AnnaEcke 24.05.2008, 17:09 Uhr 39 39

Der Marshmallowman

Ein Lehrkapitel aus vergangenen Zeiten

„Ich kann mich ja wohl schlecht auf die Straße stellen und ein Schild versehen mit ‚Bin neu in der Stadt und suche Freunde!’ hochhalten“, motze ich ins Telefon. Aus dem Hörer vernehme ich das belustigte Lachen meiner Freundin aus der alten Heimat. „Also wenn du DAS machst, dann bekommst’e auch ein Krönchen von mir!“

Unweigerlich muss ich an die Sternchensymbole denken, die es zu Grundschulzeiten unter besonders ordentliche Hausaufgaben gestempelt gab. Nur dass diese Sternchen mir damals tatsächlich einen Anreiz zu reinsten Schönschriftkrämpfen bieten konnten. Aber offensichtlich hat dieses symbolträchtige Belohnungssystem über die Jahre seinen Reiz eingebüßt. Somit verzichte ich auf eine mögliche Bekrönung und warte stattdessen lieber noch eine weitere kleine Ewigkeit darauf, dass mir dieser elende Anbieter endlich in meiner neuen Wohnung das Internet frei schaltet.

Sämtliche Ratschläge, die mir indes gut gemeint von Hinz und Kunz den Weg aus der Feierabendisolation ebnen sollen…

„Meld dich doch in einem Fitnessstudio an. Da lernst du ganz schnell Leute kennen!“
(Fitnessstudio? Ähh…NE!)

„Setz dich doch mal einfach abends in irgendeiner Kneipe an die Theke und lass dich anquatschen.“
(Alleine an `ner Theke hocken und auf Erlösung warten? Pühh…NE!)

„Mach doch einen Salsatanzkurs. Das bringt dich ganz leicht unter’s Volk.“
(Tanzkurs? Den hab ich schon mit 14 boykottiert. Und Salsa? Ich halte es nach wie vor mit „Das ist MEIN Tanzbereich und das ist DEIN Tanzbereich!“ Ich will nicht von wildfremden Kerlen, denen der Rhythmus südländisches Feuer aus dem Hintern gaukeln soll, taktlos angegrabbelt und beschweißt werden. Bähh…NE!)

… schlage ich trotzig in den Wind, um all meine kontaktfördernden Pläne unbeirrbar um das ersehnte Einloggen ins Netz ranken zu lassen. New-in-town.de und andere alberne „Hallo-ich-suche-neue-Freunde“-Seiten sollen mir gefälligst ihre proklamierte Rettung zuteil werden lassen und zwar exklusive sportlicher Blamagen, Tresenverrottung oder Schweißhandattacken auf meinen Hintern.

Als sich der Anbieter Wochen später endlich genehmt, das entsprechende Knöpfchen zu drücken, bin ich in meiner neu gewonnenen Onlinehaftigkeit mehr als bereit, der Fremde der neuen Stadt den Kampf anzusagen und begebe mich auf die Bekanntschaftsrecruiting-Mission, für die ich im „echten Leben“ anhand konstruierter Ausreden offenbar einfach nicht den Arsch in der Hose hatte.

Nun denn…ich hangele mich also enthusiastisch durch Anzeigen, Profile, Gesuche und Co. und komme schnell ins „Gespräch“. Mit Thomas. Aus dem Schwabenländle.

Aus dem Schwabenländle?! Ich hocke im tiefsten Rheinland, suche Leute, mit denen ich mehr oder weniger spontan ins Kino, in die Kneipe umme Ecke oder das Tanzbein schwingen gehen kann und quatsche mit Thomas aus dem tiefsten Schwabenländle?! Höchst unkonstruktiv in Anbetracht meiner Mission…aber auch höchst nett. Die Unterhaltung. Der Thomas…

Nach wenigen Wochen ist mir mein selbst auferlegter Missionsauftrag irgendwie abhanden gekommen. Kino-, Kneipen- und Tanzbeinwünsche sind vertagt - SO „nett“ ist der Thomas und SO verklärt hänge ich am PC und am Telefon, lese und lausche illusionsgeschwollenen Zeilen und Worten und werfe meinen gesamten zynischen Realismus, der mir mit Sätzen a la „Na klaaar…Traummann über’s Internet!“ den Nacken hoch kriechen will, um mir genervt den Vogel zu zeigen, entzückt über Board.

