Deutschland – Deine ewigen Tyrannen
Viel diskutiert und mit Recht ein wichtiges Thema in Deutschland.
Die kleinen Tyrannen. Verwöhnte Kinder, die ihre Eltern in Schrecken und Ohnmachtsgefühle zwingen, weil die im Gegensatz zu ihren Eltern sich strickt weigern Grenzen zu setzen – wollen einfach nur „lieb“ sein. Was ist mit den großen Tyrannen über die keiner spricht? Die jeder erduldet weil es ab einem gewissen Alter klar ist, wenn ich hier am Arbeitsplatz nicht hier und da mal ein Auge zudrücke dann verliere ich den Job und werde mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit so schnell keinen mehr wieder finden. Nicht nur unbezahlte Überstunden, Verzicht von Urlaubs- und Weihnachtsgeld oder den Urlaubsplan nach den Bedürfnissen der Firma ausrichten, nein, an der Tagesordnung sind Beschimpfungen, die auch mal sehr laut und respektlos ausfallen, andere Erniedrigungen in dem beispielsweise Gegenstände geworfen werden oder klipp und klar gesagt wird „Mir passt deine Nase nicht“ so Herr F. bei mir in der Berufsproblemegruppe. Im Zuge der enormen Abhängigkeit vom Arbeitsplatz erlauben sich immer mehr Chefs, Vorgesetzte und leitende Angestellte die situative Macht tyrannisch auszuüben. Solchen Chefs Grenzen zu setzen wie es teilweise die Franzosen machen in dem sie mal einen Chef für mehrere Tage in seinem Büro einsperren wird schwierig. In Deutschland gibt es keinen echten Gemeinschaftsgeist. Den Betriebsrat einzuschalten macht meist wenig Sinn. Frau U. „Die machen sowieso was der Chef will aus Angst ihren Job zu verlieren.“ Immer deutlicher werden Ohnmacht und Angst um den Arbeitsplatz zu verlieren, den die Chefs gnadenlos ausnutzen. „München ist der Himmel und Dingolfing ist die Hölle“ so Herr C. Mitarbeiter bei BMW. Bei Mercedes nicht anders. Herr K. (56 Jahre, seit 26 Jahre in Sindelfingen beschäftigt) berichtet, dass er Schulterschmerzen hat und bat um eine interne Stellenumsetzung um die Schulter zu schonen. Es wurde vom Betriebsarzt eingewilligt. Er bekam eine Stelle wo er über Kopf arbeiten musste und die Schultergelenke somit noch mehr belasten musste. Schwer gekränkt und verzweifelt sitzt der Patient in der Berufsproblemegruppe und weiß sich auch keinen Rat mehr. Betriebsärzte werden zu Handlangern von Firmenbossen, tricksen sogar Angestellte geschickt aus um an sensible Daten über Krankheiten zu kommen um eine faktenreiche Prognose über Weiterbeschäftigung stellen zu können.
Kränkungen und Missachtungen sind alte deutsche Erziehungsstile, die dann bei älteren Mitarbeitern wieder reaktiviert werden, weil sie ähnlich wie Kinder in einem existenziellen Abhängigkeitsverhältnis stehen und wieder ähnlich wie Kinder mit Ohnmacht und Hilflosigkeit reagieren, welche dann früher oder später bekanntlicherweise meist zu psychosomatischen Beschwerden führen. Das durchschnittliche Rentenalter liegt derzeit bei 63 Jahren laut einer Studie von 2004 (s. Wikipedia). Real dürfte es tiefer liegen. Ein Mitarbeiter beim MDK sagte mir, das er derzeit bei 57 Jahren liegt – Tendenz sinkend. „Den volkswirtschaftlichen Schaden könne man sich neben der steigenden Arbeitslosigkeit ja kaum noch vorstellen.“ Grund für die frühzeitige Rente ist zu 50% aus „Psychischen Gründen“ meistens mittelgradige bis schwere Depressionen – teilweise chronifiziert. Warum wohl? Einer der Hauptgründe für Depressionen ist gestauter Ärger in Kombination mit Hilflosigkeit oder Ohnmacht. Während sich Firmeninhaber in den 70iger Jahren um ihre Angestellten bemühen mussten, da Vollbeschäftigung und die Abwanderung der Arbeitnehmer auf andere Baustellen mit besseren Konditionen sehr leicht war. Herr Y. „Da kam der Chef nach Feierabend und hat eine Kiste Bier spendiert“, müssen heute dagegen viele Arbeitnehmer den Ärger den sie im Bauch haben, wegen unbezahlten Überstunden, keine Lohnerhöhungen und sonstige deutlich reduzierte Wertschätzungen runterschlucken. Auswegmöglichkeiten gibt es kaum. Einigen gelingt es sich in die frühzeitige Rente zu retten. Frau C. (58 Jahre) „Lieber ein paar Prozente Abschläge in Kauf nehmen als mir so einen extremen Stress weiterhin anzutun.