Der Fick und die Freundschaft
Über Schokoladenvorräte, Mülltrennung und eine kleine glückliche Minderheit, die beides nicht braucht.
Fickfreundschaften zeichnen sich durch eine bestechend einfache Definition aus: Man ist miteinander befreundet und nebenbei geht man miteinander ins Bett.
In welcher Reihenfolge das geschieht, hängt von der Situation ab. Vielleicht kennt man sich schon ewig und dann ist da dieser eine Abend auf dem Balkon, diese zwei Flaschen Wein und ein bisschen Sehnsucht zuviel. Oder es ist dieser Abend, an dem man diesen einen Typ oder dieses eine Mädchen kennen lernt, der oder das so nett ist und man geht miteinander ins Bett und am nächsten Morgen merken beide, dass es mehr werden könnte als ein One-Night-Stand. Wenn auch weniger als eine Beziehung.
Im ersten Fall ist die Definition vorgegeben. Aber der erste Fall tritt auch weitaus seltener ein. Weil man sich der Freundschaft schon zu sehr verpflichtet fühlt, viel mehr verpflichtet als dem Fick. Und dann lässt man die Finger voneinander, oder geht zumindest sehr vorsichtig miteinander um.
Der zweite Fall ist von vorneherein unverbindlicher. Nach dem Aufwachen beschließt man also, sich weder schlafend zu stellen, noch einfach so leise seine Sachen zusammen zu suchen und die Haustür so leise wie möglich ins Schloss zu ziehen. Man bleibt, man redet, man frühstückt, man tauscht Nummern. Mit welchen Erwartungen?
Dass man nicht jedes Wochenende aufs Neue losziehen und jemanden kennen lernen muss. Dass man nicht in jeder Nacht wieder etwas unbeholfen bei Null anfängt. Dass man vielleicht ein bisschen Geborgenheit und Vertrautheit abbekommt. Dass man da einfach jemanden Nettes zum Reden gefunden hat, der es einem zwischendurch auch ganz gut besorgt. Ganz ohne Pflichten, aber auch ohne Rechte.
Die ersten Wochen sind euphorisierend. Es ist nicht das frische Verliebtsein. Aber es ist ein bisschen so. Der Sex ist aufregend und neu. Die Geschichten des Anderen sind es auch. Man lernt sich ein bisschen besser kennen und weiß irgendwann wo der andere sein Klopapier aufbewahrt und wie er beim Schlafen aussieht, mit offenem Mund und Spuckefaden.
Man tut ein bisschen auf cool, man lacht ein bisschen über sich selbst. Weil man das ja eigentlich nicht macht. Weil das ja ein bisschen unmoralisch ist. Man erzählt seinen Freunden ganz tough, dass man da ja gerade so ein Fickding am laufen hätte. Und es läuft und läuft und läuft. Bis es irgendwann vielleicht kein Fickding mehr ist. Weil das Ding sich verkompliziert, sich selbst neu definiert. Durch lange Gespräche und einen Blick hinter die Fassade des Anderen. Und wenn das Ding kein Ding mehr sein will, sollte man sich endlich ein paar mehr Gedanken machen. Der große Gefühlscheck. Sind keine da, darf es weiterlaufen, so weit es will. Sind da welche, stellt sich die große Frage nach der Gegenseitigkeit. Aber wie hoch ist schon die Wahrscheinlichkeit der Gegenseitigkeit in einem Fickding?
Es mag sie irgendwo geben, diese kleine Minderheit mit einem glücklichen Grinsen im Gesicht, die sich irgendwann vor ihren Freundeskreis stellt und sagt: „Wir sind jetzt richtig zusammen.“ Und richtig heißt dann, dass man sich gegenseitig Frühstück ans Bett bringt. Dass es nicht irgendwo versteckte andere Fickdinger gibt. Dass man miteinander Liebe macht und es auch so meint.
Irgendwo gibt es sie. Nicht auf dieser Welt.
Der große Rest steht zur Hälfte alleine da mit seinen Gefühlen. Und die schnappt man sich am besten und sucht ganz schnell das Weite. Das Problem ist nur, in der Regel kommt man nicht weit, weil aus dem Ding schon längst eine Freundschaft geworden ist.