Nach etlichen rosaroten Säuseltraumnächten visieren wir das unumgängliche Kennenlerntreffen an. Meine offen ausgesprochenen Zweifel - „Vielleicht stehen wir dann voreinander und finden uns absolut fürchterlich…“ – werden von Thomas mit einem gnadenlos optimistischen „Quatsch. Wir werden uns super finden!“ quittiert und ich beschließe, dem mir meist doch eher fremden Optimismus ausnahmsweise mal ein Gästebett in meinem Köpfchen anzubieten.

Mit „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ und „Wenn schon, denn schon“ als naive Rechtfertigungen im Schlepptau bereite ich mich voller Euphorie nahezu akribisch auf seinen Besuch vor. Ich renne freudig zum Friseur, kaufe übermütig neue Dessous, bügele völlig überspannt sogar meine Bettwäsche, putze die Wohnung als hätte er meine Schwiegermutter in spe im Gepäck, quäle mich mit Bimsstein, Nagelfeile, Peeling und Körperöl und jage mein Auto durch die Waschanlage.

Wie vereinbart stehe ich dann mit reichlich Herzklopfen pünktlich vor der Tankstelle am Nachbarstadt-Kreisel. Seine Fahrgemeinschaft will ihn dort absetzen und somit warte ich. Und warte…und warte. Mein Handy piepst mir eine sms entgegen: „Ich bin da! Wo bist du?“

Hä? Ich drehe mich mehrfach um meine eigene Achse, lasse meinen Blick über jede Person an der Tankstelle schweifen und kann ihn nicht entdecken. Etwas ratlos glotze ich kurz in die Ferne als sich die zweite – gegenüberliegende – Tankstelle in mein Blickfeld und in mein Bewusstsein drängt. Ah…alles klar…falsche Tanke…hätte ich auch eher drauf kommen können…aber die Aufregung…

Zack…ins Auto gesprungen…in den Kreisel…rüber zur anderen Tankstelle…so…wo ist er?

Da!

Nein!

Bitte nicht!

Das kann er NICHT sein!

NEINNEINEIN!

Oh doch…das IST er. Er winkt.

Ein plötzlicher Impuls macht sich in mir breit. Für eine kurze Sekunde überlege ich, einfach an ihm vorbei zu düsen. Bloß weg. Ganz schnell. Ab nach Hause. Kein Blick zurück…und so tun als wäre nieee was gewesen…

Er winkt und winkt, strahlt wie ein Honigkuchenpferd und es würde mich nicht überraschen, wenn er jeden Moment wie ein Flummi aufgeregt auf und ab hopsen würde.
Der nächste Impuls brüllt mir „Sei kein Arschloch! Wegfahren macht man nicht!“ ins Gewissen und während ich noch denke „Ja, stimmt. Aber man stellt auch kein Foto von sich online und sieht dann SO aus!!!“ halte ich an und steige brav aus.

Und tatsächlich: jetzt hopst er! Er kommt flummigleich auf mich zu gehopst, meine Gehirnaktivität beschränkt sich auf ein kaugummizähes Zeitlupentempo (H – I – L – F – E !) und ehe ich mich versehe hat er mich gepackt, drückt und herzt mich, schleimt ein „Du bist so schön“ in mein Ohr und schunkelt uns seicht von rechts nach links nach rechts nach links…

Mein Gehirn schnarcht noch immer geschockt vor sich hin, aber trotzdem gelingt es mir, mich ruckartig aus seiner Umarmung zu winden und ein „Äh…pass mal auf…egal was wir geschrieben oder am Telefon gesagt haben…äh…für mich bist du gerade ein Wildfremder…äh…und…äh…ich kann das nicht haben, wenn mich Wildfremde so…äh… angrabschen!“ zu stottern.

