Mariki 03.01.2008, 18:16 Uhr 39 42

Der Scheidungskind-Stempel

Es ist alles ok, sage ich oft. Dass es noch manchmal weh tut, sage ich nie.

Ich kenne Menschen, auf deren Stirn prangt ein großer Stempel, Scheidungskind steht darauf, in sauberen, dünnen Buchstaben, für jeden sichtbar. Ich kriege mein Leben nicht auf die Reihe, sagen diese Menschen, Aber ich kann nichts dafür, meine Eltern haben sich getrennt, als ich 12 war. Na und, sage ich, Mach eine Therapie, heul nicht rum, du bist selbst für dich verantwortlich.

Ich darf das, aufmüpfig sein, ein bisschen verächtlich, ungeduldig, weil ich selbst eins bin, ein Patchwork-Kind, eine getrennte Tochter. Und weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn die Risse in einem Idyll anfangen zu knirschen und man sie nicht kleben kann, nicht zusammenhalten, wenn das Glas auf dem Familienfoto in die Hände schneidet und schmerzt. Natürlich wäre es eine bequeme Ausrede, Meine Eltern sind schuld, nicht ich, ich doch nicht, eine Ausrede, die in jede Situation passt, eine Lüge, verformbar wie Plastilin. Aber ich will mich nicht rausreden aus meinem Leben, will meinen Eltern nicht die Macht geben, es mir zu zerstören, nicht damals, nicht heute. Wenn, dann zerstöre ich mir mein Leben selbst.

Ich war gerade dabei, meine Mathehausübung zu machen, als er vor meiner Zimmertür stand, zwei Koffer in der Hand. Sag deiner Mutter, dass ich ausziehe, sagte er, ich drehte mich um, eine dünne, geruchlose Wand in einer trübdurchsichtigen Milchfarbe fiel zwischen uns, und seit diesem Moment kann ich ihn nicht mehr richtig hören und nur verschwommen sehen, immer. Ich versuchte zu lächeln, als wäre es ein Scherz, obwohl ich spürte, es war keiner, er ging. Ich tastete die Wand vorsichtig ab, ungläubig, kalt. Und meine Mutter, kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, ich, nicht er, weil er zu feig war, sie raste ins Schlafzimmer, riss die Schränke auf, starrte die leeren Fächer an, sie sagte nichts, sah mich mit bodenlosem Blick an und knickte zusammen, ihre Beine wie Gummi, ich wollte sie halten, aber sie war zu schwer, viel zu schwer. Und ich, ich dachte nur, Ich bin hier das Kind, ich bin das Kind, und warum hilft mir keiner. Ich war 15 und von einer Bewegung zur anderen erwachsen.

Die Monate danach existieren nicht mehr, ich habe sie verloren im Chaos aus Geschrei, Türenschlagen, Tränen und der allabendlichen Frage meines 4jährigen Bruders, Wo ist Papa, singst du mir ein Gutenachtlied vor. Ich weinte nur, wenn keiner es sah, weil ich stark sein musste und belastbar, es war in den ersten Wochen kein Erwachsener mehr im Haus, und es war ein großes Haus. Zuerst war er zur besten Freundin meiner Mutter gezogen, mit der er eine Affäre hatte, seit ein paar Wochen, ihr Mann war tödlich verunglückt, unsere Familie ebenfalls. Der doppelte Verrat warf meine Mutter aus dem Gleichgewicht, mit einem Nervenzusammenbruch lag sie in einem weißen Bett, danach auf der Couch einer Therapeutin, die sie wieder zusammenflickte, langsam und ein bisschen anders als vorher. Ich muss das überstehen, sagte sie, Ich habe drei Kinder, die mich brauchen. Dann verschwand er, und wir wussten nicht, wo er war, wochenlang, es kam kein Geld mehr aufs Konto, im Wohnzimmer war das Dach undicht, als eine Nachricht aus Indien kam, er wäre dort bei einem Verkehrsunfall fast gestorben. Es begann eine Odyssee durch Krankenhäuser, bei der festgestellt wurde, dass er manisch-depressiv ist, manchmal saß er an unserem Küchentisch und weinte wie ein kleines Kind, sein Schluchzen tat mir weh wie Schläge in die Rippen.

