Mariki 18.03.2009, 09:48 Uhr 65 51

Die Allestester

Deutschland erfindet, erklärt und entdeckt nichts mehr. Deutschland testet.

Ich bin ja meistens eher ruhig. Ich rege mich selten auf, ich verschwende ungern verärgerte Energie, ich lache lieber, das klappt fast immer. Ich bin so ein unerträglicher Gutmensch, der alten Passanten hilft, nicht über andere Autofahrer schimpft und selten vor Wut schreit. Und ich habe auch wirklich lange zugesehen und nichts gesagt. Ich habe mir gedacht, das wird wieder besser, das ist nur so eine Phase. Ich habe tatsächlich versucht, an das Gute zu glauben. Aber jetzt ist meine Geduld am Ende. Es geht nicht mehr anders, ich muss mich echauffieren.

Über das Fernsehprogramm.
Dass das Niveau der täglichen Sendungen eher ebenerdig wenn nicht kellertief ist, ist hinlänglich bekannt, wird ständig beklagt, Marcel Reich-Ranicki hat es sogar wütend in die Welt trompetet. Wir haben den Talkshow-Boom und den Gerichtsshow-Höhepunkt übertaucht, auch wenn diese Formate nie ganz verschwinden, wie lästige kleine Obstfliegen. Wir stecken mitten im Reality-TV, wir müssen einem weißhaarigen Mann dabei zusehen, wie er andere von ihren sorgfältig angehäuften Schulden befreit, wir beobachten vernachlässigte Kinder, die in der Wüste aufeinander losgehen, und wenn irgendwo jemand schönheitsopertiert wird, sind wir live dabei. Damit das besser runtergeht, wird auch appetitlich gekocht, und das dürfen wir dann sogar – als Einziges – zuhause nachmachen. Gut, müssen ist relativ, niemand zwingt uns, wir können die Fernbedienung jederzeit gegen ein Buch, ein Gespräch, sogar einen Spieleabend eintauschen.

Früher, ja, und damit meine ich nicht die gute alte Zeit, nein, ich spreche von dem Früher vor einigen wenigen Jahren, da wurde im Fernsehen noch Wissen transportiert. Ich bin Augenzeuge! Ich erinnere mich dunkel an ein paar Formate, in denen Erfindungen erklärt, große Persönlichkeiten vorgestellt und historische Ereignisse dargestellt wurden. Das war manchmal interessant, manchmal nicht. Ich habe vom Fernsehen gelernt, wie man Spiegel produziert, ich habe eine Doku über die magische Anziehungskraft von Bands wie Abba oder den Beatles gesehen, Hitlers Reden verfolgt und die Anzeichen für einen Tsunami gezeigt bekommen, ich habe mit Universum einen Blick in die entferntesten Länder geworfen und dort exotische Tiere und fremde Kulturen entdeckt, ich habe Kräuter kennengelernt und alles über die Romanows erfahren. Damals hieß es noch Information und nicht Infotainment.

Mittlerweile wird im deutschen Fernsehen kaum noch erfunden, erklärt oder entdeckt. Deutschland testet. Der häufigste Satz im Fernsehprogramm zurzeit: Wir haben es für Sie getestet. Ich habe aber nicht darum gebeten! Das Schlimme daran ist nicht so sehr, DASS Deutschland testet, sondern WAS Deutschland testet.

Birgit Schrowange blickt in die Kamera und fragt mich allen Ernstes: Kocht in einem Restaurant auch wirklich immer der, von dem Sie es erwarten? Oder steht beim Italiener vielleicht ein Türke hinter dem Herd? Wir haben es für Sie getestet. (Unglaublich, aber wahr: Es ist mir egal, solange der Typ kochen kann, und wenn er aus der Mandschurei stammt!)
Besonders beliebt ist der Test: Erkennt man den Unterschied zwischen billig und teuer? Das lässt sich beliebig auf alle möglichen Waren anwenden, zum Glück (noch) nicht auf Menschen und Haustiere. Passanten testen Orangensaft, kichernde Mädchen testen BHs und Glitzerjeans, Männer mit verbundenen Augen essen bereitwillig alles, was ihnen in den Mund geschoben wird, und geben dann ihre Meinung zum Preis des Geschluckten kund. Und siehe da – nein, Herr Wallner kann die frische Ananas nicht von der Dosenananas unterscheiden! Was für eine Erkenntnis. Er leidet womöglich an einer Geschmacksknospenabstumpfung. Oder wir alle sollten nur noch Dosenananas kaufen, ist billiger, schmeckt eh gleich. Was will mir der Test sagen? Was zur Hölle soll dieses Wissen mir bringen? Ist es etwa Schleichwerbung von einer Dosenananasfirma? Warum waren die dann so strunzdumm und haben vorher das Etikett abgelöst? Ich sitze ungläubig und starr auf meiner Couch. Das Fernsehen spricht plötzlich in Rätseln zu mir. Ich kann den Sinn dahinter nicht mehr verstehen. Ich kann den Code nicht mehr knacken.