Im zähen Geiste füge ich hinzu „Da hätte ich auch gleich den bescheuerten Salsakurs belegen können!“

Er lässt die Arme, nicht aber die Mundwinkel sinken, plappert fröhlich drauf los und sieht aus als würde er jeden Moment wieder loshopsen…was das optische Gesamtübel, das mir da entgegen strahlt, allerdings auch nicht mehr beträchtlich verschlimmern könnte.

Seine unglaubliche Schwabbelmasse steckt in Pseudo-Hip-Hop-Klamotten, die aussehen als wäre Mutti mit einem Neunjährigen in der Karstadtkinderabteilung Shoppen gegangen. Auf dem schweissigen Shirtkragen thront ein fleckiger, pickeliger Erbsenkopf mit klitzekleinen Schweineäuglein. Seine Wulstfinger fummeln nervös an der Dreivierteljeans mit albernen Sprayer-Emblemen und ausgefransten Nähten herum, die seine ohnehin schon absolut obskuren Proportionen noch verwachsener erscheinen lässt. Seine Füße stecken in weißen Turnschuh-U-Booten, mit denen man aufgrund ihres geschätzten Gewichts sicherlich Morde begehen könnte, wenn man grad keinen Ziegelstein zur Hand hat.

Er sieht aus wie ein mutierter Flummi, wie eine verkleidete Boje, wie das Michelin Männchen…

NEIN!

Sämtliche Assoziationen sind mit einem Mal wie weggeblasen und vor meinem inneren Auge flackert und blinkt in grellen Kirmeskarussell-Lettern:

*****MARSHMALLOWMAN*****

Als ich wieder Luft bekomme, quetsche ich „Na, dann lass uns mal fahren“ aus mir heraus, während gleichzeitig ein stoisches OGOTTOGOTTOGOTT durch meine Hirnmasse wabert. Schwankend geht er auf den Wagen zu - die Bojenassoziation blitzt noch einmal kurz auf - und schmeißt seine Reisetasche auf meinen Rücksitz - deren Umfang mich schmerzlich daran denken lässt, dass wir heute Freitag haben und er sich laut Ursprungsplan erst für Sonntagabend eine Mitfahrgelegenheit gebucht hat (Freitag, Samstag, Sonntag… OGOTTOGOTTOGOTT) - und lässt sich feist grinsend auf den Beifahrersitz plumpsen.

Während der zwanzigminütigen Fahrt zu meiner Wohnung lahmt mein Sprachzentrum zwar weiter unter Schock vor sich hin, jedoch kehrt glücklicherweise eine gewisse Gehirnaktivität zurück. Es gelingt mir, sein Gebrabbel weitgehend auszublenden, während ich mir unter der Leitfrage „WIE WERDE ICH DEN SCHNELLSTMÖGLICH WIEDER LOS???“ den Kopf zermatere. Meine Masterplanung wird jäh unterbrochen als ich seine Patschehand auf meinem sommerlich unbedeckten Arm spüre. Er lässt seine Wurstfingerspitzen marshmallowzärtlich über meine Haut gleiten. Wie durch einen Tunnelblick nehme ich „Hand auf Arm“ wahr, sämtliche Alarmglocken schrillen und aus meinem Mund drückt sich ein automatisches „Lass das, bitte!“

Verbindlichster Dank ans Sprachzentrum!

Er zieht die Hand zurück, wendet aber seine starrenden Schweineäuglein nicht auch nur für eine Sekunde von mir ab und säuselt ein erneutes „Du bist sooo schöööön!“ heraus. Ich unterdrücke einen Urschrei und zwinge mich, meine gesamte Konzentration und Energie ausschließlich dem Straßenverkehr und dem dringend notwendigen Masterplan zu widmen.

