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Deutschland: null

Sarah Connor hat gepatzt. Zur Einweihung der Münchner Allianz-Arena sang sie: „Brüh im Lichte dieses Glückes.“ Kennst du die deutsche Nationalhymne?

Es war ihr großer Auftritt. 66000 Zuschauer im Stadion, acht Millionen vor dem Fernseher. Und es war einfach. Sarah Connor. Die deutsche Nationalhymne. Die dritte Strophe. Die vorletzte Zeile: „Blüh im Glanze dieses Glückes.“ Tausendmal mitgesungen. Tausendmal hat’s richtig geklungen. Tausend und eine Nacht: Und es hat brüh gemacht.

Sarah Lewe aus Delmenhorst, besser bekannt als Sarah Connor, hat gepatzt. Der Bild-Zeitung beichtete sie, warum sie sich versungen habe: „Es tut mir leid, wenn ich Irgendjemanden enttäuscht habe. Glaubt mir, ich ärgere mich selbst am meisten über mich. Ich war einfach wahnsinnig aufgeregt. Es war trotzdem eine große Ehre und eine einzigartige Erfahrung.“

Wenn die Nationalhymne gesungen wird, scheint das für die Singenden immer ein ganz besonderer Moment zu sein. Für Neonazis ist es stolze Pflicht, zumindest den ersten Satz der ersten Strophe auswendig zu können, für die meisten Sportler scheint es dagegen eine Tortur zu sein, nebeneinander zu stehen und über die Kameras hinweg, das Deutschlandlied zu singen. Und Politiker geraten in bewegten Zeiten schon mal ins Schwitzen, wenn von ihnen verlangt wird, die dritte Strophe zum Besten zu geben: „Womit fängt die noch mal an?“

Zum ersten Mal wurde sie am 5. Oktober 1841 öffentlich während eines Fackelzuges in Hamburg intoniert. Der Text zum Lied der Deutschen hatte August Heinrich Hoffmann von Fallersleben am 26. August 1841 auf der Insel Helgoland gedichtet zur Melodie von Joseph Haydns „Kaiserlied”. Es dauerte noch bis zur Reichsgründung 1871, dass die Zeile „Deutschland, Deutschland über alles“ wirklich eine volkstümliche Breite erreichte. Nur zur Nationalhymne reichte es noch nicht. Überdies fehlte es schon in jenen Jahren nicht an Kritikern, denen die geografische Grenzziehung zu weit ging. Denn die Maas floss damals schon zu einem Großteil durch Frankreich und Belgien, die Etsch durch Italien, der Belt durch Dänemark und die Memel durch Russland.

Erst am 11. August 1922 erhob die erste sozialdemokratische Regierung das Deutschlandlied zur offiziellen Hymne. Die Nationalsozialisten verstanden die im Text proklamierte territoriale Definition des Landes als Auftrag, die Grenzen so weit wie möglich auszudehnen, weshalb dieser Teil nach dem Zweiten Weltkrieg zu Recht auf dem Index stand. Offenbar hatten die Menschen aber Schwierigkeiten mit der ihnen weitgehend unbekannten dritten Strophe. Nach der gewonnenen Weltmeisterschaft 1954 erklang im Berner Wankdorfstadion wieder das unheilvolle und bedrohlich wirkende „Deutschland, Deutschland über alles.“ Und auch die mit Beginn des Fernsehzeitalters eingeleitete Umdeutung der Nationalhymne als Gute-Nacht-Lied zum Sendeschluss scheint ohne Erfolg geblieben zu sein. Selbst auf der Wiedervereinigungsparty am 3. Oktober 1990 wirkten einige Politiker etwas unsicher und zurückhaltend angesichts der begeistert grölenden Deutschlandfans vor dem Berliner Reichstag.

Vielleicht liegt es daran, dass es immer noch kein förmliches Gesetz über eine Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland gibt. Eine echte Lücke, wie sich jetzt wieder gezeigt hat. So locker geht Sarah Connor mit ihren Songs nicht um. Erst im April drohte eine Anwaltskanzlei über 40 Webseitenbesitzern mit einem Verfahren, falls sie weiterhin Liedtexte der Sängerin zum Nachsingen veröffentlichten.