Wie aber knackt man einen Tresor? Und: Schaffen Männer oder Frauen es schneller? Der Doppeltest, der Überwahnsinn! (Ja, es waren die Frauen, und ja, man kriegt ihn auf.) Wie kann man ein Wasserbett kaputtmachen? (Ganz einfach, man zieht ein Auto mit einem Kran hoch und lässt es drauffallen, ist doch logisch.) Welche Kampfsportart ist die tödlichste? (Alle.) Explodiert ein Tank, wenn ein daran aufgeklebtes Handy klingelt? (Ja.) Können Meisterbäcker einen Prinzenrollekeks – ohne die Zutaten zu kennen, bitte – so genau nachbacken, dass niemand mehr den Unterschied erkennt? (Nein.) Kann man durch Handystrahlung Popcorn machen? (Nein.) Sind die Preise für Tapas in den verschiedenen Bars gerechtfertigt? (Nein.)
Das sind alles Fragen, die ich mir schon lange gestellt habe. Und Informationen, die ich für meine Bildung, meinen Wissensstand, meinen Alltag, dringend brauche. Und deshalb sollte ich wohl froh sein. Froh, dass endlich, endlich jemand all das für mich getestet hat.

Es gibt sogar – der Traum aller Testpersonen und Versuchskaninchen – eine eigene Sendung mit dem klingenden Namen Die Allestester. Da ist schon von Vornherein klar, was die so machen. Ein sehr blonde Frau mit sehr roter Brille kocht, wiegt ab, isst, zieht an, zieht aus, schmeißt runter, befragt, probiert, zerschneidet, kurz: Sie testet. Mit Inbrunst. Sie ist die Kaiserin der Tester, der Allesausprobierer, die Queen der Unnützes-Wissen-Verbreiter. Sie findet für mich heraus, dass Spielzeug aus China eher giftig und Sauerkraut aus der Dose eher unlecker ist. Ich bin ganz gerührt vor lauter Dankbarbeit. Da wär ich ja allein nie draufgekommen.

Aiman Abdallah lässt Reporter (!) mit versteckter Kamera Goldzähne versetzen (schön, wie die Gesichter der Verkäufer so verschmiert und ihre Stimmen verzerrt werden), er lässt sogar ausprobieren, ob youtube-Videos gefaket oder echt sind. Nicht genug damit, dass es geschätzte 257 Millionen völlig wert- und sinnfreier Minivideos gibt, nein, es wird auch noch eine Menge Geld dafür ausgegeben, sie nach-zu-stel-len! So versucht etwa eine Gruppe Zirkusartisten, ein Mädchen durch die Luft zu wirbeln und – nachdem die Gute durch einen Basketballkorb hindurchgeschlüpft ist – wieder aufzufangen. Die Erkenntnis: Das geht gar nicht, das Video wurde von einem Cutter zusammengeschnitten. Was mag diese für die Menschheit so wichtige Information Pro7 gekostet haben? Und wann ist Galileo eigentlich ein Testprotokoll von Stiftung Warentest geworden?

Der Faktor Geld ist sowieso das Krönchen auf dem Misthaufen. Ich möchte – und das ist nicht rhetorisch gemeint – NICHT wissen, was diese ganze Testerei, Nachbackerei, Schluckerei und Nachstellerei kostet. Ich weigere mich, darüber nachzudenken, weil ich sonst anfangen müsste zu rechnen, was man damit an Sinnvollem finanzieren könnte. Und seien es nur sinnvolle Formate, in denen wieder (etwas Interessantes!) erfunden, erklärt oder entdeckt wird. Das Argument, dass den Sendern vielleicht die Infos ausgegangen sind, lasse ich nicht gelten, no way, dazu ist die Welt zu groß, zu facettenreich, zu komplex, zu deatilreich.
Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden. Im Prinzip ist das ja was Gutes, das Experimentieren, nur durch Ausprobieren und Testen (gekoppelt mit einer Portion Zufall) sind elektrisches Licht, Fotografie, das Kondom und das digitale Zeitalter erfunden worden. Woher ich das weiß? Das hab ich mal im Fernsehen gesehen.