Immer wieder führe ich mir im Geiste das Foto, das ich von ihm aus dem Netz kenne, vor Augen. Immer wieder lasse ich Gesprächsfetzen und Mailauszüge Revue passieren. Und immer wieder komme ich zu dem Schluss, dass der Mann, mit dem ich in den letzten Wochen so „netten“ Kontakt gehabt habe, aber auch rein gar nichts mit den Ghostbusters und auch rein gar nichts mit einer wandelnden Schleimbombe gemeinsam hatte. Verdammt noch mal! Den haben’se doch unterwegs ausgetauscht! Ich bin mit einem charmanten, geistreichen, humorvollen und attraktiven Teddybärtypen verabredet! Wo zur Hölle ist der, bitte???

Ich parke in meiner Straße. Der Frust hat die Masterplangedanken unterwegs vollkommen verdrängt und mein Sprachzentrum scheint immer noch blockiert. Fortschrittshalber ist jedoch zu verzeichnen, dass die Worte MARSHMALLOWMAN und OGOTTOGOTTOGOTT mittlerweile im schönsten Rhythmus abwechselnd kirmesgerecht in meinem Kopf blinken. Bis zu meiner Wohnung haben wir noch ein paar Meter vor uns, die ich vollkommen schweigend und er ununterbrochen schleimbrabbelnd hinter uns bringen. Langsam drängt sich mir die Frage auf, warum es dem Marshmallowman nicht aufzufallen scheint, dass ich mich im Gegensatz zu ihm NICHT in einem Zustand völliger Verzückung befinde…

Immer noch mit dieser Frage beschäftigt schließe ich meine Wohnungstür auf und er startet eine beschwingte Flummitour durch mein Wohnzimmer. Irgendwas stimmt mit seinen Armen nicht. Sie scheinen mir insgesamt zu kurz und sie stehen pikiert abgespreizten kleinen Fingern ähnlich vom schwankenden Restkörper ab. Ich überlege, ob sich diese Armhaltung praktisch zwangsläufig ergeben muss, wenn sich der Schwenkkörper ein Gleichgewicht bewahren will.

Ich beobachte irritiert wie er seine Fußmordwaffen auszieht, seine Schmuddelsocken abstreift und sich im Schneidersitz auf meinem schneeweißen Sofa breit macht. In seinen Zehenzwischenräumen kleben braune Sockenfussel, auf seinen Zehen wachsen nicht ein paar Haare, sondern ganze Büschel und ja…ich habe es genau gesehen…beide Füße zieren sich mit einem dezenten Schweißfilm. Ich erinnere mich noch dunkel, dass ich extra für seinen Besuch die Sofabezüge gewaschen und ellenlang mit der Fusselbürste bearbeitet hatte, um auch ja jedes einzelne Katzenhaar zu entfernen…und nun schmiert der Kerl doch tatsächlich seine schmuddeligen Schweißquanten an dem strahlenden Stöffchen ab.

Dankbar kann er sein, dass mein Sprachzentrum nach wie vor alles andere als intakt ist.

Ich lasse mich vor ihm auf dem Teppich nieder, auch wenn ich noch fünf Mal neben ihn auf das Sofa gepasst hätte.

Er brabbelt und säuselt, säuselt und brabbelt und ich gebe mir währenddessen die allergrößte Mühe, endlich diesen Masterplan auf die Reihe zu bekommen. Alles, was mir in den Sinn kommt, ist: „Hör mal, ich möchte, dass du heute noch nach Hause fährst, weil du ein mieser Betrüger bist und wie der Marshmallowman aussiehst.“ Aber selbst in abgemildeter Form erscheint mir eine entsprechende Aussage einfach zu hart, zu gemein, zu kalt.

Mein Leben lang hab ich mir tatsächlich etwas darauf eingebildet, dass ich mich in ach so tolle innere Werte verlieben kann, dass mich etwaige Schönlinge völlig kalt lassen, dass ich an die Optik eines Mannes – über ein gewisses Maß an Gepflegtheit hinaus – keine besonderen Ansprüche stelle. Während ich zu Thomas Füßen hocke, die ich mittlerweile eindeutig als Hobbitmauken identifiziert habe, wird mir jedoch glasklar, dass dieser angeblich nicht vorhandene Anspruch an das Aussehen von Männern auch für mich nur bis zu einem gewissen Grad gilt. Trotzdem will ich auf Teufel komm raus niemandem sagen müssen, dass ich angesichts eines Marshmellowklons auf sämtliche inneren Werte scheiße.