“ Sie arbeitet im Gruppenakkord mit vier 25-28 Jährigen zusammen und wird regelmäßig von den Jüngeren „schlecht behandelt“ weil sie zu langsam sei. Sie vermutet, dass das von der Führung mit Absicht von vornherein geplant war. „Die wollen mich loshaben“ berichtet sie in Tränen weiter. Viele Beamte die im Zuge der Privatisierung bei der Post und Bahn Mitte der 90iger Jahre können massenweise ähnliches berichten. Strategien, wie ältere Mitarbeiter/innen loszuwerden scheint es im Überfluss zu geben. Was im Angesicht des Abhängigkeitsverhältnisses wiederum ein leichtes Spiel ist. Da wird mit massiver Überforderung was früher oder später zum „Burn-out“ führt oder extreme Unterforderung, was zum „Bore-out“ führt gearbeitet. Kränkungen und sogar physischen Angriffen gearbeitet. Taktisch auf die Schwächen geachtet und entsprechend genutzt mit dem Ziel dass die Arbeitnehmer/innen frühzeitig selber das Handtuch werfen und kündigen. Den Verursachern wird daraus kein Strick gedreht. Solange der Laden läuft und die Mitarbeiter spuren gibt es keinen Grund dass sich ein Chef verändert. Er kann schön selbstverliebt seine Macht ausspielen und alle denken sich ihren Teil oder nehmen Antidepressiva, greifen zu Drogen oder flüchten in schwere Krankheiten bis hinzu Selbstmord. Der Medikamentenmissbrauch ist in den letzten Jahren um das 2-3fache gestiegen. Laut dem DAK-Gesundheitreport 2009 haben 24% aller berufstätigen Frauen zwischen 20 und 50 Jahren Psychopharmaka konsumiert – jede vierte davon ohne medizinische Diagnose. Frau O. berichtet als Ärztin habe sie oft von Kollegen erfahren, dass die um den Arbeitsstress in der Station besser ertragen zu können regelmäßig Retalin einnehmen. Niemand traut sich wirklich was zu sagen. Wer sein Geschäft erfolgreich führt hat offensichtlich nicht viel zu befürchten, kann sich einiges erlauben, aber nur weil es die Situation und die Gesellschaft erlaubt. Mag sein, dass der Leistungsdruck bei den Chefs ebenso enorm ist, aber das kann nicht sein, dass das auf Kosten der Mitarbeiter geht, beziehungsweise der humane respektvolle Umgang darunter zu leiden hat. Obwohl in der Neuropsychologie bekannt ist, wenn ich meine Mitarbeiter genügend wertschätze, sie mal für ihren enormen Einsatz mit einer freundlichen zugewandten Geste, in Form von Bonuszahlung oder kleine Geschenke, entgegenkomme, dann werden Beta-Endorphine, sogenannte Glückshormone, im Gehirn ausgeschüttet und die Mitarbeiter sind glücklicher, Leistungsmotivierter, weniger krank und grundsätzlich loyaler zur Firma eingestellt. In Betriebsvereinbarungen stehen meist zu Beginn schöne Worte des fairen Umgangs und der Fürsorgepflicht der Chefs bezüglich eines angenehmen Arbeitsklimas, aber wen nützen solche Worte auf dem Papier? Um den volkswirtschaftlichen Schaden, durch Psychotherapie, Psychopharmaka mit entsprechenden Nebenwirkungen, Drogenmissbrauch, Arbeitsausfällen, Arbeitsunfällen und frühzeitige Rente von tyrannischen Chefs einzudämmen wäre es sinnvoll, dass dem Ganzen auch von politischer – sozioökonomischer Seite eine Grenze vorgeschoben wird. Schade, dass es in Deutschland keinen französischen Gemeinschaftsgeist gibt.
O. Heil
Diplom Psychologe"Wichtige Links zu diesem Text"
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Kommentare
ja
Occupy scheint mir ganz gut zu sein.. jedenfalls ideenmäßig.. bin mal gespannt obs klappt
Ja. Schade. Irgendwie fehlt es uns an Mut. Aber. Ich glaube/hoffe, dass wir immer angstfreier werden und unsere Gemeinschaft erkennen. Occupy und co. sind ein schöner Anfang.
17.03.2012, 12:16 von Melliteraturda kann ich nur voll zustimmen und als Rehaarzt bin ich mit denselben Problemen und Machenschaften konfrontiert. anwaltskanzleien spezialsieren sich ja darauf, Betriebsräte zu verhindern oder einzuschüchtern und ältere Mitarbeiter kostenneutral zu entsorgen. Bis hin zur Gründung fingierte Gewerkschaften (Siemens). Den französischen Gemeinschaftsgeist sehe ich nicht - bei der franz. Post mußten sich erst etliche umbringen bis man die betriebsinternen Drangsalierungen abschaffte...
25.09.2011, 12:38 von CharlesDreyfuswow ..endlich reagiert mal jemand darauf.. ja bei der france-telecom und bei peugeot gab es auch einige fälle von suizid, genauso wie bei BMW in china.. aber es gibt auch die anderen beispiele. danke für den kommentar
25.09.2011, 12:48 von jang