Warum tun wir uns aber so schwer mit dem Deutschlandlied? Ist die Hymne überhaupt noch zeitgemäß? Habt ihr euch auch schon mal bei offiziellen Anlässen versungen? Und habt ihr, um Peinlichkeiten in Zukunft zu vermeiden, bessere Vorschläge für ein „Lied der Deutschen“?

26 Antworten

Kommentare

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    Lustiger Zusammenhang, den Du zwischen dem Versinger und dem Veröffentlichungsverbot der Connor-Lieder gezogen hast: Möchte die Dame mit ihrer Falschsingerei wohl nicht allein dastehen?

    Übrigens - wem der Text-Melodie-Komplex nicht gefällt, kann auch bei "Einigkeit und Recht und Freiheit" und "Auferstanden aus Ruinen" einfach die Melodien austauschen.
    Haben meine Eltern früher immer gern gemacht.
    Zu DDR-Zeiten...

    08.06.2005, 00:59 von LudwigMartin
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    es ist mir eigentlich ehrlich egal. ich kenne die dritte strophe, lang ist sie ja auch wirklich nicht. ob sie gesungen wird oder nicht ist mir aber egal. nur wenn ich sie mal singen müsste, und vorher wüsste dass ich sie singen muss würde ich mich eben im gegensatz zu sarah conner darauf vorbereiten.

    07.06.2005, 14:50 von absturzkind
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    Tatsächlich ist es teilweise eine Generationsfrage, ob und wie gut man die natonalhymne kennt...

    Meine Eltern haben dazu -verständlicher Weise- trotz Textsicherheit ein emotional gespaltenes Verhältnis.

    Mein großer Bruder (33) und ich (27) mussten (wie oben auch schon jemand) die Hymne noch für die Schule und auch im Sportverein lernen, bzw. können.

    Unser kleiner Bruder (17) und alle seine gleichaltrigen Freunden wissen nach der ersten Zeile der ersten Strophe nicht weiter...

    Offenbar werden da ähnlich schwachsinnige Berührungsängste bei den Pädagogen geschürt wie bei der Frage nach Religionsunterricht (respektive "Werte und Normen")...

    Jedes andere Land kann das doch auch... ich verstehe das Problem nicht, da ich selber keines sehe!

    06.06.2005, 09:41 von Juli.
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    Ja es ist schon schwierig- 1. Wem die Götter soviel Stimme und Erfolg gegeben haben- da ist es doch nicht verwunderlich, wenn an anderer Stelle gespart wurde- doch leider wird sie ( incl. aller anderen TV/ Musicbiz/ Entertainmentschranzen ) dieses nicht zum Anlass nehmen sich mal um etwas Bildung zu bemühen- aber 2. arme Frau- die Nationalhymne ist ja auch ziemlich uncool- also im wiedervereinten Germany könnte man ja endlich anfangen global zu denken und gleich eine Denglish Fassung herausbringen- Germany, Germany Land of the free- with the Mauer down we´ll never frown- just Biertrinken and happiness- witschaft down und no sucess... bitte weiterdichten....

    05.06.2005, 22:37 von Alanna04
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    Noch mal was zur Begrifflichkeit:
    Die Nationalhymne ist nicht das Deutschlandlied, sondern nur dessen dritte Strophe, festgelegt im August 1991 durch einen Schriftwechsel zwischen Kohl und von Weizsäcker (Quelle:regierungonline.de).

    Allgeimein halte ich weder was von Nationalhymnen noch von Sarah Connor, oder besser gesagt deren Musik.
    Das Konzept des Nationalismus ist meiner Meinung nach reaktionär udn überholt und daher kann ich diesem pathetisch schwülstigem Lied nichts abgewinnen. Aber wer's mag soll es spielen und singen...