Es reißt mich aus meinem kleinen Erkenntnismoment, als er mit der flachen Hand neben sich auf das Sofa klopft. Ich runzle die Stirn und gebe vor, den Wink mit dem Zaunpfahl nicht verstanden zu haben. Er klopft abermals, strahlt mich an und nickt mir aufmunternd zu. Als ich mich trotzdem nicht vom Fleck rühre, lässt er sich zu einem lautstarken „Ich will dich spüren!“ hinreißen.

Wie tumb kann man bitte sein? Ich habe bislang keine fünf Sätze mit ihm gewechselt und er glaubt tatsächlich, dass ich auf das Sofa gehopst komme, weil er mich SPÜREN will?!

Mir reißt der Geduldsfaden, mein Sprachzentrum hat sich erholt und ohne Masterplan im Hinterkopf sage ich: „Pass mal auf, wir haben jetzt ein Problem. Ich finde dich körperlich einfach nicht attraktiv.“

So. Es ist raus. Gehirn und Sprache haben glücklicherweise erfolgreich zusammen gearbeitet und Sätze wie „Du siehst einfach zu scheiße aus!“ oder „Ich fand Ghostbusters schon immer ätzend!“ ausgespart.

Thomas springt auf, tappst an mir vorbei, reißt die Balkontür auf und tritt nach draußen. Ich sinke auf dem Boden nach vorne und vergrabe meine Stirn im Teppich.

Als ich laute, filmreife Schluchzer vom Balkon vernehme, knipst sich wieder das OGOTTOGOTTOGOTT-Kirmeslichtchen in meinem Kopf an. Er schluchzt als wäre jemand gestorben, als würde die Welt untergehen, als…puh…keine Ahnung…ich grabe meine Stirn tiefer in den Teppich und fühle mich wie der Megaarsch des Jahres.

„Ich war mir sooo sicher“ schallt es vom Balkon hinein. „Ich was mir sooo sicher, dass duuuuhuuuhuuu aaaahhhannders bist als alle anderen.“

Äh…also sicher war ICH mir nicht…der Optimismus hat nur ein ausklappbares Gästebett zur Verfügung gestellt bekommen und das ist auch ganz schnell wieder abgebaut.

Ich lasse ihn weinen, schluchzen, stammeln und gelobe, dass ich mich noch am gleichen Tag alleine an eine Kneipentheke setzen werde, nachdem ich mich vorab natürlich in einem Fitnessstudio und zu einem Salsakurs angemeldet haben werde…wenn sich Marshmallowman nur bitte einfach in Luft auflösen möge.

Während ich still vor mich hin gelobe, tritt Thomas geräuschlos hinter mich. Er legt seine Hand vorsichtig auf meinen Nacken – der Schock hält sich diesmal in Grenzen, schließlich hab ich Megaarsch ja die Fronten geklärt – und spricht: „Ich habe einen tollen Vorschlag! Ich setze mich jetzt wieder aufs Sofa und erzähle dir was. Du schließt dabei die Augen und wirst spüren, dass ich genau der bin, den du am Telefon mochtest. Vielleicht können wir die Barriere ja so überwinden!?“

Ähhh…

(jetzt blinken MARSHMALLOWMAN, OGOTTOGOTTOGOTT und
H – I – L – F - E hektisch im Viervierteltakt!)

„NEIN!!!“

„Wie nein?!“

„Nein heisst: Weder so noch irgendwie anders werden wir diese Barriere überwinden.“

Rückzug auf den Balkon und Leidgesänge - die Zweite.

Irgendwann hat sich sein Gemüt wieder halbwegs beruhigt. Thomas verlässt den Balkon, leider ohne sich in Luft aufzulösen, und nimmt wieder auf dem Sofa Platz. Erzählungen von früheren Lieben, die seiner Ansicht nach allesamt aufgrund seines Aussehens vereitelt wurden noch ehe sie sich entfalten konnten, sprudeln aus ihm heraus und ich werde eingereiht in die Endlosschleife grausamer Frauenherzen, die ihm und all seinen Qualitäten einfach keine Chance einräumen wollen.