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65 Antworten

Kommentare

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    Sehr gut dargestellt. Steig einfach auf's DVD gucken um, da weißt du, was dich erwartet! :)

    30.08.2011, 13:18 von iLilly
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    Genial!

    11.10.2009, 12:40 von Flacky
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    Ich könnte mich ebenfalls über das Fernsehprogramm stundenlang aufregen.
    Aber solange der ganze Müll EInschaltquoten erhält, gibt es dem Sender keinen Grund das Programm zu ändern.
    Es besteht offensichtlich Interesse an Tests, Mysterys und Reality-Dokus. Und wer von uns schaltet nicht mal rein, und wenn es absichtlich zum Gruseln oder Fremdschämen gemacht wird?!

    31.07.2009, 11:30 von n-traum
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    Natürlich auch ne Empfehlung von mir. Meine Problem warum das Program derart ausartet, liegt in der Privatwirtschaft. Derartige Tests durchzuführen ist extrem Kostengünstig und dadurch, dass sich diese Sender hauptsächlich durch Werbeeinschaltungen finanzieren, welche ich mittlerweile interessanter und informativer als so manchen Beitrag finde. Ja, je näher der Beitrag am zu bewerbenden Produkt liegt, desto besser rechtfertigt sich die Werbeplatzierung vor dem Kunden. Dass es sich hier um Millionenbeträge handelt wissen wir alle. Dagegen reagieren können wir nur mit kaltem TV-Entzug.

    08.07.2009, 17:38 von LinaKoo
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    Echt, ein Tank explodiert, wenn ein Handy draufgebunden und angerufen wird? Also ehrlich, solche Tests können doch Leben retten, indem man sie selbst eben nicht durchführen muss...
    Ich habe bei aller verständlichen Kritik am Fernsehprogramm aber auch ein wenig Verständnis für die Programmverantwortlichen. Zum einen gibt es eine in der Geschichte des deutschen Fernsehens beispiellose Konkurrenzsituation der vielen Fernsehsender untereinander, zum anderen haben sich in den letzten Jahren andere Medien (Internet mit all seinen Angeboten, DVD) durchgesetzt, dessen Informationsgehalt und Unterhaltungswert wegen der hohen Individualität und Interaktivität nicht vom Fernsehen geboten werden können. Die Produktionskosten einer Sendung sind, zumindest bei den Privaten, auch immer an die (voraussichtlichen) Einnahmen durch den Verkauf von Werbezeit gebunden. Da liegt wohl zum großen Teil auch der Hund begraben. Die Fernsehsender können es sich kaum leisten, Risikoinvestitionen zu tätigen, man denke nur an die Probleme, die Pro7Sat1 in den letzten Jahren hatte. Wer qualitativ hochwertiges Fernsehen möchte, muss eben dafür zahlen - siehe HBO oder Showtime in den USA. ALLE guten amerikanischen Serien der letzten Jahre, die in D ausgestrahlt wurden, kamen von einem dieser beiden Sender. Was ich allerdings nicht verstehe und mich sehr wütend macht, ist die Passivität der öffentlich-rechtlichen Sender. Die sind nämlich relativ unabhängig von Werbeeinnahmen, werden staatlich alimentiert und versuchen doch nur, die privaten Sender in Punkto Niveau zu unterbieten. Ich würde wirklich nicht allzu sehr auf den Privaten herumhacken, die machen nur, was sie tun müssen. ARD und ZDF sind die wahren Übeltäter.
    Trotzdem, super Artikel!

    21.04.2009, 08:41 von Michigan_Left
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    Ausschalten, ja! Und zwar zumindest am 21.6.
    www.medienverzicht.de

    20.04.2009, 17:33 von Lanzarine
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    Da bin ich ja mal wieder froh, dass ich keinen Fernseher mehr habe, ich vermisse es kein Stück.
    Und jetzt weiß ich auch mal wieder wieso! :)
    Wie immer gut geschrieben liebe Mariki ;)

    17.04.2009, 15:51 von elixa
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    brilliant!
    hast mein volles verständnis!
    sehr sehr gut!!!!!!