    05.06.2005, 17:15 von Alchemist
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    der auftritt der connor war schlicht ein peinlicher fauxpas. fussballer werden ja auch immer schweigsamer. waren das noch zeiten, als franz b. seinen mannen noch nachhilfe in sachen text lernen gab!
    wir mussten den text der nationalhymne in der grundschule lernen, das sitzt heut noch. und warum auch nicht? den text der eigenen hymne sollte schon jeder kennen (wie blöd wird man denn angeguckt, wenn man die nationalfarben nicht kennt?). dieses bisschen nationalgefühl sollten wir uns ruhig gönnen. spazierengehen kann man mit der hymne ohnhein nicht, da ist sie viel zu schwerfällig für, aber gerade das trifft doch in so vielem auf deutschland auch zu. und bei den sängern sollte aber der text sitzen, schliesslich wird die melodie oft genug verhunzt oder schief gespielt (wen wundert's?)

    05.06.2005, 00:02 von Pirkko
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    Jeder sollte seine zweite chance bekommen, so wohl auch Frau Connor.Sie darf noch einmal die Nationalhymne singen - diesmal beim Länderspiel Deutschland gegen China im Oktober in Hamburg. Dann hoffen wir, dass sie bis dahin die Zeit sinnvoll nutzen wird und kräftig üben wird.

    04.06.2005, 13:19 von zimtsternchen
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    Der Auftritt von Frau Lewe vor dem Eröffnungsspiel in der Allianzarena hat nur einmal mehr gezeigt, dass man diese Dame weder vor ein Mikrophon noch ins Fernsehen lassen sollte, aber egal.
    Ich finde zumindest die dritte Strophe "unserer" Hymne, die aus offiziellem Anlass gesungen wird, sehr gelungen. Sie bringt die Werte dieses Staates zum Ausdruck, wie sie auch dem Grundgesetz innewohnen.
    Unabhängig davon stellt sich die Frage, ob eine Nationalhymne überhaupt einen Text braucht. Die Russische Föderation hatte zumindest eine Zeit lang keinen Text zu ihrer Nationalhymne, die musikalisch mit der zu Sowjetzeiten identisch war (und eventuell heute noch ist, das entzieht sich meienr Kenntnis).
    Die DDR- Nationalhymne zu verwenden, wäre in meinen Augen ein falsches Zeichen, da sie mit einem System verbunden ist, dass unseren heutigen Staat zumindest politisch nicht mehr prägen sollte. Das wäre genausowenig in Ordnung, wie wenn wir wieder "Deutschland, Deutschland..." singen würden.
    Im Übrigen bin ich froh, dass ich bisher nie die Hymne anstimmen musste. Erstens, weil ich politische Symbole nicht gerne gezwungen nutze und zweitens, weil ich wie auch Frau Lewe nicht singen kann.

    04.06.2005, 09:38 von Flocke84
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    Ich kann die Nationalhymne im Schlaf und denke viele andere auch. Und wer's nich kann, der sollte sich mal ranmachen und sie auswendig lernen. Gehoert verdammt nochmal zur Allgemeinbildung, auch wenn man es vielleicht nicht oft singen muss.

    03.06.2005, 19:27 von AmiAnni
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      @AmiAnni Ich werde mich bestimmt nicht daran machen ein Lied auswendig zu lernen vonden ich schon die Melodie grauslich finde. Dann ist meine Allgemeinbildung halt schlecht!

      30.06.2005, 20:53 von Schussel
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    Hehe,

    welch' Fauxpas von Mademoiselle le conneur. Kann aber auch der poppigsten Sängerin mal passieren, sie singt die Hymne sicher net so oft. Hätte mal mit Terenzi-Freund üben sollen, da lernt ihr Ami noch was dabei :o)

    - -

    Nee, mal im Ernst. Ich finde die Idee einer neuen Hymne sehr gut. Vielleicht kann man was basteln aus der alten DDR Hymne und was Neuem.
    Die alte DDR Hymne hat einen sehr schönen Text und "Auferstanden aus Ruinen" passt auch auf die alte BRD.

    wer machts?

    M.

    03.06.2005, 18:25 von mamboleo
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