Und dann wurden aus den Monaten Jahre, und wir versuchten, uns daran zu gewöhnen, dass wir zu den Zerrissenen gehörten, dass zu Weihnachten einer fehlte, dass meine Brüder und ich zwischen zwei Menschen standen, die sich einmal geliebt hatten, bevor das Leben ihnen ein Bein stellte, und von denen nun jeder in eine andere Richtung zog. Als ich 17 war, kam er eines Abends in mein Zimmer, Hast du Kondome für mich, fragte er, ich warf ihn raus. Eine Zeit lang sprach ich gar nicht mit ihm, dann nannte ich ihn nur beim Vornamen. Ich habe keinen Papa mehr, sagte ich, Mein Papa hat mich verlassen, diesen Mann kenne ich nicht, ich kann ihn nicht sehen. Du hast nur einen Vater, sagte meine Mutter, Überleg dir das gut, du hast nur einen einzigen. Dass sie so stark war, erschüttert mich. Wir müssen lernen, zu verzeihen, sagte sie, Wir schaden nur uns selbst, wenn wir ihn hassen. Aber ich wollte ihn hassen. Ich wollte, dass er litt dafür, was er getan hatte, wie ein Hund, nach dem ich treten konnte, wenn er schon am Boden lag, ich wollte es mit all meiner Wut. Manchmal, wenn er seine Medikamente nicht nahm, sagte er Dinge, die ich nicht verstand, die mich verletzten und verwirrten, er entschuldigte sich nie, er nahm es nicht wahr. Bitte, lass mich ihn hassen, sagte ich. Das darfst du nicht, sagte meine Mutter.
Meine Mutter hatte meinem Vater geholfen, eine Firma aufzubauen, hatte drei Kinder großgezogen und dabei sich selbst in den Hintergrund gestellt, sich nie verwirklicht, nicht gearbeitet, nicht geträumt. Als er sie verließ, fiel sie um. Aber sie stand wieder auf, für uns, für sie selbst, und ich bewundere sie dafür, ich danke ihr, weil sie uns gerettet hat, weil sie kein Opfer ist, weil sie sich keinen Stempel aufdrücken ließ, auf dem Verlassene Ehefrau stand.

Vielleicht ist es kein Wunder, dass es zwischen meinen Eltern zum Crash kam, denn als sie sich kennen lernten, war meine Mutter 15, mein Vater 17, und 3 Jahre später wurde ich geboren. Sie hatten nie jemand anders geküsst, geliebt, und nach 18 Jahren wurde das Gefühl, etwas verpasst zu haben, zu groß – zumindest für ihn, die männlichen Triebe sind vielleicht doch stärker, zu stark. Ich kann das Warum verstehen, ich kann es wirklich, aber ich kann das Wie nicht verzeihen, manchmal versuche ich es, aber dann erinnere ich mich daran, wie er mich stehen ließ, allein hinter der milchigen Wand, wie er mich fallen ließ, so tief, dass es manchmal heute noch dunkel ist.

In meinem Geldtascherl trage ich ein altes Familienfoto, die Ecken sind eingerissen, ich kann es nicht wegwerfen, vielleicht will ich das auch gar nicht. Ich kriege mein Leben auf die Reihe, sage ich, Obwohl meine Eltern geschieden sind. Ich mag den Freund meiner Mutter sehr, und ich versuche, nicht mit der Freundin meines Vaters zu diskutieren. Wir haben uns arrangiert, alle, meine Eltern können miteinander reden, manchmal feiern wir sogar alle zusammen Geburtstag, dann ist es so, als wären einfach ein paar Leute dazugekommen und als wäre niemand gegangen.
Auf meiner Stirn prangt ein Stempel, Scheidungskind steht darauf, aber die Buchstaben sind verwischt und blass, kaum jemand kann sie sehen, ich trage Stirnfransen darüber. Es ist ok, sage ich, ich kann damit leben. Ich muss.

Die Beziehung zwischen mir und ihm ist schwierig, manchmal möchte ich ihm Schmerz zufügen, einfach so, während wir beim Kaffee sitzen, manchmal schreibt er mir Mails, Alles wird gut, ich hab dich lieb, dann starre ich den Bildschirm an und fange an zu weinen. Es gibt da einen Mann, den ich kaum kenne, den ich kaum sehen kann, weil er so verschwommen ist, denn ich kaum hören kann, weil seine Stimme gedämpft ist. Aber in manchen Momenten, wenn er lacht und sich dabei über den Bart streicht, wenn er sich aufregt und ganz rot wird im Gesicht, sieht er dem Papa ähnlich, den ich mal hatte.

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39 Antworten

Kommentare

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    ich bn gerade dabei ein scheidungskind zu werden und verkrafte es kaum. es ist wirklich überhaupt nicht schön. ich habe es auch niedergeschrieben, weil ich sonst das gefühl habe, es implodiert in meinem kopf.
    ich kann dich nachempfinden.

    25.01.2011, 13:08 von over.the.rainbow
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      @over.the.rainbow Mein Eltern haben sich scheiden lassen als ich 21 Jahre alt war und ich fand das überhaupt nicht schlimm. Mein Gott! Mit über 20 hat man sein eigenes Leben ... Lasst Eure Eltern doch auch mal scheitern.

      Den Text habe ich nicht gelesen.

      25.01.2011, 13:26 von B.tina
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    wow.
    du schreibst genau das, was ich nicht in worte fassen kann.

    Aber in manchen Momenten, wenn er lacht und sich dabei über den Bart streicht, wenn er sich aufregt und ganz rot wird im Gesicht, sieht er dem Papa ähnlich, den ich mal hatte.

    grandios.

    12.05.2009, 15:46 von circaviolett
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    Schnupf...mal echt...da kommen mir die tränen....Ich hoffe sehr das du alles wieder hinbekommst. Ich weiß wie schwer es ist. Weil ich hab bald den Stempel auch auf meinem Gesicht prangen....Ist gut zu wissen das es mir nicht nur allein so geht. Großartig...

