Der Junge mit dem Topf
Wer am Wochenende vor zehn Uhr an der Tür klingelt sucht entweder Stunk oder ist Postbote.
Ich öffne die Türe, während ich versuche das Loch für den Kopf im T-Shirt zu finden.
"Ja?"
"Ehm, ent-." Er stammelt und hat einen Topf unter dem rechten Arm. "Kannst du mir ein bisschen Zucker leihen?"
"Warum?" Dumme Frage eigentlich.
Er senkt seinen Blick und spielt nervös am Griff des Topfes.
"Ich... ich hab' gestern nicht daran gedacht. Beim Einkaufen. Gestern."
Ich nicke, verdrehe die Augen und laufe den Flur entlang in die Küche.
"Reicht dir 'ne Tasse voll?", frage ich und bekomme keine Antwort.
"Hallo?!"
"Ja?"
"Reicht dir 'ne Tasse Zucker?"
"Ja."
Als ich zurück an die Tür gehe, steht er mit dem Topf auf dem Kopf vor mir und schaut noch immer auf den Boden. Und ich dachte immer, die Bekloppten würden in ihren Heimen wohnen. Ich reiche ihm die Tasse.
"Danke", sagt er und geht, ohne mich nochmal anzusehen.
"Die Tasse will ich aber wieder haben. Klar?", rufe ich ihm hinterher, als er die Treppe nach unten steigt.
Das war's dann mit Ausschlafen.
Ich stelle die Kanne auf die Herdplatte und fülle eine Schüssel mit Cornflakes. Meinen Rücken an die Wand gelehnt sitze ich auf dem Boden in der Küche, frühstücke und lese die Zeitung von gestern.
Es klingelt wieder und er steht zum zweiten Mal vor der Tür.
"Deine Tasse."
"Ja, danke", antworte ich ihm, etwas zu pampig vielleicht, schließe die Tür und will zurück in die Küche.
Es klingelt wieder, und es beginnt mich zu nerven.
"Was?"
"Ich... ich wollte fragen..."
"Was?"
"Ob du mit mir frühstücken willst?"
"Warum sollte ich?"
"Weil du sonst alleine frühstücken musst, und ich auch." Plausibles Argument.
"Gibst du dann Ruhe?"
"Ich bin doch ruhig."
Ich ziehe meine Jogginghose an, die neben meinem Bett liegt und folge ihm.
Ein bisschen komisch fühle ich mich. Ich war noch nie bei einem Bekloppten. So wie er aussieht, erwarten mich wahrscheinlich Disneyposter oder eine Wohnung voller ausgestopfter Tiere. Irgendsowas in der Art.
Seine Tür steht offen und er bittet mich auch nicht sie zu schließen, als ich hinter ihm in die Küche gehe. Seine Wände sind in Pastelfarben gestrichen. Der Flur in Beige, die Küche in Orange mit weißen und grauen Akzenten.
Er nimmt Geschirr und Besteck vom Hängeregal, wobei er den Kopf soweit nach hinten legt, dass der Topf fast runterfällt, und stellt es auf einen runden, kniehohen Tisch.
"Magst du Tee?"
Ich nicke, obwohl mir Kaffee lieber wäre. Doch ich sehe keine Kaffeemaschine oder Espressokanne. Tee muss also genügen.
"Pfefferminz- oder Früchtetee?"
"Pfefferminz", antworte ich und er lächelt.
"Den mag ich auch am liebsten."
Die Sitzkissen sind bequem, und ich wackle ein wenig mit der Hüfte. Hat was von Schlittenfahren, auf PVC.
Kirschmarmelade, Knäckebrot, Honig, Butter und eine halbausgedrückte Tube auf der eine Krabbe abgebildet ist stehen vor mir. Ich nehme mir zwei Scheiben und beschmiere sie mit reichlich Marmelade.
"Was ist das in der Tube?", frage ich ihn und ein paar Krümmel fallen mir auf die Hose.
"Krabbenpaste. Die ist total gut."
Tödlich kann sie nicht sein. Er hat scheinbar auch schon davon gegessen und lebt noch.
"Die schmeckt ja wirklich."
"Sag ich doch."
Er lächelt und vorsichtig nimmt er den Topf ab und stellt ihn neben sich.
"Darf ich hier rauchen?"
Er steht auf und gibt mir eine Untertasse in die Hand.
"Im Flur darf man das."
Ich sitze, mit meiner Tasse Tee unter dem Fenster und drehe mir eine Zigarette. Ich höre wie er das Geschirr in das Spülbecken stellt. Mit den beiden Sitzkissen in der einen und seinem Topf in der andere Hand kommt er zu mir und setzt sich mir gegenüber.
"Rauchst du viel?"
"Weiß nich'. Eine Packung Tabak die Woche. Keine Ahnung ob das viel ist."
"Für mich ist das viel. Hmm. Darf ich dich fragen, wie du heißt?"
"Ole."
"Ole. Ole Hallonkvist", sagt er und lächelt wieder.
"Akzeptabler Name?"
"Ja, akzeptabel."
"Wie heißt du?"
"Patrik. Patrik Sundberg."
Ich reiche ihm die Hand.
"Hej Patrik."
"Hej Ole."
Wir schweigen und ich sehe mich um. Drei Leinwände mit bunten Farben hängen an den Wänden. Als er merkt, dass ich die Bilder betrachte beginnt er an dem Topf rumzuspielen.
"Die sind gut. Von wem sind die?", frage ich, während ich die Zigarette ausdrücke.
