auf dem Tisch hatten.

In den Pausen zwischen den Operationen haben wir in einer kleinen Küche gesessen. Wir haben gescherzt, Süßigkeiten gegessen, Kaffee getrunken. Die Welt war in Ordnung. Es sollte nur noch eine Operation kommen. Sie würde nicht lange dauern. Ein kleines Rezidiv eines Brustkrebs, also ein kleiner Tumor, der nach einer Brustkrebstherapie entstanden ist. Das verschlechtert normalerweise die Prognose der Frau nicht. Wir wollten den Tumor herausnehmen. Danach wäre alles gut gewesen. Für uns, für die Frau. Sie ist in diesem Wissen eingeschlafen.

Nun stehe ich da und schaue in die Wunde, die sich vor mir auftut. Die Chefärztin entfernt den Tumor. Sie hält ihn in der Hand. Lässt mich fühlen. Hart fühlt er sich an in dem weichen, ihn umgebenden Gewebe. Er ist doch groß, nicht so klein, wie wir gedacht hatten. Wir geben ihn der Operationsschwester. Und schauen, ob noch Krebsreste in der Wunde sind.

Die Operateurin tastet die Muskeln und das Fett der Frau ab. Sie verzieht das Gesicht. "Hier ist noch etwas. Und hier auch." Sie entfernt die kleinen Knoten, das derbe Gewebe. Und findet immer neues. Die Gespräche, die eben noch am Operationstisch waren, beginnen zu verstummen. Die Schwestern sagen nichts mehr. Die Anästhesistin ist ruhig. Ebenso die andere Famulantin. Die einzige, die kurz redet ist die Ärztin. "Das ist ja furchtbar." Der Krebs ist in die Thoraxwand eingedrungen. In die Achselhöhle. Die kleinen Knoten sind überall zu finden. Sie wachsen in einen Nerven. In den Muskel. Die Lymphknoten.

Ich halte meine Haken. Und weiß genau, was alle denken. Diese Frau hat keine Chance mehr. Sie ist eingeschlafen in dem Wissen, wieder gesund zu werden. Eine kleine Operation und dann ist alles gut. Sie wird aufwachen und zu einem palliativen, einem nicht heilbaren Fall geworden sein. Vielleicht hat sie noch ein schönes Jahr. Vielleicht ein wenig mehr.

Ich muss den Tag darüber nachdenken. Wie schnell sich das Leben ändern kann. Wie schnell alles anders sein kann. Klar ist das bei Menschen so, die Krebs diagnostiziert bekommen. Aber auch wir können einen Unfall haben. Gleich draußen auf der Straße. Man wird von einer heilen Welt in eine kranke katapultiert. Und man muss damit leben, man muss lernen, damit umzugeben. Aber was macht man, wenn einem die Hoffnung genommen wird, wieder gesund zu werden?

Letzte Woche ist bei uns auf Station eine Frau gestorben. Sie hat nach 13 Jahren den Kampf gegen den Brustkrebs verloren. Mit 46 Jahren. Die Schwestern kannten sie sehr gut. Sie war immer wieder im Krankenhaus. Zuerst war alles gut. Dann hatte sie Rezidive. Irgendwann kamen die Metastasen. Eine Chemotherapie reihte sich an die nächste. Bestrahlung folgte auf Bestrahlung. Ich habe die Schwestern gefragt, wie man so etwas aushalten kann. Die Antwort war: "Die Hoffnung nie aufgeben. Kämpfen. Bis zum Schluss."

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34 Antworten

Kommentare

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    Krass. Mal wieder Tränen in den Augen.

    23.11.2008, 17:20 von Novah
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    Hey du, ich famuliere auch gerade und hatte oft den Eindruck, ich bin die Einzige, die solche Sachen berühren und den ganzen Tag lang beschäftigen. Ich hab oft das Gefühl, das Krankenhauspersonal ist schon so abgehärtet gegen Leid und Verzweiflung. Dein Artikel hat mich einfach erleichtert, dass es noch andere gibt, die von Schicksalsschlägen wie diesen berührt werden können.

    11.02.2008, 18:54 von medauge
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    sehr ergreifend

    20.03.2007, 17:35 von La_Cerise
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    packend da lebensnahe, aber auch durch deine klare art zu schreiben. kloß-im-hals-effekt.

    12.03.2007, 11:32 von Jolie_R
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    ich frage mich oft, ob ich eigentlich jvor dem beginn des arztseins eine vorstellung davon hatte, was es heisst, jemandem die hoffnung auf leben nehmen zu muessen, jemandem sozusagen das leben zu nehmen. davon wie ungelenk die balance ist zwischen harten fakten, empathie und selbstschutz - den man zweifelsohne braucht, um nicht auch selbst die hoffnung an das gute zu verlieren.

    11.03.2007, 18:03 von blauauge
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    Dein Text hat mich mal wieder in meine momentan traurige Realität zurückgeführt. Was ist das nur für eine Krankheit? Mein Freund ist vor 3 Wochen an Lungenkrebs gestorben. Mit 27! Ohne eine einzige Zigarette in seinem Leben geraucht zu haben. Ich kann es immer noch nicht fassen...
    5 Monate und 15 Tage hat er nur noch mit der Diagnose gelebt. Der Tumor war extrem aggressiv. Eine Chemo hat nicht gewirkt. Die OP, bei der sie ihm den kompletten rechten Lungenflügel entfernt und Teile des Herzens, der Speiseröhre und der Vena Cava ersetzt haben hat er wie durch ein Wunder überlebt. Sie hat sein Leben wohl nochmal entscheidend verlängert. Er wurde dann bestrahlt und hat sogar 3 Tage vor seinem plötzlichen Tod noch die positive Nachricht bekommen, dass die Bestrahlung anschlägt und die bestrahlten Stellen keinen Tumor mehr aufweisen. Nur überall drumherum ist es wie wild weiter gewachsen. Das hat Moritz zum Glück nicht mehr erfahren. Er ist mit der Gewissheit eingeschlafen, dass die Ärzte nur nochmal einen Routineeingriff durchführen müssen, da sich plötzlich wieder Komplikationen ergeben hatten und er über Nacht schlimme Atemprobleme bekommen hat. Er hat nie erfahren, dass es doch keine Chance mehr für ihn gab und er den Kampf verloren hat. Und er hat bis zuletzt so sehr gehofft! Genau wie ich...

    09.03.2007, 19:41 von Marres
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    schlimm, aber ich erlebe ähnliches auch jeden tag.....

    09.03.2007, 18:23 von sleeping_beast
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    stirbt wirklich zuletzt - aber dafür umso schneller.

    09.03.2007, 16:03 von sophistic
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