Fickfreundschaften entstehen meistens nicht so. Fickfreunde gehen in der Regel nicht in total unterschiedliche Clubs, hören total unterschiedliche Musik, sie wohnen nicht an entgegengesetzten Ecken des Landes, sie hassen nicht die Freunde des Anderen. Sonst wäre man nicht befreundet. Fickfreundschaften entstehen im nächsten Umfeld. Vielleicht ist es eine Freundin des besten Freundes, vielleicht der DJ in ihrem Lieblingsclub oder der süße Hiwi im Institutssekretariat.
Bei Lea war es ein Junge aus der Nachbarschaft. Sie hatte ihn schon oft gesehen. Auf der Straße, in der Bahn, in ihrem Lieblingsclub und irgendwann hatte sich herausstellt, dass er ein Freund von einem Bekannten war. Er hieß Bastian, er hatte wuschelige Haare, er nahm sie mit zu sich nach Hause. Ein paar Tage vorher war Lea noch in Mattes verliebt gewesen. Aber Mattes war ihr letzten Montag plötzlich händchenhaltend mit seiner Ex auf der Straße entgegen gekommen, ohne sie anzuschauen. Lea hatte auch Mattes in so einer Nacht wie dieser kennen gelernt und sie hatte Mattes mit zu sich nach Hause genommen. Da waren sie dann eingeschlafen, ohne miteinander zu schlafen. Denn Lea machte so was nicht.
Aber jetzt saß da Bastian auf der Bettkante und hatte gerade genau die richtige Platte aufgelegt. Und es war ja doch irgendwie sinnlos, dieses langsame Kennenlernen, dieses behutsame Abtasten, dieses langsame Verlieben. Es führte zu nichts. Also konnte sie genauso gut einfach tough sein und sich hierauf einlassen. Immer noch besser als schon wieder allein einzuschlafen.
Am nächsten Morgen tauschten sie ihre Nummern. In den nächsten Wochen trafen sie sich. Immer öfter. Sie redeten und Lea schaute hinter seine Mauer aus coolen Sprüchen. Sie verstand viel mehr, als er dachte. Als er selbst vielleicht verstand. Und irgendwann war das Fickding kein Ding mehr. Es war gemeinsam shoppen gehen und sich in zu enge Umkleiden quetschen. Es war seine Leute kennen lernen und sich gut mit ihnen verstehen. Es war den eigenen Freunden mit blitzenden Augen erklären zu müssen, woher ständig diese Knutschflecken am Hals kamen. Es war einander so gut kennen, dass da kein Platz mehr für Coolness war, aber für eine Menge anderer Gefühle. Lea wollte verschwinden, aber Freunde verschwinden nicht einfach so. Also saß sie an einem Sonntagnachmittag bei Bastian auf dem Bett und sagte:„Es geht nicht mehr. Es ist zuviel.“ Und Bastian nahm sie in den Arm und versprach sie nicht mehr anzufassen und Rücksicht zu nehmen. Von Gegenseitig war keine Rede, sie befanden sich schließlich auf dieser Welt und nicht dort, wo die kleine Minderheit haust.
An manchen Tagen hätte Lea am liebsten nie wieder was von Bastian gehört. Den Kontakt abgebrochen. Aber Bastian wehrte sich. Und alles andere wehrte sich auch.
Lea hätte nicht mehr zum Supermarkt um die Ecke gehen können, um noch mal eben auf einem Samstagnachmittag einen Liter Milch zu kaufen. Bastian ging dort auch immer hin. Lea hätte sich Freitagabends allein in der Wohnung einschließen müssen, statt in ihren Lieblingsclub zu gehen, denn dort war auch Bastian immer. Lea hätte seine Leute, die schon lange auch ein bisschen ihre waren, nicht mehr sehen können, weil sie sonst auch Bastian gesehen hätte. Also blieb es wie es war, nur dass sie nicht mehr miteinander schliefen.
Die Freundschaft hatte den Fick davor verloren. Jedenfalls bis zu diesem Abend, als ihre Sehnsucht zu groß war. Oder sein Trieb. Oder beides.
Und er sagte dann morgens, er würde sie nicht verstehen. Wie könnte sie das tun? Würde sie sich noch Hoffnungen machen?
Bastian hatte nicht verstanden, dass es wohl kaum was Hoffnungsloseres gibt, als sich unglücklich in einen Freund zu verlieben, mit dem man sofort ins Bett gegangen war.
