Der Clown
Die Schule hat mich wenig interessiert, wenn ich anwesend war, dann schaute ich aus dem Fenster oder unterbrach den Unterricht mit unqualifizierten Bemerkungen. Ich war der Klassenclown und fand das gut, ich musste jede Woche mindestens einmal nachsitzen und hatte die meisten Einträge im Klassenbuch. Am Ende jedes Schuljahres zitierten die Lehrer meine Mutter zu sich und sagten: Ihre Tochter ist sehr intelligent, aber mindestens ebenso faul. Meine Mutter seufzte dann, anfangs schimpfte sie noch mit mir und irgendwann ging sie nicht mehr zur Sprechstunde, weil die Lehrer ihr doch nichts Neues erzählen konnten. Die Jahre vergingen und ich rutschte immer gerade so durch.
Es muss in der zehnten Klasse gewesen sein als wir einen neuen Klassenlehrer bekamen. In der ersten Stunde schlug er mit einem lauten Knall seinen Aktenkoffer auf den Pult und blickte uns finster an. Dann schimpfte er lange über unseren unfähigen Direktor und anschließend zog er ein paar zerfledderte Zettel aus dem Koffer, setzte sich auf das Pult, überkreuzte die Beine vor seinem riesigen Wanst, lehnte sich auf seinen rechten Ellenbogen, so dass er halb saß und halb lag und kaute am Bügel seiner Lesebrille. In dieser Position verbrachte er die folgenden zwei Jahre.
Anfangs schenkte ich ihm nicht mehr Beachtung als allen anderen Lehrer auch. Nämlich gar keine. Bis ich irgendwann feststellte, dass mich seine Texte interessierten. Er hielt sich nicht einmal in groben Zügen an den Lehrplan, er legte uns einfach alles vor, was irgendwie seine Aufmerksamkeit erregt hatte, meistens etwas zum aktuellen Tagesgeschehen. Er wollte diskutieren, aber die Schüler nicht. Manchmal machte ihn das so wütend, dass er rot anlief und brüllte.
Ich wollte diskutieren, doch ich traute mich nicht. Bei den spärlichen Diskussionen, die manchmal außerhalb des Unterrichts stattfanden und ich meine zugegeben ständig wechselnde Meinung kundtat, wurde ich immer ausgelacht und als Spinner bezeichnet. Eines Tages traute ich mich schließlich doch. Ich zitterte und die Angst schnürte mir beinahe die Kehle zu. Ich weiß nicht mehr genau, worum der Text ging, aber die Antwort hatte ich mir so sorgfältig zurecht gelegt, dass ich sie heute noch im Kopf habe. Ich meldete mich und sah das Grinsen im Gesicht meiner Klassenkameraden, sie erwarteten irgendeinen unsinnigen Kommentar, das wusste ich genau. Mit einer Handbewegung als würde er ein lästiges Insekt beiseite wischen, forderte er mich auf. Ich sagte: “Ich glaube nicht, dass der Autor mit Prostitution dies im eigentlichen Sinne meint, ich glaube vielmehr, dass es weiter zu fassen ist, er meint, dass jegliche Arbeit im Grunde eine Form von Prostitution ist.”
Stille.
Ich saß da mit hochrotem Kopf. Er nickte nur beiläufig und sprach einfach weiter. So ging das lange Zeit, jedes Mal musste ich meinen ganzen Mut zusammen nehmen und jedes Mal ignorierte er mich.
Eines Tages brüllte er wieder, er sagte, dass er in unserem Alter bereits die Buddenbrooks gelesen habe und fragte, wer in diesem Raum das noch von sich behaupten konnte.
Jeden Monat fuhr ich einmal in die nächste Stadt und lieh mir einen Stapel Bücher aus und wenn ich den verschlungen hatte, nahm ich mir die Bücher meiner Eltern vor. Ich las wahllos alles, was mir in die Finger kam, die Rückseite von Shampooflaschen und Packungsbeilagen von Medikamenten. Einmal hatte ich auf dem Dachboden einen Stapel alter Groschenromane aus den Sechzigern gefunden und gelesen. Und kürzlich auch die Buddenbrooks.
“Hat irgendjemand von euch schon die Buddenbrooks gelesen?” donnerte seine Stimme durch das Klassenzimmer.
Ich meldete mich nicht. Ich schämte mich. Ich hatte meine Rolle, ich war der Clown. Ein Clown liest keine Bücher. Sie sollten mich lieber für dumm halten, als zu wissen, dass ich Bücher las.
Aber nach der Stunde ging ich zu ihm und sagte leise: “Ich habe die Buddenbrooks gelesen.”