Ich bin ehrlich betroffen, fühle mich immer noch wie der Megaarsch des Jahres, er tut mir aufrichtig leid und trotzdem: Nein! Keine Chance! Ich will nur noch, dass der Abend endlich sein Ende findet. Immer wieder webt er in seine Geschichten kleine, verzweifelte Annährungsversuche ein, immer wieder schüttele ich den Kopf, halte mit einem „NEIN!“ dagegen und die körperliche Distanz bedacht aufrecht.

Es ist mitten in der Nacht und ich bringe es nicht über mich, ihm schlicht den Weg zur Tür zu weisen. Er habe kein Geld, er könne sich kein Hotel leisten, er wisse nicht wohin, es sei doch schon so spät…jajaja…mit der Mitleidsmasche bekommt man wohl oder übel wohl eine Nacht auf meinem Sofa. Aber ohne mich!

Also baue ich mich vor ihm auf, hole tief Luft und lasse streng meine Übernachtungsanweisung verlauten: „Du Sofa. Ich Bett.“

Er nickt.

„Prima, hat er also verstanden“, denke ich mir.

„Kann ich nicht doch bei dir im Bett schlafen? Ich fass dich auch nicht an! Versprochen! Ich will dich nur angucken dürfen.“

Ich höre mich hysterisch lachen. Mir wird ganz schlecht. OGOTTOGOTTOGOTT…

„Hömma, entweder du bleibst hier schön auf dem Sofa – und zwar die ganze Nacht – oder du spazierst hier jetzt zackig zur Tür raus.“

Das hat gesessen. Jetzt hat er verstanden.

Ich bringe ihm Kissen und Decke, wünsche eine gute Nacht und verkrümle mich in mein Schlafzimmer, um dort den hochgeschlossensten, unmöglichsten Schlafanzug, den ich dank eines Omi-Weihnachtsgeschenks mein Eigen nennen muss, aus den Untiefen meines Kleiderschranks zu zerren, packe mich darin ein und lege mich ins Bett, Bettdecke hochgezogen bis unters Kinn wie in einem schlechten Gruselfilmchen. Die Tür habe ich offen gelassen, damit ich mir einbilden kann, dass ich seine Schritte auf der Treppe zum Schlafzimmer dann besser höre, um rechtzeitig in Deckung gehen zu können. Oder so.

Die Nacht schleppt sich voran, ich bekomme höchstens ein, keinen Falls zwei Augen zu und rechne damit, dass er jeden Moment im Türrahmen stehen könnte, um mich freakig anzustarren. Während ich vor mich hindämmere, weiß ich, dass ich eines Tages über die ganze Chose werde lachen können. Aber eines Tages ist noch meilenweit entfernt. Bis dahin bleibt mir noch genug Zeit, um mir so oft ordentlich auf den Hinterkopf zu hauen, dass ich nie wieder auch nur ansatzweise auf die Idee kommen kann, mir jemals wieder irgendeinen wildfremden Kerl aus dem Internet zu fischen, um ihn gleich völlig verblendet für ein ganzes Wochenende in meiner Wohnung einzuquartieren. „Das ist SO doof, das kannst’e gar keinem erzählen“, schießt es mir durch den Kopf und angesichts der illusionsgeschwollenen Säuseltraumnächte der letzten Wochen schäme ich mich doch glatt vor mir selbst.

Im Morgengrauen höre ich, dass er meinen PC hochfährt. Im ersten Moment will ich aufspringen, nach unten rennen und „Finger weg!“ brüllen, dann aber kommt mir der Gedanke, dass er möglicherweise das einzig Richtige tun könnte. Ich reiße mich zusammen und drücke beide Daumen.