Er grinst und zieht die Hand vom Topf weg.
"Von mir."
"Du malst?"
"Manchmal."
"Du hast echt Talent."
"Magst du eins haben?"
"So war das nicht gemeint."
"Was war wie nicht gemeint?"
"Ich wollt' mir mit dem Kompliment keins deiner Bilder erschnorren. Ich wollt' dir nur einfach ein Kompliment machen. Dafür musst du mir nichts schenken, oder so."
"Du bist komisch."
Sagt der mit dem Topf, ist klar.
Wir schweigen wieder und ich drehe mir eine weitere Zigarette.
"Darf ich dich jetzt was fragen, Patrik?"
"Natürlich."
"Warum hast du mich zum Frühstück eingeladen? Ich war ja nicht unbedingt nett zu dir."
"Du hast mir Zucker gegeben. Das war nett."
"Naja, aber trotzdem..."
"Wärst du netter zu mir, wenn ich unnett zu dir wäre?"
"Nein, nicht wirklich."
"Siehst du."
"Darf ich noch was fragen?"
"Ja."
"Warum ist die Ente auf dem Bild da lila? Die sind doch eher selten lila."
"Weil's keine echte Ente ist. Und in der Phantasie dürfen die auch lila sein."
"Magst du Enten?"
"Ich find' Enten interessant. Auf dem Wasser wirkt der Körper von Enten immer ganz ruhig, aber wenn du unter die Oberfläche schaust, dann siehst du, dass die Beinchen wild paddeln. Das find ich interessant."
"Über sowas hab ich noch nie nachgedacht."
"Ich muss mal auf die Toilette", sagt er, steht auf und klemmt den Topf unter den Arm.
Der Tee ist noch heißer als ich dachte und vor Schreck verschlucke ich mich.
"Tschuldige, dass ich störe Patrik. Ich hab mich vollgesaut. Könntest du mir 'n Handtuch geben?"
Er öffnet die Tür einen Spalt und reicht mir eines raus.
"Du kannst dir eine saubere Hose von mir nehmen. In meinem Schlafzimmer sind welche", sagt er und deutet auf das Zimmer gegenüber des Bads.
Im Gegensatz zum Rest der Wohnung ist das Schlafzimmer spartanisch eingerichtet. Ein Bett, ein Billyregal für die Klamotten, ein Schreibtisch und ein schwarz-weiß Bild von Stockholm, mehr nicht. Ich nehme mir eine Hose heraus und ziehe sie an. Das Bett scheint nur auf einer Seite benutzt zu sein. Auf der linken Seite liegt ein Photo, halbzugedeckt. Ein Mädchen mit dunkelblonden Haaren und vollen Lippen ist darauf. Ich nehme es in die Hand und betrachte es. Ich höre nicht wie Patrik ins Zimmer kommt.
"Passt die Hose?"
Ich fahre erschrocken herum, als wäre ich bei etwas Verbotenem ertappt worden.
"Ja, ehm... ja. Wer ist das?", frage ich und zeige auf das Photo.
Das Lächeln, das er seit wir im Flur saßen hatte, verschwindet. Sein Blick wird unruhig. Seine Hand umklammert den Griff des Topfs.
"Katrin."
"Deine Freundin?"
"Ja."
"Die hab' ich hier noch nie gesehen."
Er holt zweimal tief Luft und setzt den Topf auf seine Haare.
"Alles in Ordnung, Patrik?"
Er antwortet nicht.
"Patrik? Alles klar? Hallo? Patrik?"
"Sie ist seit zwei Jahren nicht mehr da."
"Was?"
"Sie ist gestorben, vor zwei Jahren. Sie ist mit dem Fahrrad gefahren, von der Uni zu mir. Es war glatt und sie war zu schnell. Sie ist ausgerutscht und mit dem Kopf auf den Boden gefallen."
"Du musst echt nicht drüber..."
"Ich hab ihr gesagt, dass sie einen Helm tragen soll. Ich habe ihr einen gekauft, für Weihnachten. Aber sie hat ihn nie aufgesetzt. Und dann war sie tot und der Helm in ihrem Rucksack. Und das Blut war gefroren, weil es so kalt war. Der Polizist hat gesagt, dass das nicht passiert wäre, wenn sie den Helm aufgesetzt hätte. Es ist gefählrich ohne Helm unterwegs zu sein. Man sollte immer einen Helm tragen, hat er gesagt, weil sowas passiert viel schneller als man denkt. Sowas passiert, wenn man keinen Helm trägt."

Kommentare
wunderbarer Text. Diese Art Menschen kann einen auf eine besondere Weise berühren, und die hast du echt gut rausgearbeitet.
09.10.2011, 19:45 von nateceder text ist super.. und spannend !
01.08.2011, 14:24 von spaethippie.Schöner Text, doch ich fahre seit gut 10 Jahren ohne Helm und lebe noch ^.^
14.02.2011, 20:07 von KarlKrausGenialer Text!
14.02.2011, 18:07 von FAZGenialer Schluss!
12.02.2011, 19:40 von Luannagefällt mir sehr! wunderbar bildhaft geschrieben...
31.01.2011, 14:51 von Hermine-bei-neonder text gefällt mir. wirklich schöner schreibstil :)
19.01.2011, 11:11 von iwontleaveGroßartig.
17.01.2011, 21:21 von mypacemakerGanz gross!
17.01.2011, 12:59 von lelieSiehste, brauchst gar nicht immer über Sex zu schreiben, Junge ;)