Mr_Shankly 27.11.2006, 23:34 Uhr 41 41

Der letzte Anruf

Angespannt, nervös, fast ängstlich. Nie zuvor habe ich mich so gefühlt, wenn ich Dich anrief. Niemals zuvor in den 8 Jahren unserer Freundschaft.

„Hallo?“ Du scheinst überrascht, meine Stimme zu hören. Überrascht, nach so vielen Monaten wieder von mir zu hören. Überrascht, dass ich an Deinen Geburtstag gedacht habe. Du klingst weit entfernt, viel weiter als die 800km, die uns trennen.

Ich frage Dich, wie es Dir geht. Früher haben wir einander nie gefragt, wie es uns geht. Schon am Klang des ersten Wortes des ersten Satzes erkannten wir, wie der andere sich fühlte. Jetzt kann ich es nicht mehr spüren. Und Du verrätst es mir auch nicht, sondern antwortest mit einer Gegenfrage und wickelst mich ein in Phrasen und Plattitüden.

Minuten vergehen. Wir reden über die Arbeit, Deine neue Wohnung, gemeinsame Bekannte. Doch alles klingt grau, ohne Herzblut, ohne Witz, ohne Magie. Dieses Gespräch könnte ich mit jedem beliebigen flüchtigen Bekannten führen. Ich spüre, wie die Pausen länger, die Themen immer banaler werden.

Ich weiß, dass ich es jetzt sagen oder mich von Dir verabschieden muss. Verabschieden von unserer Freundschaft. Einem Rad, das sich immer langsamer dreht, bis es schließlich mit einem leisen Ächzen zum Stillstand kommt.

Und so sage ich, wie sehr ich Dich vermisse. Und ich spüre zum ersten Mal die bekannte, geliebte Wärme in Deiner Stimme. Du sagst, dass es nicht an mir liegt. Du redest über Deine langen Arbeitszeiten und wie wenig Zeit Du mit Deinem Freund hast. Und dass Freundschaften natürlich noch mehr darunter leiden, wenn schon nicht genug Zeit für die Beziehung ist. Ich gebe Dir recht, obwohl ich nicht weiß, ob Du recht hast. Ich weiß nicht mal mehr, ob Du mir die Wahrheit sagst, oder wenigstens eine humane Variante der Wahrheit.

Es bringt nichts, um eine Freundschaft zu betteln, und so sage ich, dass Du Dich jederzeit melden kannst, wenn Du wieder mehr Zeit haben solltest. Und dass ich nicht sauer bin. Das bin ich auch wirklich nicht. Ich bin enttäuscht und traurig, aber das zu sagen, würde auch nichts ändern.

Du willst mir ein Bild von Dir und Deinem Freund per Email schicken, damit ich auch endlich weiß, wie er aussieht. Ja, das wäre nett, antworte ich. Und wir verabschieden uns.

Keiner von uns beiden sagt „bis bald“...

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Kommentare

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    Ich kenne das gut und bin leider auch die Seite, die sich mit Ausreden versucht die Sache schön zu reden.. ich habe mich mit ihm (meinem damaligen besten Freund) auseinander gelebt. Jetzt trennen uns 650 km und die wenige Freizeit die man hat. Wir leben in komplett unterschiedlichen Welten und es ist einfach schwer eine Freundschaft mit der Wärme und Geborgenheit über die Distanz aufrecht zu erhalten.. ich musste weinen bei deinem Text, weil ich glaube es geht meinem "Freund" genau wie dir.. ich melde mich bei ihm und werde mich mit ihm treffen..

    11.03.2008, 13:12 von diedanne
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    sehr schön und sehr traurig.

    01.03.2008, 17:33 von kleinerspinner
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    traurig.

    momentan habe ich manchmal das gefühl, dass einige meiner freunschaften sich nun verlieren werden.... ich habe angst davor, aber ich weiß auch, dass ich zu den leuten, die mir am wichtigsten sind, den kontakt nicht verlieren werde...... hoff ich.

    19.10.2007, 17:49 von Allotria
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    Gemein, sag ihr das du ihr blödes Bild von ihr und ihrem Freund nicht willst. Frauen denken manchmal, wenn sie ihre alte Liebe die immer noch an ihr hängt, mit in ihr neues Leben nimmt wäre das vielleicht leichter für diese (in dem Fall DU). Man, man, man, und da sagt mal einer Männer sind Trampel.
    Schön geschrieben.

    21.09.2007, 00:34 von Frenzi
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    ach scheiße...ich hasse es wenn freundschaften auseinander brechen und man sich irgendwie nichts mehr zu sagen hat...kenne das...:(
    sehr, sehr schön geschrieben....

    29.06.2007, 12:32 von Alatariel
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    Ich gehe seit Oktober durch so eine Phase mit einer (eigentlich) sehr guten Freundin. Sie wohnt sogar auf dem gleichen Gang im Wohnheim. Die letzten drei Jahre standen wir und ständig näher, jetzt ist sie nur noch eifersüchtig, dass ich bessere Noten habe als sie. Reden hilft nicht, und leider bin ich inzwischen nicht mehr bereit, immer die einzige zu sein, die etwas für diese Freundschaft tut.

    Hoffentlich ist es nur eine Phase...

    Euch beiden alles Gute, vielleicht braucht Ihr nur eine Auszeit?

    15.05.2007, 12:23 von Principessa
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    traurig und enttäuscht sind die richtigen worte...
    ...und sie sind viel bedeutender als sauer oder wüttend zu sein....
    Manchmal muss man sich in leben von Dingen verabschieden, um neues anzufangen...dafür braucht man Kraft, die wünsch ich Dir!
    LG

    26.04.2007, 12:27 von die.janine
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    freunde zu verlieren ist wie liebeskummer. nur irgendwie schlimmer. länger. und man versteht es nicht, dass man so fühlt wie liebeskummer. aber das schöne ist, dass freundschaften auch nach jahren nochmal aufleben können...

    23.04.2007, 21:26 von homeless
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    aber die hoffnung stirbt zuletzt...

    das gefühl kenne ich grade zu gut - keine zeit mehr und die beziehung geht natürlich vor.. ob ich das verstehe? natürlich.. wollen wir in ein oder zwei monaten nochmal versuchen zu reden? in zwei, ok..

    04.02.2007, 15:02 von _Nuria_
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