Etwas später telefoniert er. Es geht um irgendeinen Treffpunkt, eine Uhrzeit. Meine Daumen können sich wieder entspannen. Er organisiert sich eine neue Mitfahrgelegenheit

D – A – N – K – E !!

Kurz darauf höre ich die Wohnungstür ins Schloss fallen. Er ist weg. Ohne ein Wort. Aber was hätte es auch noch groß zu sagen gegeben?

Ich springe aus dem Bett, schmeiße Bettzeug und Sofabezüge in die Waschmaschine, lasse mich auf den erstbesten Stuhl fallen, fühle mich in Anbetracht meiner eigenen naiven, verstrahlten Blödheit immer noch höchst peinlich berührt, wünschte, ich hätte mich einfach mit so einem dämlichen Zettel an die Straße gestellt und freue mich auf den Rest des Wochenendes. In schönster Isolation.

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    Also, das ist echt kacke..von dem Typ. So wie ich das verstanden habe, hatte der dir doch ´nen Foto gezeigt oder? Dann war das "in echt" so´n Schmuddel? Ganz ehrlich, wenn er mich so verarscht hätte, hätte ich den Typ direkt angefotzt. Was soll das denn auch. Bah!

    Da bin ich auch froh, dass es bei mir anders verlaufen ist. Puh.

    Übrigens - bei den Schweißfüßen hab´ ich eine Ekelgänsehaut bekommen. Ist ja mal sau widerlich.

    27.08.2009, 20:34 von UllaRulla
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    Grandios!

    13.05.2009, 01:02 von cell44
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    Nachtrag zum Wochenende: Hab sehr gelacht und hoffe trotzdem jetzt keine Griebe zu bekommen. :D

    16.03.2009, 17:06 von T-A
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    G E N I A L ! ! ! !

    ich bin begeistert und erkenne mich wieder. fantastisch, das hätte mir genauso passieren können. :D
    ey, und aus dem schwabenländle .. hatte der noch so einen fiesen dialekt?? oO

    19.11.2008, 10:09 von la_lionne
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    waaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaahhhhhhhh. geil beschrieben!!

    21.10.2008, 17:31 von Aloisia
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    Das kommt mir recht gut bekannt vor, auch wenn es mich bisher zum Glück nicht so schlimm getroffen hat. Eine solche Annäherung wär mir beim ersten Treffen auch zuwider. Und bei mir war es zum Glück nur zu einem Treffen auf "neutralem" Ort. Gerade wenn mehr als "nur" Freundschaft in Betracht gezogen wird, ist das denke ich auch ein Muss, weil man vor Ort nunmal neben dem realen Erscheinungsbild auch einige andere Eindrücke wie Auftreten, Verhalten, Ausstrahlung der Person bekommt. Und außerhalb der privaten vier Wände kann im Normalfall ein gewisser Abstand einigermaßen gewahrt werden.

    Ich bin schon ziemlich flexibel, aber wie Larinuxa so schön geschrieben hat, irgendetwas muss einen schon ansprechen. Und bei einem Partner ist der Mindestgrad der Attraktivität schon ein wenig höher als bei einem Freund.

    Und mittlerweile weiß ich auch, dass man sich anhand EINES Bildes kein allzu genaues Bild einer Person machen darf. Aber von dieser einen Bekanntschaft abgesehen gab es bisher keine bösen Überraschungen in dieser Hinsicht, eher im Gegenteil :) Leider hats charaktermäßig nie gepasst, aber das kann einem auch "im Fitnessstudio" passieren, wo man die Person direkt so sieht, wie sie wirklich ist.

    20.10.2008, 13:33 von DesolateMan
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      @[Benutzer gelöscht] harrharr

      19.10.2008, 13:49 von MisterGambit
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    super wunderschön, musste mich zwischendrin super lachen. liegt wohl daran das ich mal ähnliche erfahrungen gemacht habe ;) natürlich sollte man nicht oberflächlich sein, aber etwas sollte einem schon an einem menschen ansprechen... köstliche story bitte mehr davon :)

    17.10.2008, 12:45 von Larinuxa
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    krönchen.

    06.10.2008, 15:45 von sophietrauer
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