    15.11.2008, 14:17 von SunshineHasl
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    richtig gut, ich denke, du triffst damit den Nerv vieler Menschen...ich habe eine ähnliche Situation erlebt und deine geschichte hat mich so berührt, dass ich hier weinend vor dem pc sitze...Ich hoffe du bleibst weiterhin so stark und lässt dich nicht unterkriegen!

    08.04.2008, 16:25 von Knusperkeks44
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    ...kommt mir irgendwie bekannt vor... wirklich guter artikel.

    22.01.2008, 11:16 von nopfi
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    arme, arme Scheidungskinder....

    Schon mal überlegt, ob das Leben nicht noch viel schlimmer gewesen wäre, wenn sich diese beiden NICHT hätten scheiden lassen? Schon mal darüber nachgedacht, wie es ist, wenn sich die Eltern weigern die Tatsachen anzuerkennen? Wenn keiner diesen Schritt tut und aufsteht und geht? Wie es ist, wenn JEDEN GOTTVERDAMMTEN TAG gestritten, geschrieen und geheult wird? Wenn sich Erwachsene wie 5jährige benehmen und Zornausbrüche kriegen, Türen knallen ud Geschirr fliegt? Nie in Richtung der Kinder natürlich, die können ja nichts dafür. Aber wenn trotzdem jeden Tag diese Spannung in der Luft liegt?

    Ihr habt mein Mitleid, wenn ihr über diese Trennungssituation nicht verkraften konntet/ könnt. Aber nachvollziehen, nein, das kann ich ehrlich nicht.

    Aber tut doch nicht so, als ob es nicht schlimmer hätte kommen können. Wenn sich Eltern mal weigern, sich scheiden zu lassen, dann wirds komisch. Wenn einer behauptet, er liebt den andern und ihn dann als ignorantes egoistisches Arschloch bezeichnet, dann wirds hart. Und wenn diese Situation dann einfach für immer so ist, dann seit ihr in vielen Familien da draussen angekommen, wo niemand das Glück hatte den Stempel "Scheidungskind" abzubekommen. Viele würden für diesen Stempel alles tun.

    Denkt mal darüber nach.

    16.01.2008, 11:58 von engelchen_1980
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      @engelchen_1980 Meinst du etwa, Scheidungskinder bekommen all das Tarra nicht mit?

      Vor einer Scheidung gibt es auch sehr viel Zoff und die Phase, bis man sich trennt, kann meist Jahre dauern.

      12.05.2009, 19:43 von circaviolett
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    wirklich toll geschrieben und alles - find ich auch.
    meine eltern sind auch geschieden , aber ich hatte nie das gefühl, von einem der beiden alleine gelassen worden zu sein... es tut mir für dich leid, dass du deswegen soviel leiden musstest. ich kann das nicht nachvollziehen. ich seh in ihrer scheidung sogar viele vorteile, wie zum beispiel ein harmonisches beisammensein....
    wenn eine person für ihre fehler als argument "scheidungskind" verwendet, find ich das auch nicht gut und nicht gerechtfertigt - nur kenne ich so jemanden nicht.
    grüße

    13.01.2008, 20:25 von unpneu
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    wie recht du hast. meine mam hat auch meinem vater geholfen eine firma aufzubauen, hat alles fuer ihn getan. ich will nicht sagen, dass er nichts fuer uns getan hat. uns ist es nicht schlecht ergangen. meine eltern haben sich nach 33 jahren ehe scheiden lassen. meinem vater geht es gut, meiner mutter weniger. und meine schwester und ich stehen dazwischen. Auf Durchzug stellen und das eigene Leben so gut es geht hinbekommen. Viel Glueck wuensche ich dir.

    10.01.2008, 14:01 von KSE
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    Wow, wircklich gut geschriebener Artikel. Das kann ich gut nachempfinden.
    Meine Eltern haben sich scheiden lassen als ich 3 Jahre alt war. Danach hat sich mein Vater nie wieder gemeldet als ob er tot währe. Ich hab mir alles mögliche dann über ihn vorgestellt. Aber als ich 18 wurde hat er mich wegen dem Unterhalt verklagt und gewonnen. Das schlimme daran war, er hatte noch nicht einmal die Größe zum Gerichtstermin zu erscheinen.
    Später hab ich mit ihm telefoniert und er meinte nur es täte ihm Leid das er nie da war.
    Schade das es ihm nicht Leid tat als ich ihn als Vater gebraucht habe und er hat nur 10 min Autofahrt entfernt gewohnt wie ich dann mitbekommen habe.
    Deshalb denke ich weiß ich wie man sich fühlt wenn einen der Vater im Stich lässt.

    09.01.2008, 15:44 von ben85
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    Wow, einfach nur ein gigantisches Lob für diesen Artikel!
    Meine eigenen Kinder sind Trennungskinder und leiden sehr drunter. Und trotzdem kann ich es ihnen nicht ersparen.
    Einen Blick auf die andere Seite zu werfen tut unglaublich gut, denn nicht nur die Mütter, auch die Kinder müssen wieder aufstehen.

    08.01.2008, 13:30 von sowa74
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