“Und warum hast du das nicht gleich gesagt?”
“Ich weiß nicht.”
“Und wie fandest du es?”
“Scheiße und langweilig. Keine Ahnung, wieso der den Nobelpreis bekommen hat.”
Er lächelte. Ich sah ihn zum ersten Mal richtig lächeln, nicht dieses zynische Grinsen wie sonst immer. “Das dachte ich damals auch.”
Von unserem kleinen Dorf aus fuhr morgens nur ein Bus in die Schule und wenn ich den verpasst hatte, musste ich trampen. Jeden Morgen fuhr mein Klassenlehrer durch unser Dorf und wenn er mich am Straßenrand sah, nahm er mich mit. Anfangs schwiegen wir. Aber ich mochte es, morgens neben ihm zu sitzen, es roch nach Zigarettenrauch und ein bisschen nach Alkohol. Nach einiger Zeit begann ich, ihn nach den Büchern zu fragen, die ich gerade las. Ich hatte das Gefühl, dass er alles wusste und ich ihn alles fragen konnte. Er sprach über die Liebe und das Glück und den Sinn des Lebens. Ich liebte diese morgendlichen Autofahrten, ein neuer Tag brach an, die Sonne ging gerade auf und manchmal huschte ein Reh oder ein Fuchs durch die Wiesen. Ich verpasste den Bus immer öfter.
Nach fast zwei Jahren erschien er eines Tages plötzlich nicht mehr zum Unterricht. In letzter Zeit war er immer unberechenbarer geworden, er brüllte wegen jeder Kleinigkeit, schimpfte fast nur noch über seine Kollegen oder den Direktor. Manchmal setzte er einen Klausurtermin an und vergaß ihn dann. Oder er wollte eine Klausur schreiben, obwohl er sie gar nicht angesagt hatte. Das Gerücht sickerte durch, dass er suspendiert worden sei und wir bekamen einen neuen Klassenlehrer, einen jungen und dynamischen, der uns als Versuchskaninchen für die neuen Unterrichtsmethoden sah.
Einmal habe ich ihn danach besucht, ging staunend durch seine Wohnung, überall stapelten sich Bücher. Mittendrin saß er, zusammengesunken, ein halbvolles Glas Wein stand auf dem Tisch. Wir unterhielten uns eine Weile, aber er wirkte teilnahmslos, starrte Löcher in die Luft, die Pausen dehnten sich, bis ich mich schließlich unwohl fühlte und ging.
“Versprich mir, dass du es einmal anders machst.” sagte er zum Schluss.

Kommentare
Sehr,
04.01.2008, 17:49 von touchtheskysehr schön.
Aha. Auf den alten, einfachen Stil zurückgeschrumpft...
29.05.2007, 20:53 von LudwigMartin;-)
Glaub mir, es gibt nicht viele texte hier die mir richtig gut gefallen. Wenn mir einer nicht gefällt, höre ich in der Mitte auf zu lesen.
14.05.2007, 17:56 von No.DoubtAber deiner ist wirklich gut, ich kann deine Gedanken und Erlebnisse zu gut nachvollziehen. Und er hat mich gefesselt, so dass ich ihn ganz gelesen habe.
Toller Text!
Den Text mal einer Studienberatung geben? Scheint ja sehr viele Deutschlehrer mit Alkoholproblem zu geben (ich hatte auch einen).
13.05.2007, 14:24 von SisterofEvil@zzebra: Es heißt Lehrplan, nicht Lernplan. Lernen tut man dabei meist nicht viel. Ist auch kein Wunder, denn wie man Kindern etwas beibringt, lernt man nicht an der Uni.
Guter Text, mir ging es in der Schule ähnlich, nur dass ich nicht der Clown war. Es ist sehr schwierig, aus so einer Rolle rauszukommen, besonders wenn man noch nicht sehr alt ist. Manchen Erwachenen gelingt das allerdings auch nicht. Es ist sehr anschaulich und nachvollziehbar wie du deine Beziehung zu dem Lehrer beschreibst. Er hatte sicher ein Alkoholproblem und tut mir irgendwie leid.
11.05.2007, 23:11 von FreydisWunderbar, Frau M.!
11.05.2007, 01:01 von Kiyanwundervoller text!!!
10.05.2007, 21:54 von Flubbich kann die ganze clown-geschichte so gut nachvollziehen...
Ich kann so gar nicht ausdrücken, wie wunderbar ich diesen text finde!
10.05.2007, 18:31 von FraeuleinBonaparteschön.
10.05.2007, 13:23 von NeonBlond