Dass es aber schwer war, von etwas die Finger zu lassen, dass man so sehr mochte und so gut kannte. Gerade so, als ob bekannt gegeben worden wäre, dass die Produktion ihrer Lieblingsschokolade eingestellt wird. Da steigt man ja auch nicht sofort auf eine andere Sorte um, sondern kauft erst mal so viel ein, wie man bekommen kann. Damit man noch einen kleinen Vorrat hat, für die traurigen Zeiten die bald kommen.
Lea legte sich einen kleinen Vorrat Bastian an. Sammelte die Nächte, in denen sie in seinen Armen einschlief und die Morgende an denen sie in seinen Armen aufwachte. Damit dieses Gefühl von Vertrautheit noch ein bisschen länger hielt. Das kleine bohrende Schmerzgefühl oben links in der Brust und die bösen Stimmen im Kopf, die sagten es sei falsch, das war der Preis den sie zahlen musste. Für die Lieblingsschokolade, die es bald nicht mehr gibt, zahlt man schließlich auch gerne ein bisschen mehr.
Mit Fickfreundschaften ist es wie mit vielen anderen Drogen. Man kommt leicht drauf, aber nicht wieder runter. Zumindest wenn man keine Motivation hat. Und welche Motivation gibt es schon, nicht noch das letzte Bisschen mitzunehmen, das man irgendwo kriegen kann? Trotzdem muss man irgendwann den Fick von der Freundschaft trennen, weil sie sich nicht miteinander vertragen und schnell gammelig werden. Oder man schmeißt beides sofort in den Müll. Egal was, am besten man tut es schnell, bevor der andere den Dreck wegräumt und den Schlussstrich zieht.
Bastian hat das getan. Bastian hat irgendwann zu Lea gesagt: „Ich bin jetzt wieder mit Lisa zusammen.“ Lisa war seine Ex. Und mit Lisa hatte er damals zu jener Minderheit gehört, die eigentlich auf dieser Welt nicht existiert. Aber anscheinend ja doch. Irgendwo.
Lea stand dann da. Der Fick war im Müll gelandet, die Freundschaft hielt sie noch in der Hand. Die hatte Bastian ihr gelassen. Vielleicht hätte sie die besser auch weggeschmissen. Es klebte zu viel Selbstverletzung daran. Zu viele Pflichten. Zu wenig Rechte. Aber Freundschaften schmeißt man nicht einfach so weg. Und Lea hat beschlossen, sie zu behalten. Erst mal.

Kommentare
Mir gefällt der Text.
15.03.2011, 18:06 von topfbluemchenWobei mich der Titel im ersten Moment nicht so vom Hocker gerissen hat.
Daumen hoch!
06.03.2011, 21:08 von ShellaBeen there. Done that. :/
18.11.2010, 15:03 von mixtapeapeGuter Text!
27.02.2008, 14:01 von HawaiianlupoBesonders das es eine Droge ist...
Ich gehöre zu der ersten Kategorie der besten Freunde, die an einem Abend vorm Kamin zueinander finden und dann 4 Jahre brauchen, um von der Sucht loszukommen...wenigstens ist die Freundschaft geblieben!
fickfreundschaft an sich is eigentlich ok...
17.02.2008, 13:31 von Caipichickbesonders dann, wenn man zuerst miteinander in einer beziehung war und sich danach eine weile nicht sieht und sich aber eine längere zeit nicht sieht und dann die situation stimmt und dann doch wieder miteinander im bett landet.
das läuft dann so vor sich hin, man ist sich aber gegenseitig einig, dass aus dem fickding keine beziehung mehr werden kann (weil es ja schonmal schief gegangen ist.)
hurt and to be hurt *
14.02.2008, 17:01 von MnemiQuatsch. Es kann auch funktionieren.
03.02.2008, 21:49 von Khayealso ich versteh ernsthaft dieses gehexe von wegen "fickfreundschaft- wird- zu- beziehung" funkioniert nie! überhaupt nicht. meine letzte und die aktuelle beziehung, die beiden längsten die ich bis jetzt hatte, sind aus fickdingern entstanden. jeweils einmal aus den beiden fällen die du anfangs beschreibst. überhaupt kein problem. guter text trotzdem.
21.01.2008, 15:43 von enfant.terribleErinnert an Früher, schrecklich und schön.
18.01.2008, 00:50 von altes_lagerwie gut, dass ich diesen Text noch rechtzeitig gelesen habe....
29.12.2007, 10:36 von Bembelbabe