    05.04.2009, 18:52 von buehnentaucher
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    Ich hab meinen Fernseher vor ungefaehr einem Jahr rausgeschmissen und ich bereue es bisher keinen einzigen Tag, erst Recht nicht wenn ich deinen witzigen Artikel lese.

    Schoene Erinnerungen verbinde ich trotzdem damit:
    als Kind am Samstag Abend laenger aufbleiben zu duerfen, um frisch geduscht ''Wettten, dass...?''zu kucken. Die Fussball-WM. Spaetfilme auf Arte. Dokus.

    Witzigster ''Hoehepunkt'' was die Allestester betrifft, war fuer mich, als RTL (es war entweder SternTV oder ''Extra'' und ich habs bei meiner Freundin gesehen, ich schwoere!) ein Team losgeschickt hat, um zu testen, ob ''Edeka-Fleischwarenfachverkaeuferinnen'' auch tatsaechlich, die Wurst aufs Gramm genau abwiegen koennen, wie in der Werbung versprochen.

    Antwort: Nein koennen sie nicht.
    :)

    31.03.2009, 12:41 von touchthesky
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      @touchthesky Jahaaa, das mit dem Wurst-Abwiegen hab ich auch (zufällig beim Durchzapp-Hängenbleiben) gesehen, und mir nur gedacht: Mein Gott, wenn du echt nix Besseres zu tun hast als dir solchen Dreck anzusehen, dann gute Nacht! Hab dann die Glotze fix ausgemacht und mich wichtigerem zugewandt - Geschirrspülen...
      Stichwort Galileo: Schade dass Galileo von einem wirklich mal informativen und anspruchsvollen Format zu so einer Ramsch-und-nicht-mehr-ein-Gramm-Bildung-Vermittlungs-Sendung geworden ist, die man sich nicht mal mehr im Vollrausch oder im Wachkoma antun kann
      - Beispiel: Wie schnell müssen zwei Pkw frontal miteinander kollidieren damit dazwischen ein handelsüblicher Lederfußball platzt??? Wenn er wegrutscht weil er nicht genau mittig zwischen den Stoßstangen war, wirds halt nochmal probiert, und vielleicht auch mit höherer Geschwindigkeit - und nochmal - und NOCHMAL...
      Aber ich bin sicher, diese ganzen unnützen Sendung haben dennoch hohe Einschaltquoten, was garantiert daran liegt, dass 90% aller TV-Konsumenten den Fernseher einfach nur aus guter alter Gewohnheit und als Geräuschkulisse anhaben - während sie nebenbei z. B. Putzen, Bügeln oder Staubsaugen...
      Man sollte wirklich aml überlegen, die vorm TV verbrachte und absolut "tote" Zeit in anderer Weise zu nutzen, hat man mehr davon...

      03.04.2009, 12:58 von joernibaer83
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    Normalerweise halt ich mich ja mit Kommentaren zurück, aber hier muss ich auch mal meinen Senf dazugeben: Abgesehen davon, dass man für das Geld das die Produktion von dem von dir angesprochenen Unsinn eben NICHT reicht um was sinnvolles herzustellen (deshalb nehemen solche Formate ja überhand - je billiger desto besser), habe ich nur 2 Tipps für dich:

    1) besorg dir ein Abo einer Fernsehzeitschrift, die nicht nur RTL und PRO7 behandelt. Und such dir Sendungen auf anderen Kanälen, die dich interessieren.

    und 2) besorg dir außerdem einen Receiver mit Festplatte und sorg dafür, dass entsprechende Sendungen automatisch aufgezeichnet werden.

    dann musst du dich nur noch 3) von der schlimmsten Angewohnheit aller Fernsehenden verabschieden und wenn du einschaltest KEINESFALLS herumzappen und beim der momentan am wenigsten schlimmen Sendung hängenzubleiben.

    Du sucht dir dann einfach unter den zuletzt aufgezeichneten Programmen dasjenige aus, auf das du gerade Lust hast und schaltest danach wieder ab.

    Diese Vorgehensweise führt nicht zu weniger sondern zu besserem TV Konsum (kannst einem langjährigen Fernseh-Junkie ruhig glauben).

    ***Klugscheißerei off***

    29.03.2009, 16:28 von zewasoftis
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