Mr.H 30.11.-0001, 00:00 Uhr 8 6

Der Zughafen

Wahre Fans von Clueso, DJ Malik und Dirt M kennen ihn, nur wenige waren dort, eigenlich ist er verschlossen und dennoch publik. Der Zughafen in Erfurt

Erfurt, 18. März, der meteorologische Frühling hat längst begonnen. Es schneit und ich bewege mich in kurzen Schritten voran, taste mich auf den glitschigen Steinen einer alten, nur noch teilweise in Gebrauch befindlichen Bahnanlage, voran. Die „Anfahrt“ zum Zughafen soll einfach sein; 10 Minuten Fußweg vom Hauptbahnhof. Man solle sich nicht wundern, man läuft in das Gelände des ehemaligen Güterbahnhofes hinein. Ich wundere mich nicht. Aber irgendwie ist diese nostalgische Industrieromantik doch ganz wunderbar. Gegenüber einer scheinbar endlosen Reihe von Schüttgut-Wagons steht ein dreistöckiges, etwas verlassen wirkendes, rotes Backsteinhaus. Stünden keine Autos davor und wären nicht offenbar in diesem Jahrhundert hergestellte Schilder an den Mauern befestigt, würde man denken, das Haus stünde leer.

Ich nähere mich dem Haus, tapse einmal dran vorbei, wieder zurück, steige die kleine Treppe zum Eingang empor. Eines dieser modernen Schilder fällt auf. „Zughafen, Musikproduktion, Management“ steht da. Darunter „Marcel Aue, Andreas Welskop, Andreas Möckel, Thomas Hübner“. Wüsste man es nicht besser, dass sich hinter diesen Namen Künstler, wie Clueso, DJ Malik und Dirt M verstecken, könnte man meinen, es handele sich um ein paar normale, brave Betreiber eben dieser aufgeführten Dienstleistungen. Die Tür neben dem Schild ist verschlossen, ich mag nicht klingeln. Ich will schon wieder gehen, als ein Mittzwanziger mit seinem Bike angefahren kommt. Ich frage ihn, ob ich mir das Haus mal ansehen dürfe. Zuerst etwas ungläubig willigt er ein. Marko hebt sein Bike die Treppe hoch und klopft an die Scheibe neben der Tür, lässt sich aufmachen. Ich trete mit ein. Ein altes Bahnergebäude aus der Gründerzeit eröffnet sich mir, überall hängen Plakate von und mit Clueso, der wohl bekannteste Künstler aus dem Zughafen. Es riecht nach Farbe, weil das Großraumbüro im Erdgeschoss gerade renoviert wird. Marko geht mit mir eine alte Holztreppe Treppe hoch, zeigt mir ein Büro, das fast nur aus Regalen und leeren Kartons besteht – das Merchandising-Lager für Clueso, wie ich erfahre.
zughafen-merchandising-lag.jpg
In der Mitte sitzen zwei Jungs an ihren Macs und klicken. Marco fragt den einen Klickenden, ob er mir das Haus zeigen könne. Er kann.
Alle Räume sind irgendwie individuell eingerichtet, es hat alles den Charme, den Künstlerhäuser eben haben aber dennoch versprüht die Atmosphäre einen Duft von Professionalität und Wohlstand. Es ist die Lässigkeit, mit der die Künstler in den verschiedenen … Büros klingt zu steif …Räumen an ihren Macs, Mischpulten oder Instrumenten sitzen und irgendetwas produzieren.

Auffällig ist, dass jeder Raum neben einem Arbeitsbereich eine Loungeecke hat – der Bereich für kreative Schaffensphasen. Dann gibt es eine Etagenküche mit einem Regal mit Gewürzen bis unter die Decke, hunderten Kochtöpfen und einer Spülmaschine! „Teeküche“ wäre eine maßlose Untertreibung. Durch ein Loch in der Wand sieht man einen kleineren Raum mit im Kreis gestellten Stühlen, Sofas und Sesseln. Der Konferenzraum, wie mir gesagt wird. Irgendwie drängt sich mir das Bild einer fröhlich feiernden Runde mit Bierchen und Tabakwaren jeder Couleur auf.
Eine Etage weiter oben sind die meisten Räume verschlossen. Lichttechnik, Eventausstattung usw. sei hier untergebracht. Weiter geht es nicht. Wir drehen um, steigen die Treppe wieder hinab und ich bedanke mich für die spontane Rundführung im Zughafen.

Irgendwie ist das Haus, von dem man häufiger hört, anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich hatte mir mehr große Räume vorgestellt, vielleicht einen großen, zentralen, galerieartigen Flur. Aber wenn man mal ehrlich ist, hat dieses abgelegene nostalgieträchtige Haus mit den verwinkelten Fluren, dessen abgehende Räume nur Individualisten beherbergt, sehr viel mehr Charme. Ich würde mir dort sofort ein Raum als „Büro“ mieten. Wer in der Gegend ist, dem kann ich nur empfehlen, mal auf einen netten ankommenden Fahrradfahrer zu warten, der einen fragt, was man denn wolle …"Wichtige Links zu diesem Text"
Website des Zughafen
Foto auf flickr
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8 Antworten

Kommentare

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    früher wollte ich da immer mal hin, ich hab es leider nie geschafft 

    20.09.2013, 20:36 von WonderWoman.
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    Ein Münchener der den Zughafen kennt? Verrückt.

    10.02.2012, 10:43 von LaParisienneAllemande
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      Nix Münchner. Nur hier her temporär verliehen worden :)

      10.02.2012, 10:54 von Mr.H
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      Etwa auch nen Thüringer den es nach Bayern verschlagen hat? :)

      10.02.2012, 11:08 von LaParisienneAllemande
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      Wahlthüringer wegen Studium

      10.02.2012, 11:18 von Mr.H
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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      nope, leider nicht.

      26.09.2011, 09:42 von Mr.H
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    wie geil.... beneidenswert :)

    05.09.2010, 14:32 von beauty_in_darkness
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    boah wie cool, ich würde auch mal gerne reingucken! danke für die fotos!

    19.09.2008, 21:13 von Eschta
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